Foto: Familie Roser

Ein Jahr raus

Von SUSANNE PREUSS
Foto: Familie Roser

04.05.2018 · Den Alltag tauschen gegen Traumstrände: Eine Familie gibt für ein Jahr Beruf und Schule auf und reist um die Welt. Eine Zeit intensiver Eindrücke – und ein Balanceakt.

A ntonia hat mal aufgezählt, welche Tiere sie jetzt kennt: Kiwis und Keas und Tuis, Wekas und Wallabies, Emus, Ibisse und Loris sind ihr in den letzten Wochen begegnet. Davon hat sie ihrer Klasse geschrieben. Dort haben sie erst mal googeln müssen. Antonia weiß genau, dass sie gegenüber den Zweitklässlern daheim in Gebersheim bei Stuttgart einen gigantischen Vorsprung hat. Seit sie mit ihren Eltern und ihrem Bruder Valentin im vergangenen Sommer zu einer Weltreise aufgebrochen ist, hat sie quasi ununterbrochen Tierkundeunterricht und Geographie, Englisch und Sport. „Super ist der Sportunterricht, wenn wir auf Treibholzstämmen Schwebebalken üben oder im Sand Weitsprung machen“, sagt sie – und muss doch zugeben, dass alles auch seine Schattenseiten hat: „In letzter Zeit hab ich manchmal Sehnsüchte, nach meiner Oma und meinen beiden besten Freundinnen.“ Doch der Reihe nach. Sehnsüchte sind der Anfang von allem, die Keimzelle für ein Sabbatical, die Ursache dafür, dass Anke und Jochen Roser, zwei gutbezahlte Akademiker, ihre Stellen beim Maschinenbauer Trumpf und beim Autozulieferer Bosch für ein Jahr aufgegeben haben und ganz auf Familie machen. Eine unbändige Reiselust hat Anke und Jochen Roser schon immer verbunden. Bei ihrem ersten Treffen schon haben sie stundenlang übers Reisen gequatscht, damals vor 15 Jahren. Dann sind sie berufstätig geworden, haben Kinder bekommen, ein Bauernhaus renoviert. Mit dem Reisen war es nicht mehr weit her. Bis eines Tages der entscheidende Gedanke sich formte, an einem „beliebig austauschbaren stinknormalen fürchterlich stressigen Tag, an dem wir abends platt wie immer zusammensaßen“, wie Jochen Roser jene frustriert-gestresste Stimmungslage beschreibt, die wohl die meisten Arbeitnehmer kennen. In dieser Stimmung wurde bei den Rosers die Idee für ein Sabbatical geboren.

Anke und Jochen Roser, 41 und 42 Jahre, mit Antonia und Valentin, 8 und 6 Jahre Foto: Familie Roser

Dabei waren sie keineswegs am Limit. Immer schon hatten sich die Rosers in Work-Life-Balance versucht und beide trotz Führungsaufgaben nur jeweils eine 80-Prozent-Stelle. Klar, dass auch mal nachts noch spät daheim das Licht brannte, weil dringend etwas erledigt werden musste. Auch die Zeit für die Kinder sei häufig knapp gewesen. „Insgesamt haben wir das gut hinbekommen“, urteilt Anke Roser, den „Nase-voll-Moment“ habe es nie gegeben, keinen punktuellen Auslöser, sondern einfach den Wunsch, einmal wieder die Batterien aufzuladen.

Vor mehr als drei Jahren war das schon. Heimlich wurde recherchiert: Was könnte das kosten, wo könnte man hingehen, wie ist es mit der Schulpflicht, mit der Arbeit? Und je genauer sie hinschauten, desto eher zeigte sich, dass das Schuljahr 2017/18 genau der beste Zeitpunkt wäre: Projektabschluss beim Papa in Sicht, die Mama hatte noch einen bisher nicht realisierten Anspruch auf Elternzeit, der Sohn war noch im Kindergarten, die Tochter noch nicht auf dem Sprung in die höhere Schule.

Flexible Reiseroute: Geht es mit dem familieneigenen Ford Nugget bald nach Norden? Foto: Familie Roser

Der Plan ging auf, die Chefs bei Bosch und Trumpf stimmten zu, und so sind die Rosers nun mittendrin in ihrem Sabbatical: Anke und Jochen Roser, 41 und 42 Jahre alt, sind mit Antonia und Valentin, 8 und 6 Jahre, gerade am anderen Ende der Welt. Nach einem Trip ins Südsee-Paradies Vanuatu über Ostern mitsamt Übernachtung in einem Baumhaus am Fuße eines aktiven Vulkans sind sie aktuell in Neuseeland, von wo aus sie auch nach Vanuatu aufgebrochen waren. In Neuseeland hat inzwischen der Herbst angefangen, es regnet, und vielleicht haben die Rosers zum ersten Mal seit langem keine Chance auf Traumurlaubsfotos.

Der Blog, den sie über ihre Weltreise schreiben, hört aktuell mit der Rückkehr aus Vanuatu auf: „Der Regen klopft aufs Wohnwagendach ... aber es stört nicht, wird nicht mal wahrgenommen, denn Kopf und Herz haben Vanuatu ohnehin noch nicht verlassen“, schreibt Anke Roser dort: „Zu stark waren die vielen Eindrücke auf Eftate und Tanna, um gleich wieder zum neuseeländischen Alltag übergehen zu können. Da hilft nur eins: Alles nochmal in Ruhe durchträumen und ausführlich aufschreiben.“ Wer die Reiseschilderungen der Familie verfolgt, weiß, dass die Infos immer mal wieder schubweise kommen. Gestartet wurde mit einer dreimonatigen Reise durch Portugal, Spanien und Marokko im August vergangenen Jahres, dann ging es mit Zwischenstopp über Malaysia nach Neuseeland. Von dort gab es schon einen Trip nach Australien. Über Pfingsten macht die Familie Urlaub mit Freunden in Vietnam.

  • Südsee-Paradies Vanuatu, Blick vom Baumhaus in Tanna Foto: Familie Roser
  • Unzählige Eindrücke: Essensstand in Vanuatu Foto: Familie Roser
  • In voller Blüte: Exotische Pflanzen Foto: Familie Roser
  • Frische Früchte soweit das Auge reicht: Markthalle in Vanuatu Foto: Familie Roser
  • Neue Freunde: Antonia beim Ballspielen Foto: Familie Roser
  • Es geht auch mal ohne Brücke: Ritt durchs Wasser Foto: Familie Roser
  • Paradiesisch, aber manchmal auch ein Drahtseilakt: Das Sabbatical-Jahr der Rosers, hier: Blaue Lagune in Vanuatu Foto: Familie Roser
  • Naturkundeunterricht mal anders: Der Mount Yasur qualmt ordentlich Foto: Familie Roser
  • Manchmal auch einfach Strandurlaub: Eton Beach in Vanuatu Foto: Familie Roser

Danach verliert sich die Planung ein bisschen im Ungefähren. Frühestens im Juni geht’s nach Deutschland, aber dann? Mit dem Auto nach Norden? Oder doch besser mit den Eltern eine Radtour über die Alpen machen? „Im Moment sag’ ich: Das war genug Nomadenzeit“, deutet Anke Roser eine gewisse Reisemüdigkeit an. Bis sie im eigenen Schlafzimmer wieder alle viere von sich strecken kann, dauert es aber definitiv noch lange. Das Haus in Gebersheim haben die Rosers vermietet – bis zum 31. Juli.

Also wird die Familie eben noch mehr von der Welt erkunden, es wird sich schon etwas ergeben. Nur ganz grob haben sie ihre Ziele abgesteckt. Wie die Reise tatsächlich verläuft, entscheidet sich spontan: Wo ein traumhafter Strand zum Verweilen einlädt, bleibt man bei schönem Wetter eben noch ein bisschen, und wenn Afrika greifbar nah erscheint, dann bucht man eben die Fähre nach Marokko.

J etzt gerade ist die Familie auf der Suche nach einer neuseeländischen Farm, auf der sie im Mai zwei oder drei Wochen arbeiten kann, jeden Tag ein paar Stunden gegen Kost und Logis, ein paar Touri-Tipps oder auch ein paar Reitstunden. Für Rucksacktouristen ist solche Farmarbeit (organisiert häufig über Wwoof World-Wide Opportunities on Organic Farms) meist ein wesentlicher Posten in der Reisekasse, bei den Rosers ist das deutlich anders – obwohl auch sie sich nicht alles leisten können. Sie erlauben es sich aber, abzuwinken, wenn ihnen ein Landwirt als potentieller Arbeitgeber unsympathisch oder unseriös erscheint. Wie sie es hinkriegen mit ihren Finanzen ist im Familienblog detailliert nachzulesen.

Farmarbeit hilft die Kasse aufzubessern. Eine Erfahrung dieser Art haben die Rosers schon hinter sich. Foto: Familie Roser

Im Januar hat Jochen Roser einmal Kassensturz gemacht und festgestellt: Für die laufenden Kosten reichen im Durchschnitt 80 Euro pro Tag für die ganze Familie. Das meiste Geld geht für Lebensmittel drauf, die fast überall teurer sind als in Deutschland. Ein weiterer dicker Posten ist die Tankrechnung, denn die Familie ist ständig unterwegs: zuerst tourten sie rund 10 000 Kilometer durch Europa mit ihrem Ford Transit Nugget. Seit der ersten Ankunft in Neuseeland Ende November ist die Familie dort etwa 4000 Kilometer je Monat unterwegs mit „Otto“, einer Mercedes M-Klasse Baujahr 1998, die einen klapprigen englischen Wohnwagen namens „Ulla“ hinter sich herzieht, den die Rosers aktuell ihr Zuhause nennen.

Otto heißt der Mercedes, Ulla der Wohnwagen, der für die Rosers ein paar Monate das Zuhause ist. Foto: Familie Roser
Sogar Plätzchenbacken ist möglich. Foto: Familie Roser
Und die Weihnachtskugeln hingen einfach mal in der Stechpalme. Foto: Familie Roser

Die Anschaffungskosten für diese Fahrzeuge, auch wenn sie ihre besten Jahre längst hinter sich haben, schlagen kräftig ins Kontor, und natürlich die Flüge quer durch die Welt. 7000 Euro allein für die Trips, die von vornherein geplant waren. Vanuatu stand da noch nicht auf dem Programm. Und auch nicht jener Extra-Flug von Australien zurück nach Neuseeland, der als eine der größten Pannen in die Sabbatical-Geschichte der Rosers eingehen wird: Als sie einchecken wollten, standen ihre Namen gar nicht auf der Passagierliste – weil der gebuchte Flug nämlich schon ein Tag früher gegangen war. „Seither haben wir das Vier-Augen-Prinzip eingeführt“, sagt Anke Roser – schließlich macht eben jeder mal Fehler, und da ist es gut, wenn nicht einer allein die Verantwortung tragen muss. 800 Euro Lehrgeld hat sie diese Erkenntnis gekostet.

Dass so etwas erst nach mehr als einem halben Jahr Weltreise passiert, darf wohl als Hinweis gelten, dass die Rosers ansonsten gut im Organisieren und Delegieren sind. Ziemlich akribisch haben sie monatelang vor dem Start der Weltreise Excel-Tabellen ausgefüllt und abgehakt: Wer kümmert sich um Impfungen, um die Versicherungen fürs Haus, um nomadenleben-taugliche Kleidung, um die Fortführung des Riester-Rürup-Renten-Papierkrams? All das wurde präzise abgearbeitet. Was es dagegen nicht gab: Absprachen darüber, wie die Familie während des Sabbatical-Jahres funktionieren solle. Ergeben hat sich eine Rollenverteilung, wie sie traditioneller nicht wirken könnte: Wann immer es um Wäsche oder ums Kochen geht, ist Anke Roser am Zug, während „Jochen Roser den Schraubenschlüssel nimmt, um die locker gewordenen Schrauben im Wohnwagen nachzuziehen “. Er ist auch zuständig fürs Fahren. „Ihm wird als Beifahrer schlecht“, sagt Anke Roser, „während ich dabei die Löcher in den Socken stopfen kann.“ Im täglichen Unterricht für die Tochter – der zwecks offizieller „Aussetzung der Schulpflicht“ von den Eltern sehr pflichtbewusst durchgezogen wird – sind die Rollen auch eher klassisch verteilt: Für den Zahlensalat ist Jochen zuständig, für die Adjektive Anke.

Der Schulunterricht für die Kinder wird pflichtbewusst nachgearbeitet. Für Zahlen und Rechnen ist Vater Jochen Roser zuständig, für Wörter, Lesen und Schreiben Mutter Anke Roser. Foto: Familie Roser

Daheim wird es wieder anders sein, denn im Prinzip legen die Rosers seit je Wert darauf, dass jeder alles macht in der Familie. Aber wie wird es überhaupt sein, wenn sie im Herbst wieder in ihr altes Leben eintauchen? Wird es so weitergehen, wie es zuvor geendet hat? Im gleichen Job schon mal nicht, das steht für beide fest. Das Projekt im Bereich Fahrerassistenzsysteme, das Jochen Roser für Bosch leitete, ist beendet. Das in seinem Team entwickelte Produkt läuft mittlerweile in der Großserie, wie der Ingenieur aus der Ferne noch durch regelmäßige Telefonate mit Kollegen verfolgen konnte. „Ich hätte folglich ohnehin eine neue Aufgabe übernommen, was ich nun einfach ein Jahr später mache“, erklärt der Ingenieur nüchtern. Anpassungsschwierigkeiten an die Arbeit erwartet er nicht, im Gegenteil: Weil er das Hamsterrad bewusst verlassen habe und offen sei für neue Eindrücke und Menschen, werde er „mit voller Batterie zurück in den Alltag“ gehen, „mit mehr Energie und neuer Lust auf die Aufgaben, die mich dann erwarten“.


„Ich freue mich, dass ich zu meinem Arbeitgeber zurückkehren kann, wo ich zehn Jahre lang sehr glücklich war, finde es aber wichtig, dort etwas Neues zu tun mit meiner neuen Energie“
Anke Roser

Regelrecht unternehmungslustig hört sich Anke Roser an, wenn sie über die Rückkehr ins Berufsleben spricht: „Ich freue mich, dass ich zu meinem Arbeitgeber zurückkehren kann, wo ich zehn Jahre lang sehr glücklich war, finde es aber wichtig, dort etwas Neues zu tun mit meiner neuen Energie“, sagt sie. Ihre Stelle in der Kommunikationsabteilung, die sie für das Sabbatical aufgegeben hat, ist ohnehin längst besetzt. Was aber tun als Geisteswissenschaftlerin beim Maschinenbauer? Immerhin kann sie zuversichtlich sein: Die Chefin selbst, Nicola Leibinger-Kammüller, die den Milliardenkonzern schon durch die Wirtschaftskrise geführt und seither kräftig weiterentwickelt hat, ist auch weder Ingenieurin noch Betriebswirtin, sondern promovierte Philologin. In solcher Umgebung gedeihen pragmatische Lösungen. Sie habe schon ein paar Ideen, deutet Anke Roser an. Ständig fällt ihr etwas ein, und sie macht sich Notizen in ihrem Handy.

Team Grün am anderen Ende der Welt: Die vielen Reiseeindrücke schweißen die Familie Roser zusammen. Foto: Familie Roser

Sowohl Trumpf wie auch Bosch sind Arbeitgeber, die ihren Mitarbeitern so einige Angebote für eine gute Work-Life-Balance machen – auch konkret für Sabbaticals. Die Rosers haben aber trotzdem von solchen speziellen Programmen gar keinen Gebrauch gemacht. Anke Roser nutzt ein Jahr Elternzeit, Jochen Roser hat ein Zeitkonto geleert und außerdem noch neun Monate unbezahlten Urlaub genommen. Hat das denn die Kollegen auf den Geschmack gebracht, gibt es schon Nachahmer? Der eine oder andere sei schon ins Nachdenken verfallen, berichten die beiden. Der Wunsch nach mehr Freizeit und Familienzeit sei viel stärker verbreitet, als sie es zuvor gedacht hätten. Aber ist wirklich alles so paradiesisch, wie es die unzähligen Blog-Fotos von traumhaften Sonnenuntergängen und türkisfarbenen Stränden, von Tropfsteinhöhlen und Gletscherseen, vom Kamelritt und vom Delphinschwimmen suggerieren? „Es sind so unglaublich viele Highlights. Ich habe schon Angst, dass sich das auch mal abnutzt“, räumt Anke Roser ein. Aber sie ist sich sicher: „Das schweißt uns als Viererteam, als Familie zusammen.“ Ob die Rückkehr in den deutschen Alltag, den alten Trott und den grauen Regen schwer sein wird, darüber spekuliert sie heute noch nicht. Aber: „Diese vielen Erlebnisse und Erinnerungen kann uns keiner mehr nehmen.“

Im Herbst wollen die Rosers der F.A.Z. erzählen, ob sie der Rückkehr-Blues erwischt hat und wie es bei ihnen beruflich weitergegangen ist. Auf FAZ.NET begleiten wir sie auch zwischendurch.
Quelle: F.A.Z.