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Cusanus Hochschule

Eine Universität für Querköpfe

Von Jan Grossarth
 - 14:39
Der Philosophie-Professor Harald Schwaetzer und die Ingenieurin und Ökonomin Silja Graup haben eine Ökonomie-Hochschule gegründet. Bild: Jan Grossarth, F.A.Z.

Bernkastel-Kues am schönen Weinfluss Mosel hat gewisse Ähnlichkeit mit Heidelberg, der großen Universitätsstadt. Die Bausubstanz mit Sandstein und Türmchen erinnert daran, der Fluss, die Hügel mit ihren Burgen, die von japanischen Touristen okkupierten German Restaurants. Ja, und auch eine Universität gibt es hier. Weil sie noch neu ist und erst im Krabbelstubenalter, ist sie klein und im Stadtbild nicht zu sehen. Das Verwaltungsgebäude liegt in einer Büroetage über einer Naturheilpraxis. Lesesäle gibt es im Rathaus, wo auch das Bürgermeisterbüro und der TÜV sind. Weitere Räumlichkeiten bietet eine ehemalige Synagoge, eine alte Jugendherberge hoch über dem kleinen Heidelberg.

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Etwa 90 Studierende hat die Cusanus Hochschule, sie haben den Altersschnitt von Bernkastel-Kues nur leicht gesenkt – zumal die wenigsten hier wohnen. Das Studium ist in wochenweise Blockseminare aufgeteilt, niemand muss hier wohnen, auch wenn es ein romantischer Ort ist. Studenten kommen aus Berlin, Frankfurt oder Dresden, für die meisten gibt es Schlafräume in der Jugendherberge.

Der Sinn der Neugründung besteht darin, die alte Universität zu retten. Hier sollen sich Persönlichkeiten ausbilden und nicht standardisierte Baukastenmodulköpfe produziert werden. „Seit Bologna droht, dass die Universität nicht mehr ihre Aufgaben freier Bildung für die Gesellschaft wahrnehmen kann“, meint der Mitgründer und Vizepräsident der Cusanus Hochschule Harald Schwaetzer.

Studieren lässt sich hier Philosophie oder Ökonomie, beides als Bachelor- oder Master-Studiengang. Der Blick auf den Modulplan verrät, dass zum Beispiel der Ökonomiestudiengang sich inhaltlich stark von dem an anderen Universitäten unterscheidet. Das liegt nicht nur daran, dass die Seminare alle in kleinen Gruppen stattfinden und wochenweise, sondern auch an der inhaltlichen und methodischen Breite. Neben der reflektierten Vermittlung ökonomischen Standardwissens und ideengeschichtlichen Grundlagen stehen Seminare wie Gemeinwohl, Kommunikation und Kulturwissenschaft auf dem Lehrplan (siehe Kasten).

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Wissen soll hart erworben werden

Am Anfang eines Semesters steht eine Woche Studium Generale, das hier „Studia humanitatis“ heißt. Hier kann die Philosophie des Deutschen Idealismus ein Gegenstand des Unterrichts sein, die Existenzphilosophie, Schriften über das sogenannte humanistische Menschenbild, wobei sich die Hochschule auch auf ihren Namenspatron und den großen Sohn der Stadt, Nikolaus von Kues, bezieht. Er steht hier für den Wissens- und Forschungsdrang der Renaissance, für die Reflexion persönlicher Perspektive im wissenschaftlichen Erkenntnis- und Abstraktionsprozess. Das Ideal der Hochschule ist damit und in Abgrenzung gegenüber der modularisierten Massenuniversität beschrieben. „Wir sind aber keine Träumer, sondern schaffen neue Denkräume für wichtige Gegenwartsfragen“, sagt die Vizepräsidentin und Mitgründerin Silja Graupe. Wissen soll hier hart erworben werden, nicht aber streberhaft antrainiert und via „Multiple-Choice“ ausgespuckt.

Aber es geht nicht nur um akademische Freiheitsversprechen. In Bernkastel-Kues soll die Volkswirtschaftslehre ganz anders verstanden und vermittelt werden. Silja Graupe, Ingenieurin und Ökonomin mit zunehmendem Hang zur Philosophie, hat eigentlich deshalb die Cusanus Hochschule gemeinsam mit dem Philosophie-Professor Harald Schwaetzer gegründet. Beide lehrten zuvor in Bonn an der privaten und anthroposophisch orientierten Alanus-Hochschule.

Graupe unterrichtete dort Volkswirtschaftslehre nach ihrer Art, wollte diese jedoch im gesamten Ökonomiestudium verankern. „Wichtig ist mir“, sagt sie, „das Wirtschaftsstudium grundlegend inhaltlich wie strukturell zu reformieren, insbesondere auch in den Kernfächern selbst.“ Dem ökonomischen Mainstream, wie er heute weltweit standardisiert an Hochschulen gelehrt wird, wirft sie letztlich vor, verkappte Ideologien zu transportieren. Dabei lehnt sie diese Modelle oder neoliberale Theorien nicht per se ab. Aber sie würden oft und in aller Regel kultur- und geistesgeschichtlich unvermittelt und nicht eingeordnet gelehrt. Kritische Reflexion unterbleibe, so dass es zur unbewussten Übernahme von Grundüberzeugungen bei Studierenden kommen könne.

Ausrichtung an Adam Smith

Das „Streben nach Glück“, für den Ökonomen und Nationalphilosophen Adam Smith noch ein gleichberechtigtes Anliegen, ist in späteren Modellen irrelevant. Eine Studentin der Cusanus Hochschule schreibt in einem Blog mit dem Namen Moselgeist über ihre Bildungserfahrungen an der Hochschule. Sie habe dort gelernt: „Vertraue auf dich und dein Streben nach Glück.“

Das Streben nach Glück gehört aber zum Leben, und es ist wohl auch eine wichtige Erklärung für wirtschaftliche Betätigung; für Gründungen und Verträge, Handel und Erfindungen. „Sympathy“ – Mitgefühl, Zugewandtheit – sei ein Wort, das bei Adam Smith noch zentral sei, schreibt Silja Graupe in einem Beitrag für die „Zeitschrift für Philosophie“. Davon wird man in den Curricula der renommiertesten deutschen Ökonomiefakultäten wie der LMU München oder HU Berlin, den Universitäten Mannheim und Freiburg kaum ein Wort hören. Sie konzentrieren sich seit vielen Jahren auf ihre Schwerpunktbildung in der Mikro- oder Makroökonomik, richten sich nach den internationalen Anreizsystemen für die Wissenschaft. Aufsätze in den renommierten und relevanten Journalen lassen sich in der Regel durch methodische Spezialisierung veröffentlichen; eine interdisziplinäre Weitung verkompliziert das Vorhaben.

Jedoch führt das Streben nach messbaren Anerkennungspunkten in der wissenschaftlichen Community zu einem Relevanz- und Sprachverlust der Ökonomen. Nach ihrer vielbeklagten Unfähigkeit, die Finanzkrise von 2008 vorauszusehen, brach sich die Kritik medial und langsam auch innerhalb der Disziplin Bahn. Die Universität Siegen führte als erste einen Master-Studiengang „Plurale Ökonomik“ ein. 2008 wurde geradezu zum Symbol für den Relevanzverlust der wissenschaftlichen „Elfenbeinturm“-Ökonomie. Viele Volkswirtschaftsprofessoren sehen das selbst so, zeigten Umfragen. Jedoch mag es viele auch überfordern, ihre vertraute Methodenwelt zu verlassen – so wurden etwa Physiker auf Mikroökonomie-Lehrstühle berufen, die alles andere sind als Experten für ökonomische Ideengeschichte.

„Geld als Denkform“

Cusanus macht Ernst mit der Neuerfindung der Ökonomie als einer pluralen, multiperspektivischen Wissenschaft. Das heißt auch, dass die Erfahrungen der Menschen wieder eine Relevanz für die Wissenschaft gewinnen. Volkswirtschaftliche Theorien sollen reflektiert vermittelt werden, das heißt bezogen auf ihre historische Entstehungsgeschichte. Metaphern einer Nationalökonomie als Maschine oder von Gleichgewicht und Gleichgewichtsverlusten durch staatliche Eingriffe könnten, von der Politik wörtlich genommen, geradezu schädliche Auswirkungen haben, legt Graupe in ihrer neuen Studie „Beeinflussung und Manipulation in der Ökonomischen Bildung“ nahe. Hierfür hat sie internationale Standardlehrbücher untersucht. Solche linguistisch fundierte Wirkungsforschung spielt folglich auch eine Rolle im Studium an der Mosel. Zentral auch kultur- und gesellschaftswissenschaftliche Perspektiven auf die Wirtschaft, Aspekte wie Ökonomisierung, „Geld als Denkform“. Ökonomische Forschung, sagt Silja Graupe, solle transdisziplinär sein – das heißt im Bezug auf Fragestellungen, die sich aus der gesellschaftlichen Lebenswelt ergeben, nicht aus „Forschungslücken“ oder methodischer Spielfreude.

Schön und gut, mag man sagen – aber hat die reale Welt auf so viel Idealismus und Klugheit gewartet? Oder wünschen sich Konzerne und Unternehmensberatungen nicht bienenfleißige, einseitig betriebswirtschaftlich talentierte Mitarbeiter, die lieber für Geld arbeiten als geistig oder ganzheitlicher nach dem Glück zu suchen? Über die Lebenswege der Absolventen ist noch nichts bekannt, es gab gerade erst die ersten. Viele Studierende kommen direkt aus der Schule, andere aber studieren auch berufsbegleitend oder nehmen sich dafür eine Auszeit. Einige suchten nach beruflicher Neuorientierung, nach Ideen und Wegen für Unternehmensgründungen etwa, nach tragfähigen Netzwerken von lebensnahen Forschern, die mehr wollten, erzählen die Cusanus-Professoren Graupe und Schwaetzer.

In Zukunft soll die Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues auch besser sichtbar werden. Ein Hotel in einem Gründerzeitbau, das an der zentralen Moselbrücke steht, wird im kommenden Jahr geschlossen, Cusanus zieht ein. Auf der anderen Straßenseite liegt das alte Cusanusstift. Und einen Laden, der veganen Brotaufstrich verkauft, gibt es auch schon.

Ein Beispiel-Curriculum für das „andere“ Ökonomiestudium

Für wen eignet sich das Cusanus-Studium? Allen Studierenden gemein sei ein besonderes gesellschaftliches und soziales Engagement – „sei es in Vereinen oder Organisationen, ehrenamtlich oder beruflich“, sagt die Professorin Silja Graupe. Lebenserfahrung auch in diesem Sinne sei eine Voraussetzung, um einen Studienplatz zu bekommen. Das „alternative“ Ökonomiestudium ist ohnehin keine, wie man denken mag, „linke“ Angelegenheit, sondern eine sehr bürgerliche. Auf dem Studienplan steht humanistisch-ganzheitliche, am persönlichen Interesse und fundiertem Verständnis orientierte Bildung. Als Bachelor-Studiengang etwa bietet die Cusanus Hochschule „Wirtschaftswissenschaften mit interdisziplinärer Ausrichtung, Schwerpunkt Soziale Verantwortung“ an. Am Beispiel dieses Studiengangs lässt sich aufzeigen, wie sich die Hochschule ein disziplinär vielseitigeres Ökonomiestudium vorstellt: In den ersten beiden Semestern gibt es die Seminare „Wirtschaft im 21. Jahrhundert“ und „Kontexte wirtschaftlichen Handelns“, daneben Grundlagen der ökonomischen Methoden, des wissenschaftlichen Arbeitens, des Managements. Im 3. und 4. Semester folgen Ethik, Nachhaltigkeit und Unternehmenskommunikation, Sozialtheorie, Kulturgeschichte und Institutionentheorie. Im 5. und 6. Semester stehen „Geld und Gesellschaft“, Organisationskultur, Politische Theorie, Wirtschaftspolitik und Gemeinwohl auf dem Lehrplan. Zudem ziehen sich vier Blöcke „Studia humanitatis“ und zwei Blöcke „Reflexion eigenen Engagements“ durch die Semester. Nach der Bachelor-Arbeit ließe sich ein Master-Studium der Ökonomie mit Schwerpunkt „Gesellschaftsgestaltung“ anschließen. Auch hier gibt es vier Blöcke „Studia humanitatis“, im ersten Semester „Ökonomie und Ökonomisierung“, „Kulturgeschichte des Denkens über Wirtschaft“, im zweiten und dritten Semester größere Forschungsprojekte, „Wirkungsforschung“, „Institutionengestaltung“, zwei Mal „interdisziplinäre Methoden“, im vierten „Gesellschaftsgestaltung“. Kostenlos gibt es das Studium an der staatlich anerkannten Hochschule nicht. Im Monat kostet es 300 Euro, ein ganzes Master-Studium also rund 7.200 Euro und ein Bachelor-Studium 10.800 Euro. Die Sparkasse Mittelmosel-Eifel/Mosel/Hunsrück gibt Kredite.

Quelle: F.A.Z.
Jan Grossarth
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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