Personalexpertin Elke Eller

„Künstliche Intelligenz in der Personalarbeit ist ein Hype“

 - 14:18

Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Form von Data Driven oder Robot Recruiting wird in der Personalbranche derzeit heiß diskutiert. Werden Personaler bald von Computern ersetzt? Elke Eller, Präsidentin des Bundesverbands der Personalmanager (BPM) und als Leiterin des Human Ressources (HR), also des Personalbereichs, des Reisekonzerns TUI, auch Mitglied des Vorstands, glaubt das nicht - und erklärt im Interview, warum.

Frau Eller, müssen sich Bewerber in Zukunft darauf einstellen, von künstlich intelligenten Automatismen statt von Menschen ausgewählt zu werden?

Ich hoffe nein, und ich glaube auch nein. Da wird im HR-Umfeld gerade viel ausprobiert. Aber für Künstliche Intelligenz ist Personalauswahl eine der höchsten Disziplinen, und das nicht nur, weil in der menschlichen Interaktion so viele Feinheiten stecken. Ich glaube, dass Künstliche Intelligenz in Zukunft sehr viel möglich machen kann. Aber wollen wir das?

Es klingt doch ganz praktisch...

Sicherlich ist denkbar, dass die Bots im Bewerbungsprozess Standardfragen beantworten, die immer wieder gestellt werden. Aber wenn es darum geht, herauszufinden: Passt die Person vor mir in unser Unternehmen, bringt sie das richtige Mindset mit, ergänzt sie mit ihren Skills und ihrer Persönlichkeit unser Team – dann sollte doch besser der Mensch die finale Entscheidung treffen. Das ist der Kern von Personalarbeit!

Aber genau das wollen die Anbieter solcher Systeme sogar besser können als der Mensch. Maschinen analysieren Psyche, Sprache, Mimik und Gestik von Bewerbern. Über simple Fragen und Antworten geht das weit hinaus.

Machen wir uns nichts vor, Data Driven Recruiting und Robot Recruiting werden im Moment stark gehypt. Ich nehme das bei uns im Bundesverband der Personalmanager vor allem bei Unternehmen war, die amerikanisch geprägt sind. Dort wird in Bewerbungsverfahren ganz akribisch darauf geachtet, dass da kein Name, Alter oder Geschlecht steht, da wird sehr stark versucht zu objektivieren und es herrscht vielleicht die Annahme, dass Maschinen das gut können. Ich habe meine Zweifel, ob Technologie die alleinige Lösung ist. Allerdings stellt sich mir die Frage, ob wir derzeit überhaupt die Kompetenzen in den HR-Abteilungen haben, um solche Technologien zu entwickeln und zu steuern. Mein Eindruck ist, dass wir hier eher am Anfang stehen.

Einige sagen aber, dass gerade die Auswahl durch Menschen dazu führt, dass man sich für oder gegen bestimmte Kandidaten entscheidet. Kein Mensch ist frei von Vorurteilen.

Da hat professionelle Personalarbeit aber durchaus gute andere Möglichkeiten, als nur die Künstliche Intelligenz arbeiten zu lassen. Etwa, dass nicht einer die Auswahl trifft, sondern dass Teams das übernehmen. Und dass es klare Kriterien gibt.

Und wie stehen Sie zu Robotern, wenn sie die Personalsuche übernehmen? Wenn sie das Netz nach geeigneten Kandidaten durchforsten?

Das müssen wir uns als Personaler zunutze machen. Wir erleben durch die Digitalisierung einen kompletten Turnaround in allen Bereichen der Wirtschaft. Das kennt doch jeder aus seinem Privatleben. Wer früher eine Hunde-Nanny gesucht hat, hat im Supermarkt einen Zettel ausgehängt. Heute funktioniert das über eine Suchmaschine, und zwar schneller und mit viel weniger Aufwand. Genauso können wir als Personaler jetzt den globalen Markt durchkämmen. Algorithmen können uns hier helfen, Kandidaten zu finden, auf die wir früher nie gekommen wären. Vorausgesetzt natürlich, wir nutzen das richtige Instrumentarium.

Nutzen Sie das auch bei TUI schon?

Nein, wir nutzen das noch nicht. Das liegt auch daran, dass wir eine große Bandbreite von Berufsbildern haben. Wir brauchen vom Reiseleiter in Thailand bis zum Blockchain-Experten in Großbritannien ganz unterschiedliche Profile. Mit unserem dezentralen Ansatz sind wir derzeit zufrieden.

Klingt nicht danach, dass KI das Geheimrezept für HR in allen Branchen ist. Trotzdem reden Personalmanager zurzeit über fast nichts anderes.

Stimmt, Künstliche Intelligenz in der Personalarbeit ist gerade ein Hype. Und wir müssen nun schauen, wie wir das für unsere Arbeit nutzen: Wie erleben die Mitarbeiter heute die Organisation, und was bedeutet das für uns als Personaler? Welchen Service erwartet ein Mitarbeiter von uns bei der Begleitung seiner Lebens- und Arbeitsplanung? Die Technologie wird uns die Routinetätigkeiten abnehmen, so dass wir uns auf unsere eigentlichen Kernaufgaben konzentrieren können.

Die bestehen ja oft darin, herauszufinden, was Bewerber und Mitarbeiter wollen. Was genau ist das im Moment?

Die junge Generation sagt: Wir sind gut qualifiziert, wir haben eine gute Ausbildung, wir haben Ansprüche an unser Arbeitsleben: Sie wollen Sinnvolles tun. In meiner Generation war es Work-Life-Balance. Da ging es um die belastende Arbeit, die in der Freizeit kompensiert werden sollte. Das hat heute ausgedient. Die strikte Trennung zwischen Arbeit und Privatleben löst sich auf. Das will die heutige Generation nicht mehr. Sie will schon während der Arbeit „wirkliches Leben“ haben, sich entwickeln – und auch Spaß haben.

Wie reagieren die Arbeitgeber?

Wir sehen derzeit viele Ansätze, wie Unternehmen diesen Bedürfnissen begegnen. Der Weg, den wir bei der TUI jetzt zum Beispiel gehen, ist, dass wir dabei sind, Rahmenbedingungen für eine Ergebniskultur zu schaffen, also weg von der Präsenzkultur. In unserem Firmensitz in Hannover bauen wir derzeit in einem Pilotprojekt eine gesamte Abteilung um. Dort wird es keine Einzelbüros mehr geben, stattdessen mehr Raum für kreative Projektarbeit oder für individuelles Arbeiten. Das gesamte Raumkonzept wird neu ausgerichtet, damit sich die Mitarbeiter entsprechend ihrer jeweiligen Bedürfnisse die passende Arbeitsumgebung suchen können. So wird die neue Arbeitskultur erlebbar.

Betriebsräte sind nicht immer so begeistert von Flexibilisierung, Stichwort „Selbstausbeutung“. Sehnen sich viele Mitarbeiter insgeheim zurück nach geregelten acht Stunden?

Eine spannende Frage: Wie können wir heute überhaupt noch kollektive Vereinbarungen treffen? Für Arbeitsbedingungen, die durch Digitalisierung individualisiert werden. Ich glaube, dass das noch nicht abschließend gelöst ist. Bei der TUI haben wir vor kurzem mit dem Betriebsrat ein Zukunftspapier dazu erarbeitet. Das ist zwar bewusst keine handfeste Betriebsvereinbarung, sondern dient eher dazu, die gemeinsamen Ziele zu formulieren und ein gemeinsames Verständnis davon zu entwickeln, was „New Work“ für Tui eigentlich bedeuten soll.

Das Gespräch führte Nadine Bös.

Quelle: F.A.Z.
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