Alte Sprachen

Totgesagte leben länger

Von Siynet Spangenberg
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Peter Lobe hält keinen trockenen Vortrag, sondern ein Plädoyer. Zur Unterstützung hat er für die Siebtklässler des Bayreuther Gymnasiums Christian-Ernestinum und ihre Eltern eine Powerpoint-Präsentation erstellt. „Altgriechisch ist bunt und modern“, lautet die Botschaft. „Das macht nicht jeder, und deshalb sollte man es sich gönnen“, das sind die Schlussworte des Leiters der Fachschaft Alte Sprachen. Ähnlich flammende Appelle richten Lobes Kollegen derzeit an Gymnasiasten in ganz Deutschland. Es gelte die Gelegenheit beim Schopfe zu packen. „Kairos“, so heißt ein weitverbreitetes Altgriechisch-Lehrbuch; in der griechischen Mythologie ist Kairos der Gott der günstigen Gelegenheit. Immer mehr Schüler folgen der Argumentation. Die alten Sprachen liegen plötzlich wieder im Trend – und ihre Kenntnis macht in manchen Bewerbungsrunden den Unterschied.

Die Renaissance belegen Daten des Statistischen Bundesamtes: Lernte im Schuljahr 1999/2000 nur etwa jeder vierte Gymnasiast in Deutschland Latein, so ist es heute fast jeder dritte. Auch für Griechisch sind die Schülerzahlen angestiegen. In absoluten Zahlen liegt Bayern mit derzeit rund 4350 Schülern vorn, anteilsmäßig sind es Berlin (2,3 Prozent) und Hamburg (1,6 Prozent). Von einem Boom mag Markus Gruber angesichts dieser Zahlen zwar nicht sprechen. „Doch seit etwa acht Jahren steigt die Akzeptanz für das Fach Altgriechisch stetig, nachdem es zuvor über Jahrzehnte eine Talfahrt gegeben hatte“, sagt der Altphilologe von der Universität Regensburg.

„Griechen“ gelten als Streber

Vor allem die „Griechen“ werden gemeinhin oft für Überflieger gehalten oder aber für Streber, von ihren Eltern mit Elitedenken geimpft. Die Lehrer nennen andere Eigenschaften, wenn es um die Eignung für alte Sprachen geht. Gefragt seien Neugier, Ausdauer und Begeisterung sowie das Bedürfnis zur Reflexion über Fragen, die das Verhältnis von Freiheit und Schicksal, von Individualität und Verantwortung, Verstand und Leidenschaft betreffen. Doch die Inhalte sind es nicht allein. „Griechisch und Latein schulen durch ihre hohe Komplexität das differenzierte Denken und die Urteilskraft“, betont Gruber.

Kalkül vermutet er nicht hinter dem Aufschwung für Griechisch und Latein, im Gegenteil. „Diese Sprachen machen in gewisser Weise frei und unabhängig“, sagt Gruber. Er meint es auch als eine Absage an den Druck der Ökonomie, unter dem heute schon viele Schulentscheidungen stehen. Dabei liefert auch der Arbeitsmarkt gute Gründe für die Wahl der alten Sprachen. „Latein intensiviert das Beharrungsvermögen und die Konzentration“, sagt der Kölner Personalberater Jörg E. Staufenbiel. Damit könnten selbst High Potentials punkten, findet der Inhaber der Staufenbiel Personalberatung BDU. „Dadurch verbessern sich Fertigkeiten wie das analytische Denkvermögen.“ Und das sei für sämtliche Studiengänge und auch im späteren Berufsleben von großem Vorteil.

Latinum als Beleg für Allgemeinbildung

Zurückhaltender beurteilt Ursula Maier-Eichhorn, die Leiterin des Kulturamts Unterhaching, die Aussichten der Altsprachler. Momentan beeindrucke ihr Idealismus Personaler wohl nur in Nischen wie dem kulturellen Sektor, vermutet die promovierte Latinistin. Sie erwartet jedoch, dass die Wertschätzung humanistischer Bildung zunehmen wird. „Das Bewusstsein, dass wir nicht im luftleeren Raum schweben, wird stärker. Außerdem sind Altphilologen für vieles einsetzbar.“

Auf diese Rundumqualifikation setzt auch Birgit Nicolas, die Schulleiterin des Berliner Ernst-Abbe-Gymnasiums. „Das Latinum ist ein Beleg guter Allgemeinbildung, mit dem sich unsere Schüler von Mitbewerbern absetzen können.“ An dem Gymnasium im berüchtigten Bezirk Neukölln wählen 60 Prozent der Schüler Latein. Nicolas führt diese sensationelle Quote auf das Engagement der Fachschaft und die Qualität des Unterrichts zurück. Die Sprache Cäsars und Ciceros wird am Ernst-Abbe-Gymnasium auch deshalb bewusst beworben, weil sie Schülern mit Migrationshintergrund helfen soll – deren Anteil liegt hier bei 83 Prozent.

Sprachhilfe für türkischstämmige Bürger

Die Hinwendung zur Antike soll das daraus resultierende Konfliktpotential entschärfen. Einerseits geht es dabei um die emotionale Komponente. Altphilologen wie Markus Gruber schreiben den alten Sprachen an Schulen mit Kindern aus vielen verschiedenen Nationen das Potential zu, wie ein einigendes Band zu wirken. Das Gefühl der Heimatlosigkeit, das manche ausländische Schüler plage, werde durch den Lateinunterricht zumindest gemildert, glaubt auch Birgit Nicolas. „Wir fördern aktiv die Vorstellung vom großen Dach Europa, unter das für uns auch die Türkei gehört.“ Gerade die Schüler aus türkischen Familien könnte die Spurensuche nicht nur ins alte Rom, sondern vor allem in die griechische Geschichte führen: Die Westküste der heutigen Türkei war einst das griechisch besiedelte Ionien.

Andererseits spielt auch die Sprache selbst eine wichtige Rolle. „Das Durchdringen des Lateinischen erleichtert den Schülern auch das Erlernen von Deutsch“, berichtet Nicolas. Türken mit Lateinkenntnissen hätten viel weniger Probleme mit der Benutzung von Präpositionen und bestimmten Artikeln. „Manche verwenden den Genitiv nur, weil sie beim Übersetzen dazu gezwungen sind.“ Diese bislang nur subjektiv wahrgenommene Verbesserung der Deutschkenntnisse durch den Lateinunterricht soll nun in Kooperation mit der Berliner Humboldt-Universität wissenschaftlich erhärtet werden.

An den Hochschulen genießen die alten Sprachen ohnehin einen Sonderstatus. Viele Lehramtskandidaten brauchen das kleine oder große Latinum; auch wer einen Magisterabschluss in Anglistik, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Orientalistik und anderen Fächern anpeilt, muss sich auf ähnliche Zulassungsvorschriften gefasst machen. Zusätzlich das Graecum benötigen etwa angehende Theologen, Archäologen oder Althistoriker. Doch den aktuellen Zulauf zu Latein und Griechisch erklären diese Anforderungen nicht, zumal sie in den letzten Jahren eher gelockert wurden. Auch der Hinweis darauf, dass sich mit den alten auch viele moderne Sprachen schneller lernen lassen, kann den jetzt zu beobachtenden Ansturm auf die Kurse kaum begründen. Am Bayreuther Gymnasium Christian-Ernestinum jedenfalls scheinen Schüler und Eltern geradezu massenhaft von der Leidenschaft fürs Altertum angesteckt worden zu sein. 31 von 93 Siebtklässlern haben dort ihr Kreuzchen bei „humanistisch“ gemacht und wollen vom nächsten Schuljahr an Altgriechisch lernen. Und schon seit Jahren steigt die Zahl der Fünftklässler, die am GCE mit seinem klassisch-humanistischen Profil angemeldet werden.

„Wunderschön, farbenfroh und bilderreich“

Woher also kommt diese Entwicklung? Warum faszinieren die alten Sprachen offenbar wieder mehr und mehr Eltern und Schüler? Vielleicht ist die Hinwendung zu ihnen tatsächlich Ausdruck der Sehnsucht nach Stabilität in einer sich immer rascher wandelnden Welt, wie manche Philosophen vermuten. Wer tote Sprachen beherrsche, die sich ja gezwungenermaßen seit Jahrtausenden nicht verändert haben, der atme ein Stück Ewigkeit, heißt es. Für die Schüler selbst dürfte zunächst das Interesse an der Mythologie, im Fall des Altgriechischen auch am neuen Alphabet als „Geheimschrift“ im Vordergrund stehen, vielleicht auch der Wunsch, sich von anderen abzuheben.

Nach mehreren Jahren Unterricht fallen die Kommentare schon viel differenzierter aus. Eine Umfrage unter mehr als 300 hessischen Griechischschülerinnen und -schülern förderte Motivationen zutage, die viele den Jugendlichen von heute gar nicht mehr zutrauen würden. Altgriechisch zu lernen sei die beste Möglichkeit, über Sein, Geschichte und Verhalten des Menschen zu philosophieren, gab ein Schüler beispielsweise zu Protokoll. Ein anderer fand die Sprache „wunderschön, bilderreich und farbenfroh“.

Dagegen trat etwa die Hoffnung darauf, von der Beschäftigung mit Plato und Thukydides später im Studium oder im Beruf profitieren zu können, deutlich zurück. „Immer nur nach dem Nützlichen zu fragen ziemt sich gar nicht für großzügige und freie Menschen“, schrieb Aristoteles in seiner „Politik“. Diese Lektion haben die befragten Schüler jedenfalls gelernt.

Quelle: F.A.Z.
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