<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Berufliche Deformation

Warum hast du mich nicht gewarnt?

Von Philipp Krohn
 - 11:39

Er flippt nicht so leicht aus

Piloten fliegen große Flugzeuge sicher über Ozeane. Rechts ranfahren geht nicht, das lernen sie schon früh in ihrer Ausbildung. Sie müssen vor dem Start berechnen, bis wann sie den Abflug noch abbrechen könnten. „Das mache ich innerlich jedes Mal, wenn ich an eine Ampel heranfahre“, sagt mein Freund über sich selbst. Eine starke Macke sei das – anders als die Fähigkeit, schnell einen Plan B oder C zu ermitteln. Davon profitiere er auch im Alltag. Bei Segeltörns mit Freunden macht sich bemerkbar, dass er anders mit Problemen umgeht als andere Menschen. Er flippt nicht so leicht aus. Als Verantwortlicher dafür, dass die Crew harmonisch arbeitet und so die Sicherheit gewährleisten kann, muss er immer beide Seiten einer Medaille betrachten, um zwischen beiden Konfliktparteien vermitteln zu können. Es ist eine Pilotenkrankheit, nicht sofort Partei zu ergreifen. Wenn ich selbst mal in einem Konflikt mit jemand anderem stecke, fehlt mir bisweilen sein Bekenntnis, dass ich es vielleicht schlicht mit einem Idioten zu tun habe. Er sagt stattdessen immer: „Versetz dich in seine Position.“ Prägend sind auch die Zeitverschiebungen. Deshalb isst er immer spätabends, kocht meist erst gegen elf oder halb zwölf. Und zu Hause fliegen immer Checklisten herum, kleine To-do-Zettel, wie er sie auch vor dem Abflug im Kopf haben muss. Es ist eine Genugtuung für ihn, sie abzuhaken. Und selbstverständlich ist es, Begriffe aus dem Cockpit in den Alltag zu integrieren: Disregard, continue, go, say again – eine kurze prägnante und klare Sprache. Auch die vielen Knigge-Regeln seines Arbeitgebers hat er verinnerlicht. Man grüßt sich und bedankt sich gegenseitig für erledigte Leistungen. Im Alltag bedankt und verabschiedet er sich sogar vom Busfahrer.

Eine Flugbegleiterin über ihren Freund, einen Piloten

Video starten

Traumjob in der MännerdomäneFrauen auf der Baustelle

Das Kopfkino der Krankheiten

Allgemeinmediziner stehen unter Beobachtung. Auf den Bewertungsportalen kann man überall auf der Welt lesen, wie sie ihre Arbeit erledigen. Meine Frau wird als einfühlsam beschrieben. Aber dieses Maß an Empathie kann sie nicht immer auch in der Familie aufbringen. „Liegst Du immer noch im Bett?“, ruft sie ihrem schnupfenden Mann nach einer Stunde ungläubig zu. Wahrscheinlich ist ihr Einfühlungsvermögen nach einem Tag mit Dutzenden Patienten einfach aufgebraucht. „Stell dich nicht so an“, verlangt sie von den Kindern beim Pflasterabreißen. Dieselbe Frau, die im Internet als so verständnisvoll beschrieben wird? Anders ist es, wenn Freunde über ihre gesundheitlichen Probleme reden. Dann kann sie klare Diagnosen schnell nennen. Betrifft es aber die eigenen Kinder, verliert sie ihre Coolness. Dann kann sich das eigene Wissen sogar als hinderlich erweisen – denn es schafft eine Grundlage, um in Katastrophenszenarien abzudriften. Was könnten diese Symptome alles bedeuten? Als Unkundiger neigt man dazu zu sagen: Alles nicht so wild! Bei ihr dagegen startet sofort das Kopfkino: Wenn es so ist, wie ich vermute, was könnte es dann sein? Das ist wahrscheinlich eine unvermeidliche Deformation. Eine andere Schwäche, die typisch für Mediziner ist, hat sie aber nicht: Viele gehen nicht zu anderen Kollegen, weil sie ohnehin glauben, sich selbst am besten diagnostizieren zu können. „Ich weiß, was es ist“, sagen sie dann und bleiben zu Hause. Sie sind schlecht als Patienten.

Ein Psychiater über seine Ehefrau, eine Allgemeinmedizinerin

Detailverliebt mit Sprachfimmel

Juristen und Ärzte scheinen einfach nicht zusammenzupassen. Könnte man meinen: Denn die einen bewerten alltägliche Sachverhalte nach dem Prinzip „am wahrscheinlichsten ist doch, dass...“. Die anderen dagegen müssen auch den einen chronisch Kranken berücksichtigen, für den ein Symptom gefährlich ist. Ärzte also überlegen, was das Schlimmste ist, das passieren kann. Juristen suchen danach, wie man einen Fall verallgemeinern und welches Gesetz man darauf anwenden kann. Der Fall soll gelöst werden – möglichst eindeutig und unstrittig. Die augenscheinlichste berufliche Deformation meines Mannes ist deshalb sein Beharren auf einer eindeutigen Sprache. Im Konflikt kann das dazu führen, dass Dahergesagtes genau auf die Wortbedeutungen analysiert wird. Ein falsch benutztes Wort kann schon die gesamte Aussage verändern. Begriffe wie „häufig“, „oft“, „immer“ sind genau definiert. Das zwingt auch mich dazu, präzise zu formulieren und genauer auf die Sprache zu achten, was in hektischen Situationen sehr anstrengend ist. Was nämlich, wenn man diese genauen semantischen Festlegungen gar nicht kennt? So entstehen oft Missverständnisse. Wischiwaschi-Aussagen werden nicht geduldet. Doch die Deformation hat auch ihre Vorzüge: Der Jurist ist sehr gut in der Mediation, konziliant (und geübt) in Konflikten mit Außenstehenden. Da fällt auch mal der Satz: „Ich kann Sie sehr gut verstehen, aber juristisch können wir leider nicht anders.“ Ein bisschen Korinthenkackertum muss man also in Kauf nehmen, wenn man sich mit Juristen einlässt. Aber dafür bekommt man auch die bestformulierten Liebesbriefe, Liebes-SMS oder Liebes-Post-Its, die man sich denken kann.

Eine Kinderärztin über ihren Ehemann, einen Rechtsanwalt

Er will gar nicht immer mit Leuten reden

Pastoren sind seit jeher die öffentlichsten Personen eines Stadtteils oder einer Kommune. Eine Pause von ihrem Beruf gibt es nicht, selbst beim Einkaufen müssen sie zugewandt sein. Als öffentliche Persönlichkeit ist es für meinen Mann auch wichtig, beliebt zu sein. Das geht so weit, dass er anderen Menschen nicht auf den Schlips treten will, wenn es vermeidbar ist. Er ist Konflikte gewohnt, aber aus einer christlichen Haltung heraus will er nicht auf Konfrontation gehen. Das heißt nicht, dass er konfliktscheu ist, aber er lässt Streitigkeiten ungern eskalieren und versucht sie so zu lösen, dass jeder sein Gesicht wahren kann. Ich finde manchmal, man kann deutlichere Worte finden. Aber da ist man als Lehrerin in einer anderen Rolle. Mein Mann steht noch stärker unter Beobachtung der Allgemeinheit und sucht nach Vier-Augen-Situationen, um seinen Standpunkt vorzutragen. Auf keinen Fall will er jemanden vorführen. So verwendet er nie negative Beispiele aus der Gemeindearbeit, um sie durch seine Predigten öffentlich zu machen. Auch sein eigenes Familienleben lässt er nur sehr selten in seine Gottesdienste einfließen, um die Privatsphäre zu schützen. Das Thema Konfliktmanagement hat er aber auch erkannt: Als er einmal eine familiäre Auszeit hatte, hat er sich sogar selbst zum Ziel gesetzt, seine Meinung noch deutlicher zu zeigen und Konflikte auszuhalten. Gleichzeitig aber besitzt er die Fähigkeit, Menschen und Situationen gut einzuschätzen und Dinge auf den Punkt zu bringen. Froh ist er, wenn er im Urlaub mal die öffentliche Rolle ablegen kann. Dann ist er gar nicht so zugewandt, wie man ihn aus dem Alltag kennt. Das ist für ihn auch Arbeit, er will gar nicht immer mit Leuten reden.

Eine Gymnasiallehrerin über ihren Ehemann, einen evangelischen Pastor

Nüchtern durch den Alltag

Meine Freundin und Mutter unserer drei Kinder durchdringt Probleme sehr schnell. Sie neigt nicht zum Überdramatisieren, steckt die Emotionen eher zurück. Ich begrüße all diese Eigenschaften, sie machen auch mir das Leben angenehmer. Sie ist Physikerin und arbeitet als quantitative Analystin in der Finanzbranche. Physiker sind gewohnt, in Rechenmodellen zu denken. Das kann auch ärgerlich sein – mir kommt es aber entgegen. Manch ein Wirtschaftswissenschaftler hat es schon leidvoll erfahren: Die Mühen eines ganzen Semesters waren vergebens, wenn plötzlich zum Schluss ein Physiker auftauchte und ohne große Vorbereitung die besten Noten eingesammelt hat. Auch die Kollegen meiner Frau sind vor allem daran interessiert, ihre Algorithmen zu verfeinern. So wie sie im Beruf komplexe Sachverhalte mit festen Regeln in Verbindung bringt, so tut sie es im Alltag. Überflüssigen Ballast wirft sie über Bord. In den Kinderwagenburgen, also zum Beispiel in Familiencafés, wo den ganzen Tag über von den Kindern erzählt wird, fühlt sie sich nicht wohl. Weil sie sich nicht so von Gefühlen leiten lässt, erscheint ihr manches unnötig, was in dieser Welt ausgetauscht wird. Eine Doktorin der Physik sollte man sich nicht als Emotionsbündel vorstellen. Sie ist an Problemlösungen interessiert, das ist allerdings keine Prägung durch das Physikstudium, sondern die zufällige Wahl des richtigen Fachs und Berufs. Sie hat etwas gefunden, das ihrem Charakter entgegenkommt.

Ein Banker über seine Freundin, eine Physikerin, die in der Finanzbranche arbeitet

Wieso musst du Urlaub einreichen?

Bei dieser Vorgeschichte stand die Karriere meiner Frau eigentlich längst fest. Jedenfalls hat es keinen überrascht, dass sie diesen beruflichen Pfad einschlug: Nachhilfelehrerin in der Jugend, Au-pair-Mädchen nach dem Abitur – schließlich wurde sie Lehrerin. Erziehung spielte schon immer eine große Rolle in ihrem Leben. Dass das im Alltag nicht nervt, liegt daran, dass sie ihre Fähigkeiten nicht anderen aufzwingt und die berufliche Rolle ablegt. Trotzdem hinterlässt der Beruf seine Spuren: Sie redet auch in Gesprächen in der Öffentlichkeit ziemlich laut. Besonders gern über Themen wie Schule, Eltern und Kinder. Es ist halt ein Beruf, der permanent Geschichten über Menschen zutage fördert. Umgekehrt macht ihr Lautstärke überhaupt nichts aus. Egal, wie viele Kinder um sie herumtänzeln: Es fällt ihr nicht schwer, auch große Mengen von ihnen zu managen. Sie ist ein Morgenmensch, abends darf man nichts Berufliches von ihr verlangen. Was in der Partnerschaft zu Konflikten führen kann, ist das völlige Unverständnis dafür, dass man außerhalb des Schuldienstes Urlaub einreichen und sich dafür mit Kollegen verständigen muss. Denn für die Lehrerin ist Urlaub dann, wenn Ferien sind. Das führt auch immer wieder zu Anfeindungen von Mitmenschen, die die große Zahl von Ferienwochen für schlichtweg ungerecht halten. In den ersten Jahren des Berufslebens hat sie das unter Rechtfertigungsdruck gesetzt. Inzwischen lautet ihre pauschale Antwort: Wenn euch Urlaub so wichtig ist, hättet ihr doch auch Lehrer werden können!

Ein Architekt über seine Frau, eine Grundschullehrerin.

Fakten und nicht so lange Sätze

Wer Bedienungsanleitungen schreibt, braucht eine Fähigkeit: Er muss etwas scheinbar sehr Komplexes sortieren und nach Möglichkeit ganz einfach darstellen. Das gelingt nicht allen, wie man an den vielen Anleitungen aus Möbel- oder Heimwerkergeschäften ablesen kann. Das Ziel ist es aber auch für die Projektmanagement-Software, die der Arbeitgeber meines Mannes herstellt: komplexes Produkt, möglichst einfache Darstellung. Das zu beherrschen, kann auch im Alltag hilfreich sein, wenn es um Konflikte mit Behörden geht oder darum, mir für mein Arbeitsumfeld mal einen Rat zu geben. „Konzentrier dich auf Fakten und schreib nicht so lange Sätze“, sagt er dann gern. „Das verwäscht die Message.“ Man merkt, dass er im Beruf gewohnt ist, ohne Umschweife zum Punkt zu kommen. Tatsächlich führt die schlanke Art zu schreiben auch in den meisten Fällen zu den gewünschten Ergebnissen. Aber natürlich liegt hier auch die Basis einer Deformation. Gerade wenn er im Schaffensmodus ist, ist er darauf gepolt, Konfliktfälle schnell aufzulösen. Ich will etwas erklären und setze an, doch er glaubt schon zu wissen, wie sich der Sachverhalt aufdröseln lässt. Dann ist er noch nicht bereit für abweichende Gedanken. Aber die Deformation ist nicht dauerhaft: Am Wochenende, wenn er nicht im Schaffensmodus ist, öffnet er sich mehr für die unerwarteten Gedankengänge. Aber er fasst sie am Ende in einfacher Sprache und in schlanken Beschreibungen wieder zusammen.

Eine Bewegungstherapeutin über ihren Mann, einen Technischen Redakteur

Machen Sie mit!

Ist Ihr Partner / Ihre Partnerin auch beruflich deformiert? Dann schreiben Sie uns unter berufundchance@faz.de

Quelle: F.A.Z.
Philipp Krohn
Redakteur in der Wirtschaft.
  Zur Startseite