Daf und Daz

Fremdsprache Deutsch

Von Carolin Wilms
 - 05:42

„Er kommte nach Hause.“ Das wirkt auf den ersten Blick ziemlich verunglückt. Allerdings: „Das ist ein Hinweis auf einen Entwicklungsschritt“, sagt Udo Ohm, Professor für das Fach Deutsch als Fremd- und Zweitsprache – Kürzel: Daf/Daz – an der Universität Bielefeld, über den Satz. „Er zeigt, dass der Schüler die Regel für Konjugation beherrscht. Er wusste nur nicht, dass dieses Verb unregelmäßig ist.“ Diese Form der Fehlerdiagnostik bei Schülern, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, und der Umgang mit Mehrsprachigkeit insgesamt wird im Studium Daf/Daz an mehr als fünfzig Universitäten in Deutschland gelehrt. „Es ist ein Unterschied, ob Schüler mit Erst- oder Zweitsprache Deutsch unterrichtet werden“, sagt Ohm. „Die Ausbildung der Lehrer unterscheidet sich wesentlich.“ Und das ist nicht das einzige Problem.

Während angehende Deutschlehrer das Fachstudium Germanistik mit Sprach- und Literaturwissenschaften, Didaktik und Pädagogik bewältigen müssen, befassen sich Studenten des Studiengangs Deutsch als Fremdsprache damit, das gesamte Feld des Deutschlernens und Deutschlehrens im In- und Ausland zu vermitteln. Zu den Herausforderungen einer Zweitsprache kommen kulturelle und gesellschaftspolitische Aspekte hinzu. „Die Daz-Studenten müssen auf ein breites Spektrum von Schülern vorbereitet werden“, sagt Olaf Bärenfänger, Direktor des Sprachenzentrums der Universität Leipzig. „Sie werden, wie zum Beispiel nach der Flüchtlingskrise, auf Schüler mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen und mehreren Altersstufen treffen. Einige sind nicht alphabetisiert oder sind traumatisiert, andere beherrschen die lateinische Schrift nicht.“ Studenten müssen also lernen, wie sie auf die Vielfalt von Schülern eingehen und die Inhalte vermitteln können. Im Daz-Studium lernen sie auch die Stolpersteine kennen, die die deutsche Sprache bereithält. Wer etwa weiß, dass das Türkische keinen Artikel kennt, kann nachvollziehen, weshalb dessen Verwendung für Schüler mit dieser Herkunftssprache eine besondere Lernleistung darstellt.

Auch interkulturelle Kompetenz und Einfühlungsvermögen, über das die angehenden Lehrkräfte verfügen sollten, wird an der Universität vermittelt: „Die Studierenden müssen ein Bewusstsein für Zuschreibungen entwickeln, die alltäglichen Formulierungen scheinbar innewohnen, aber nicht real existieren“, sagt Claus Altmayer, Professor für Daf/Daz an der Universität Leipzig, der in seinen Vorlesungen Kulturverständnis und kulturbezogenes Lernen vertieft. „Die Daz-Schüler sollen nicht Landeskunde als Fakten lernen. Vielmehr müssen sich die Studierenden bewusst machen, was sie transportieren, wenn sie von deutscher Kultur oder deutschen Werten sprechen.“ Zwischen den Fächern Deutsch als Fremdsprache und Deutsch als Zweitsprache werde „spracherwerbstheoretisch unterschieden“, sagt Altmayer. Während der Daf-Schüler im Ausland Deutsch meist nur im Unterricht hört, habe der Daz-Schüler auch nach der Schule noch das deutschsprachige „Sprachbad“, in das er eintauchen könne. Beiden gemein ist, dass sie ihre Herkunftssprache sprechen und dann Deutsch lernen.

Der Bedarf an Lehrkräften hat zugenommen

Die Beherrschung der deutschen Sprache ist eine Schlüsselqualifikation für schulischen und in der Folge für beruflichen und gesellschaftlichen Erfolg. Deshalb kommt der Vermittlung von Deutsch als Zweitsprache eine besondere Bedeutung zu. „Da seit den sechziger Jahren, das heißt, seit über vierzig Jahren, Menschen millionenfach nach Deutschland einwandern, sollte man annehmen, dass der professionelle Umgang mit Schülern, die Daz lernen, an den Schulen des Landes selbstverständlich sei. Das Gegenteil ist der Fall“, sagte Olaf Wiegand, Lehrer am Dortmunder Heisenberg-Gymnasium, in einem Vortrag zur Fachtagung „Daz in der Lehrerausbildung“ schon lange vor der Flüchtlingskrise. Und durch den vermehrten Zuzug sogenannter „Bildungsausländer“ aufgrund des Brexit-Votums und der Abschottungspolitik der neuen amerikanischen Regierung hat der Bedarf an Lehrkräften für Daf und Daz eher noch zugenommen.

Auch die Ausbildungsvarianten sind mittlerweile vielfältiger. Sie wurden Mitte dieses Jahres in der Studie „Zur Ausbildung von Lehrkräften von Daf/Daz an deutschen Hochschulen“ untersucht und vom Fachverband Deutsch als Fremd- und Zweitsprache herausgegeben. Durch den schnell entstandenen Bedarf an entsprechenden Lehrern sind die Zusatzqualifikationen ausgeweitet worden, außerdem haben die Bundesländer eigene Vorgaben: Daf/Daz kann im Bachelor- und Master-Studiengang als Haupt- oder Nebenfach studiert werden; Absolventen werden darauf vorbereitet, als Lehrer an Sprachschulen in Deutschland und im Ausland, zum Beispiel an Goethe-Instituten, zu unterrichten; als Arbeitgeber kommen auch ausländische Universitäten in Frage, wo sie als Lektoren arbeiten können – oder Schulbuchverlage wie der Cornelsen Verlag, der in Universitäten mit Orientierungsveranstaltungen um Studenten wirbt. Sie sollen als sogenannte Lehrwerksredakteure Schulbücher entwickeln, die im In- und Ausland verwendet werden.

Im Schuldienst an deutschen staatlichen Schulen konnten sie bisher allerdings nicht als Lehrer arbeiten. Denn die Kultusministerien haben Daf/Daz im Lehramtsstudium nicht als selbständiges Erst- oder Zweitfach anerkannt. Dies scheint sich aber gerade zu ändern, zumindest in einigen Bundesländern. „Einige unserer Absolventen arbeiten als Daz-Lehrkräfte an sächsischen Schulen“, sagt Altmayer, „obwohl sie bisher kein formelles Lehramtsstudium nachweisen können. Wenn sie dauerhaft in der Schule arbeiten wollen, müssen sie das noch nachholen.“ Die Daz-Lehrer können ihr Fach auch als Honorarkräfte in Willkommens- oder Integrationsklassen unterrichten. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) hat die Mindestvergütung inzwischen auf 35 Euro je Stunde angehoben, nachdem mehr als 40 Professoren für Daf/Daz in der „Leipziger Erklärung“ den Missstand der Entlohnung im Januar 2016 aufgezeigt hatten.

„Der Markt ist derzeit leergefegt“

Daz kann aber auch als Erweiterungsfach – also als drittes Fach im Staatsexamen – neben zwei weiteren Lehramtsfächern studiert werden. Die Studie des Fachverbands Deutsch als Fremd- und Zweitsprache hat bei dieser Option eine Verdopplung der Erstsemesterzahlen in den vergangenen drei Jahren ermittelt. Das mag daran liegen, dass Daz als Drittfach von den Kultusministerien anerkannt ist und in Kombination mit anderen Schulfächern solche Lehramtsstudenten attraktive Kandidaten für den Schuldienst sind. Nordrhein-Westfalen hat seit dem Jahr 2009 als erstes Bundesland für alle Lehramtsstudenten obligatorisch einen Daz-Baustein in Form von zwei Modulen im Lehramtsstudium vorgesehen. Denn die durchgängige Sprachbildung in allen Schulfächern sei wichtig. Andere Bundesländer verpflichten zumindest alle Lehramtsstudenten mit dem Fach Deutsch, Daz-Module im Studium zu belegen, oder haben fakultative Angebote. Diese Module dienen, wie die Universität Bielefeld in ihrem Vorlesungsverzeichnis schreibt, der Sensibilisierung für die besonderen Lernvoraussetzungen von Schülern, die sich in unterschiedlichen Lernphasen von Daz befinden. Sie haben eine Querschnittsaufgabe und schaffen ein gewisses Bewusstsein bei angehenden Lehrkräften, die später auch Daz-Schüler in ihren Klassen haben werden.

Die gestiegene Nachfrage nach Daz-Lehrern hat zuletzt zu einem starken Anstieg von universitären Qualifizierungsangeboten geführt, die in kürzerer Zeit abgeschlossen werden können und vom Bamf für die Erwachsenenbildung anerkannt werden. Die Fachverbandsstudie geht davon aus, dass der günstige Arbeitsmarkt zusätzlich motiviert. Das zeige auch die Zahl der Erstsemester für alle aufgeführten Ausbildungsmöglichkeiten, die in den letzten drei Jahren um 32 Prozent gestiegen sei. „In Leipzig haben wir einen Numerus clausus eingeführt“, sagt Claus Altmayer, dessen Herder-Institut das größte im deutschsprachigen Raum ist. Dort lässt der Freistaat Sachsen auch seine Lehrer berufsbegleitend für Daz weiterbilden. Die Ausbildung dauert zwei Jahre, die teilnehmenden Lehrer werden einmal wöchentlich acht Stunden unterrichtet.

Zudem werden im Studienkolleg Sachsen, das aus dem Herder-Institut hervorgegangen ist, ausländische Studenten sprachlich auf das Hochschulstudium in Sachsen vorbereitet. Diese Vorbereitung gibt es in Leipzig seit der Gründung des Instituts im Jahr 1956. „Hier wurde der Begriff Daf zum ersten Mal eingeführt und das Fach sozusagen geboren“, sagt Altmayer. „Erst 1978 kam es aufgrund einer politischen Entscheidung zu einem Pendant in München, um die Nähe zum Goethe-Institut herzustellen.“ Das Studienfach erlebt derzeit jedenfalls eine starke Nachfrage, und knapp die Hälfte der befragten Verantwortlichen aus der Studie rechnen mit einem weiteren Anstieg der Absolventenzahlen. Dabei scheint die Zahl der Interessenten bei Erstsemestern deutlich größer zu sein als die Anzahl der Plätze. Olaf Bärenfänger aus Leipzig sagt: „Der Markt ist derzeit leergefegt. Die Berufsaussichten für die Daz-Absolventen werden sich unter dem Druck der Flüchtlingskrise verbessern.“

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenDeutschlandLeipzigGoethe-InstitutUniversität BielefeldUniversität LeipzigAusbildungFlüchtlingeStudenten