Langzeitarbeitslose

Arbeitsunfähig – für immer?

Von Christoph Schäfer
 - 05:48

Wer eine neue Arbeit sucht, der kann sich derzeit vor Angeboten kaum retten. Auf Abertausenden Taxen, Bussen und Handwerker-Sprintern werden Mitarbeiter gesucht. Supermärkte plakatieren direkt vor der Eingangstür, dass schnellstmöglich Verkäufer gebraucht werden. Auch McDonald’s sucht Leute für den Service. Formale Qualifikationen werden in der Stellenanzeige nicht verlangt. Lediglich ein gepflegtes Aussehen, Einsatzbereitschaft, außerdem sollte der Bewerber gerne mit Menschen zu tun haben. Klingt überschaubar, für jeden machbar. Und dennoch gibt es noch immer 860.000 Menschen in Deutschland, die seit mehr als zwölf Monaten keine feste Stelle bekommen, viele von ihnen schon seit Jahren. Woran liegt das?

Wer wissen will, warum selbst einfache Stellen nicht besetzt werden, der muss sich mit denen unterhalten, die seit Jahren keine reguläre Arbeit haben. Eine gute Gelegenheit dafür bietet der Kleiderladen am Alleehaus in Frankfurt-Unterliederbach. Diese Einrichtung der Caritas hat sich darauf spezialisiert, Sozialhilfeempfänger als Ein-Euro-Jobber zu beschäftigen und an den Arbeitsmarkt heranzuführen.

Es geht um Menschen wie Marion Krebs. Die 51 Jahre alte Frau legt gerade fest, welches gespendete Kleidungsstück zu welchem Preis weiterverkauft werden soll. Alles zwischen zehn Cent und 40 Euro ist möglich, meist bleibt es sehr billig. Ein Unterhemd kostet 50 Cent, ein BH einen Euro, ein ärmelloses Kleid drei Euro. Der Durchschnittspreis je Teil beträgt 1,85 Euro.

Erstmals seit 1991
Arbeitslosenzahl unter 2,5 Millionen
© dpa, reuters

Keine Berufsausbildung, keine Zeugnisse

Während Frau Krebs fleißig Preisschild um Preisschild beschriftet, erzählt sie, warum sie hier ist, bei der Caritas, für 1,50 Euro die Stunde. Sie hat die Hauptschule abgeschlossen, aber keine Berufsausbildung. Vor mehr als 30 Jahren fing sie eine Ausbildung als Friseurin an, brach sie aber ab, weil sie möglichst schnell von zu Hause wegwollte. „Das habe ich oft bereut“, erzählt sie im Nachhinein. Um an Geld zu kommen, hat sie zunächst Büros geputzt, dann in einer Boutique gearbeitet. Der Chef sei aber nicht seriös gewesen. „Der hat mich beim Gehalt beschissen.“

Deshalb zog sie weiter zu einem Stand mit Süßigkeiten in einem Hertie-Kaufhaus. Inmitten der Lollies und Gummibärchen gefiel es ihr prima. Doch eines Tages kam sie ins Kaufhaus, und der Shop war halb abgebaut. Mit Krebs hatte niemand geredet. Mit den Süßigkeiten verschwand auch der Arbeitsplatz. Krebs machte in einer Kaufhalle weiter, wo sie an der Kasse saß und Regale auffüllte. Später ging es weiter zu einem Elektronikladen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie häufig die Stelle gewechselt, sie konnte keine Berufsausbildung vorweisen und hatte sich nie Zeugnisse geben lassen. („Das war nicht so wichtig“). Mangelnden Einsatz aber konnte ihr niemand vorwerfen.

Die Wende zum Schlechten kam vor zwanzig Jahren, als sie sich von ihrem Ehemann trennte. In Fachbüchern gelten Scheidung, Krankheit und Arbeitslosigkeit als Hauptursachen für langfristige Armut. Im Fall von Krebs kam alles zusammen, denn ihre kleine Tochter war häufig sehr krank. Jahrelang lang litt sie unter Pseudokrupp-Husten, einer Atemwegserkrankung, die anfallartig kommt, zu starker Luftnot führt und sogar lebensbedrohlich werden kann.

Mit 43 war das Knie kaputt

Frau Krebs suchte keine Arbeit. Sie setzte ihr Kind an erste Stelle und bezog neun Jahre Sozialhilfe. Das Amt habe sie in der Zeit in Ruhe gelassen. „Die wussten ja, dass ich keine Betreuung hatte.“ Für die kleine Familie war die Zeit entbehrungsreich, für den Steuerzahler teuer. Doch Frau Krebs verteidigt ihre Entscheidung. „Wer weiß, wie sich meine Kleine entwickelt hätte, wenn ich mich nicht gekümmert hätte.“ Und mit allem Stolz, den eine Mutter haben kann, sagt sie: „Ich habe sie gut hinbekommen!“

Neun Jahre nach der Scheidung fing Krebs wieder an zu arbeiten. Diesmal als Hauswirtschafterin. Zunächst ein Jahr mit einem vom Amt bezahlten Ein-Euro-Job, dann ein Jahr als Minijob, dann ein Jahr als Teilzeitkraft. Dann war ihr Knie kaputt. Mit 43 Jahren konnte sie kaum noch laufen, hatte Flüssigkeit in der Kniescheibe, später kam noch ein Trümmerbruch hinzu. Eine Rückkehr als Hauswirtschafterin – unmöglich. Stattdessen monatelange Auszeiten. 2013 schickte sie das Jobcenter zum Amtsarzt. In dessen Gutachten steht, dass Krebs nur noch leichte Arbeiten erledigen darf. Dass sie nicht auf unebenem Boden laufen darf, nicht permanent Treppen steigen, nicht stundenlang nur stehen oder sitzen soll. Sie sei nicht wehleidig, kenne die Schmerzen im Knie ja, beteuert Krebs. Aber acht Stunden beim Bäcker hinter der Theke, das würde sie nicht mehr schaffen.

Bald soll sie eine Weiterbildung zur Betreuerin für Demenzkranke machen. Krebs freut sich darauf, sie könne gut mit alten Leuten. Aber ob die neue Maßnahme sie endlich in den regulären Arbeitsmarkt zurückführt? „Neeee“, sagt sie. „Natürlich nicht!“ Auf ihre Bewerbungen bekomme sie selten eine Antwort, und wenn, dann sei die immer negativ. Vielleicht liege es an ihrem Alter, der angeschlagenen Gesundheit oder den großen Lücken in ihren Lebenslauf. Krebs weiß es einfach nicht, schüttelt den Kopf. „Dabei hätte ich es eigentlich verdient, dass mir jemand mal wieder eine Chance gibt.“

Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS
Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

Mehr erfahren

Außer ihr arbeiten bis zu 26 weitere Ein-Euro-Jobber im Laden der Caritas. Sie nehmen Kleiderspenden entgegen und versuchen, die besten von ihnen für kleines Geld im Secondhand-Geschäft zu verkaufen. Zunächst aber landet alles im Sortierraum, die Säcke mit abgegebenen Klamotten stapeln sich mannshoch. Die Frauen müssen jedes Kleidungsstück herausnehmen und begutachten. Sie prüfen, ob die Nähte noch in Ordnung sind, ob es modisch akzeptabel ist, ob es Mottenlöcher gibt. Manches, was die Mitarbeiter aus den Kleidersäcken ziehen, ist ekelhaft. Auch deshalb landen die meisten Teile im Müll, nur jedes zwanzigste wird verkauft.

Das übergeordnete Ziel ist aber ohnehin nicht, Kleidung zu verkaufen oder mit dem Modegeschäft Gewinn zu machen. Das höhere Ziel von Einrichtungen wie dem Kleiderhaus ist, jeden Ein-Euro-Jobber wieder fit für die Erwerbsgesellschaft zu machen. Der Gesetzgeber bezeichnet das als „Heranführung an den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt“. Dass die Maßnahme in eine versicherungspflichtige Beschäftigung mündet, ist zwar erstrebenswert, muss aber nicht sein. Laut Paragraph 45 des dritten Sozialgesetzbuchs reicht die „Feststellung, Verringerung oder Beseitigung von Vermittlungshemmnissen“.

Diese Hemmnisse sind ein Schlüsselwort der deutschen Arbeitsmarktpolitik. Sie stehen für Probleme, die einen Betroffenen daran hindern, auf dem echten Arbeitsmarkt zu bestehen, ohne Zuschüsse des Staates auszukommen. Mark Trappmann vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zählt in einer Studie neun große Hemmnisse auf, etwa einen fehlenden Schulabschluss oder schwere gesundheitliche Einschränkungen. Nur jeder zwölfte Hartz-IV-Empfänger habe kein größeres Problem. Ziemlich genau die Hälfte der Betroffenen habe zwei oder drei gleichzeitig.

So wie Susanne Kunze, die auch im Kleiderladen der Caritas arbeitet. Ihre Eltern hatten sieben Kinder, berichtet Kunze. Aus allen sei etwas geworden, aus ihr nicht. „Und daran bin ich selbst schuld.“ Als Jugendliche habe sie geklaut, als Mutprobe. Und Drogen genommen, auch Heroin. Mit 16 oder 17 Jahren kam sie wegen Beschaffungskriminalität ins Gefängnis. Noch heute muss sie einmal in der Woche zur Methadonabgabestelle.

Diebstahl, Drogen, Gefängnis

Auf der Arbeit kennen die meisten ihre Vorgeschichte. Trotzdem bittet Kunze darum, ihren echten Namen nicht zu schreiben. Sie habe ältere Nachbarinnen bei sich im Haus, mit denen sie ab und an Kaffee trinke. „Die würden das nicht verstehen.“ Tatsächlich sieht man der 55-Jährigen ihr bewegtes Leben nicht an. Ihr Aussehen ist gepflegt, ihr Wesen ruhig und ungemein freundlich. Würde sich Kunze beim Elternabend als Erzieherin vorstellen, es würde niemandem auffallen. Trotzdem lässt sich die Vergangenheit nicht ungeschehen machen und manche Fehler nicht mehr ausbügeln. „Wenn ich ein Geschäft hätte und einer käme mit meinem Lebenslauf, den würde ich auch nicht anstellen“, sagt sie.

Hinzu kommen auch bei ihr gesundheitliche Probleme, Thrombose in den Beinen. Fünf Stunden stehen sei schwierig, eine ganze Schicht könne sie nicht durchhalten. Seit ein paar Monaten ist Kunze im Alleehaus beschäftigt. Die Arbeit hier habe ihr wieder einen Sinn im Leben gegeben. Sie habe Halt gefunden und sei dankbar dafür. An eine Zukunft auf dem regulären Arbeitsmarkt glaubt Kunze aber nicht, ihre Ziele bis zur Rente sind bescheiden. „Ich würde gerne irgendetwas haben, auch ehrenamtlich.“ Hauptsache, sie sitze nicht zu Hause und habe nichts zu tun. Da denke sie zu viel über ihre Probleme nach.

Die Vermittlungsquote fällt mager aus

Aus Sicht der Steuerzahler muss man trotzdem fragen, ob Arbeitsgelegenheiten wie im Kleiderhaus in Frankfurt sinnvoll sind. Für seinen Einsatz bekommt jeder Teilnehmer eine sogenannte Mehraufwandsentschädigung von 1,50 Euro die Stunde. Außerdem erhält die Caritas für jeden Teilnehmer Geld von Staat, eine Fallpauschale. Wie hoch die ist, will niemand verraten. Der Vertrag sei vertraulich. Klar aber ist: Falls genug Teilnehmer nach ihrem Jahr im Kleiderhaus auf dem Arbeitsmarkt unterkommen, geht die Rechnung auf. Die ehemaligen Sozialhilfeempfänger würden selbst zu Beitragszahlern werden.

Leider fällt die Vermittlungsquote mager aus. Nach Angaben der Caritas münden nur fünf Prozent der Arbeitsgelegenheiten nach einem Jahr direkt in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, gerade mal jeder zwanzigste Teilnehmer findet also gleich danach Anschluss. Ob die anderen 19 in Minijobs unterkommen oder auf der heimischen Couch sitzen, „das verfolgen wir nicht so“, heißt es. Ein paar sehe man wieder, andere nicht.

Die hauptamtlichen Betreuer halten derlei Gedanken ohnehin für kaltherzig, die Fixierung auf den ersten Arbeitsmarkt für zu engstirnig. Wenn man in einem Jahr die Miet- und Schuldenprobleme eines Teilnehmers löse und ihm darüber hinaus soziale Fähigkeiten vermittle, sei das doch auch ein Erfolg, sagen sie. Nur eben keiner, der sich messen lasse.

So sieht man es auch im zuständigen Jobcenter in Frankfurt-Höchst. Hier hat ebenfalls niemand Zahlen dazu, wie es nach dem Jahr im Alleehaus weitergeht. Bereichsleiter Markus Lehmann bittet da um Verständnis. Jeder seiner Fallmanager betreue 280 Kunden gleichzeitig. Diese könne er in mehr als 100 Maßnahmen vermitteln, vom bezahlten Führerschein über diverse Trainings bis hin zur mehrmonatigen Weiterbildung. Hinzu kämen allein in seinem Jobcenter 32 verschiedene Arbeitsgelegenheiten. Die Vermittlungsquote in den ersten Arbeitsmarkt könne man da nicht nachhalten. Genau wie die Caritas hält sie der Bereichsleiter aber auch für überbewertet. „Es wird immer Menschen geben, die wir trotz aller Hilfsangebote wahrscheinlich niemals auf den ersten Arbeitsmarkt vermitteln werden.“ Solle man die einfach aufgeben? Oder wären die gesamtgesellschaftlichen Kosten dann nicht sogar höher? Lehmann spricht es nicht aus, der Gedanke dahinter ist aber: Wenn die schwer Vermittelbaren statt in einem Ein-Euro-Job vermehrt im Krankenhaus oder gar im Gefängnis landen, wäre das nicht viel teuer?

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schäfer Christoph
Christoph Schäfer
Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche Themen50 CentArbeitsamtCaritas