Abschlussfeiern an Hochschulen

Ein Hoch auf uns

Von Deike Uhtenwoldt
 - 14:30

Draußen wird schon der Sekt gekühlt, drinnen kocht der Saal: Eine indische Familie mit Kleinkind auf dem Arm steht ratlos im Gang vor Reihe zwanzig – wo sind bloß die zwei Plätze geblieben, die ihnen die Einladung der Hochschule versprochen hatte? „Bitte gehen Sie weiter, Sie versperren uns die Sicht“, zischen Gäste auf weinroten Klappsesseln hinter ihnen, denn vorne hat längst der Einzug begonnen.

Hunderte junge Menschen betreten den Konzertsaal bei feierlicher Musik, sie tragen Schärpen in unterschiedlichen Farben. Rot steht für den Bachelor of Science, Blau für den Master, Grün für die Promotion. Dann noch das, was man in den Vereinigten Staaten als „mortarboard“, Mörtelbrett also, oder auch als Barett kennt: schwarze Kappe, quadratische Platte drauf, baumelnde Quaste an einer Seite. Willkommen bei der 23. Absolventenfeier der Technischen Universität Hamburg, kurz TUHH.

Ein Festakt mit Chor

Ein Festakt, der von Pauken und Trompeten, einem A-cappella-Chor sowie studentischen und professoralen Festtagsreden begleitet wird – und sich über drei Stunden zieht. Schließlich wird jeder Absolvent namentlich auf die Bühne gebeten, von seinem Dekan per Handschlag begrüßt und von Vertretern des Vereins „Alumni und Förderer der TUHH“ mit Urkunde und Kaffeebecher mit Hochschul-Logo geehrt.

Dazu noch Einzelfotos auf der Bühne und Gruppenfotos in den Musikpausen – ein durchgetakteter logistischer Kraftakt, um den der Moderator nicht zu beneiden ist: Er muss rund 350 Namen aus 23 Ländern dieser Welt möglichst richtig aussprechen. Da ist es fast schon ein Segen, dass nur gut die Hälfte der Absolventen auch tatsächlich zum Festakt erschienen sind.

Tristesse war gestern

Das Beispiel steht für einen Trend: Zentrale Abschlussfeiern für die Absolventen sind en vogue, und Vorbilder aus dem angloamerikanischen Kulturraum greifen um sich. Wer sich einen Überblick verschaffen will, sucht unter den Stichwörtern „2017“ und „Absolventenfeier“ nach Videoclips im Netz und findet Talare, lateinische Sprache und namhafte Sponsoren an der Universität Bonn oder Sonnenblumen und fliegende Strohhüte an der Universität Lübeck. „Das Abschlussritual wird schon sehr individuell angepasst“, sagt Margaretha Schweiger-Wilhelm.

Die Ethnologin hat auf dem zweiten Bildungsweg über Leitbilder einer neuen akademischen Festkultur promoviert. Zuvor hatte die frühere Asta-Sekretärin an der Universität Augsburg jahrelang beobachten können, wie schwer sich die Absolventen mit dem formlosen Ende ihres Studentenlebens taten: „Eine muffige Mitarbeiterin des Prüfungsamtes überreicht das Zeugnis – und das war es dann.“

Generation Kindergeburtstag

Für die Volkskundlerin hat die Rückbesinnung auf traditionelle Abschlussrituale zwei Triebkräfte: Auf der einen Seite sind es die Studierenden, die seit der Bologna-Reform zwar international kompatible Studienabschlüsse erwerben konnten, aber eine amtliche Würdigung erst einfordern mussten. Schweiger-Wilhelm spricht von der „Generation Kindergeburtstag“. Denn: „Für alles, was man erreicht hat, wird man gefeiert, vom ersten verlorenen Milchzahn bis zum Führerschein. Aber an der Universität fühlt man sich plötzlich als Nummer.“ Dass es auch anders gehen kann, lernte diese Generation zunehmend über gestreamte Serien aus dem amerikanische Campusleben. „Das hat eine Vorbildfunktion entwickelt“, sagt die Referentin der Bayerischen Amerika-Akademie München.

Auf der anderen Seite stehen die Hochschulleitungen selbst, die internationalen Vorbildern nacheifern. Den Absolventen ihr Diplom einfach so mit der Post zuzustellen sei lieblos und unpersönlich gewesen, sagt Jasmine Ait-Djoudi, Sprecherin der TUHH. Vor allem nahm es der Hochschule die Möglichkeit der Begegnung, des Austausches und der Verankerung. „Der Studienabschluss sollte den Absolventen in positiver Erinnerung bleiben, um so die Bindung an die TUHH zu stärken“, sagt Ait-Djoudi.

Eine Feier für jedes Semester

Schon vor zwanzig Jahren hat die Technische Universität eine Absolventenfeier eingeführt, damals noch in der Hauptkirche der Stadt, zusammen mit der Handwerkskammer: „Ingenieure und Meister sind jeweils Meister ihres Faches.“ Zehn Jahre später waren die studentischen Absolventenzahlen so groß geworden, dass man auf eine eigene Feier pro Semester setzte. Fünf Jahre später brachte ein neuer Präsident Vorbilder für einen würdigen akademischen Abschluss aus seinem Studium an einer amerikanischen Universität im Libanon mit.

Eine Kopie, das weiß auch Margaretha Schweiger-Wilhelm. In den Vereinigten Staaten sei das College der Ort, wo junge Leute viele Jahre in Gemeinschaft lebten, lernten und selbständig würden – eine Art Zweitfamilie: „Ihre Eltern bezahlen zudem einen Haufen Geld dafür, sie sind Kunden und die Hochschule der verlängerte Arm der Familie. Das ist nicht vergleichbar.“ In Deutschland dagegen sei die Universität aus Sicht der Studierenden nichts weiter als eine Lehranstalt, die Wissen für die berufliche Zukunft vermittele. Die Bindung und die Bereitschaft zur ideellen und finanziellen Unterstützung seien weniger stark ausgeprägt.

Angemessene Würdigung

Daher gehe es den Studierenden um die Würdigung ihrer individuellen Leistung, nicht der Hochschule: Laut Schweiger-Wilhelms Befragung bevorzugen sie für die Abschlussfeier historische Festorte statt der bekannten Hörsäle. Auch Benedikt Mersch, TUHH-Bachelor der allgemeinen Ingenieurwissenschaft, hat die Einladung in einen Konzertsaal nicht weiter irritiert. Sorgen machte sich der 22-Jährige um die rituelle Kleidung. „Aber dann habe ich erfahren, dass das vor Ort gestellt wird, und bin da ziemlich unvorbereitet hingegangen.“

Zwar schon im Anzug und in Begleitung seines Bruders, der gerade aus seiner Heimatstadt Soest zu Besuch war, aber ohne allzu große Erwartungen: „Ich kannte fast niemanden.“ Die meisten seiner Kommilitonen steckten noch in den Abschlussarbeiten, daher hielt es Mersch auch nach dem offiziellen Finale mit kollektivem Hutwurf nicht mehr lange am Buffet. „Das war ganz nett, aber kein großes Ereignis.“

Ein Dank an alle Förderer

Dennoch will der Student nach seinem Master in Elektrotechnik wieder zur Abschlussfeier gehen, dann aber in Begleitung seiner Eltern, die beim Bachelor nicht zugegen sein konnten. „Das ist doch eher eine Veranstaltung für die Eltern, die einen unterstützt haben“, sagt er.

Dabei war es die Elterngeneration, die solche Feierlichkeiten einst als steif und reaktionär angeprangert hatte: Nicht weit entfernt von der TUHH, im Hamburger Audimax, wollten vor fünfzig Jahren Studenten die Talare und damit den „Muff von tausend Jahren“ aus den Hochschulen verbannen. „Selbst an Traditionsuniversitäten wie Heidelberg oder München wurden akademische Rituale daraufhin nicht mehr praktiziert. Das geschah nicht per Dekret, sondern stillschweigend“, sagt Margaretha Schweiger-Wilhelm. „Es passte einfach nicht mehr ins universitäre Selbstverständnis.“ Und es hinterließ doch zugleich ein emotionales und institutionelles Vakuum.

Vorbilder aus dem Mittelalter

Als die Abschlussfeiern in den neunziger Jahren an ostdeutschen Universitäten wie Erfurt und Halle wiedereingeführt wurden, orientierten sie sich an historischen Vorbildern: Im Mittelalter trugen Professoren als Zeichen ihres Amtes eine traditionelle Tracht aus Talar und Doktorhut. Die typische akademische Kopfbedeckung ähnelte allerdings eher einer Baskenmütze, wie ein Cranach-Bildnis Martin Luthers zeigt.

Aber die Formen und Farben änderten sich je nach Land und Zeit. Einig war man sich dagegen beim Ritual: Beim Wechsel von der Universität ins Berufsleben wurde die Kopfbedeckung gen Himmel geschleudert. Eine Tradition, die im 17. Jahrhundert in die Neue Welt exportiert wurde und dort erhalten blieb.

Internationaler Standard

Dass sie im 21. Jahrhundert reimportiert wurden, sei kein Zeichen für eine konservative Kehrtwende, sagt Schweiger-Wilhelm. Dafür seien die Ausprägungen viel zu unterschiedlich, die Leitbilder zu vielschichtig. „Je mehr Wirtschaft, Jura oder Euro im Titel der Hochschule, umso eher folgt die Veranstaltung einer internationalen Ikonographie.“

Das alles trifft auf die Technische Universität Hamburg zwar nicht zu, aber dafür ist sie international ausgerichtet – und das weckt Erwartungen. Kommunikationswissenschaftlerin Ait-Djoudi: „Türkische Familien machen sich für die Abschlussfeier megaschick, erscheinen mit Riesenblumensträußen, und selbst indische Familien reisen extra an.“ Mit Sicherheit finden sie nach der langen Reise auch einen Platz, spätestens wenn die ersten Reden und Musikeinlagen geschafft sind. „Mein Bruder ist zwischendurch rausgegangen, er konnte nicht so lange sitzen“, erzählt Benedikt Mersch.

Quelle: F.A.Z.
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