Bildungsaufsteiger

Einmal Arbeiterkind, immer Arbeiterkind?

Von Natalia Warkentin
 - 10:29

Die Erleichterung nach der letzten Abiturprüfung währte für Lena Mädje nicht lange. Nur kurz nach der Anfangseuphorie war die Frage wieder da, die schon länger an ihr zerrte: Was soll ich denn werden? Und: Schaffe ich ein Studium überhaupt? „Ich wollte das Bestmögliche aus meinem Abschluss rausholen. Ich wusste nur nicht, wie. Denn das Bestmögliche meiner Familie war Handwerk“, sagt sie. Lenas Vater ist gelernter Elektriker, ihre Mutter Sekretärin im örtlichen Pfarramt. Die Familie lebt in Bremerhaven, dem Fleckchen Deutschlands also, in dem laut aktuellem Schuldenatlas die meisten verschuldeten Menschen leben. Jeder Fünfte in der Seestadt kann seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen. Schnell steht fest: Die Tochter soll studieren. Als Erste ihrer Familie. Von 100 Kindern aus Nichtakademikerfamilien schaffen nur 21 den Sprung an die Universität. Haben die Eltern dagegen eine Hochschulbildung, sind es 74. Dieses Ungleichgewicht liegt allerdings nicht nur an finanziellen Hindernissen.

Lena Mädjes Geschichte kann in Deutschland hunderttausendfach erzählt werden, weiß Katja Urbatsch, Gründerin und Geschäftsführerin der gemeinnützigen Organisation Arbeiterkind: „Wenn man aus einer nichtakademischen Familie kommt, muss man erst mal auf die Idee kommen, dass man überhaupt studieren kann“, sagt sie. „Viele sehen das gar nicht als Option, weil ihre Vorbilder in der Familie alle eine Ausbildung gemacht haben. Und wenn man sich dann doch dazu entschließt, kommen schnell Zweifel und Ängste. Man steht vor einem riesigen Berg.“

Selbst aufgewachsen in einer nichtakademischen Familie, gründete sie vor zehn Jahren das Informationsnetzwerk Arbeiterkind, um Studieninteressierten den Weg an die Uni zu erleichtern. Heute beraten und begleiten mehr als 6000 Ehrenamtliche aus 75 lokalen Gruppen Studieninteressierte und informieren über Hochschulstrukturen und Wege, ein Studium zu finanzieren. Nur sechs Prozent der Studierenden bekommen Geld aus einem Stipendium oder Förderprogramm. Die meisten erhalten Unterstützung von den Eltern und stocken oftmals mit Nebenjobs oder Bafög auf. Wer die Finanzierung nicht stemmen kann, bricht ab. Studierende aus Nichtakademikerfamilien tun das überdurchschnittlich häufig. „Es gibt so eine Grundannahme, dass eine Familie ihren Nachwuchs immer ideell und finanziell unterstützen kann und auch immer ein Interesse daran hat, dass das Kind sehr weit im Bildungssystem kommt. Und unsere Erfahrung ist, dass es sehr häufig eben nicht so ist“, sagt Katja Urbatsch.

„Ich wollte frei und ungebunden studieren“

Auch für Lena Mädje war das fehlende Geld eine große Hürde. Ihr Bafög-Antrag wurde abgelehnt, weil das Einkommen ihrer Eltern 20 Euro über der zulässigen Grenze lag. Zuerst übernahm der Vater die Miete ihres Hamburger WG-Zimmers und stockte das Kindergeld auf 300 Euro auf. Vor zwei Jahren heiratete Lena und zog zu ihrem Mann. Der große Posten Miete fiel also weg – aber Lena lebt dennoch sparsam. Einen Studienkredit zu beantragen, das war für sie nie eine Option. „Ich wollte frei und ungebunden studieren“, sagt sie. „Ich verstehe aber jeden, der so einen Kredit notgedrungen aufnehmen muss. Es ist ja auch meistens keine freiwillige Entscheidung.“ Sie selbst aber sei froh, dieses Problem nicht zu haben. „Wenn ich wüsste, dass ich später einen guten Job finden muss, um den Schuldenberg zurückzuzahlen, das würde mich sehr belasten.“

Melanie Müller aus Kassel hat ebenfalls kein Bafög bezogen. Etwa 50 Euro wären es gewesen, die ihr zugestanden hätten. Aber für sie waren die den bürokratischen Aufwand nicht wert. Ihr Lehramtsstudium finanzierte sie mit fünf Jobs – gleichzeitig, wohlgemerkt. Die Regelstudienzeit von zehn Semestern hat sie allerdings deutlich überschritten – und zwar auch, weil sie ihren Lebensunterhalt ganz allein bestreiten musste. „Man lernt die ganzen Leute kennen, will alles mitnehmen, nichts verpassen, man ist Anfang 20 und will natürlich Halligalli machen – aber das geht einfach nicht. Dann musst du dir einen Laptop kaufen und hast ohne Ende Kopierkosten. Es ist nicht nur das Vergnügen, das Geld kostet, sondern auch die Studienorganisation.“

Die 33-Jährige beginnt in diesem Monat ihr Referendariat. Das Examen im vergangenen Jahr habe sie nur ablegen können, weil Freunde ihr in dieser Zeit Geld geliehen haben. Melanies Mutter ist Altenpflegerin, ihr Vater hat eine klassische Maurerausbildung absolviert. Finanzielle Unterstützung bekam sie nicht. „Für mich hieß es an 365 Tagen im Jahr: arbeiten oder lernen. Wenn sich andere auf die Semesterferien freuten, wusste ich, ich muss in der vorlesungsfreien Zeit so viel Geld verdienen, dass ich im Semester nicht mehr so viel arbeiten muss. Und das über einen längeren Zeitraum hinweg, das war irre anstrengend.“

„Zwischen zwei Welten“

Katja Urbatsch sieht die Maßstäbe der Ausbildungsförderung des Bundes vor allem auf eine Mittelschicht ausgerichtet, die bei Verzug oder unvorhersehbaren Zwischenfällen finanziell einspringen kann. Dem System fehle es insbesondere an einer Planungssicherheit für Studieninteressierte ohne familiäres Polster. „In der Regel wissen die Studierenden vor Studienbeginn nicht, wie viel und wann sie ihr Bafög letztendlich bekommen“, sagt sie. „Würden Sie einen Job anfangen, wenn Sie nicht wüssten, wie hoch Ihr Gehalt ist und wann es das erste Mal kommt? Das ist ein hohes Risiko, das Sie eingehen.“ Arbeiterkindern fehlt es aber nicht nur an Finanzierungsmöglichkeiten, weiß Urbatsch. „Ich selbst habe mich immer zwischen zwei Welten gefühlt. Einerseits mein Zuhause, von dem ich mich immer mehr wegentwickelt habe und in dem ich jetzt diejenige war, die es geschafft hat. Andererseits die Uni, an der ich mich aber auch nicht so richtig wohl gefühlt habe, denn die meisten dort waren Akademikerkinder.“

Auch Lena Mädje hat Schwierigkeiten, an ihrer Uni Anschluss zu finden. Nachdem sie zwei Semester Germanistik und Geschichte in Hamburg studiert hatte, ging sie an die Uni Bremen und schrieb sich dort für Jura ein. Mittlerweile ist sie im 10. Semester. „Viele meiner Kommilitonen kommen selbst aus Anwaltsfamilien“, erzählt sie. „Wenn man dann gefragt wird, woher man kommt und Bremerhaven antwortet, dann kam zurück: ,Ja, da wohnen ja so viele Arbeitslose.‘ Viele von ihnen kommen aus Schwachhausen, einem reichen Viertel in Bremen.“

Bei Melanie Müller begannen die Probleme schon bei der Organisation ihres Studienalltags. Sie schlug nicht die klassische Gymnasiastenlaufbahn ein, sondern machte nach ihrem Realschulabschluss ihr Wirtschaftsabitur auf einer Berufsschule. Von dort ging es für das Studium auf Lehramt an Haupt- und Realschulen an die Universität Kassel. Ihre Zukunft fortan allein gestalten zu müssen und auf sich allein gestellt zu sein bereitete ihr große Probleme. „Ich wusste gar nicht, wie mir geschah“, berichtet sie. „Da waren so viele Sachen, die plötzlich auf mich einschossen. Nicht nur die Uni, sondern dieses ganze Drumherum, das ganze Konstrukt. Dann versuchst du natürlich, irgendwie mitzuhalten. Aber das alles unter einen Hut zu kriegen, das war eine riesige Herausforderung.“

Druck aus dem Umfeld

Viele Studierende aus Nichtakademikerfamilien fühlen sich von ihrem Umfeld unter Druck gesetzt. Oft unbewusst. Als Hoffnungsträger und Generation, die es „einmal besser hat“, ist der Anspruch an sie hoch. „Meine Familie ist da sehr laut und fordernd. Nach dem Motto: Du musst doch jetzt auch mal arbeiten. Da wird auch gestichelt. Meistens kann man zwar darüber lachen, aber es tut schon weh“, gibt Lena zu. Im Laufe ihres Jurastudiums mehrten sich die Selbstzweifel. Eine psychische Erkrankung erschwert ihren Alltag zusätzlich. Seit einigen Monaten spielt sie mit dem Gedanken, ihr Studium abzubrechen und noch mal ganz neu anzufangen. Vor einigen Wochen hat sie sich für ein duales Studium in der Verwaltung beworben. „Es fehlt ja eigentlich nicht mehr viel, aber ich merke, dass meine Kraft am Ende ist. Ich kann mich nicht mehr hinsetzen und Lernpläne machen“, sagt sie. In zwei Semestern läuft ihr Semesterguthaben ab, und zu dem üblichen Semesterbeitrag von mehr als 400 Euro käme dann noch eine Gebühr von 500 Euro dazu.

Obwohl Katja Urbatsch auf erfolgreiche und arbeitsintensive zehn Jahre mit Arbeiterkind zurückblickt, zeigen die Statistiken nur eine minimale Verbesserung. Soziale Selektion, auch innerhalb des Hochschulsystems, sorgt immer noch für ein enormes Ungleichgewicht. Laut Hochschulbildungsreport bilden sich Kinder aus Familien ohne akademischen Hintergrund weiterhin generell weniger, weil sie seltener auf Gymnasien und Universitäten gehen. Oder weil sie eher abbrechen. Wer die Uni ohne Abschluss verlässt und dafür finanzielle Gründe angibt, der ist meist Arbeiterkind. Urbatsch bilanziert dennoch optimistisch: „Was sich schon verändert hat, ist, dass es jetzt ein Bewusstsein gibt. Für diese Thematik und für Studierende der ersten Generation. Für die Herausforderung, vor der diese jungen Menschen stehen. Das war früher nicht so. Es tut sich was.“

Quelle: F.A.Z.
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