Sexuelle Belästigung

Nimm die Hand von meinem Po

Von Helene Bubrowski
 - 13:35

Es war ein Klaps auf den Po. Vier Jahrzehnte liegt das zurück, aber Christine Lüders kann sich noch gut erinnern. Sie war damals Flugbegleiterin bei der Deutschen Lufthansa. Eine Kollegin lief durch den Gang zwischen den Sitzreihen, und auf einmal traf sie die Hand eines Passagiers. Ein klarer Fall von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. „Aber große Aufregung gab es damals nicht“, sagt Lüders. Heute wäre das anders. Für die junge Frau gäbe es zahlreiche Hilfsangebote. Auch Lüders wäre für die Flugbegleiterin da. Sie ist die neue Ombudsfrau bei der Lufthansa, Ansprechpartnerin für alle Opfer sexueller Belästigung, Mitarbeiterinnen wie Mitarbeiter. Zusammen mit ihrem Kollegen Martin Lüdemann hat sie am Freitag ihre neue Aufgabe aufgenommen.

Externe Ombudspersonen sind ansonsten meist in Compliance-Angelegenheiten aktiv. Im Kampf gegen sexuelle Belästigung ist diese Funktion neu in der deutschen Unternehmenswelt. Damit will die Lufthansa ein klares Zeichen setzen: „Bei uns gilt null Toleranz für jegliche Form der Diskriminierung und sexueller Belästigung“, sagt Bettina Volkens, Konzernvorstand für Personal und Recht. Das gelte für Mitarbeiter und Kunden – „und natürlich unabhängig von Position oder Status“. Der Arbeitgeber von fast 130.000 Mitarbeitern, der so unterschiedliche Berufsgruppen wie Kabinencrews, Piloten, Bodendienstpersonal oder Verwaltungsangestellte im Konzern beschäftigt, setzt auf Prävention und will unter den Dax-Konzern ein Zeichen setzen: „Wir wollen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ermutigen, Grenzen zu ziehen, Stopp zu sagen“, betont Volkens.

Zwar standen bei der Lufthansa die Beschäftigten, die Opfer sexueller Belästigung wurden, auch bislang nicht allein da. Egal ob fliegendes Personal oder Bodenmitarbeiter: Alle können sich an ihre Vorgesetzten, das Personalmanagement, den Betriebsrat oder die Personalvertretung, die Sozialberatung oder auch die Beauftragte für Chancengleichheit wenden. Das Unternehmen hat ein Interesse daran, dass derartige Probleme intern geklärt werden und nicht bei den Gerichten landen. Personalchefin Volkens fand es wichtig, das bestehende Angebot noch mal zu erweitern und die Hemmschwellen für Betroffene weiter zu senken.

Ist die Luftfahrt besonders anfällig für sexuelle Belästigung?

Die meisten Opfer sexueller Übergriffe tun sich ohnehin schwer, zu erzählen, was ihnen widerfahren ist. Hinzu kommt: Der Widerstand, solche Details ausgerechnet dem Arbeitgeber zu offenbaren, ist größer. Deshalb gibt es mit Lüders und Lüdemann nun zwei unabhängige Berater. „Das Klima in einem Unternehmen verändert sich, wenn Menschen wissen, dass sie sich wehren können“, ist Lüders überzeugt.

Aber wie wollen die neuen Ombudspersonen das Vertrauen der Belegschaft gewinnen? „In erster Linie durch Kompetenz und gute Arbeit“, sagt Lüders. Die studierte Pädagogin hat Erfahrung auf diesem Gebiet. Acht Jahre lang, bis Ende April, war sie Anti-Diskriminierungs-Beauftragte des Bundes. Ihr wichtigstes Projekt war die anonymisierte Bewerbung: Wozu braucht man Angaben zu Alter, Geschlecht, Namen und Adresse, wenn es doch nur um Qualifikation gehen soll, fragte sie sich. Fünf Unternehmen machten mit. Was Lüders wichtig ist: Sie war Chefin einer Behörde, die der Rechtsaufsicht des Bundesfamilienministeriums unterstellt ist, aber ein Parteibuch hat sie nie besessen. „Das zeigt, dass ich unabhängig bin.“ Zuvor war sie als Referatsleiterin für Öffentlichkeitsarbeit erst im Kultusministerium in Hessen, dann im Integrationsministerium in Nordrhein-Westfalen tätig. Auch ihr Kollege Lüdemann ist durch seine bisherigen Aufgaben gut vorbereitet: 25 Jahre lang arbeitete er als Psychologe und Supervisor.

Beide Ombudspersonen sind mit der größten deutschen Fluggesellschaft vertraut. Lüdemann begann seine Laufbahn als Berater bei Lufthansa Consulting in Köln. Lüders war hier stolze 17 Jahre beschäftigt, nach dem Studium zunächst als Flugbegleiterin, dann blieb sie am Boden, wurde zur Vorstandsreferentin befördert. Sie kennt die verschiedenen Bereiche und muss es also wissen: Ist die Luftfahrt besonders anfällig für sexuelle Belästigung? Nach einer Umfrage der amerikanischen Gewerkschaft für Flugpersonal, Association of Flight Attendants-CWA, haben mehr als zwei Drittel der Flugbegleiter – männlich wie weiblich – in ihrer Karriere schon sexuelle Belästigung erlebt.

„Jedes Unternehmen ist anfällig“, sagt Lüders. Aber natürlich sei die Situation für das fliegende Personal eine besondere: „Die Crews arbeiten auf engstem Raum zusammen, übernachten in demselben Hotel in Städten, wo man niemanden anders kennt.“ Man duzt sich, man trinkt gemeinsam im Hotel auch mal einen Absacker. Und es gibt jene Schwarzen Schafe, die die plötzliche Vertrautheit unter Kollegen gezielt ausnutzen. Auch manche Kunden verlieren Tausende Meter über dem Boden ihre Hemmungen – Alkoholkonsum ist da nicht hilfreich. Doch Personalchefin Volkens versichert glaubhaft: „Wir stellen niemanden unter Generalverdacht.“

Wo hört der Spaß auf?

Es geht ihr vor allem darum, die Mitarbeiter für das Thema sexuelle Belästigung zu sensibilisieren. In Workshops wollen Lüders und ihr Kollege darüber informieren, welche Verhaltensweisen akzeptabel sind und welche nicht. Dass dieses Anliegen eine Priorität des Unternehmens ist, zeigt auch der neue Code of Conduct der Lufthansa. Da heißt es: „Wir tolerieren keine sexuelle Belästigung. Dies beinhaltet insbesondere unerwünschte Annäherungen und Übergriffe tatsächlicher oder verbaler Art.“ Aber auch die Mitarbeiter selbst sind dabei gefordert. „Der erste Ratschlag, den ich jedem gebe: Machen Sie es ganz klar, wenn eine Grenze überschritten wurde“, sagt Lüders. So ließen sich Missverständnisse von vornherein unterbinden. Denn wo der Spaß aufhört und die Belästigung anfängt, kann von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein. Einen Klaps auf den Po am Arbeitsplatz findet heute wohl niemand mehr akzeptabel, aber was ist mit einem anzüglichen Witz?

Für Lüders fängt die sexuelle Belästigung längst nicht erst da an, wo es körperlich wird. Auch Worte können entwürdigend sein. „Unter sexuelle Belästigung fällt alles, was nicht erwünscht und nicht einvernehmlich ist“, sagt Lüders. Das heißt: Ein obszöner Scherz oder ein Tätscheln am Arm sind eine Belästigung, es sei denn, die andere Person signalisiert eindeutig, dass das in Ordnung ist.

In der Theorie ist das einfacher als in der Praxis. Harmlose Frotzeleien schlagen oft schnell in Anzüglichkeiten um. Wer will schon ständig auf der Hut sein? Eben hat man selbst noch mitgelacht, da kostet es Überwindung, sich zu beschweren. Das Tückische an Zweideutigkeiten ist zudem, dass sie eben nicht eindeutig sind. Das führt zu Unsicherheiten: Ging der Spruch des Kollegen denn nun wirklich zu weit? Hätte man da gelassener reagieren können oder müssen? Darf man einen Kollegen überhaupt so bloßstellen, ohne zu wissen, was er sich tatsächlich gedacht hat?

Es den Opfern so leicht wie möglich machen

Für alle diese Zweifel und Fragen sind Lüders und Lüdemann da. Alle Lufthansa-Mitarbeiter können sie unter einer Hotline erreichen. Die beiden Berater sind so auch für Flugbegleiter und Piloten zu sprechen, die gerade ans andere Ende der Welt geflogen sind. Niemand muss im Gespräch seinen Namen nennen. Überhaupt verspricht Lüders, dass sie ohne das Einverständnis des betreffenden Mitarbeiters überhaupt keine Informationen an die Lufthansa weitergibt. Dass Lüders und Lüdemann unabhängig arbeiten, zeigen sie auch durch räumliche Trennung vom Konzern: Beratungsgespräche mit Mitarbeitern finden nicht auf dem Gelände der Lufthansa statt, sondern an einem externen Ort, der allerdings „in der Nähe des Flughafens“ sei, wie Lüders sagt.

Die Lufthansa will es den Opfern sexueller Belästigung so leicht wie möglich machen, Hilfe zu bekommen. Doch was Personalvorstand Volkens ebenso wichtig ist: „Wir verfolgen die Vorfälle konsequent.“ Ein internes, unabhängiges Gremium arbeitet die Fälle auf. Mitarbeitern droht dann je nach Schwere des Vorfalls eine Ermahnung, Abmahnung oder sogar die Kündigung. Geht die Belästigung von einem Kunden aus, muss er neben einer Anzeige im Einzelfall auch damit rechnen, von Lufthansa-Flügen generell ausgeschlossen zu werden. „Für uns ist schnelles und konsequentes Handeln wichtig“, sagt Volkens. „Jeder Fall ist einer zu viel!“

Doch erst kürzlich kam es wieder zu einem Vorfall: Auf dem Flug von Hamburg nach München tätschelte Medienberichten zufolge ein Kunde den Po einer Flugbegleiterin. Doch anders als vor vierzig Jahren, als dasselbe Lüders’ Kollegin passierte, kam die Hilfe diesmal prompt, und zwar direkt aus dem Cockpit: Der Kapitän meldete sich über den Bordlautsprecher mit der Durchsage: „Meine Damen und Herren, der Herr, der eben der Stewardess auf den Hintern geschlagen hat, möge sich bei mir melden. Ich habe ein Wörtchen mit ihm zu reden. So geht es nicht.“

Quelle: F.A.Z.
Helene Bubrowski
Politische Korrespondentin in Berlin.
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