Berliner Abenteuer

Informatik mal ganz anders

Von Inge Kloepfer
 - 14:31

Das Experiment beginnt am 1. Oktober. Dann öffnet die neu gegründete Code University in Berlin erstmals ihre Tore. Für 75 Studenten, die das Auswahlverfahren überstanden haben, beginnt damit ein didaktisches Abenteuer. Denn nicht viel wird so ablaufen, wie man es sich gemeinhin an einer Hochschule vorstellt. Zwar hat die Code University die Anerkennung des Wissenschaftsrats als Fachhochschule und damit ein unverzichtbares Gütesiegel auch für das pädagogische Konzept.

Trotzdem ist heute schon abzusehen, dass viel im Fluss sein und sich noch verändern wird. Und die Studenten könnten ein Teil dessen sein. Gelernt wird nicht etwa im Hörsaal nach einem festgelegten Vorlesungsschema, sondern in Kleingruppen ausschließlich an Projekten. Vom ersten Tag an werden die Studenten – ohne aufwendige theoretische Vorbildung – in die Realität digitaler Unternehmen katapultiert.

Die Code University ist die Idee des 31-jährigen Internetunternehmers Thomas Bachem, der sich das Programmieren in seiner Jugend selbst beibrachte, später Betriebswirtschaftslehre an einer Fachhochschule in Köln studierte, mehrere Start-ups gründete und bei dreien inzwischen recht erfolgreich wieder ausgestiegen ist. Eigentlich ist die Hochschule mehr als eine Idee, sie ist ein über Jahre gehegter Traum eines jungen Gründers, der seine ersten Millionen längst verdient hat: eine Bildungsinstitution, in der man auf effiziente Weise endlich das lernt, was man später für die Gründung von Internetunternehmen oder für die Arbeit dort wirklich braucht. „Ich selbst habe auch nicht mit der Theorie angefangen“, sagt Bachem. „Als Jugendlicher interessierten mich Computer und das Netz. Ich habe viel gespielt und dann irgendwann versucht, selbst etwas zu programmieren.“ Die Theorie dazu eignete er sich erst später an, um auch dann erst zu verstehen, warum das, was er programmierte, tatsächlich funktionierte.

Man lernt hier nicht nur das Programmieren

Zwei Kollegen hat er an Bord geholt: Manuel Dolderer (40), der an der Universität Witten/Herdecke Wirtschaftswissenschaften, Kulturwissenschaften und Philosophie studiert und später erfolgreich die Praxis-Hochschule für die Klett-Gruppe gegründet hat. Deshalb weiß er, wie Hochschulgründungen funktionieren. Der Dritte im Bunde ist Jonathan Rüth (28), den Dolderer aus dem Studium kennt und als Mitgründer für Bachems Projekt begeistern konnte. Unter den dreien ist Bachem der Initiator, Dolderer hat das didaktische Konzept entwickelt – mit hehrem Anspruch: „Wir möchten die Art und Weise verändern, wie im hochschulischen Kontext gelernt wird.“ Bachem verantwortet das strategische Geschäft, Dolderer die Lehre. Bachem ist Kanzler der Hochschule, Dolderer der Präsident, Rüth kümmert sich ums Operative.

Natürlich lernt man an der Code University das Programmieren. Aber eben nicht nur, sondern auch jene Fähigkeiten, die für die Entwicklung digitaler Produkte sonst noch vonnöten sind. „Digitale Produkte entstehen in Teams“, sagt Dolderer. Es gebe immer drei Perspektiven auf den Prozess: die Software-Entwicklung, das Zusammenspiel von Mensch und Maschine und die Vermarktung des Produkts. Deswegen gibt es die drei Bachelor-Studiengänge Software Engineering, Interaction Design und Product Management, in denen man sich nach einem Semester der Orientierung spezialisieren kann. Sieben Professoren hat die neue Fachhochschule für Informatik derzeit.

Das Studium ist in Projekten angelegt, an denen stets Vertreter aller drei Richtungen mitarbeiten. Im ersten Semester muss jeder Student einmal jede Rolle eingenommen haben, damit er weiß, was ihm wirklich liegt. „Viele haben das Gefühl, dass sie programmieren können müssen, wenn sie digitale Produkte gestalten wollen“, sagt der pädagogische Spiritus Rector noch. „Wir aber wollen zeigen: Zur Entwicklung eines digitalen Produkts gehört viel mehr als nur der Code.“ Eine gute Software, die schlecht benutzbar ist, bringe genauso wenig wie eine, die ihre Funktion nicht richtig erfüllt. Die Grenzen der Studiengänge sind fließend – so wie im richtigen Leben auch. An der Code University sollen Programmierer auch designen können und Produktmanager auch einigermaßen gut programmieren.

Kein klassisches Informatikstudium

Mit dem klassischen Informatikstudium an einer Universität hat der Studiengang nicht viel gemein, nicht nur, weil man dort nicht unbedingt das Programmieren lernt. „Wir wollen die Informatik nicht ersetzen, sondern ergänzen“, sagt Bachem und zieht eine Analogie zu den wirtschaftswissenschaftlichen Universitätsstudiengängen, die genauso ihre Berechtigung hätten wie die vielen Business-Schools, an denen die Lehre sehr viel praxisbezogener ist. Die Projekte, die den Studenten über drei Jahre angeboten werden, erarbeiten die Professoren gemeinsam mit Unternehmen, Organisationen und Start-ups. Darunter solche für Anfänger und Fortgeschrittene.

Mit Abschluss eines jeden Projekts steigt der Studierende in einem Kompetenzraster auf und eignet sich so immer mehr Wissen an. Natürlich gibt es, wie an anderen Hochschulen auch, ein für das Semester festgelegtes Arbeitspensum und Credit-Points. „Nur sagen wir den Studenten nicht, dass sie in der vierten Woche des zweiten Semesters ein bestimmtes Modul belegen, ein bestimmtes Buch lesen und schließlich eine Klausur bestehen müssen.“ Jeder Student hat einen der Professoren als Mentor, mit dem er gemeinsam Lernziele festlegt.

Klassische Prüfungen oder Seminararbeiten gibt es nicht. Gleichwohl ist sichergestellt, dass die Studenten am Ende der drei Jahre nach Abschlussprojekt und Bachelor-Arbeit ein bestimmtes Niveau erreicht haben, das sich nach dem Europäischen Qualifikationsrahmen und dem darin definierten Bildungsniveau für die jeweiligen Fachrichtungen richtet. Ausprobieren, anwenden, scheitern, sich informieren, wieder aufstehen, neu probieren – das ist das Lernkonzept der Uni. Auch für die Professoren ist das neue Konzept eine Herausforderung, müssen sie sich persönlich doch sehr zurücknehmen, wenn es darum geht, den anderen die Welt zu erklären.

Die Code-University ist keinesfalls nur etwas für frühreife Nerds mit reichlich Vorkenntnissen, wie es womöglich Bachem selbst einmal war. Aus einer Vielzahl von Bewerbern haben die Gründer 75 junge, ganz unterschiedliche Menschen für das erste Semester ausgewählt. Nächstes Jahr sollen es 100 Studierende sein, danach 125.

Hochschule ist solide finanziert

Bachem hätte auch eine Online-Universität gründen können. Aber das wollte er nicht: „Wir sind überzeugt davon, dass die meisten Studierenden immer noch als Teil einer Community in Gegenwart physisch präsenter Dozenten lernen wollen, vor allem im Erststudium.“

Die Hochschule ist mit Geld von Größen der Gründerszene solide finanziert. 4,5 Millionen Euro hat Bachem eingesammelt. Das erste Jahr hat er vorfinanziert, mit dem Geld der Investoren soll nun der Break-Even in drei Jahren erreicht werden. Zwei Drittel der Hochschule gehören den Gründern, ein Drittel besitzen die Investoren. Dennoch ist sie kein klassisches Start-up. Sie ist nicht darauf ausgelegt, möglichst viele Kundenkontakte zu generieren. Und schon gar nicht darauf, dass nach ein paar Jahren eine hohe Rendite erwirtschaftet wird. „Die Hochschule soll sich langfristig selbst tragen“, sagt Bachem, „und nicht immer wieder vom Wohlwollen neuer Geldgeber abhängig sein.“ Dann wäre er schon zufrieden. Dazu müssen freilich auch die Studenten etwas beitragen. Ingesamt 26 900 Euro kostet das Bachelor-Studium oder umgerechnet 750 Euro im Monat. Für diejenigen, die sich das nicht leisten können, bieten die Gründer ein einkommensabhängiges Spätzahler-Modell an, das beginnt, wenn der Absolvent seinen ersten Job antritt. Um eine hohe Rendite geht es Thomas Bachem und seinen Gründerkollegen nicht. Das wissen auch die Investoren.

Es kann durchaus sein, dass sich das Konzept der Universität noch ändert. Denn schließlich ist auch sie nichts anderes als ein einziges großes Projekt mit einem ganz neuen Lernansatz, der sich in der Praxis erst beweisen muss. So müssen auch die Studenten Mut und Pioniergeist mitbringen. Mut haben viele. Das Interesse jedenfalls ist riesig.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kloepfer, Inge (ink.)
Inge Kloepfer
Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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