Semestergebühren

Die Bitcoin-Uni

Von Vanessa Köneke
 - 11:44

Hochschulen gelten als Wiege der Innovationen. Hochschulverwaltungen sind hingegen meist alles andere als innovativ: bürokratisch, langsam, hinter dem Puls der Zeit zurück. Semestergebühren zum Beispiel müssen Studierende entweder überweisen oder bar an der Universitätskasse einzahlen. Selbst Paypal und Kreditkarten sind für Hochschulverwaltungen noch Fremdwörter. Anders an der European School of Management and Technology (ESMT) in Berlin, einer im Jahr 2002 gegründeten privaten Management-Hochschule: Dort können Studierende und Mitarbeiter seit gut einem Jahr sogar mit Bitcoin und anderen Kryptowährungen bezahlen. Ein Marketinggag?

Der Marketingeffekt ist der ESMT eindeutig sehr willkommen. Doch Anlass waren angeblich Probleme mit herkömmlichen Zahlungswegen bei den Studiengebühren. „Viele unserer Studierenden kommen aus Nicht-Euro-Ländern wie Simbabwe, Brasilien oder Vietnam, und da ist es mit Banküberweisungen oft schwierig“, sagt Georg Garlichs, Chief Financial Officer (CFO) der ESMT. Entweder, weil es gar kein funktionierendes Bankensystem gebe. Oder weil die Überweisungsgebühren zu hoch seien und die Überweisung sehr lange dauere. „Oder weil die Banken hohe Überweisungen gar nicht erlauben“, so Garlichs. Um das Argument zu verstehen, muss man wissen: Das Studium an der ESMT kostet zwischen 25 000 und 60 000 Euro.

Die Argumentation klingt logisch: Wo Banken nicht gut funktionieren, springt eine Kryptowährung ein. Schließlich liegt der Clou von Kryptowährungen wie Bitcoin darin, dass sie ohne Banken auskommen. Stattdessen verwalten die Nutzer selbst die Guthaben und bestätigten sich gegenseitig die Zahlungen. Statt über eine Bank läuft die Transaktion über Hunderte unabhängiger Computer und wird bei jedem Einzelnen gespeichert. So ist eine Manipulation fast unmöglich.

Die ESMT ist daher auch nicht die erste Hochschule, die auf die Idee der Kryptowährung gekommen ist. Als erste Hochschule der Welt ließ vor gut vier Jahren die Universität in Nikosia auf Zypern Bitcoin als Zahlungsmittel zu: passenderweise im Studiengang „Digitale Währung“. Kurz darauf folgten Hochschulen in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten. Auch in Vietnam und der Schweiz akzeptieren einzelne Hochschulen die Kryptowährung. Viele auch, um Erfahrung mit den neuen Techniken zu sammeln und das, was sie lehren und erforschen, selbst zu erproben.

Deutsche Hochschulen sind hingegen skeptisch, wie eine Stichprobenumfrage der FAZ zeigt. Die ESMT ist die Ausnahme hierzulande. Egal, ob staatlich oder privat, ob Universität oder Fachschule: Sie erforschen Kryptowährungen und vor allem die dahinter liegende Blockchain-Technologie; mit Blockchain können Daten auf Hunderte verschiedene Rechner verteilt, hinterlegt und bestätigt werden. Kryptowährungen sind nur eine Anwendungsmöglichkeit. Manche Hochschulen überlegen zum Beispiel, Blockchain für Zeugnisse und Prüfungsergebnisse zu nutzen. Aber Kryptowährungen als Zahlungsmittel an der Hochschule selbst? Bitte nicht.

Der Technischen Universität Darmstadt beispielsweise sind die Risiken zu wenig abschätzbar. Welche Risiken? „Alle“. Die LMU in München und die Universität Duisburg-Essen wiegeln hingegen ab, dass sie als staatliche Hochschulen gar keinen eigenen Entscheidungsspielraum hätten, neue Zahlungsmittel oder Zahlungstechniken einzuführen. Die ebenfalls staatliche Goethe-Universität in Frankfurt sieht noch andere Probleme. „Eine Bitcoin-Transaktion verbraucht in etwa so viel Energie wie ein Haushalt im Monat“, sagt Professor Udo Kebschull, Leiter des Hochschulrechenzentrums an der Goethe-Universität. Der Energieverbrauch sei bei Bitcoin „ein Riesenthema. Das wollen wir nicht unterstützen“. Außerdem sei die Währung zu volatil. Und die Semestergebühren müssten schließlich schon Monate im Voraus festgelegt werden.

Die Volatilität, also die Kursschwankung, ist einer der häufigsten Kritikpunkte an Bitcoin. Nicht nur unter Hochschulleitungen. Und er ist gerechtfertigt: War ein Bitcoin beim Allzeithoch im Dezember noch mehr als 15 000 Euro wert, sind es jetzt wieder nur noch rund 6000 Euro. Was aber immer noch viermal so viel ist wie vor einem Jahr. Innerhalb eines Tages schwankt der Kurs von Kryptowährungen schon mal um 15 oder 20 Prozent.

Für die Studierenden an der ESMT soll das kein Problem sein, sagt die Hochschule. Sie gewährt eine 24-stündige Kursgarantie. „Egal, ob der Börsenkurs schwankt oder nicht, bei uns ist der Bitcoin 24 Stunden lang den Kurs wert, den er bei Zahlungsaufforderung hatte“, erläutert CFO Garlichs. Getätigt wird die Zahlung über die Plattform Kraken.com. Sobald die Zahlung in der Hochschul-Wallet, dem digitalen Portemonnaie, eingegangen ist, tauscht die Hochschule sie sofort in Euro um.

Manche der befragten Hochschulen lehnen Kryptowährungen zwar derzeit ab, sind aber trotzdem neugierig oder haben zumindest kurz ebenfalls über Bitcoin und Co. als weitere Zahlungsmittel nachgedacht. Georg Garlichs von der ESMT berichtet: „Wir hatten eine ganze Reihe Anfragen und Nachfragen, von privaten wie von staatlichen Hochschulen.“ Aber alle würden erst mal beobachten wollen, wie es an der ESMT weiterlaufe. „Kryptowährungen erscheinen vielen Hochschulen doch noch etwas spooky“, sagt Garlichs.

Vor allem weisen die meisten Hochschulen Bitcoin mit der Begründung zurück, dass digitale Währungen noch zu wenig verbreitet seien. „Insofern sehen wir Stand heute auch keinen Grund, Bitcoin oder andere Kryptowährungen zu akzeptieren“, heißt es zum Beispiel an der Frankfurt School of Finance & Management. Dies könnte sich mal ändern, aber aktuell würde das Angebot sicher nicht genutzt werden, sagt Professor Philipp Sandner, Leiter des dortigen Blockchain Centers. Ähnlich äußert sich die Universität Trier. Die Skepsis scheint im Trend zu liegen. Laut einer Umfrage des Verbandes Bitkom – Heimat der Informationswirtschaft, Telekommunikation und neuen Medien – kann sich höchstens jeder Fünfte in Deutschland vorstellen, Bitcoin zu nutzen. Nur vier Prozent tun es schon. Der Bitcoin-Hype vom Winter hat sich nach dem Kursrutsch ebenfalls wieder etwas gelegt.

Auch für ausländische Studierende sei Bitcoin nicht nötig, sagen die befragten Hochschulen. Selbst wenn es nicht nur um 200 Euro Semestergebühren geht, sondern um ähnlich hohe Studiengebühren wie an der ESMT. Wie an der privaten Jacobs University in Bremen etwa, bei der ein Studienjahr ebenfalls um die 20 000 Euro kostet. „Uns hat bisher noch keine Bitte erreicht, Bitcoin als Zahlungsmittel zu akzeptieren“, sagt Pressesprecher Thomas Joppig. Und von den 1400 Studierenden der Jacobs University stammten immerhin 80 Prozent aus dem Ausland.

Auch an der Berliner EMST sind Kryptowährungen noch längst nicht zur Standardwährung geworden. Und zwar, obwohl die EMST inzwischen neben Bitcoin auch andere Digitale Währungen annimmt: Dash, Ethereum und Litecoin. Nur maximal eine Krypto-Zahlung erhält die Hochschule nach eigenen Angaben pro Monat. Die Nachfrage ist also mehr als überschaubar. Und der Marketingeffekt ist dadurch mehr als ein Nebeneffekt. De facto ist er der Haupteffekt. Zumindest noch.

Quelle: F.A.Z.
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