Bildungsferne Familien

Studieren für Anfänger

Von Christoph Strauch
 - 06:42
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Dass Jugendliche zwei Jahre vor dem Erwerb des Abiturs noch nicht wissen, ob und was sie studieren möchten, ist mittlerweile eher die Regel als die Ausnahme. Für Schüler, deren Eltern nicht studiert haben, gilt das noch mehr als für solche aus Akademikerfamilien. Manchmal gibt es Berührungsängste mit den Hochschulen, manchmal fehlt in den Familien schlicht das Wissen über die Inhalte von Studiengängen und die Voraussetzungen, die für sie nötig sind. Das betrifft viele: Laut der Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, einer Langzeituntersuchung zur wirtschaftlichen und sozialen Lage von Studenten, stammten im Sommersemester 2016 rund 48 Prozent der Studenten aus Familien, in denen kein Elternteil studiert hatte.

Um Aufsteigerkarrieren von Kindern aus bildungsferneren Familien zu fördern, riefen die Accenture-Stiftung, die Deutsche Bank Stiftung und die Stiftung der Deutschen Wirtschaft im Jahr 2007 mit dem „Studienkompass“ ein spezielles Programm ins Leben: Es soll Schülern mit Eltern ohne akademische Erfahrung helfen, eigene Stärken zu erkennen, und sie so zur Aufnahme eines Studiums ermutigen.

„Trotz voller Hörsäle gibt es wahnsinnig viele gute Gründe, ein Studium aufzunehmen“, sagt Ulrich Hinz, der in der Stiftung der Deutschen Wirtschaft den Bereich Schülerförderung leitet und einer der Gründer des Programms ist. Vor allem verringere ein erfolgreich abgeschlossenes Studium das Risiko von Arbeitslosigkeit deutlich – auch wenn erfolgreiche Studienabbrecher wie Bill Gates zeigten, dass das Studium nicht der einzige Weg zum Glück sei. Der „Studienkompass“ sieht seine Aufgabe also nicht darin, Empfehlungen zu geben – es gehe viel mehr darum, den Jugendlichen das Handwerkszeug zu geben, um eine kompetente Entscheidung zu treffen. Hierfür nehmen die Stipendiaten an Workshops teil und entdecken mit Hilfe von professionellen Trainern, auf welchen Gebieten sie besonders begabt sind. Ehrenamtliche Vertrauenspersonen begleiten die Jugendlichen auf ihrem Weg durch das drei Jahre dauernde Programm, das sich auf die letzten beiden Schuljahre und das erste Studienjahr erstreckt.

In den vergangenen Jahren hat der Studienkompass immer mehr Interesse bei Schülern, Eltern und Lehrern geweckt; in Informationsveranstaltungen an Schulen klären Alumni ihre potentiellen Nachfolger über seinen Nutzen auf. Das Ergebnis ist, dass in ganz Deutschland schon mehr als 1800 junge Menschen das Programm durchlaufen haben. Aktuell werden rund 1400 Schüler betreut.

„Für Eltern stellt sich oft die Frage, wozu ein Studium gut sein soll“

Knapp 300 Stipendiaten wurden in den vergangenen zehn Jahren allein im Raum Frankfurt gefördert, dem Geburtsort des Studienkompass. Für die elfte Programmrunde, die nun beginnt, hatten sich wieder 60 Bewerber aus der Region gefunden – doch nur 25 gelangten an einen der begehrten Plätze.

Michael Ochere gehört dazu. Der 18 Jahre alte Gymnasiast möchte seine Familie stolz machen: „Ich habe sechs Geschwister, die alle jünger sind als ich“, sagt der aus Ghana stammende Schüler. „Das bringt auch eine Vorbildfunktion mit sich.“ Um die auszufüllen, schade ein erfolgreiches Studium nicht. Vom Förderprogramm erhofft er sich dabei Orientierung.

Dabei weiß Ochere eigentlich schon recht gut, was seine Stärken sind, denn die spiegeln sich in Schulnoten wider. 14 Punkte in Physik, 13 in Mathematik, 12 in Chemie: mit seinen naturwissenschaftlichen Neigungen kann sich der Schüler gut vorstellen, in zwei Jahren Maschinenbau zu studieren – an der TU Darmstadt, denn die biete dafür gute Bedingungen, sagt er. Dabei ist er sich auch seiner Schwächen bewusst, an denen er gerne arbeiten möchte: „Meine Deutschkenntnisse möchte ich zum Beispiel verbessern.“

Von dem Förderprogramm hat Michael Ochere über den Kontakt mit älteren Mitschülern erfahren. Seine Eltern, denen er zu Hause davon berichtete, fanden die Idee sehr gut und unterstützten die Bewerbung des ältesten Sohnes sofort. Der Programmverantwortliche Ulrich Hinz gibt jedoch zu bedenken, dass dies keine Selbstverständlichkeit sei: „Für Eltern ohne akademische Erfahrung stellt sich oft die Frage, wozu ein Studium gut sein soll, sie können weniger Wertschätzung dafür aufbringen.“ Dabei spiele es kaum eine Rolle, ob die jeweilige Familie Migrationshintergrund habe oder nicht, die entscheidende Rolle spielten der soziale Status und der Bildungshintergrund.

Abbrecherquote niedriger als 5 Prozent

Unterstützung erhielt der Studienkompass von Anfang an seitens des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Bildungsministerin Johanna Wanka ist Schirmherrin, das Ministerium förderte außerdem von 2007 bis 2014 eine wissenschaftliche Evaluation des Programms. Die Zahlen lassen auf Erfolg schließen: 95 Prozent der Geförderten nahmen demnach ein Studium auf, die Studienabbrecherquote lag niedriger als 5 Prozent.

Zu den Absolventen, die sowohl das Programm als auch ihr Bachelor-Studium mit Erfolg absolviert haben, gehört auch Svenja Andresen. Die 22 Jahre alte Studienkompass-Alumna studiert zurzeit im Masterstudiengang Ernährungsökonomie an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Geholfen hat Andresen vor allem, dass in den ersten zwei Jahren des Förderprogramms Professoren eingeladen wurden, um über die Unterschiede zwischen Universitäten und Fachhochschulen, Fristen und Bewerbungsmodalitäten aufzuklären. In der intensiven Anfangsphase habe sie außerdem viel über sich selbst gelernt. Auch die Stärken-Schwächen-Analyse sei sehr nützlich gewesen: „Ich habe dadurch Stück für Stück gemerkt, was mir liegt und was ich ausschließen kann.“ Letztlich sei für sie klar gewesen, dass sie etwas machen wolle, das mit Menschen zu tun hat. So fiel ihre Wahl auf den Bachelorstudiengang Ernährungswissenschaften.

Auch nach dem Abitur habe ihr der Studienkompass noch viel gebracht, erinnert sich Svenja Andresen: „Im letzten Jahr wurden wir weiter unterstützt, etwa wenn es um Stipendien oder Auslandsaufenthalte ging.“ Nützlich seien auch Tipps zur Verbesserung des Zeitmanagements gewesen.

Nach ihren positiven Erfahrungen mit dem Studienkompass engagiert sich die Studentin nun selbst als Vertrauensperson für die neue Generation von Geförderten: „Ich möchte auf die Weise etwas zurückgeben, nachdem ich selbst von dem Programm profitiert habe.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Strauch, Christoph
Christoph Strauch
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