Wissenschaft unter Druck

Im Kampf gegen alternative Fakten

Von Anna Friedrich
 - 08:00

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, heißt es. Nicht so bei Donald Trump: Der amerikanische Präsident verbreitet Unwahrheiten am laufenden Band. Die „New York Times“ hat ausgerechnet, dass Trump der Öffentlichkeit an 20 seiner 40 ersten Tage im Amt Lügen auftischte. Um festzustellen, ob Trumps Aussagen wahr oder falsch sind, bedarf es eigentlich keiner komplizierten Methodik. Oftmals reicht schon ein Griff zum Telefon.

Nach der Amtseinführung im Januar hatte Trump-Pressesprecher Sean Spicer auf Geheiß des Präsidenten verkündet, bei der Amtseinführung seien mehr Menschen anwesend gewesen als bei jener von Barack Obama. Aber weder Luftaufnahmen noch die Zählungen im Personennahverkehr in Washington bestätigten die Aussage. Doch Trump-Beraterin Conway hielt dagegen: „Sean Spicer hat alternative Fakten dargestellt.“ Es gebe kein Verfahren, um Menschenmengen sicher zu quantifizieren. Seitdem ist der Begriff alternative Fakten zu einem Synonym für gefühlte Wahrheiten und falsche Behauptungen geworden. Er hat die Politik in Aufruhr versetzt – und auch die Wissenschaft.

Trumps Behauptungen liefern zwar alternative Fakten, stützen sich aber nicht auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Und nicht nur das Ansehen der Wissenschaft leidet unter alternativen Fakten. In den Vereinigten Staaten kämpfen Forscher schon um den Erhalt der staatlichen Förderung. Betroffen ist unter anderem die Weltraumbehörde Nasa: Amerikanische Satelliten erheben Daten, die in die internationale Forschung zum Klimawandel einfließen. Doch Trump will der Nasa-Abteilung für Erdforschung Mittel entziehen. Um die Erkenntnisse aus der Klimaforschung vor dem Staat zu schützen, haben sich Wissenschaftler verbündet und ihre gesammelten Daten in einem Archiv zusammengetragen. Mit dem „Climate Mirror“, einem Projekt der Universitäten von Pennsylvania und Toronto, haben Forscher Anfang dieses Jahres ein Internet-Archiv geschaffen, das alle Klimadaten staatlicher Internetseiten auf unabhängigen Servern speichert. Das Projekt sei eine Vorsichtsmaßnahme – wegen Trumps Antihaltung gegenüber Forschern, erklärten die Initiatoren.

Die Wissenschaft auf der ganzen Welt leidet unter wachsendem Vertrauensverlust. Und jetzt hat sie es auch noch mit einem Präsidenten zu tun, der Meinungen und Behauptungen zu Tatsachen erklärt und aus seiner Skepsis gegenüber Forschern keinen Hehl macht. Immerhin: Das kennen Akademiker schon. „Unwahrheiten im politischen Betrieb gab es schon immer. Mächtige manipulieren Fakten und setzen sie so selektiv ein, dass sie in ihre Agenda passen“, sagt Maximiliane Wilkesmann vom Lehrstuhl Wirtschafts- und Industriesoziologie der Technischen Universität Dortmund. „Genau hier liegt ja die Aufgabe der Wissenschaftler. Sie müssen falsche Aussagen widerlegen.“

Es gibt nicht die eine Wahrheit

Die „New York Times“ hat eine Vielzahl der Aussagen Trumps auf den Prüfstand gestellt. Das Ergebnis ist eine Auflistung sämtlicher Lügen, geschönter Wahrheiten und falscher Behauptungen seit der Amtseinführung. Kritiker sind sich einig: Kein Präsident habe es mit der Wahrheit immer genau genommen. Aber kein anderer Präsident sei so vorgegangen wie Trump. Dieser versuche ein Klima zu schaffen, in dem die Realität irrelevant wird. Doch was ist Realität? Glaubt man der Theorie des Konstruktivismus, ist die Realität für jeden Menschen anders. Die Idee dahinter ist, dass Wissen nicht von einer Person auf eine andere übergeht. Vielmehr konstruiert jeder sein Wissen anhand von Vorerfahrungen und bisher aufgenommenen Informationen. Das heißt: Wissen ist nicht objektiv, sondern eine subjektiv geprägte Interpretation. Dies hat Sokrates schon vor 2400 Jahren erkannt: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

Auch Rouven Porz von der Universitätsklinik Bern, ein Philosoph und Molekularbiologe, glaubt nicht an die eine Wahrheit: „Es gibt keine knallharten Fakten, sondern nur Interpretationen der Welt.“ Aufgrund ihrer unterschiedlichen Wahrnehmungen müssten sich die Menschen darauf einigen, was richtig und was falsch ist. „Das geht nur über Argumente“, sagt Porz. Also hat Trumps Beraterin recht, wenn sie von alternativen Fakten spricht? Braucht man Wissenschaftler überhaupt, wenn ihre Erkenntnisse sowieso nur Teil einer subjektiven Realität sind? Die Forscher Jacqueline Holzer, Jean-Paul Thommen und Patricia Wolf kommen zu dem entmutigenden Schluss, „dass es endgültige Wahrheiten selbst in den Wissenschaften nicht (mehr) gibt“. In ihrem vor fünf Jahren erschienenen Buch zum Thema „Wie entsteht Wissen?“ schreiben sie: „Je nach Kontext akzeptieren wir zwar die gleichen Fakten, nur interpretieren wir sie anders. Oder wir akzeptieren andere Fakten als legitim.“

Doch wann gilt ein wissenschaftliches Ergebnis als Fakt? Der Duden liefert eine klare Definition: „Ein Fakt ist eine bewiesene Tatsache.“ Um diesen Beweis zu erbringen, gibt es in der Wissenschaft verschiedene Ansätze. Forscher schließen entweder vom Allgemeinen auf den Einzelfall (deduktiver Beweis) oder andersherum (induktiver Beweis). In der Forschung wird der deduktive Beweis vor allem bei quantitativen Forschungsmethoden angewendet. Durch Tests, Experimente und Beobachtungen versuchen Forscher, ihre Hypothesen zu belegen. Wissenschaftler brauchen oft Jahre, um ihre Thesen, Entdeckungen und Entwicklungen zu beweisen. Dabei belegen sie ihre Methoden und Ergebnisse, dokumentieren jeden Schritt akribisch. Dennoch laufen sie Gefahr, dass eine wissenschaftliche Tatsache widerlegt wird. Das ist sogar das Wesen der wissenschaftlichen Methode. „Selbst bei harten Fakten gibt es in der Forschung immer wieder neue Erkenntnisse“, sagt die Dortmunder Soziologin Maximiliane Wilkesmann.

Wissenschaft ist transpartent

Sie hat kürzlich erforscht, wie Ärzte damit umgehen, wenn sie nicht weiterwissen. Eine Forschungsfrage, die viel Raum für gefühlte Wahrheiten und alternative Fakten lässt. Wilkesmann führte Interviews, beobachtete, analysierte Einzelfälle und wertete Fragebögen aus. Als Ergebnis stand eine empirische, repräsentative Studie. Dabei ist das Ergebnis aber nicht das Ende des Beweises: „Wissen ist immer stark mit Nichtwissen verbunden“, sagt die Soziologie-Professorin. „Die Weiterentwicklung der eigenen Erkenntnisse ist der Antrieb der Wissenschaftler. Denn jede Erkenntnis gilt nur so lange, bis man sie widerlegt.“ Wichtig sei, wissenschaftliche Methoden transparent zu machen: „Nur so kann man die Qualität der Forschung beurteilen.“

Hier liegt der Unterschied zwischen wissenschaftlichen und alternativen Fakten: Forscher schaffen Fakten durch Beweismethoden. Wer alternative Fakten in die Welt setzt, behauptet etwas – mit pseudowissenschaftlichen Behauptungen, Ideologien, Meinungen. Während Wissenschaftler jede Erkenntnis akribisch dokumentieren müssen, erwartet bei Politikern kaum jemand, dass sie ihre Aussagen dokumentieren. In einer 140-Zeichen-Botschaft via Twitter ist dafür ja auch kein Platz.

Trump profitiert davon, dass einige seiner Aussagen schwer zu widerlegen sind. Ein Beispiel ist die Diskussion um den Klimawandel. Auf Twitter schrieb er: Das Konzept der Erderwärmung sei von und für Chinesen erschaffen, um die amerikanische Industrie zu schwächen. Wissenschaftler aus 80 Ländern haben hingegen eine gemeinsame Erklärung unterschrieben: Der Klimawandel sei real, und die Politik müsse sofort reagieren. 97 Prozent der Wissenschaftler haben sich anhand ihrer Forschungsergebnisse auf den wissenschaftlichen Konsens geeinigt: Der Klimawandel findet statt.

Leute glauben Geschichten, die sie gerne hören

Doch was hilft’s? „Das Vertrauen in uns sinkt“, sagt Maximiliane Wilkesmann. „Durch Twitter & Co. verbreiten sich vermeintliche Fakten in Sekundenschnelle in aller Welt. Da bleibt keine Zeit, das Gesagte kritisch auf Wahrheitsgehalt hin zu untersuchen oder seine Behauptung auf Argumente zu stützen.“ Forschung, um Fakten zu erzeugen, könnte an Bedeutung verlieren. Denn egal wie abstrus manche Behauptungen auch sein mögen, es gibt immer Menschen, die daran glauben – ohne wissenschaftlichen Beweis.

„Manche Überzeugungen sind so stark, dass sie als Fakt wahrgenommen werden“, sagt Ethiker Rouven Porz. „Trumps Anhänger wollen die Geschichten, die er erzählt, gerne hören. Da zählt Überzeugungskraft und nicht, ob ein Fakt akkurat ist.“ Um Fakten mit Argumenten zu stützen, muss jeder bereit sein, die besseren Argumente zu akzeptieren. „Das kann Donald Trump offensichtlich nicht gut“, sagt Porz. „Trump meint wohl, er kann tun und sagen, was er will. Doch damit stößt das Weltsystem an seine Grenzen.“

Quelle: F.A.Z.
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