Zeitaufwändige Integration

Wenige Flüchtlinge finden in Österreich Arbeit

Von Michaela Seiser, Wien
 - 13:19

Die Beschäftigung von Flüchtlingen ist in Österreich ein ebenso heikles Thema wie in Deutschland. Viele würden gern, viele scheitern. Jede Seite kann von Erfolgen und Misserfolgen berichten. Bisher hat erst ein kleiner Teil der in den vergangenen zwei Jahren nach Österreich Geflohenen einen Platz am Arbeitsmarkt gefunden. Erfolgreich in der Beschäftigung ist die Backwarenkette Ölz, die in Österreich fest verankert ist. Zwischen Wien und Bregenz ist sie der Platzhirsch in der Branche. Mehr als fünf Dutzend Flüchtlinge gehören zum Mitarbeiterkreis des Traditionsunternehmens aus Dornbirn. Sie arbeiten als Lagerarbeiter und als Hilfskraft in der Produktion, erklärt Daniela Kapelari-Langebner, Geschäftsführerin. Es gibt aber auch Mitarbeiter, die eine erste Stufe in der Karriereleiter genommen haben und als Zopfer tätig sind, wie die Teigflechter genannt werden oder als Maschinenführer.

In Vorarlberg Arbeitskräfte zu gewinnen ist schwierig, jedenfalls schwieriger als rund um die Hauptstadt Wien. „Für motivierte und arbeitswillige Personen ist immer ein Platz“, sagt die Geschäftsführerin, unabhängig von dem aktuellen Flüchtlingsproblem. „Wir sind überzeugt davon, dass Unternehmen mit gemischten Teams – Frauen und Männer, Junge und Ältere, Österreicher und Nicht-Österreicher – erfolgreicher am Markt sind.“ Ölz will Diversität im Unternehmen leben. Die mehr als 900 Mitarbeiter von Ölz kommen aus 39 Nationen. Das sei schon herausfordernd, gibt das Unternehmen zu. „Aber wir wollen uns dem stellen.“ Sehr ernst nimmt die Bäckerei die Kommunikation und veranstaltet daher Sprachkurse. Für ein besseres Miteinander werden in Zusammenarbeit mit einer Volkshochschule Deutschkurse in Kleingruppen durchgeführt. „Die Kurse finden während der Arbeitszeit statt und werden von zusätzlichen Einzelgesprächen begleitet. Dies stärkt das gegenseitige Vertrauen, die Bereitschaft mitzumachen und es begegnen sich langjährige Mitarbeitende und neu angekommene Menschen“, sagt Kapelari-Langebner. Auf einer Lernplattform befinden sich die Unternehmenstexte in leicht verständlicher Sprache. Die Plattform umfasst neben den Kursinhalten mit Lern-Quiz ein eigenes, ständig wachsendes Ölz-Wörterbuch mit Vorlesefunktion sowie mit bekannten Bildern. Das hilft in der Integration.

Angetan von der Einstellung eines syrischen Lehrlings vor wenigen Wochen ist auch der Logistikspezialist Nothegger Systemlogistik in Tirol. „Der Mann zeigt alleine schon bei der Bewerbung seinen Einsatz, er bekommt weniger Lehrlingsgehalt als Grundsicherung. Er ist intelligent, fügt sich ein, ist arbeitswillig und das Defizit an der Sprache wird in spätestes einem halben Jahr überwunden sein.“ Der Fachkräftemangel in Tirol sei extrem, sagt Geschäftsführer Thomas Scheiring. „Ich glaube, dass alle gut daran tun würden, auf solche Mitarbeiter zu setzen“. Neben Mittelständlern stellen sich auch bekannte börsenotierte Unternehmen der Flüchtlingsfrage. Der Stahlverarbeitungskonzern Voestalpine hat vor einem Jahr insgesamt 16 asylberechtigten Jugendlichen eine Lehrausbildung ermöglicht. Nachdem in der Zwischenzeit fünf Personen vorzeitig aus dem Ausbildungsprogramm ausgeschieden sind – vier davon auf eigenen Wunsch – sind die Erfahrungen mit den verbleibenden elf Lehrlingen positiv. „Die Jugendlichen zeigen hohes Engagement und Lernbereitschaft; sie haben sowohl sprachlich als auch fachlich deutliche Fortschritte gemacht“.

Eingeschränkter Personenkreis

Ausbildungsplätze für asylberechtigte Jugendliche sind Teil eines Maßnahmenpaketes zur Flüchtlings- und Integrationshilfe, das Voestalpine im Herbst 2015 beschlossen hat. Es handelt sich dabei um zusätzliche Lehrstellen. Das Unternehmen investiert grundsätzlich 70.000 Euro in die Ausbildung eines Lehrlings, bildet derzeit 1320 Lehrlinge aus und beschäftigt insgesamt 50.000 Mitarbeiter. Da die Aufnahme in die Lehrausbildung nur für Menschen mit einem positiven Asylbescheid möglich ist, schränkte sich der Kreis an Personen, die in Frage kamen, ein. Weitere Schwierigkeiten im Aufnahmeverfahren stellten zudem die sprachlichen und fachlichen Kompetenzen der Jugendlichen dar. Zur Auswahl wurde daher ein mehrwöchiges Qualifizierungsprogramm gestartet, das in einem ersten Schritt mehr als 30 Personen durchliefen. Neben der Vermittlung von Grundsatztugenden, wie Pünktlichkeit oder Umgang mit Regeln und vorgesetzten, lag der Schwerpunkt auf der Vermittlung fachlichen Begriffen und Grundfertigkeiten im Metall- und Elektrobereich. In der Unternehmenszentrale in Linz wurde dazu ein eigener Vorbereitungslehrgang aufgesetzt. Dafür wurden zusätzlich rund 5500 Euro je Teilnehmer investiert. Voestalpine gibt zu bedenken, dass eine Lehre in finanzieller Hinsicht oft keine interessante Option für Flüchtlinge ist, die sich eine neue Existenz aufbauen und oftmals auch für eine Familie sorgen müssen. Nicht zuletzt auch die Planbarkeit, eine Ausbildung über die nächste drei Jahre verfolgen zu können, sei eine Voraussetzung, die nicht jeder Asylberechtigte erfüllen kann, weist Voestalpine auf Probleme hin.

Österreich gehört zu den beliebten Zielländern in Europa für Flüchtlinge. Rund ein Viertel der von Anfang 2015 bis Mitte 2016 anerkannten Flüchtlinge, die sich beim staatlichen Arbeitsmarktservice (AMS) gemeldet haben, fanden bisher eine Beschäftigung. Das sei kein Grund für Jubel, stellt der AMS fest. „Aber es ist auch nicht weniger als erwartet“. Immerhin stellte das deutsche Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung auf Grundlage von Erfahrungen früher Flüchtlingsmigration fest, dass die Beschäftigungsquote dieser Gruppe von unter zehn Prozent im Zuzugsjahr erst fünf Jahre nach Zuzug auf die Hälfte steigt.

Der AMS kann nur die Arbeitsmarktintegration jener Personen beurteilen, die sich irgendwann als erwerbslos gemeldet haben. Es gibt aber durchaus auch Schutzberechtigte, die ohne Hilfe des AMS eine Stelle finden, etwa unterstützt durch die eigene ethnische Gemeinschaft oder durch die noch immer zahlreichen ehrenamtlichen Helfer. Daher ist die Zahl der beschäftigten Flüchtlinge höher. Ende August weist der Hauptverband der Sozialversicherungsträger 15656 unselbständig Beschäftigte aus Syrien und Afghanistan aus. Das ist ein Zuwachs von rund einem Drittel gegenüber dem Vorjahr. Die wichtigsten Branchen, in denen Flüchtlinge eine Beschäftigung gefunden haben, sind das Gastgewerbe, die Zeitarbeit und der Handel. Asylberechtigte sind am Arbeitsmarkt Österreichern gleichgestellt. Am besten qualifiziert sind Flüchtlinge aus Syrien, dem Iran und Irak. Sie haben mehrheitlich eine über die Pflichtschule hinausgehende Ausbildung. Am schlechtesten qualifiziert sind afghanische Flüchtlinge.

Viel Verbesserungspotential bei Integration

Dass Österreich der Facharbeitermangel nach wie vor besteht, zeigt ein Blick in die Statistik: Ende September waren 62.445 Stellen in Österreich unbesetzt, das ist ein Zuwachs von fast 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Eine überwiegende Mehrheit der Unternehmen in Österreich würden derzeit Flüchtlinge, die eine Arbeitsberechtigung haben, im eigenen Betrieb einstellen. Drei von fünf Unternehmen in Österreich sehen bei den aktuellen Integrationsmaßnahmen Verbesserungspotenzial.

Fast zwei von drei mittelständischen Unternehmen befürworten eine gesteuerte Zuwanderung, um gezielt Fachkräfte zu finden. Doch geht nur weniger als jedes vierte Unternehmen davon aus, dass sich die stark gestiegene Zuwanderung positiv auf die österreichische Wirtschaft auswirken wird. Fast jeder dritte Befragte rechnet hingegen mit negativen Auswirkungen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Seiser, Michaela (ela.)
Michaela Seiser
Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
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