Arbeitsplatzgestaltung

Her mit der Kunst!

Von Nadine Oberhuber
 - 11:32

Man kann darüber streiten, ob es wirklich Kunst ist, was Götz Friedewald regelmäßig zu Gesicht bekommt. Die Pinselstriche sind oft grob, der Farbauftrag rauh, die Farbnuancen noch nicht wirklich ausgereift. Man könnte auch sagen: Manches wirkt grob hingekleckst. Aber das ist nicht so wichtig. Betrachtet man diese Bilder im Ganzen, so denkt man: Okay, das Ganze ist stimmig, auch wenn die Umsetzung nicht gerade genial wirkt – technisch könnte das eigentlich jeder.

Genau darum geht es. Die Bilder, die unter Aufsicht des ausgebildeten Künstlers Götz Friedewald entstehen, sind für Unternehmen bestimmt. Die Maler sind die Mitarbeiter der Firmen selbst. Und Friedewald selbst will in seinen Workshops keine Meisterwerke entwickeln, sondern er will Firmen zeigen, was alles in ihren Mitarbeitern steckt.

In vielen Beschäftigten schlummert verdammt viel Kreativität. Und so mancher würde sie auch gerne einmal richtig herauslassen. Aber wie soll man das vor lauter Terminen? Vor lauter endlosen Konferenzen, in denen sich zwar viele Vorgesetzte ein Brainstorming von ihren Mitarbeitern erhoffen, die aber allzu oft mit den immer gleichen Ergebnissen enden – oder völlig ohne solche. Zudem verbringen viele Angestellte dann auch noch ihre Arbeitstage in monotonen Bürokomplexen mit endlosen Fluren, an die sich Räume reihen, von denen einer so trist ist wie der nächste. Ob das die Kreativität der Mitarbeiter befördert?

Farbe hat einen Einfluss auf die Emotionen

Natürlich nicht, es bewirkt genau das Gegenteil, wie Forscher der Hochschule für Angewandte Kunst und Wissenschaft (HAWK) feststellten. Sie haben 3000 Mitarbeiter von Unternehmen befragt, wie Farbe am Arbeitsplatz auf sie wirkt. Farbe hat direkten Einfluss auf unsere Sinne und unsere Emotionen, lautet das Ergebnis. Deshalb sollte man sie auch nutzen, ist der Ratschlag der HAWK-Forscher: Die Farben Gelb und Rot eignen sich demnach am besten für Konferenzräume, weil sie die Kommunikation fördern. Blau beruhigt und entspannt, es fördert aber auch das klare Denken und die Konzentration – daher ist es zusammen mit agilem Gelb gut für Arbeitsräume. Das Entscheidende ist aber: Dazu muss man nun nicht die kompletten Bürowände streichen oder knallbunte Büros bieten, wie Google, Facebook oder Lego. Schon kleine Farbakzente genügen, um eine Wirkung zu erzielen – die kann man schon mit dem Aufhängen von Bildern schaffen.

Kunst am Arbeitsplatz wirkt also geistig belebend, das erkennen immer mehr Unternehmen. Man sieht es daran, dass moderne Büros immer kunstvoller gestaltet werden. Daran, dass nicht nur der Kunstmarkt für Privatleute boomt, sondern es auch immer mehr Kunstberater und Kunstverleiher für Firmen gibt. Man kann das freudig begrüßen, so wie es Leonhard Fopp tut, ehemaliger Lehrbeauftragter der Universität St. Gallen und seit 2007 Präsident des schweizerischen Verbands der Familienunternehmen. Er sieht es als Beweis dafür, dass bei immer mehr Führungskräften das Signal angekommen sei, dass „Kunst einer der vier Erfolgstreiber für Unternehmen ist“. Die anderen drei sind ihm zufolge Kreativität, Kraft und Kommunikation.

Selbstverständlich kann man das alles auch skeptisch betrachten wie der Kulturwissenschaftler Emmanuel Mir, der angesichts des unternehmerischen Kunsttrends kritisiert: Die Kunst werde heute nicht mehr dekorativ oder repräsentativ eingesetzt wie zu Zeiten des Frühkapitalismus, als die Stahlbarone Krupp oder Carnegie noch als große Mäzene wirkten. Sondern man degradiere die Kunst zum rein kommunikativen Medium. Unternehmen nutzten es, um sich und ihre Marken besser von der Konkurrenz absetzen zu können. So ähnlich gab es auch Philip-Morris-Geschäftsführer George Weissman einmal zu: „Das fundamentale Interesse der Wirtschaft an der Kunst ist das Eigeninteresse“, sagte er. „Unsere grundsätzliche Entscheidung, die Kunst zu fördern, war nicht bestimmt durch die Bedürftigkeit oder die Situation der Kunstszene. Unser Bestreben war es, besser als die Konkurrenz zu sein.“

Wie viel nützt Picasso im Foyer?

Tatsächlich gibt es mehrere Arten, wie Unternehmen Kunst in der Firma einsetzen – und sie haben höchst unterschiedliche Effekte, vor allem was die Wirkung auf Kunden oder die Mitarbeiter betrifft. Sehr verbreitet ist die Fraktion der unternehmerischen Kunstsammler, man könnte sie auch die „Picasso-im-Foyer“-Fraktion nennen. Dazu gehören all jene Unternehmen, die Werke etablierter Künstler kaufen und in den eigenen Räumen ausstellen oder in angelagerten Museen. Die Munich Re hat sich den „Walking Man“ aufgrund seiner enormen Größe schon 1995 vors Bürohaus auf die Straße gestellt, besitzt aber darüber hinaus auch eine stattliche Sammlung an „Wandaktien“, die Allianz ebenso.

Der Energieversorger Eon hat im Portfolio Werke von Lyonel Feininger über Otto Dix bis Gerhard Richter, dem teuersten Gegenwartskünstler zurzeit. Der Pharmahersteller Bayer kauft schon seit 1912 Kunst für sein Werk und soll bereits eine 5500 Stücke umfassende Sammlung haben. Die Ritter-Sport-Chefin ist für ihre Sammlung quadratischer Kunstwerke bekannt. Manche Unternehmen verdienen sogar Geld mit dem An- und Verkauf von Kunstwerken, wenn deren Wert steigt. Was sie ansonsten mit ihrer Sammelleidenschaft erreichen: Es verschafft ihnen ein besseres Image. Oder, wie ein Künstler es ausdrückt: „Es macht Eindruck und erinnert an die Könige, die sich zu früheren Zeiten malen ließen.“ Im Grunde wollen sie damit vermitteln: Hier werden Werte geschaffen. Und bezeichnenderweise sind es oft Unternehmen der Finanzbranche, die sonst wenig zum Anfassen generieren.

Aber beflügelt man so die Belegschaft? Eher nicht. Erheblich mehr Wirkung übt jene Kunst auf die Beschäftigten aus, die speziell für sie gemacht worden ist, hat eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung ergeben. Sie untersuchte, was Bilder bewirken, die junge Künstler speziell für Unternehmen anfertigten und ausstellten. Zwei Drittel der Mitarbeiter sagten, sie hätten angeregt mit Kollegen über die Bilder diskutiert. Immerhin 43 Prozent meinten, auch in Kundengesprächen seien sie positiv zur Sprache gekommen. Ein Drittel der Beschäftigten fühlte sich dadurch „inspiriert“, und die Mehrheit der Befragten wünschte sich regelmäßig Kunstwerke in den Arbeitsräumen. Einen direkten Einfluss auf ihre Arbeit hatten aber Dreiviertel der Beschäftigten dadurch nicht verspürt.

Die Mitarbeiter zu Mitmachkünstlern machen

Wer dies ändern will, der muss seine Mitarbeiter selbst zu Mitmachkünstlern machen. Klingt merkwürdig? Ist aber ganz einfach. Man muss dazu nur Menschen wie Götz Friedewald anheuern, der hierzulande als einer der ersten Kunstevents für Firmen angeboten hat und inzwischen einer von vielen ist. Denn es gibt zahlreiche Künstler, die Malworkshops veranstalten und die auch reichlich gebucht sind. Friedewald drückt es so aus: „Früher schickten Chefs ihre Abteilungen zum Raften, heute gehen sie immer öfter zum Malen.“

„Am Anfang traut sich niemand so recht an die Leinwand heran“, beobachtet Friedewald immer wieder, „aber irgendwann legen alle los und sehen: Es gibt nur noch Farbe und Struktur.“ Vor allem Führungskräfte lassen sich beim Malen gut aus der Reserve locken, erlebt Daniel Osafo, Leiter der Agentur Zusammenspiel: „Meist sind sie es, die das Ganze erst einmal in Frage stellen und beobachten. Solche Leute sind ja auf Emotionskontrolle getrimmt. Aber das können sie nur schwer durchhalten, wenn sie plötzlich mit Farbe herumspritzen sollen.“ Wenn selbst sie am Ende mit hochgekrempelten Hemdsärmeln dasitzen, bis zum Knie in Farbe oder Sägespänen, freut das die Veranstalter genauso wie den Rest des Teams. Am Ende wird aus vielen Einzelteilen ein Gesamtbild zusammengesetzt. Spätestens dann spielt die künstlerische Begabung des Einzelnen keine Rolle mehr, sondern nur das Ergebnis. Egal, ob es sich dabei in den Augen Außenstehender um Kunst handelt oder nicht.

Quelle: F.A.S.
Nadine Oberhuber
Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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