Deutsche Hochschulen

Mittelmäßig und fremdbestimmt?

Von Lisa Becker
 - 15:00

Rick van der Ploeg ist nicht zufrieden mit den Hochschulen in Deutschland, Frankreich und Italien. Dort sei der Hochschulsektor überreguliert, es gebe zu wenig Wettbewerb zwischen den Einrichtungen, diagnostiziert der Wirtschaftsprofessor von der britischen Oxford-Universität, der auch mal Staatssekretär im niederländischen Bildungsministerium war.

Van der Ploeg sprach auf dem Munich Economic Summit, den das Ifo-Institut und die BMW-Stiftung kürzlich in der bayerischen Landeshauptstadt veranstalteten. Der Professor ist ein Befürworter der angelsächsischen Tradition von Wettbewerb und Selektivität. Die Hochschulen hierzulande müssten ihre Studenten sorgfältiger aussuchen, riet er. „Eine Universität, zu der jeder Zugang erhält, ist eine schlechte Universität.“

Von Hochschulen und Studenten fordert er mehr Eigenständigkeit

Er fordert zudem eine größere Autonomie der Hochschulen. Sie sollten selbst entscheiden, was sie mit ihrem Geld machten. „Die eine Einrichtung will vielleicht ein paar gute Jungprofessoren einstellen, die andere von demselben Geld eine Koryphäe.“

Van der Ploeg findet es seltsam, wenn die Hochschulen solche Entscheidungen mit der Politik abstimmen müssen. Nicht zufrieden ist der Wissenschaftler auch mit den Ergebnissen der Bologna-Reform. Die biete die große Chance, verschiedene Studienfächer zu kombinieren. Doch die Kontinentaleuropäer konzentrierten sich in ihrem Leben immer noch zu sehr auf nur eine Fachrichtung.

Insgesamt bescheinigt Van der Ploeg den Hochschulen in Deutschland eine „Kultur der Mittelmäßigkeit“. Damit sie besser würden, brauche es nicht nur mehr Wettbewerb zwischen den öffentlichen Einrichtungen, sondern auch zwischen öffentlichen und privaten Hochschulen; von Letzteren sollte es nach seiner Ansicht mehr geben.

Studiengebühren sieht Van der Ploeg als rentable Anlage

Der Hochschullehrer findet es selbstverständlich, dass Studenten substantielle Studienbeiträge zahlen müssen. „Eine Investition in akademische Bildung ist die beste, die man machen kann. Das eingesetzte Kapital verzinst sich viel höher als zum Beispiel eine Investition in Aktien.“ Hinzu komme, dass die private Rendite höher sei als die gesellschaftliche. Natürlich müsse sichergestellt werden, dass bedürftigen Studenten Reduktionen oder Kredite gewährt würden.

Die deutschen Hochschulen seien zwar unterfinanziert, andererseits können sie nach Van der Ploegs Meinung nicht auf mehr öffentliches Geld hoffen. Das werde verstärkt in die vorschulische Bildung fließen – und das sei richtig so. „Der Staat sollte nicht mehr Geld für die am stärksten Privilegierten ausgeben.“

Kaum Widerspruch auf dem Podium

Die Thesen des Oxford-Professors sind prädestiniert, viel Widerspruch unter deutschen Hochschulvertretern hervorzurufen, auch weil die Finanzierung des angelsächsischen Systems durch immer weiter steigende Studiengebühren selbst in Amerika und Großbritannien stark umstritten ist. Die deutschen Wissenschaftsvertreter, die in München auf dem Podium saßen, widersprachen freilich wenig.

So findet auch Bernd Huber, der Präsident der Ludwig-Maximilians-Universität München, das auf Wettbewerb ausgerichtete amerikanische System besser als das egalitäre deutsche System. „Doch Europa bewegt sich in Richtung des amerikanischen Systems“, meinte er. Die Autonomie der Hochschulen sei größer geworden und mit der Exzellenzinitiative mehr Wettbewerb entstanden.

Die internationalen Rankings liest Huber etwas anders als Van der Ploeg. Der hatte beklagt, dass unter den fünfzig besten Hochschulen der Welt keine aus Kontinentaleuropa stamme. Betrachte man die 300 besten, erklärte Huber, dann komme immerhin ein Drittel vom europäischen Kontinent.

Der Moderator, ein Brite, war indes skeptisch, dass in Großbritannien und Amerika alles besser ist. Dass die deutsche Wirtschaft so gut laufe, zeige doch auch, dass es um die höhere Bildung hierzulande so schlecht nicht bestellt sein könne.

Huber sprang bei: Die angelsächsischen Eliteuniversitäten sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Masse der Hochschulen dort schlechter sei als in Deutschland. Ein Konferenzteilnehmer wies zudem auf eine „education bubble“ in den Vereinigten Staaten hin: „Viele Studenten bezahlen zu viel für das, was sie bekommen.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Becker, Lisa (lib.)
Lisa Becker
Redakteurin in der Wirtschaft
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