Werbung der Bundeswehr

We want you!

Von Inge Kloepfer
 - 09:25

Angst ist etwas ganz Natürliches“, sagt Daniel. „Mut ist, Angst zu haben und seinen Auftrag trotzdem zu erfüllen.“ Der Hauptfeldwebel spricht besonnen und nicht einen Deut anders als in den neun bisher ausgestrahlten Videos der neuen Bundeswehr-Serie „Mali“, die gerade mit Hunderttausenden von Zuschauern die Youtube-Charts stürmt. Daniel, der 41 Jahre alt ist und aus Sicherheitsgründen nur seinen Vornamen nennen möchte, ist einer von acht Protagonisten dieser Serie. Er ist gelernter Karosserie- und Fahrzeugbauer, Technikfreak, Späher, Vater. 12 Jahre ist er Zeitsoldat gewesen und seit 2005 Berufssoldat. Fünf Auslandseinsätze hat er hinter sich: zuletzt Mali, davor Afghanistan und Bosnien. Der nächste Einsatz wird wohl wieder Mali sein. Er weiß, was es heißt, Soldat zu sein. So jedenfalls kommt er rüber – nicht nur im persönlichen Gespräch, sondern auch auf dem Bildschirm. Alles vollkommen authentisch.

„Mali“ ist Hauptbestandteil der höchst ungewöhnlichen Rekrutierungsoffensive der Bundeswehr, die sich seit dem Ende der Wehrpflicht ihren Nachwuchs nicht mehr automatisch bekommt. Von Montag bis Donnerstag lädt die Bundeswehr täglich einen neuen Clip der Serie auf Youtube, Facebook und Instagram hoch und entführt die Zuschauer in den westafrikanischen Wüstenstaat. Es geht ins Camp Castor in Gao, wo derzeit rund 1000 deutsche Soldaten stationiert sind. Die Sicherheitslage in Mali ist unberechenbar, der Auslandseinsatz dort der gefährlichste überhaupt. Und die Kamera ist täglich dabei.

„Wir kämpfen, damit Du gegen uns sein kannst“

Die Bundeswehr ist Teil der Mission „Minusma“ der Vereinten Nationen, die das zerrüttete Land stabilisieren soll. Die Tuareg haben sich vor einigen Jahren mit radikal-islamistischen Gruppen verbündet, um im Norden des Landes gegen die Regierung für eine Teilunabhängigkeit ihrer Region zu kämpfen. Wenig später putschte in der Hauptstadt das Militär gegen die Regierung. Seit Sommer 2015 gibt es ein Friedensabkommen, dessen Einhaltung von den Blauhelmen der Vereinten Nationen gesichert werden soll, damit nicht noch mehr Flüchtlinge nach Europa drängen.

In ihrem Werben um Nachwuchs beschreitet die Bundeswehr seit einigen Jahren ganz neue Wege. Sie muss das tun. „Die Wehrpflicht ist seit fünf Jahren passé. Das heißt, die Bundeswehr muss ganz anders und viel aktiver auf junge Männer und Frauen zugehen“, sagt Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU). Zugleich schwinde ohne die vielen Generationen von Wehrpflichtigen in der Gesellschaft das Wissen über die vielfältigen Aufgaben in einer Berufsarmee. „Wir setzen deshalb ganz bewusst auf Doku-Serien wie ‚Die Rekruten’ und ‚Mali’, die einfach zeigen, was ist.“

Schon vor drei Jahren waren die Plakate der Bundeswehr mit provokanten Sprüchen kaum zu übersehen: „Wahre Stärke findest Du nicht zwischen zwei Hanteln“, prangte damals in dicken weißen Lettern auf dem typischen Bundeswehrgrün an Bushaltestellen und Litfaßsäulen. Oder: „Wir kämpfen, damit Du gegen uns sein kannst“. Jetzt richtet die Armee an die entlassenen Crew-Mitglieder der insolventen Air Berlin auf Plakaten am Flughafen und in Zeitungsanzeigen die Botschaft: „Flugbegleiter? Jetzt umsteigen!“ Versehen ist das Ganze mit einem zerbrochenen Schokoladen-Herz von Air Berlin und einem neu verpackten von der Bundeswehr.

So viel Nähe wie noch nie

Mit ihren Youtube-Serien geht die Bundeswehr noch weiter. Denn erstmals bekommt die Truppe der derzeit rund 178.000 Soldaten tatsächlich Gesichter. Zunächst mit Hilfe der Web-Serie „Die Rekruten“, in der zwölf Freiwillige der Marinetechnikschule in Parow während ihrer Grundausbildung gefilmt wurden. Hautnah konnte jeder miterleben, wie es ihnen dabei erging. Über so viel Offenheit rieb sich die Öffentlichkeit die Augen. Die Politik indes zerstritt sich darüber. Insgesamt wurden die Beiträge 45 Millionen Mal geklickt. Nun hat auch die Mali-Serie einen furiosen Start hinter sich. Eine halbe Millionen Menschen haben binnen weniger Tage die erste Folge angeschaut. Etwa 300.000 die nächsten. Die Zahlen dürften noch steigen, denn die Serie spricht sich gerade erst herum. Zu den täglichen Folgen kommen ein Mail- und ein Chatbot. Wer zuschaut, soll sich fühlen, als wäre ein eigener Freund im Einsatz dabei.

So viel Nähe war nie. „Wir zeigen das Leben und Arbeiten im Camp. Wir zeigen die großen Belastungen, denen unsere Soldatinnen und Soldaten in der Krisenregion in der Wüste ausgesetzt sind, aber auch den ganz normalen Alltag. Der ist mal anstrengend, mal witzig, auch mal langweiliger, als das manche denken mögen, aber immer authentisch“, sagt Dirk Feldhaus, Beauftragter für die Kommunikation der Arbeitgebermarke Bundeswehr im Verteidigungsministerium.

11 Prozent des Bundeshaushalts

Der mediale Rundumschlag hat seinen Grund: Erstmals seit dem Kalten Krieg befindet sich die Bundeswehr wieder auf Wachstumskurs. Bis 2024 soll die Truppenstärke um rund 12.000 Zeit- und Berufssoldaten und Soldatinnen zulegen. Dazu kommen 1000 Reservisten und noch einmal 5000 zivile Mitarbeiter. 198.000 Soldaten und Soldatinnen soll die Bundeswehr dann umfassen, dazu 61.400 Zivilisten.

Der neue Kurs geht auf einen politischen Paradigmenwechsel zurück. Die Annektierung der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland und die russischen Interventionen in der Ostukraine haben die osteuropäischen Nato-Partner aufgeschreckt. Polen und die baltischen Staaten sind in Sorge. Und auch in Deutschland wird aufgrund einer vermuteten neuen Bedrohungslage umgedacht: So soll die Bundeswehr fortan ihre Fähigkeiten in der Landesverteidigung zurückgewinnen, die sie bis Anfang der 1990er Jahre noch hatte, die danach allerdings im Zuge einer Schrumpfkur und der Konzentration auf Auslandseinsätze in den Hintergrund gerieten. Ein Viertel Jahrhundert des Schrumpfens sei vorbei, hatte Ministerin von der Leyen schon im vergangenen Jahr verkündet. Jetzt ist wieder Wachstum angesagt. Und das bedeutet nicht nur Material, sondern vor allem sehr viel mehr Mitarbeiter. Dafür gibt es auch deutlich mehr Geld. Der Verteidigungsetat von derzeit 37 Milliarden Euro – immerhin 11 Prozent des Bundeshaushalts und 1,2 Prozent des Bruttoinlandprodukts – soll 2018 auf 38,5 Milliarden Euro steigen und dann 2021 auf 42,3 Milliarden.

Mehr Rückhalt von den Leuten gewünscht

Die Wachstumsbestrebungen fallen allerdings in eine Zeit mit Jahrgängen stark sinkender Geburtenzahlen. Wachstum gegen dem demografischen Trend – das ist auch für einen noch immer sehr beliebten Arbeitgeber wie die Bundeswehr eine Herausforderung. Die Jahrgangsstärken sinken in den nächsten Jahren von 750.000 auf etwa 600.000. Darüberhinaus erhöht die veränderte Sicherheitslage im Inland den Wettbewerb. Denn nicht nur die Bundeswehr, auch Bundes- und Landespolizei und die Nachrichtendienste suchen händeringend Nachwuchs und sind in ihren Kampagnen kaum weniger offensiv.

Countdown – der politische Newsletter der F.A.Z.
Countdown – der politische Newsletter der F.A.Z.

Starten Sie den Morgen mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen des Tages. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

Mehr erfahren

Dazu boomt auch noch die Wirtschaft. Für die Bundeswehr liegt die Schwierigkeit zudem in dem regelmäßigen Ausscheiden von Zeitsoldaten, die nach vier, acht oder zwölf Jahren meist ziemlich erfolgreich in die Wirtschaft wechseln. Ungefähr 25.000 Menschen muss sie deshalb jedes Jahr einstellen, um den Weggang auszugleichen und die Wachstumsvorgaben einzuhalten. Für eine gute Auswahl brauchte sie dafür jährlich 100.000 Bewerbungen, viel mehr als zurzeit eingehen. Im härter werdenden Kampf um Nachwuchs ist es schon ein Erfolg, die Bewerberzahl stabil zu halten. 2016 haben sich 58.400 Menschen bei ihr beworben, fast so viel wie 2015. 24.600 Bewerber wurden zur Vorstellung eingeladen. Bis Ende September dieses Jahres lag die Bewerberzahl bei 40.000. Jetzt hofft man auf einen neuen Schwung durch die Mali-Serie. Doch einfach ist das trotz der hohen Zuschauerzahlen nicht.

Dabei hat die Serie noch eine andere Zielrichtung. Sie soll den Imagewandel der in Deutschland nie wirklich ganz akzeptierten Armee befördern. „Die Bundeswehr hatte nicht das Image und auch nicht den Rückhalt in der Bevölkerung, wie ich mir das als Soldat wünsche“, sagt Hauptfeldwebel Daniel. So jedenfalls habe er es bisher immer empfunden. „Dass es sich um einen anspruchsvollen und wichtigen Beruf handelt, wird nicht so sehr gesehen.“ Genau das wäre ihm aber wichtig. Auch dafür, schätzt er, sei die Serie sinnvoll.

„Ich bin Berufssoldat, kein Schauspieler“

Den Kommentaren unzähliger Zuschauer nach zu urteilen, liegt er nicht ganz falsch. Die Truppe bekommt ordentlich Zuspruch. Das sieht auch Ministerin von der Leyen so: „Unsere Soldatinnen und Soldaten sind mit ihrem Stolz, der Kameradschaft und der professionellen Hingabe, mit der sie ihre wichtige Aufgabe für unser Land angehen, selbst die besten Botschafter für eine Parlamentsarmee, die jedes Jahr Zehntausende neuer Bewerber braucht. Die breite positive Resonanz auf diese moderne Personalwerbung tut der ganzen Truppe gut.“

Das alles lässt sich das Verteidigungsministerium ziemlich viel kosten: Zwei Millionen Euro hat die Produktion der 40 kurzen Episoden verschlungen. Weitere 4,5 Millionen Euro fließen in die Werbemaßnahmen, damit die Serie in den diversen sozialen Medien auch möglichst viele findet, die ihr folgen. Aber ob das auf Dauer ausreicht, den Nachschub an Nachwuchs zu sichern?

Hauptfeldwebel Daniel würde ganz persönlich eher auf die Wiedereinführung der Wehrpflicht setzen. Aus guten Gründen: Die Wehrpflicht hätte den Vorteil, dass bei der Bundeswehr dann alle sozialen Schichten aufschlügen und damit eben auch junge Menschen, die sonst nie auf den Gedanken gekommen wären, sich zu verpflichten. Mit einer Wehrpflicht gäbe es die Chance, sie für die Bundeswehr zu interessieren. „Und auch die brauchen wir.“ Er selbst habe auch erst durch den Grundwehrdienst gemerkt, dass die Bundeswehr für ihn eine interessante Perspektive biete.

„Ich bin Berufssoldat, kein Schauspieler. Ich verstelle mich nicht und fluche auch manchmal“, sagt der Hauptfeldwebel noch. So jedenfalls sieht er seinen Beitrag zur Mali-Serie und zu den Rekrutierungsbemühungen der Bundeswehr. Die Authentizität funktioniert offensichtlich. Ungeachtet der Gefährdungslage in Mali sind die Zugriffszahlen auf die Karriere-Seite der Bundeswehr im Internet zuletzt stark gestiegen. Sie haben sich verzehnfacht.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kloepfer, Inge (ink.)
Inge Kloepfer
Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenUrsula von der LeyenMaliAir BerlinBMVgBundeswehrCDUFacebookUNYoutubeWehrpflichtWerbung