Code University

Programmieren studieren

Von Mauritius Kloft
 - 10:52

Paulina Steffen hat BWL studiert und parallel Versicherungskauffrau gelernt. Von Informatik hat sie keine Ahnung. Trotzdem wird sie ab diesem Semester an der ersten deutschen Programmierer-Hochschule studieren. Die „Code University“ in Berlin will die Softwareentwickler von morgen ausbilden, eine heute schon sehr gefragte Spezies. Dass dafür eine eigene Hochschule geschaffen wird, ist ein Novum in der deutschen Hochschullandschaft – und ein Zeichen, mit welcher Wucht die Digitalisierung um sich greift. Die Schulen hierzulande gelten in diesem Bereich längst als abgehängt. Universitäten und Fachhochschulen lehren eher Informatik, überlassen die Programmiersprachen aber oft den Anwendern zum Selbststudium.

Die neue Hochschule soll anders sein, praxisbezogener. Vorkenntnisse sind für eine Aufnahme nicht zwingend nötig, eher Leidenschaft und eine Affinität zum Knobeln. Paulina Steffen bringt beides mit. Mathe liege ihr, sagt sie – und „irgendwas mit Medien“. Für das Programmierer-Studium hat die 22-Jährige ihre Heimatstadt Hannover aufgegeben und ist nach Berlin gezogen. Mit ihrer Stelle in einem großen Versicherungsunternehmen mit 2000 Mitarbeitern, die sie bis kurz vor Studienbeginn hatte, war Steffen dagegen unzufrieden. „Ich habe den Fehler gemacht und nicht vorher geschaut, ob mir das überhaupt Spaß macht“, sagt sie.

Mehr Spaß und Zufriedenheit hofft sie jetzt bei der Code University zu finden. Nach dem Studium dort will sie nicht mehr in einem großen Unternehmen arbeiten. „Zu starr, zu unbeweglich“, seien die Konzerne, findet sie. „Wenn du da ein kleines Rädchen bist, dauert es sehr lange, bis sich überhaupt etwas in Bewegung setzt“, sagt sie. „Lieber ein Start-up, das kannst du noch mit aufbauen, mit entwickeln.“ Genau das hat sich die Code University zum Ziel gesetzt. Sie will die Start-up-Gründer der Zukunft, die Mark Zuckerbergs von morgen schaffen. Im Fortschreiten der Digitalisierung sei das wichtig, sagt Thomas Bachem, der Gründer der Hochschule. Auf der Homepage der Berliner wird er nur Tom genannt.

Drei Bachelorstudiengänge

Die Code University ist eine private Fachhochschule, erst in diesem Sommer hat sie ihre Zulassung erhalten. Zum Wintersemester, das in diesen Tagen startet, beginnt nun endlich der Lehrbetrieb. Gelehrt wird in Englisch, und es gibt drei Bachelorstudiengänge: Software Engineering, Interaction Design und Product Management. Bei allen dreien steht das Erlernen von Programmiersprachen im Vordergrund. Nur der Fokus ist jeweils ein anderer. Gemeinsam haben sie, dass in Gruppen und nicht in Hörsälen gelernt wird und der Praxisbezug im Zentrum stehen soll. Masterstudiengänge gibt es erst einmal nicht, obwohl die Nachfrage sehr hoch sei, wie Thomas Bachem versichert. Zunächst wolle er sich auf den Aufbau der Bachelor-Studiengänge konzentrieren. Gratis ist das geballte Programmiererwissen natürlich nicht: 747 Euro je Monat verlangt die Code-University von ihren Studenten, also fast 27 000 Euro für das gesamte Studium. Allerdings bietet die Hochschule ein sogenanntes Generationen-Finanzierungsmodell an: Dabei müssen Absolventen die Studiengebühren nach dem Studium erst dann zurückzahlen, wenn sie über einem festgelegten Gehalt liegen.

Rund zweitausend Bewerbungen sind in Berlin eingegangen. Bewerber müssen zunächst einige Eingangsfragen auf der Homepage beantworten und dann online eine größere Aufgabe bearbeiten. „Wir sollten uns ein Problem von Menschen oder Unternehmen überlegen, das wir durch eine App oder eine Plattform lösen“, sagt Paulina Steffen. Die Aufgabenstellung sei ziemlich offen gehalten worden, vier Wochen Zeit hätten die Bewerber für eine Lösung. „Natürlich arbeitet man da keine 24 Stunden pro Tag dran“, sagt sie. Sie hat sich eine Plattform überlegt, durch die Menschen eine Fahrgemeinschaft in der Nachbarschaft finden können. Sie habe aber noch nichts programmiert, es sei eher eine Art theoretische Projektarbeit gewesen – auch die auf Englisch. Diejenigen, die den besten Lösungsansatz anbieten, werden anschließend zu einem „Assessment Day“ nach Berlin eingeladen. Dort müssen sie dann ein weiteres digitales Problem lösen – und es gibt ein etwa 20 Minuten langes Bewerbungsgespräch. „Das Gespräch war sehr locker“, sagt Paulina Steffen. Es sei auch nicht nur um die Code University gegangen. „Ich wurde zum Beispiel gefragt, ob ich mir vorstellen kann, nach Berlin zu ziehen“, sagt sie.

Laut Homepage kann jeder, „der es drauf hat“, ein Studium an der Privathochschule aufnehmen, eine Studentenobergrenze gibt es offiziell nicht. Und trotzdem sind dem Projekt Grenzen gesetzt. In diesem Semester startet die Hochschule mit rund 75 jungen Männern und Frauen, wie Bachem erzählt. Rund zwei Drittel von ihnen sind zwischen 18 und 22 Jahren alt. Der Rest sei Ende zwanzig und habe „das Thema digitale Produktentwicklung jetzt erst für sich entdeckt“. Bachems Ziel lautet so oder so: „Wir wollen raus aus der klassischen Nerd-Ecke.“ Das werde dadurch bestätigt, dass sich viele „kreative und alternative“ Köpfe beworben hätten.

Ein Viertel der Studenten sind Frauen

Der Frauenanteil dagegen entspricht dem Klischee: Nur knapp 25 Prozent der Studierenden seien weiblich. „Das ist schade, aber es liegt nicht an uns“, sagt Bachem. „Wer in seiner Jugend noch kein Interesse für das Programmieren entwickelt hat, der interessiert sich anschließend selten für ein IT-Studium. Da müssen wir früher ansetzen.“ Deshalb organisiere die Code University Jugend-Programmier-Camps, um junge Frauen, aber auch nicht so informatik-affine Jungen von ihrem Konzept zu überzeugen. Paulina Steffen macht der Männerüberschuss im Kreis der Kommilitonen allerdings wenig aus. „Es war leider schon in der Schule so, dass sich Jungs mehr für Mathe interessiert haben als Mädchen“, sagt sie. „Frauen müssen sich einfach mehr trauen.“

Einer der vielen männlichen Kommilitonen, die Paulina Steffen bald haben wird, ist Samuel Frey. Für Mathe und Informatik interessiert er sich schon lange. Das zeigte sich bei ihm vor allem in seiner Zeit als Werkstudent in einem IT-Unternehmen. Dort hat er auch seine Affinität zum Programmieren entdeckt. An zwei grundverschiedenen Studiengängen hat er sich schon versucht – VWL in Freiburg und Philosophie und Publizistik in Berlin. Beide hat er abgebrochen. Jetzt kommt mit dem Programmieren ein dritter Versuch dazu.

Für Hochschulgründer Bachem sind Studienabbrecher-Geschichten kein Hinderungsgrund für eine Aufnahme an der Code University – eher im Gegenteil. Er selbst wurde bei seiner Studienwahl schließlich auch enttäuscht. Ursprünglich war sein Wunschfach Informatik – aber die Theorie sei ihm zu trocken, zu mathematiklastig gewesen. Stattdessen studierte er Betriebswirtschaftslehre an einer privaten Hochschule in Köln. Mit Ende 20 wurde er dann Millionär – mit einem Online-Spiel namens „Fliplife“ und der Internetseite „Lebenslauf.com“. Bachems Geschichte klingt wie eine kleinere Variante der Karriere der Samwer-Brüder. Mit Unternehmen wie Zalando, die von den Samwers aufgebaut wurden, arbeitet Bachems Hochschule zusammen. Aber auch mit kleineren Start-ups und gemeinnützigen Organisationen. Denn das Gelernte soll durch Projekte mit Unternehmen gefestigt werden.

„Es gibt in der deutschen Hochschullandschaft bisher kaum Studiengänge, die auf die Anforderungen moderner Tech-Unternehmen ausgerichtet sind“, sagt Philipp Erler, der bei Zalando für die App und Website verantwortlich ist. Deshalb fördere das Schuh- und Bekleidungsunternehmen die Hochschule – nicht nur finanziell, sondern auch mit Projekten, die das Unternehmen den Studierenden ermöglicht. „Die Projekte können nur einen Monat, aber auch ein halbes Jahr dauern“, sagt Bachem. Was vor allem wichtig sei: Sie sind studiengangsübergreifend, das heißt, dass Studierende aller drei Studiengänge zusammen daran arbeiten sollen. So soll der Austausch verbessert werden. Wie genau die Projekte aussehen, stehe noch nicht fest. „Wir halten uns das bewusst offen: Apps, Websites und Hardware-Projekte können dort im Fokus stehen.“ Am Ende sollen die Studierenden wissen, in welchem Unternehmen oder in welcher Branche sie arbeiten wollen.

Platz für eigene Ideen und Projekte

Neben der Arbeit in den Unternehmen dürfen Studierende auch Projekte, die sie privat verfolgen, in ihre Ausbildung einbinden. Damian Hutter hat dazu schon Pläne gemacht. Der 30 Jahre alte Koch und Webdesigner beginnt ebenfalls in diesem Wintersemester an der Code University mit dem Studium. Er möchte mittelfristig seine beiden Steckenpferde in einem Start-up verbinden: indem er digitale Kassenlösungen für kleine Restaurants und Imbissbuden anbietet. Einige Erfahrungen mit IT hat er schon: Nach seiner Ausbildung zum Koch, dem Betriebswirt und der Ausbildung zum Grafikdesigner hat er sich mit einer eigenen Agentur selbständig gemacht. „So habe ich mir schon einiges beigebracht“, sagt er. Doch wie man zum Beispiel Sicherheitslücken von Internetseiten schließt, wisse er noch nicht. „Dafür ist die Code ja da“, sagt Hutter.

„In Deutschland fehlt ein Vorbild wie Mark Zuckerberg. Das wollen wir ändern“, sagt Hochschulgründer Thomas Bachem. Zuckerberg habe als Programmierer mit Facebook schließlich die Welt verändert. Weil Bachem weiß, dass Facebook nicht immer ein gutes Bild abgibt – dem Unternehmen werden unter anderem Datenschutzverletzungen vorgeworfen – soll es an der Code University auch eine Art Ethik-Kurs geben, der sich durch das ganze Studium zieht: „Technologie in der Gesellschaft“, heißt dieser. „Wir wissen, welchen Einfluss Software auf die Gesellschaft hat“, sagt Bachem. „Dieser Verantwortung sind wir uns bewusst.“

Quelle: F.A.Z.
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