Kommentar

Freizeit ist die neue Währung

Von Sven Astheimer
 - 06:05

Die Industriegewerkschaft Metall ist immer für ein Ausrufezeichen gut. Zuletzt hat sie mit ihrer Forderung für die bevorstehende Tarifrunde für Aufsehen gesorgt. Eine Lohnerhöhung von stolzen sechs Prozent sorgt in Zeiten eines scheinbar endlosen Wirtschaftsaufschwungs kaum noch für öffentliche Aufmerksamkeit. Aber die Gewerkschaft will den Arbeitgebern auch das tariflich gesicherte Recht abtrotzen, ihre Wochenarbeitszeit für mindestens zwei Jahre auf 28 Stunden zu reduzieren. Der Clou: Die Unternehmen sollen noch einen Lohnausgleich dafür zahlen, dass ihre dringend benötigten Fachkräfte künftig weniger zur Verfügung stehen. Das kann man innovative Tarifpolitik nennen.

Manch einer mag nun vorschnell mutmaßen, es handele sich dabei nur um ein taktisches Manöver; um eine materielle Maximalforderung, die sich später einmal im Laufe einer zähen Verhandlungsnacht gegen eine höhere Nachkommastelle beim Lohnzuschlag eintauschen lässt. Doch so einfach ist es nicht. Wenn die IG Metall behauptet, ihre Forderung stütze sich auf das Ergebnis einer Befragung von vielen tausend Mitgliedern, dann ist davon auszugehen, dass sich eine zeitweise Reduzierung der Arbeitszeit nicht nur die Gewerkschaftsmitglieder der Metall- und Elektroindustrie wünschen. Laut dem Statistischen Bundesamt gibt es rund eine Million Überbeschäftigte in Deutschland, die ihre Arbeitszeit gerne reduzieren möchten – allerdings stehen dem auch 2,7 Millionen Erwerbstätige gegenüber, die sich wünschen, mehr zu schaffen. Im Durchschnitt verbringt eine Vollzeitkraft 41,7 Stunden in der Woche mit Erwerbsarbeit, eine Teilzeitkraft 19,7 Stunden. Beide Werte nähern sich – wenn auch langsam – einander an.

Das Thema Arbeitszeit hält die deutschen Personalmanager in Atem. Die Treiber der Entwicklung heißen Digitalisierung, Vollbeschäftigung und demographischer Wandel – und alle sind auf komplexe Weise miteinander verschränkt. Die rasch voranschreitende Digitalisierung der Gesellschaft hebt derzeit an vielen Stellen die alte Welt aus den Angeln. Für die Arbeitswelt bedeutet das vor allem, dass Smartphone und Co. zu einer Entgrenzung von Arbeitszeit und Arbeitsort führen. Das in seinen Grundzügen aus dem Industriezeitalter stammende deutsche Arbeitsrecht kann keine befriedigende Antwort auf die Frage kennen, ob das Lesen einer dienstlichen E-Mail in den Abendstunden die gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeit unterbricht oder nicht. Mobile Endgeräte werden in vielen Fällen sowohl für dienstliche als auch für private Belange genutzt. Gerade jüngere Beschäftigte können sich etwas anderes kaum noch vorstellen. Wer seinem Personal strikt untersagt, zwischen neun und 17 Uhr mal eben sein Profil in den sozialen Netzwerken zu checken, ramponiert schnell seine Arbeitgebermarke. In Zeiten, in denen viele Unternehmen enorme Probleme haben, ihre offenen Stellen überhaupt noch mit qualifiziertem Personal zu besetzen, ist das ein wichtiges Argument.

Macht der Arbeitnehmer

Daueraufschwung und Vollbeschäftigung haben zu einer neuen Macht der Arbeitnehmer geführt. Für Babyboomer wäre es noch undenkbar gewesen, im ersten Bewerbungsgespräch nach den Möglichkeiten für eine Vier-Tage-Woche und Weiterbildung zu fragen. Heute können es sich qualifizierte Bewerber locker leisten, und sie tun es auch. In ihrem Windschatten wird nun plötzlich auch das altgediente Personal mutig und äußert gegenüber dem Vorgesetzten plötzlich offen Wünsche, die früher nur am heimischen Küchentisch fielen.

Dass die Höhe des Gehalts in dieser modernen Arbeitswelt keine Rolle mehr spiele und sich dem Zeitbudget unterordnen müsse, ist zwar ein Irrtum. Genauso gut gilt das Gegenteil: Wer gut ausgebildet ist und berufliche Erfahrung hat, ist sich seines Marktwertes sehr wohl bewusst und verkauft sich selten darunter. Aber ein immer höheres Gehalt spielt heutzutage in der Karriereplanung von einem bestimmten Niveau an in der Tat nicht mehr die entscheidende Rolle. Wer materiell gut über die Runden kommt, rückt Freunde und Familie stärker in den Mittelpunkt. Nicht selten ist zu hören, dass Beförderungen abgelehnt wurden mit der Begründung, das in Aussicht gestellte Gehaltsplus wiege die absehbaren Einschränkungen im Privatleben einfach nicht auf. Die Freizeit wird zur neuen Währung in der Arbeitswelt.

Ein Dilemma

Arbeitgeber stellt diese Konstellation vor ein Dilemma. Sie können es sich einerseits nicht leisten, die Wünsche ihrer Mitarbeiter nach flexiblen Arbeitszeiten zu ignorieren, zumal wenn diese immer länger im Berufsleben stehen sollen. Und viele Unternehmen sind auch heute schon äußerst bemüht. Andererseits muss eine Organisation bei allen Wünschen nach individueller Flexibilität funktions- und wettbewerbsfähig bleiben.

Die spannende Frage lautet, wie viel Gemeinsamkeit und Einheitlichkeit ein Unternehmen braucht, um mehr als eine Ansammlung arbeitender Individuen mit der gleichen Lohnabrechnung zu sein. Für Industriebetriebe stellt sich diese Frage noch mal in einem anderen Maße als für Dienstleistungsunternehmen. Individuelle Vereinbarungen sind deshalb das eine, in Gesetzen und Tarifverträgen verbriefte Kollektivrechte etwas ganz anderes. Zeit ist Geld – die alte Floskel wird gerade neu definiert.

Quelle: F.A.Z.
Sven Astheimer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Sven Astheimer
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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