Forschung und Politik

Hochschulen durchleuchten Politiker-Duelle

Von Uwe Marx
 - 15:25

Dass die Bundestagswahl naht, ist auch an den Aktivitäten diverser Hochschulen abzulesen. Sie nutzen das Ereignis als Forschungsfeld – vor allem, was die Fernsehduelle betrifft. Etwa jenes zwischen Kanzlerin Merkel und Herausforderer Schulz. An der Universität Freiburg haben Politikwissenschaftler und Informatiker einen „Debat-O-Meter“ entwickelt. Der könne binnen Sekunden feststellen, wie die Duellanten beim Zuschauer ankommen.

Dafür müssten diese nur per Smartphone, Tablet oder PC ihr Urteil eingeben. Da die Daten online erhoben werden, stehe schon kurz nach der Diskussion eine erste Analyse bereit. Durch zusätzliche Befragungen könnten die Wissenschaftler zudem feststellen, ob sich die Einstellungen oder Wahlabsichten durch die Debatte verändert haben. „Wir sehen sekundengenau, wer an Unterstützung gewonnen hat und wer vielleicht durchgefallen ist“, sagt der Freiburger Politikwissenschaftler Uwe Wagschal.

Echtzeitmessungen noch selten

„Die konventionellen Marktforscher haben bisher kaum vergleichbare Instrumente. Ihr Problem ist, dass viele die Online-Entwicklung verschlafen haben und weiter auf das Telefon setzen. Die haben in Deutschland diese Instrumente bisher nicht, und selbst international sind nur wenige Spieler mit Echtzeitmessungen am Start.“

Die Freiburger hätten schon die Präsidentschaftswahlen in Amerika und Frankreich bewertet, zudem alle Landtagswahlen in diesem Jahr. „Dabei sehen wir immer mal wieder, dass bei den öffentlich-rechtlichen Sendern eine Debatte als unentschieden beschrieben wird, obwohl man bei den Zuschauern durchaus einen Sieger feststellen kann“, sagt Wagschal.

Basis für Debattenforschung

Vergleichbares passiert an der Universität Koblenz-Landau. Dort haben Politikwissenschaftler eine App namens „Real Smart“ entwickelt. Das Ziel ist identisch: Es geht um die Bewertung von Debatten in Echtzeit. Obwohl Meinungsforscher Echtzeitmessungen seit Jahrzehnten einsetzen, handele es sich auch bei dieser App, die schon im Bundestagswahlkampf 2013 verwendet wurde, keineswegs nur um technische Spielerei. „Davon kann keine Rede sein“, sagt der Institutsleiter Jürgen Maier. „Es ist ein Messverfahren, das uns Grundlagenforschung im Bereich der Debattenforschung ermöglicht.“ Außerdem sei der Einsatz der App nicht auf Fernsehsendungen beschränkt. Sie könne auch bei Radiosendungen hilfreich sein.

Wohin Live-Bewertungen führen können, haben gerade Forscher der Uni Halle-Wittenberg dargelegt. Die Politikwissenschaftlerin Kerstin Völkl hatte dort den Bundestagswahlkampf 2013 verfolgt und die Rolle von Emotionen untersucht. Ein Ergebnis: Der Merkel-Herausforderer Peer Steinbrück hat zwar mimisch und emotional so einiges versucht, um sich in Szene zu setzen – aber dummerweise ist der Einfluss von Mimik und Sprechweise auf die Bewertung von Politikern gering.

Mimik und Stimme zählen

Die Thüringer hatten mittels Software zur Gesichtserkennung und Stimmauswertung Mimik und Sprechweise der Kanzlerin und ihres Herausforderers in dem TV-Duell analysiert. Die Ergebnisse wurden anschließend mit Daten einer Studie zum Wahlverhalten verknüpft, bei der die Teilnehmer die Kontrahenten während des Duells kontinuierlich bewerteten. Ergebnis: Merkel und Steinbrück konnten so viel Souveränität, Ärger, Gelassenheit, Angriffslust oder was auch immer ins Spiel bringen – die Zuschauer beeinflusste das in ihrer Bewertung kaum.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Marx, Uwe (umx)
Uwe Marx
Redakteur in der Wirtschaft.
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