Rückkehr aus der Elternzeit

Was Mami schafft

Von Nadine Bös
 - 17:17

Köln-Innenstadt, Belgisches Viertel. Der Stadtteil gilt als hip und kreativ. Auf den Straßen, die nach belgischen Städten wie Antwerpen, Gent oder Lüttich benannt sind, schieben immer mehr junge Eltern Bugaboo-Kinderwagen an den sanierten Altbauten vorbei - Elternzeit. Und noch immer schieben da viel öfter Frauen als Männer, dieselben, die noch vor kurzem mit ihren guten akademischen Abschlüssen beruflich durchgestartet sind.

„Tante Astrid“ heißt das lokale Mütter-Café, das vom Baby-Musikgarten bis zum Tragetuchkurs alles anbietet, was die Ein-Jahr-Auszeit-Klientel so nachfragt. Eine Kontaktbörse für Menschen, deren Lebensinhalt sich von jetzt auf gleich radikal gewandelt hat. Hieß er früher Arbeit, heißt er auf einmal Kind. Hier, in dieser Akademiker-Gegend voller karriereorientierter Frauen, krempelt das den Alltag der meisten noch viel stärker um als anderswo. Ein Jahr später soll sich die Welt dann bitte schön wieder zurückkrempeln in einen Arbeitsalltag und einen Fortgang auf der Karriereleiter, möglichst genauso, wie er vorher war - bloß eben mit Kind.

Was darf eine „gute Mutter“ überhaupt?

Das gilt auch für die fünf Frauen, die sich hier im Mütter-Café während ihres Elternzeit-Jahres einmal die Woche zu einem „Pekip Kurs“ treffen - ein Angebot für Frauen mit gleichaltrigen Babys mit Anregungen zum Singen, Bewegen und Spielen. In den Pausen wird viel darüber diskutiert, ob der Babybrei besser aus dem Glas verabreicht oder selbst zubereitet werden sollte, und welche Windeln am seltensten auslaufen. Sibylle, Jutta, Carolina, Viola und Sophie sind von solchen Themen schnell unterfordert. Was sie mehr umtreibt: Wie geht es möglichst reibungslos nach dem Jahr Auszeit zurück in die Arbeitswelt? Wer betreut die Kinder? Habt ihr schon einen Kita-Platz? Aber auch: Wie viele Stunden darf eine gute Mutter überhaupt arbeiten?

Wir haben die fünf ein Jahr lang immer wieder begleitet und mit ihnen über ihre Rückkehrabsichten und später über den tatsächlichen Wiedereinstieg gesprochen. In zehn Gesprächsprotokollen erzählen sie von ihren Erwartungen vor der Rückkehr in den Beruf und davon, wie der Wiedereinstieg später tatsächlich war. Ihre wirklichen Namen wollen sie mit Rücksicht auf ihre Arbeitgeber lieber nicht in der Zeitung lesen. Ihre Geschichten stehen aber sinnbildlich für die Gedanken, Sorgen und Probleme vieler Akademikerinnen in Deutschland.

Denn der Schein trügt. Ganz genauso wie vor der Babypause wird es am Arbeitsplatz der wenigsten dieser Mütter werden, dafür sprechen auch aktuelle Forschungsergebnisse. Sicherlich - das Elterngeld hat manches verändert: Akademikermütter steigen kürzer aus dem Beruf aus als früher, wie das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in mehreren Studien zeigen konnte. Eine Auszeit von 12 Monaten habe sich durch die Bezugsdauer des Elterngeldes als eine Art Norm etabliert, hat das RWI festgestellt. „Die Arbeitgeber erwarten, dass die Frauen nach einem Jahr zurückkommen, die Frauen erwarten, dass ihnen ein Jahr Auszeit relativ problemlos gewährt wird“, sagt Jochen Kluve, Professor am RWI. „Das schafft Planungssicherheit für alle Seiten.“ Und tatsächlich: Die Wahrscheinlichkeit, dass gut ausgebildete Mütter nach 14 bis 24 Monaten Babypause in den Beruf zurückkehren, ist um rund sechs Prozentpunkte höher als vor Einführung des Elterngeldes, wie Kluve ausgerechnet hat. In der längerfristigen Betrachtung gibt es sogar noch einen größeren und hoch signifikanten Effekt: Die Wahrscheinlichkeit, dass Mütter 25 Monate nach der Geburt wieder arbeiten, liegt für Akademikerinnen heute um sieben Prozentpunkte höher als früher.

Der Alltag heißt Teilzeit

Allerdings: Die meisten von ihnen arbeiten nach wie vor in Teilzeit. Doch auch hier gibt es Kluve zufolge Änderungen im Vergleich zu früher. Die Teilzeit umfasst nämlich häufiger mehr Stunden. Bei den gut ausgebildeten Frauen gilt: Die Wahrscheinlichkeit, dass sie zwei Jahre nach der Babypause in einer sogenannten „großen Teilzeit“ von 23 bis 32 Wochenstunden arbeiten, ist deutlich gestiegen. Für die Akademikerinnen lautet der Trend Kluve zufolge also: „Ein Jahr raus, dann in Teilzeit zurück, immer häufiger in einer vollzeitnahen Teilzeit. Viel mehr Frauen als vor Einführung des Elterngeldes kehren außerdem zu ihrem alten Arbeitgeber zurück. Und es bekommen mehr einen unbefristeten Vertrag.“

Auf die Frauen aus dem Pekip-Kurs treffen all diese Erkenntnisse fast durchweg zu. Die Rückkehrgespräche mit den Arbeitgebern gestalten sich trotzdem nicht immer leicht. „Ich würde am liebsten erst mal mit 25 Stunden in der Woche einsteigen, doch meine Chefs haben mir schon signalisiert, dass sie lieber 30 Stunden wollen“, erzählt Jutta, 36, und Controllerin in einem internationalen Konzern. „Ich werde mich da wohl fügen, weil unsere Firma gerade zu großen Teilen ins Ausland umzieht. Und ich habe Angst, dass sie für meine Stelle dann lieber jemanden nehmen, der auch schon im Ausland sitzt oder bereit ist, mitzugehen.“ Sie dagegen sei jetzt mit Kind darauf angewiesen, in Deutschland zu bleiben. „Ich werde versuchen, zumindest einen Tag Home Office zu machen, denn im Grunde ist es für meine Arbeit total egal, ob ich in Köln, Düsseldorf, China oder zu Hause sitze.“ Das Gute an ihrer Tätigkeit sei, dass sie nicht viele Überstunden erfordere. „Wenn man morgens früh kommt, kann man nachmittags um vier Uhr gehen. Bloß das Verständnis bei den Chefs hält sich in Grenzen - es ist eine zahlenlastige Tätigkeit in einer männerdominierten Abteilung. Nicht alle Männer haben Kinder, und selbst wenn sie welche haben, haben sie Ehefrauen, die ihnen den Großteil der Betreuungspflichten abnehmen.“

10 Stunden Kita - das arme Würmchen

Nicht nur schwierige Verhandlungen mit den Chefs beschäftigen die Frauen. Was sie beinahe noch mehr quält: Gewissensbisse. „Bei mir im Freundeskreis sind viele geschockt, wenn sie hören, dass mein Sohn an manchen Tagen 10 Stunden in die Kita soll“, erzählt etwa Sibylle, 38 Jahre, Unternehmensberaterin, während sie ihrem zehn Monate alten Sohn einen Löffel pürierte Süßkartoffeln mit Pastinakenmus in den Mund schiebt. „,Das arme Kind’, heißt es dann oder: ,Das ist ja ein langer Tag für so ein kleines Würmchen‘.“ Sophie, 32 Jahre alt und Psychologin, möchte ihren Sohn (acht Monate) lieber nur halbtags betreuen lassen. „Jetzt, wo ich ein Kind habe, fände ich es traurig, nur so wenig Zeit mit ihm zu verbringen.“ Viola, die in der Marketingabteilung eines deutschen Konzerns arbeitet, sieht das ganz ähnlich. „Wir haben einen Kita-Platz für unseren Sohn gefunden, wo er von 8.30 Uhr bis 15 Uhr sein wird. Ich finde das eigentlich schon eine ziemlich lange Betreuungszeit in dem Alter.“ Doch länger als zwölf Monate zu Hause bleiben will keine in der Runde. Finanziell sei das schwierig, wenn man seinen Lebensstandard halten wolle, findet Carolina, 38 Jahre, die als Assistentin in einer Filmproduktionsfirma arbeitet. „Mittelfristig würde mir die Decke auf dem Kopf fallen.“ Auch Controllerin Jutta sagt: „Ich freue mich schon wieder total auf die Arbeit. Ich habe so viel Spaß an meinem Job und sehne mich danach, auch mal wieder über andere Dinge zu reden als über die Konsistenz des Stuhlgangs in der Windel.“

Jede der fünf Mütter will schnell zurück an den Arbeitsplatz, jede will zwischen 60 und 80 Prozent ihrer früheren Stundenzahl arbeiten. Und die Männer? Mit einer Ausnahme werden alle in Vollzeit weiterarbeiten. „Dass mein Mann auf Teilzeit geht, war für uns keine Option“, berichtet etwa Viola. „Er arbeitet in einem sehr konservativen mittelständischen Unternehmen, wo er der Erste war, der es überhaupt gewagt hat, die beiden Vätermonate in Anspruch zu nehmen. Dafür wurde er schon total schief angesehen.“ Auch Jutta hat mit ihrem Mann kaum über eine alternative Aufteilung nachgedacht. „Dass auch er auf Teilzeit gehen könnte, war bei uns gar kein Thema“, sagt sie. „Das haben wir auch zu Hause gar nicht diskutiert. Er ist in einer Großbank und da voll eingespannt, macht immer viele Überstunden. Das war bei ihm irgendwie gar nicht vorstellbar.“ Nur einer der Partner der fünf Frauen hat tatsächlich eine Teilzeitstelle; doch er arbeitete auch schon vor der Geburt des Kindes auf einer halben Stelle - als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Universität. Damit sind die fünf Familien auch hier ziemlich typisch dafür, wie Paare in ganz Deutschland sich nach der Geburt eines Kindes hinsichtlich der Arbeitsaufteilung entscheiden: Der Mann verbleibt in der Vollzeit, die Frau wählt eine Teilzeittätigkeit; das ist laut der bislang aktuellsten Allensbach-Studie zum Thema noch immer der deutsche Normalfall. Wenn die Männer Teilzeit arbeiten, dann ist das meist durch die Art ihrer Stelle begründet, nicht durch die Vaterschaft.

Was das Modell „ein Jahr raus und dann in Teilzeit zurück“ für Konsequenzen für die Karriere hat, darüber forscht die Sozialwissenschaftlerin Lena Hipp derzeit am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). „Der bisherige Forschungsstand zeigt, dass sich lange Auszeiten negativ auswirken. Sie verringern die Berufserfahrung und damit das Humankapital“, sagt Hipp. Daher gelte eigentlich: je kürzer, desto weniger schädlich die Auszeit. „Interessant ist aber, dass neuere Forschungsergebnisse suggerieren, dass sehr kurze Babypausen für Frauen ebenfalls nicht so vorteilhaft sein müssen.“ Frauen, die sich als sehr karriereorientiert zeigten, würden als kaltherzig wahrgenommen. „Sie entsprechen nicht dem Mutterideal, und das senkt wiederum ebenfalls ihre Chancen am Arbeitsmarkt.“ Frauen können es also eigentlich nur falsch machen - lange wie kurze Babypausen haben für sie Nachteile. Kein Wunder, dass in einer Befragung für das Bundesfamilienministerium herauskam: Fast 40 Prozent der Frauen bereuen es im Nachhinein, Elternzeit genommen zu haben. Sie waren der Meinung, es habe ihrer Karriere geschadet. Besonders dann, wenn sie nach ihrer Auszeit nur in Teilzeit zurückkamen.

Väter profitieren von Elternzeit

Viola grübelt am Kaffeetisch mit den anderen Müttern über genau diesen Themen: „Ich rechne damit, dass ich als Mutter nicht oder nicht so schnell aufsteigen werde, wie das ohne Kind passiert wäre“, sagt sie. Unternehmensberaterin Sibylle hat ähnliche Befürchtungen. „Ich habe ja selbst gesehen, wie es Kolleginnen ergangen ist, die nach der Babypause als Teilzeitmamis zurückgekommen sind. In unserer Branche bist du da schnell abgestempelt.“ Väter hingegen sind zwar oft zögerlich darin, mehr als die zwei vom Elterngeld abgedeckten „Vätermonate“ nach der Geburt eines Kindes zu nehmen. „Doch die bisherige Forschung zeigt, dass sie durch Baby-Auszeiten keinerlei finanzielle Einbußen haben“, sagt Wissenschaftlerin Hipp. Daher ist sie sich sicher: Die Karrieren von Vätern sind aufgrund von Elternzeiten wohl nicht gefährdet. „Oft sind die Chancen für Väter am Ende sogar noch besser: Männer mit Kindern werden als verantwortungsbewusste Persönlichkeiten wahrgenommen, Frauen mit Kindern als potentielles Ausfallrisiko.“

Der eine Monat Auszeit ist wohl der unterschätztere Teil des Problem, der andere ist die anschließende Teilzeit. „Teilzeit ist und bleibt eine Falle für Frauen, wenn sie über einen längeren Zeitraum in Teilzeit gehen oder wenn sie nur sehr wenige Stunden in der Woche arbeiten“, sagt Lena Hipp. Teilzeit werde in den Unternehmen noch immer als minderwertig wahrgenommen. Wer Stunden reduziere, bekomme in der Regel Tätigkeiten, die weniger komplex sind und mit weniger Verantwortung einhergehen. Und meist auch eine geringere Bezahlung. Der Anteil an Führungskräften mit einer Arbeitszeit von 30 Stunden oder weniger sei „verschwindend gering“, so Hipp. In einer Analyse aus dem Jahr 2014 kommt sie auf gerade einmal neun Prozent der Führungspersonen in Deutschland, die in Teilzeit arbeiten. „In Island, Malta, Luxemburg, der Schweiz und Schweden ist man weiter“, sagt sie. „Dort liegt der Anteil an Führungskräften mit 30 Wochenstunden oder weniger zwischen 15 und 22 Prozent.“ Das Fazit der Forscherin: „In Deutschland werden eher einfache Tätigkeiten in Teilzeit angeboten, Führungsaufgaben eher nicht“; das gelte auch für die vollzeitnahe Teilzeit.

Viele fühlen sich unterfordert

Die Schwierigkeiten, die mit der reduzierten Stundenzahl einhergehen, hat auch Unternehmensberaterin Sibylle zu spüren bekommen: Vor den Kollegen sei es „immer wieder erklärungsbedürftig“, dass sie in Teilzeit arbeite, berichtet sie nach ihrem Wiedereinstieg. Dabei ist sie drei Tage in der Woche sieben Stunden am Arbeitsplatz und am vierten Tag halbtags. Mit ihren 60-Stunden-Wochen, die sie vor der Babypause häufiger schob, hat das freilich wenig gemein. „Ständig muss ich sagen, heute muss ich aber um 16 Uhr weg‘ - das ist anstrengend, zumal viele dann signalisieren: ,Jetzt stell dich nicht so an‘.“ Auch einige der anderen Frauen erzählen davon, sich nach der Rückkehr an den Arbeitsplatz nicht mehr für voll genommen oder „unterfordert“ zu fühlen. Die einen, weil ihnen keine anspruchsvollen Projekte mehr anvertraut werden, die anderen, weil sie nicht mehr so viele berufliche Baustellen gleichzeitig beackern können. Keine Änderungen spürt nur eine der fünf Mütter: Carolina, die auch schon vor ihrem Wiedereinstieg zu Protokoll gab, in ihrer Assistentinnen-Tätigkeit „ohnehin keine Aufstiegsmöglichkeiten“ zu haben und auch „gar keine Ambitionen“ dazu.

Unternehmensberaterin Sibylle hat eine pragmatische Sicht auf die Dinge entwickelt. Sie will raus aus der Branche, sich eine Stelle mit geregelten Arbeitszeiten suchen: „Vorsichtshalber bin ich schon mal froh darüber, das Kind erst so spät bekommen zu haben“, sagt sie. Sie habe ihre Karriere schon gemacht, viel höher als auf ihre jetzige Hierarchieebene könne sie ohnehin nicht mehr kommen. „Ich muss mir nichts mehr beweisen.“

„Ich rechne damit, dass ich als Mutter nicht so schnell aufsteigen werde, wie das ohne Kind passiert wäre.“ „Mein Mann arbeitet in einem sehr konservativen mittelständischen Unternehmen, wo er der erste war, der die beiden Vätermonate in Anspruch nahm.“
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bös, Nadine
Nadine Bös
Redakteurin in der Wirtschaft.
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