Serie Anders Arbeiten

Vorsicht, Home-Office!

Von Sebastian Balzter
 - 14:30

Robert Kelly ist der bekannteste Heimarbeiter der Welt. Nicht wegen seiner Stelle als Dozent an der Universität im südkoreanischen Busan, auch nicht wegen seiner Forschungsergebnisse zu den schwierigen innerkoreanischen Beziehungen. Zur Berühmtheit hat den Amerikaner vielmehr ein kurzes Interview mit dem britischen Fernsehsender BBC gemacht, das sich seit der Ausstrahlung im vergangenen Jahr Hunderte Millionen Leute auf Youtube und Facebook angesehen haben. Die meisten finden es einfach nur komisch, es taugt aber auch ganz im Ernst als Anschauungsmaterial für alle, die im Home-Office arbeiten und Kollegen oder Mitarbeiter haben, die das tun.

Kelly führte das Gespräch nämlich über Skype aus dem heimischen Arbeitszimmer und wurde dabei zuerst von seiner kleinen Tochter, dann von seinem Sohn im Säuglingsalter unterbrochen, versuchte sich aber nichts davon anmerken zu lassen. Schließlich fing seine Frau die beiden Kinder wieder ein. Den Erwachsenen stand dabei ins Gesicht geschrieben, wie hochnotpeinlich ihnen die von der Kamera aufgenommene Szene war. Das war dem Fernseh- und Youtube-Publikum eindeutig leichter zugänglich als die jüngsten diplomatischen Verwicklungen zwischen Nord- und Südkorea, die Kelly in dem Interview eigentlich analysieren sollte.

In jedem dritten Unternehmen ist Heimarbeit möglich

Den Alltag im Home-Office kennen schließlich viele. In knapp jedem dritten deutschen Unternehmen können Mitarbeiter ganz oder teilweise von zu Hause aus arbeiten, hat eine Umfrage des Branchenverbands Bitkom ergeben; innerhalb der vergangenen drei Jahre ist die Quote demnach um 10 Prozentpunkte gestiegen. Dass sie in der Zukunft sinken könnte, glaubt fast niemand. Zwei Fünftel der befragten Firmen gehen dagegen davon aus, dass sich die Nutzung des Home-Office weiter verbreitet. Rund elf Prozent aller Beschäftigten in Deutschland erledigen zumindest einen Teil ihrer Arbeit heute schon von zu Hause aus. In Frankreich und Österreich sind es mehr als 15 Prozent, in Dänemark sogar mehr als 25 Prozent. Progressive Personalchefs, Familienpolitiker und die Freunde der Digitalisierung finden, dass es mindestens so viele auch hierzulande sein sollten.

Wenn sie über das Home-Office sprechen, hört sich das bisweilen an wie eine Reisereportage aus dem Paradies. Der technische Fortschritt mit Internet, Videotelefonie und allerhand Apps zur Echtzeit-Kommunikation habe die Notwendigkeit der physischen Präsenz am Arbeitsplatz längst überholt, heißt es dann. Die Heimarbeit sei der zeitgemäße Schlüssel, um Pendler und berufstätige Eltern zu entlasten, die Lebenszeit flexibel, produktiv und beglückend zu nutzen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Wer könne schon konzentriert arbeiten, wenn im Büro ein Meeting das nächste jagt, die lieben Kollegen Maulaffen feilhaltend in der Tür stehen und ununterbrochen der Flurfunk sendet?

Mobiles Arbeiten im ICE steht im Fokus

Dass es nicht ganz so einfach ist, zeigt das Video, das Robert Kelly berühmt gemacht hat. Daraus lässt sich eine allgemeine Lehre für den Umgang mit dem Home-Office ziehen: Mal eben einen Tag lang von zu Hause aus arbeiten, um einen Engpass in der Kinderbetreuung zu überbrücken, das gelingt nur in den seltensten Fällen so, dass hinterher alle zufrieden sind. Nun waren bei den Kellys augenscheinlich alle gesund, die Ehefrau sofort zur Stelle: komfortabel. Trotzdem war die Konzentration auf die Korea-Krise dahin, als die Kleinen auftauchten.

Für die Flexibilisierungsbeauftragten in den Personalabteilungen der großen Konzerne allerdings ist dieses Szenario, so nah es dem Alltag vieler Home-Office-Praktiker sein mag, kalter Kaffee. Sie haben längst anderes im Sinn als bloß das Familienleben der Belegschaft. Ihnen geht es um das mobile Arbeiten, also um die Laptop-Armada im ICE, um das schnelle Einloggen ins Firmennetzwerk während des Besuchs beim Kunden, um das Wohl und Wehe der digitalen Verfügbarkeit rund um die Uhr. Das tageweise genutzte Home-Office, sagt Josephine Hofmann vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart, sei in solchen Firmen mittlerweile häufig durchregulierter Standard. Dann legen zum Beispiel Betriebsvereinbarungen detailliert fest, wie der Arbeitgeber die Heimarbeitsplätze ausstatten muss. Und welche Kriterien erfüllt sein müssen, damit Arbeitnehmer einen Anspruch auf einen solchen Arbeitsplatz haben.

Daimler will Flexi-Quote für alle Mitarbeiter schaffen

Beim Automobilhersteller Daimler zum Beispiel hat sich die IG Metall dafür starkgemacht, dass es seitens der 80.000 Beschäftigten in Deutschland keinen Begründungszwang mehr geben soll, damit eben nicht mehr private Angelegenheiten wie die Kinderbetreuung oder die Pflege kranker Angehöriger für die Genehmigung der Heimarbeit ins Feld geführt werden müssen. Auch Hierarchie und persönliche Gunst sollen dafür keine Rolle mehr spielen, vom „Nasenfaktor“ spricht der Betriebsratsvorsitzende aus Stuttgart. Einziger legitimer Ausschlussgrund soll nun das Wesen der jeweiligen Arbeitsaufgabe sein. Anders gesagt: Wer am Band Autos montiert, muss dafür auch in Zukunft ins Werk kommen. Wer Excel-Tabellen ausfüllt und E-Mails schreibt, darf das von wo auch immer tun. Unter den Daimler-Arbeitern wird sich die „Flexi“- Quote also kaum erhöhen, unter den Angestellten schon.

Denn die meisten Arbeitnehmer, das haben Umfragen des Fraunhofer-Instituts ergeben, halten das Arbeiten von zu Hause aus oder unterwegs grundsätzlich für erstrebenswert. Die Motive dafür sind vielschichtig, manche versprechen sich davon Produktivitäts- und Kreativitätsschübe, andere weniger Stress und mehr Freizeit, wieder andere haben es auf das neueste Smartphone und den schicken Tabletcomputer abgesehen, die Statussymbole der modernen Wanderarbeiter. An den Geräten macht sich aber nachher auch oft der Frust fest. „Wenn Beschwerden aufkommen, dann liegt es meistens an Schwierigkeiten mit der IT“, sagt Josephine Hofmann, die Fraunhofer-Forscherin.

Strikte Absprachen zwischen Home-Office und Zentrale

Noch anspruchsvoller als technische Detailfragen sei aber die Aufgabe, das Abc der Arbeit im Home-Office auch denjenigen Kollegen und vor allem den Vorgesetzten dauerhaft ins Bewusstsein zu bringen, die ihre Arbeitstage nicht zu Hause, sondern im Firmenbüro verbringen. Denn das Home-Office kann zwar eine ganze Reihe von Problemen lösen, aber es ist nicht bequem, sondern verlangt von allen Beteiligten Disziplin: Absprachen zu Erreichbarkeit und Anwesenheit müssen für alle verbindlich sein, gemeinsame Kalender müssen kontinuierlich gepflegt und beachtet werden.

Einer der Pioniere des mobilen Arbeitens ist der amerikanische Technologiekonzern IBM. Jeder fünfte IBM-Beschäftigte in Amerika erledigt den Angaben des Unternehmens zufolge seinen Job heute komplett von zu Hause aus. Im vergangenen Jahr aber kam für einige von ihnen aus der Konzernzentrale das Kommando zurück: Insgesamt 5000 Beschäftigte, erläutert der Personalvorstand, arbeiten nun wieder in einem Firmenbüro. „So wollen wir sie dazu bringen, schnell ihre Ideen miteinander zu teilen, voneinander zu lernen, Hürden für den Fortschritt abzubauen und die echte Befriedigung zu erleben, die effektive Zusammenarbeit mit sich bringt“, heißt es dazu.

Rückkehr zur Präsenz-Kultur ?

Diese Entscheidung gegen den Trend zu immer mehr Home-Office wurde in den Personalabteilungen vieler Unternehmen kontrovers diskutiert. Wenn IBM sich zu so einem Schritt durchringt, ist die Heimarbeit dann vielleicht doch nicht so produktiv? Hat die als altmodisch in Verruf gekommene „Präsenzkultur“ vielleicht doch ihr Gutes? „Man kann Organisationen auch überdehnen“, sagt Josephine Hofmann vom Fraunhofer-Institut. IBM sei offenbar zu dem Schluss gekommen, dass dieser Fall eingetreten sei, und habe nun sehr dosiert darauf reagiert. Soll heißen: Wenn Daimler aus Versehen Arbeiter am Band ins Home-Office geschickt hätte, würde der Konzern diese Entscheidung auch irgendwann korrigieren wollen. „Man kann so etwas nicht einfach mit der Gießkanne einführen.“

Der Youtube-Star Robert Kelly hält übrigens an seinem Home-Office fest. Und auch an der Regel, dass die Kinder grundsätzlich Zugang dazu haben. Hinterher hätten sie selbst über die Szene lachen können, haben er und seine Frau in einem zweiten Interview der BBC anvertraut. „Meine größte Sorge war, dass Sie mich nie wieder anrufen würden“, scherzte Kelly mit dem Fernsehmoderator.

Virales Video
BBC-Experte erklärt TV-Panne mit Kindern
© dpa, afp
Quelle: F.A.S.
Sebastian Balzter
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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