<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Politiker-Karrieren

Ich will hier rein

Von Nadine Bös
 - 06:00

So richtig geplant hatte es Daniel Lede Abal lange nicht, dass die Politik eines Tages zu seinem Beruf werden würde. Mit seinem Parteieintritt bei den Grünen hatte er relativ lange gewartet. Politik betrieb er dann einige Jahre lang als Hobby auf kommunaler Ebene in Tübingen. Karriere machte er lieber in der Weinhandlung, in der er zuerst jobbte, dann eine feste Stelle erhielt und schließlich Geschäftsführer wurde. Dann bekam er mit 34 Jahren plötzlich für die Landtagswahl 2011 einen Wahlkreis angeboten, einen relativ sicheren für die Grünen noch dazu. Und dann kam auch noch die Katastrophe von Fukushima. Nun hat Daniel Lede Abal für die nächsten fünf Jahre einen neuen Beruf im Stuttgarter Landtag. Seinen Nachfolger in der Weinhandlung konnte er gerade noch einarbeiten.

Berufspolitiker - nicht wenige junge Menschen in Schülervertretungen, Studentenparlamenten oder Nichtregierungsorganisationen können sich eine solche Karriere insgeheim vorstellen. Doch nur die wenigsten würden es offen zugeben, sagt Lars Vogel, der sich als Politikwissenschaftler an der Universität Jena seit Jahren mit der empirischen Analyse von Politikerkarrieren befasst. „Eine strategische Karriereplanung in der Politik ist schwerer als in fast allen anderen Feldern, weil sie von so vielen Faktoren abhängt, die man selbst nicht beeinflussen kann“, weiß Vogel. Neben dem Wählerwillen seien das auch oft Gründe innerhalb der Partei. „Scheidet der Amtsvorgänger zu einem günstigen Zeitpunkt aus? Hat der Kandidat ein besonderes Merkmal, das dazu führt, dass ihn die Parteispitze gerade aufbauen möchte?“ Zum Beispiel sei der Migrationshintergrund der niedersächsischen Sozialministerin Aygül Özkan (CDU) eine gute Karrierevoraussetzung gewesen; für viele andere sei genau dasselbe Merkmal ein Karrierehindernis.

Entscheidende Schritte hängen vom Zufall ab

Sascha Vogt, der Bundesvorsitzende der SPD-Nachwuchsorganisation Jusos, kann gut nachvollziehen, dass junge Menschen, die mit Politikerkarrieren liebäugeln, oft eher zurückhaltend mit diesen Plänen umgehen. Zwar habe schon in seiner Abi-Zeitung gestanden, dass er am liebsten Bundeskanzler werden wolle, gibt der 30-Jährige zu. Aber: „Eine wirklich ernsthafte Planung, Karriere als Berufspolitiker zu machen, hatte ich nie“, sagt er. Bislang bleibt sein Engagement bei den Jusos für ihn auch Freizeitbeschäftigung neben seiner Stelle als Referent der Hans-Böckler-Stiftung. „Allerdings fühlt es sich an, als würde man zwei Vollzeitjobs gleichzeitig machen“, sagt Vogt.

Ob in fünf Jahren vielleicht mal eine Karriere im Bundestag denkbar wäre? Sascha Vogt lässt das völlig offen. Eine politische Laufbahn könne man schlicht nicht am Reißbrett entwerfen, weil entscheidende Schritte vom Zufall abhängen. „In manchen Gegenden Deutschlands gehen die Mitgliederzahlen der Parteien so rapide abwärts, dass junge Kandidaten schon zwei Monate nach ihrem Parteieintritt Ortsvorstände werden können. Im Ruhrgebiet dagegen warten viele jahrzehntelang auf eine solche Chance. Und ganz ähnlich verhält es sich auf den höheren Ebenen auch.“ Karriereambitionen seien zudem innerhalb der Parteien nicht immer gern gesehen. Zuweilen würden sie als mangelndes inhaltliches Engagement missverstanden, sagt Vogt.

Zukunftsakademie auf Bundesebene

Dass Parteien überhaupt eine zentralisierte Personalplanung betreiben, ist keine Selbstverständlichkeit. „Learning by doing ist der traditionelle Weg, sich das Politikerhandwerk anzueignen“, sagt der Wissenschaftler Lars Vogel. In der jüngsten Vergangenheit hat sich das aber geändert. Die klassische „Ochsentour“, in der sich Jungpolitiker mühsam über Pöstchen und Posten von der untersten Ebene langsam nach oben kämpfen, sei zwar immer noch der gängigste Weg zum Berufspolitikerdasein. „Aber immer häufiger überspringen Jungpolitiker mehrere Stufen dieser Ochsentour oder schaffen den Quereinstieg“, sagt Vogel. Union und SPD betreiben außerdem mittlerweile Talentschmieden zur speziellen Förderung ihrer Eliten. In der Union heißen sie „Zukunftsakademien“ oder „Mentorenprogramme“ und sind vor allem auf Länderebene etabliert. Der besonders begabte Politikernachwuchs erhält dort zum Beispiel Seminare, um Führungsfähigkeit zu lernen, oder bekommt Kontakt zu erfolgreichen Politikern, die Wissen an die jungen Kollegen weitergeben. In diesem Jahr plant die Union außerdem eine Zukunftsakademie auf Bundesebene, für 30 besonders vielversprechende Teilnehmer der Landesförderprogramme.

Johannes Steiniger, 23 Jahre alt und Vorsitzender der Jungen Union (JU) in Rheinland Pfalz, hat im Jahr 2008 schon einmal an einem Mentorenprogramm seines CDU-Landesverbandes teilgenommen. Aus jedem Kreisverband wurde ein Talent ausgewählt und gezielt gefördert. Steiniger war damals gerade 20 Jahre alt und frisch in den Landesvorstand der JU gewählt worden. „Einmal im Monat bekamen wir über das Programm ein Samstagsseminar“, erinnert sich Steiniger. „Wir wurden zum Beispiel in politischer Rhetorik geschult und erhielten ein Kameratraining.“ Aber auch Wahlkampfstrategien standen auf dem Lehrplan oder die theoretischen Grundlagen der Christdemokratie. Das Programm beinhaltete außerdem ein zweiwöchiges Praktikum bei seinem Mentor, dem Bundestagsabgeordneten Norbert Schindler. „Insgesamt hat mir die Schulung viel gebracht“, sagt Steiniger im Rückblick. „Und ich konnte viele Freundschaften und Netzwerke über den eigenen Kreisverband hinaus bilden.“

Grundlage Studium

Auch die SPD schickt jedes Jahr 120 talentierte Jungmitglieder zu sogenannten „Kommunalakademien“. Manuela Schwesig, Sozialministerin in Mecklenburg-Vorpommern beispielsweise, kam einst in den Genuss eines solchen Förderprogramms. Und bundesweit gibt es seit 2007 die so genannte „Führungsakademie“. In einem strengen Auswahlprozess entscheidet das 16-köpfige SPD-Präsidium alle zwei Jahre, welche 40 Nachwuchskräfte zu Führungseliten in der Partei weitergebildet werden sollen. In Wochenendseminaren diskutieren dort Trainer mit den Politikern Fallbeispiele aus dem politischen Alltag in Kleinstgruppen. „Es ist ein kollegiales Lernen, das die Reflexion und Argumentation schult“, erklärt Klaus Tovar, Leiter der SPD-Parteischule. „Es geht um die Feinheiten, darum, Stärken zu stärken und Führungsfähigkeit auszubauen.“ Aber: Die Teilnehmer der Akademie hätten den Politikerjob natürlich lange vorher gelernt - und zwar in der Praxis. „Die Grundlagen des Berufs kann man nicht lehren. Man muss sie leben.“

Was aber können junge Menschen, die mit Politikerkarrieren liebäugeln, tun, um ihrem Ziel ein Stück näher zu kommen? „Ein paar Dinge gibt es schon, die auf diesem Weg helfen“, sagt der Wissenschaftler Lars Vogel. „Rhetorische, analytische und argumentative Fähigkeiten gehören zum Handwerkszeug. Die lernt man am besten an der Hochschule.“ Etwa 90 Prozent der Minister und 70 Prozent der Abgeordneten, die Vogel für seine Forschungsarbeiten befragt hat, konnten ein abgeschlossenes Studium vorweisen. Dabei sei es für die Karriere weniger wichtig, was genau der Kandidat studiert habe, sagt Vogel. „Tendenziell aber haben es in der Vergangenheit Wirtschaftswissenschaftler und Juristen am häufigsten nach oben geschafft und Erziehungswissenschaftler am seltensten.“ Wichtig sei auch die Fähigkeit, Mehrheiten um sich scharen zu können und Netzwerke zu pflegen.

„In der Politik ist es wie im Spitzensport“

Hilfreich sei es außerdem, früh in eine Partei einzutreten - und auch in deren Jugendorganisation. „Nahezu alle Abgeordneten blicken auf eine Karrierephase in einer Jugendorganisation zurück“, weiß Vogel. Jungpolitiker Lede Abal kann das bestätigen. „Die Jugendorganisation hilft, Kontakte zu knüpfen und zu verstehen, wie Politik funktioniert“, sagt er. „Man lernt zum Beispiel die Diskussionskultur kennen oder erfährt, wie ein Gesetzentwurf entsteht.“ Vogel rät außerdem, von einem bestimmten Punkt an nicht mehr allzu viel Energie in den „bürgerlichen“ Beruf zu investieren, falls man schon sehr frühzeitig plant, hauptberuflich Politik zu machen. „Es ist wichtig, einen Plan B zu haben, wenn man Politiker werden will“, sagt er. „Doch wer zu viel an seiner B-Karriere arbeitet, hat zu wenig Zeit für sein eigentliches Ziel, die politische Karriere.“

Die Parteien verweisen aber darauf, dass die Chancen, hauptberuflich in der Politik zu landen, nicht besonders groß sind. „In der Politik ist es wie im Spitzensport“, sagt Klaus Tovar. „Es ist nicht ratsam, darauf zu zählen, dass es mit der Profikarriere klappt.“ Der „bürgerliche“ Beruf müsse immer Plan A bleiben. „Das Berufspolitikertum ist der Plan B. Nur in etwa 1,5 Prozent der Fälle kehrt sich das irgendwann um. Darauf verlassen sollte man sich lieber nicht.“

Quelle: F.A.Z.
Nadine Bös
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenKarriereSPDJusosLandtagswahlUniversität JenaAygül ÖzkanCDUHans-Böckler-Stiftung