Lehrer als Seiteneinsteiger

Klassenzimmer statt Büro

Von Lisa Becker
 - 14:56
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Bis vor einigen Jahren arbeitete Daniel Toubartz als IT-Berater in der Wirtschaft. „Der Beruf hat mir Spaß gemacht“, erzählt der 33 Jahre alte Ökonom und Informatiker. Die finanziellen Konditionen stimmten auch, regelmäßig gab es einen neuen, schicken Dienstwagen. Jetzt aber ist Toubartz Lehrer. Ein Umzug aus privaten Gründen war eine gute Gelegenheit, noch mal darüber nachzudenken, welchen Beruf er wirklich ausüben wollte. Da erinnerte er sich an einen Lehrer, einen Informatiker Mitte vierzig, der vorher in einem Softwareunternehmen gearbeitet hatte. "Er hat mich fasziniert, denn er konnte Wissen anwenden und weitergeben." Weil Toubartz zudem schon gute Erfahrungen in der Jugendarbeit und im Unterrichten gemacht hatte, wagte er vor fünf Jahren den Wechsel von der Wirtschaft in die Schule.

Für Menschen mit Erfahrung in anderen Berufen ist es selten so einfach gewesen, Lehrer zu werden, wie derzeit. Das liegt an dem großen Lehrermangel, der an einigen Orten in Deutschland herrscht. Prekär ist die Lage zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen, in Sachsen und Berlin. In Sachsen sind etwas mehr als die Hälfte der zur Jahresmitte neu eingestellten Lehrer sogenannte „Seiteneinsteiger“. Das heißt: Sie haben zwar eine Qualifikation in dem Fach, das sie unterrichten, aber noch keine pädagogische Lehrerausbildung. In Berlin liegt diese Quote bei weit über 40 Prozent.

Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche.

Die Lehrkräfte mit Erfahrung in anderen Bereichen können für die Schulen eine Chance sein - schließlich beklagen viele junge Leute, im Lehrplan komme das richtige Leben kaum vor. Seiten- und Quereinsteiger erweitern die Perspektive, besonders, wenn sie aus der Wirtschaft kommen, wo ein Großteil der Schüler später einmal arbeiten wird. Doch die mangelnde pädagogische Erfahrung kann auch schnell zu einem Problem werden.

Berufserfahrung bringt auch den Schülern etwas

Toubartz, der am Berufskolleg Siegburg Informatik unterrichtet, ist überzeugt: Die Schüler profitieren von den Quereinsteigern. „Die wissen, was im Beruf wichtig ist.„ Auch Thomas Schulte kann seine frühere Berufserfahrung bestens nutzen. Am Franz-Stock-Gymnasium in Arnsberg unterrichtet er Informatik und ist für die Studien- und Berufsorientierung zuständig. Früher arbeitete der 59-Jährige für Siemens. Zuvor hatte er Mathematik und Physik auf Lehramt studiert, war aber vor dem Zweiten Staatsexamen von Siemens abgeworben und zum Softwarespezialisten ausgebildet worden. Seinen Beruf mochte er sehr, sagt Schulte.

Die Vergütung stimmte auch. Doch irgendwann wechselte Schulte Ort und Tätigkeit und war nicht mehr so zufrieden. Da erinnerte er sich an sein ursprüngliches Berufsziel. Der Zeitpunkt passte gut: Siemens baute gerade Personal ab. Schulte bekam „beste Zeugnisse und 110.000 D-Mark Abfindung“ und konnte sich die Referendarzeit leisten.

Zwei Jahre harte Schule

Toubartz hingegen unterrichtete von Anfang an wie ein normaler Lehrer und bezog auch ein Lehrergehalt; nebenher musste er jedoch eine pädagogische Grundausbildung und ein Referendariat absolvieren. Diese zwei Jahre seien eine harte Zeit gewesen, sagt er. „Gerade mal so nebenbei wird man kein Lehrer.“ An der Schule habe er sich aber direkt wohl gefühlt. Den Schülern sagte er, dass er noch nicht so viel Erfahrung habe, und sie hätten ihn gut unterstützt. „Man fällt auch mal auf die Nase, doch wenn man offen und ehrlich damit umgeht, dann wird man gut aufgefangen.“

Auch die Kollegen hätten ihm geholfen. Die würden schnell erkennen, ob jemand zum Lehrer tauge. In seinem Kurs für Seiteneinsteiger seien einige gewesen, „die uns relativ schnell wieder verlassen haben“. Der Lehrerberuf sei schon etwas anderes, sagt Toubartz. Wichtige Unterschiede seien, dass er deutlich mehr selbst organisieren müsse und nicht so systematisch Rückmeldung bekomme.

Manchmal kommen auch die Zweifel

Schultes Weg in den Lehrerberuf verlief etwas anders: Er absolvierte zunächst - mit Mitte dreißig - ein ganz normales Referendariat. „Die hatten von Erwachsenenbildung keine Ahnung“, erzählt er. Man habe ihn wie ein Schulkind behandelt; es habe „ordentlich Reibungsverluste“ gegeben. Seine erste Stelle war an einer Gesamtschule. „Das war eine Totalkatastrophe; ich bin voll vor die Wand gefahren. Unterrichten kann man nicht einfach so.“ Allerdings habe er dort auch viel gelernt. Er kam an eine andere Gesamtschule, wo vieles besser war und er endlich richtig in den Beruf fand.

Und er konnte an einem „total spannenden“ Pionierprojekt zum Lernen mit digitalen Medien mitarbeiten. Schließlich verfügte er in diesem Bereich über viel Berufserfahrung. Am Franz-Stock-Gymnasium, das zu den Vorreiterschulen im Unterrichten mit Computer und Internet gehört, ist er damit nun wieder befasst. „Lehrer ist ein schöner Beruf“, sagt Schulte, „abwechslungsreich und nie langweilig. Man bleibt jung, weil man mit jungen Leuten zu tun hat.“ Und dennoch denke er manchmal, ob er nicht besser in der Industrie geblieben wäre – des Geldes wegen. Schulte findet es ungerecht, dass ein Lehrer, der sich besonders einsetzt, nicht mehr verdient, als jemand, der nur seine Stunden macht. Besonders ungerecht werde es, wenn dieser Jemand verbeamtet sei und die entsprechenden finanziellen Vorteile genieße.

Keine falschen Vorstellungen machen

Schulte und Toubartz sind seltene Beispiele eines geglückten Wechsels aus der Wirtschaft in die Schule - schon allein deshalb, weil dieser nicht so oft vorkommt, wie Roman Schulz vom Sächsischen Bildungsinstitut sagt. Und von einer richtig guten Position in der Wirtschaft direkt in die Schule – das gebe es fast nie. „Das liegt auch daran, dass die Wirtschaft derzeit brummt.„ Die wenigen spektakulären Fälle schaffen es schnell in die öffentliche Berichterstattung. Wie Peter Ferres, der Bruder der Schauspielerin Veronica Ferres, der vor zehn Jahren eine internationale Schule in Frankfurt gründete und vorher als Investmentbanker Millionendeals organisiert hatte. Auf der Bühne der großen Börsengänge und Fusionen vermisste er Gefühle und Persönlichkeiten. Die hat Ferres, der mit Ende vierzig in London auf Grundschullehramt studierte, nun in seiner Schule gefunden.

Die meisten Seiteneinsteiger seien aber ganz gewöhnliche Leute, sagt Schulz. Einige hätten vorher an Hochschulen gearbeitet, andere kämen aus dem Sport oder dem sozialen Bereich. „Viele waren freischaffend. Da sind ein solides Lehrergehalt im öffentlichen Dienst und vernünftige Verträge schon attraktiv - endlich raus aus der Befristung und der Unsicherheit.“ Doch Schulleiter warnen, sich beim Seiteneinstieg von falschen Vorstellungen leiten zu lassen. Viele sähen vor allem den vielen Urlaub und die gute Bezahlung und glaubten, das mit der Pädagogik werde schon irgendwie klappen, beklagt der Leiter der Oberschule Cunewalde, Achim Bär, in einer Broschüre des sächsischen Kultusministeriums. Bärs Erfahrung mit den Neulehrern: Einige könnten durch Vorkenntnisse schon vieles allein machen, andere kämpften vor der Klasse sprichwörtlich ums Überleben.

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Geld ist nicht alles

Diese Gefahr besteht kaum, wenn die Seiteneinsteiger zuvor Fellows der gemeinnützigen Organisation Teach First mit Sitz in Berlin waren. Dann haben sie nach einem überdurchschnittlichen Studienabschluss schon zwei Jahre als Hilfskräfte an einer Brennpunktschule gearbeitet. Für manche ist diese Erfahrung so überwältigend, dass sie danach doch nicht Manager, Programmierer oder Ingenieur werden, sondern Lehrer.

So erging es dem 35 Jahre alten Dennis Maile. Den Bachelor machte er als dualer Student in einem Handelsunternehmen. Im australischen Brisbane absolvierte er anschließend einen Master in „International Business“. Glänzende Voraussetzungen für eine Managerkarriere - aber Maile elektrisierte diese Vorstellung nicht. Gefunkt hat es hingegen, als er von Teach First erfuhr. In den zwei Jahren an einer Brennpunktschule „hat es mich dann komplett gepackt“. Was ihn faszinierte: „Wie schnell man Feedback bekommt, denn die Schüler sind ehrlich. Und dass man Leben verändern kann.“ 2013 wagte er an einer kaufmännischen Schule in Biberach den Direkteinstieg als Lehrer und absolvierte „on the job“ ein Referendariat. An das viele Geld, das er in der Wirtschaft hätte verdienen können, denke er nie, sagt er.

Hunderte Bewerbungen in kurzer Zeit

In Großbritannien wiederum erregt gerade eine Initiative Aufmerksamkeit, die Menschen, die schon Karriere gemacht haben, ermutigt, Lehrer in einem Mangelfach zu werden. Sie heißt „Now Teach“, Mitgründerin ist die 58 Jahre alte Lucy Kellaway, langjährige Kolumnistin der britischen Zeitung „Financial Times“ und Lehrerstochter. Seit September lässt sie sich zur Mathelehrerin ausbilden, mit anderen Idealisten im Alter zwischen 42 und 67 Jahren. Als Kellaway in der Zeitung ankündigte, Lehrerin werden zu wollen, und Banker und Berater aufforderte, es ihr gleichzutun, erhielt sie innerhalb von wenigen Stunden hundert Bewerbungen.

Ein Berater habe geschrieben, er wolle etwas Bessereres hinterlassen als reichere Shareholder und reichere Partner. Ein anderer, der dreißig Jahre in der Londoner City gearbeitet hatte, schrieb hingegen, er habe seine Arbeit immer geliebt. „Doch ich dachte, wie viel Zeit habe ich noch auf dem Planeten. Will ich weiterhin immer dasselbe machen?“

Quelle: F.A.Z. Woche
Autorenporträt / Becker, Lisa (lib.)
Lisa Becker
Redakteurin in der Wirtschaft
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