Youtuber mit Tourette-Syndrom

Kurze Pause nach dem Tic

Von Judith Henke
 - 08:58

Bijan Kaffenberger zieht einen großen Koffer hinter sich her, als er die kleine Bar am Willy-Brandt-Platz betritt. „Ich war schon ewig nicht mehr hier“, sagt der junge Mann mit den dunklen Locken. Seit eineinhalb Jahren pendele er viel. In Frankfurt schreibt er an der Goethe-Universität seine Doktorarbeit über Bankenregulierung, in Thüringen kümmert er sich als Referent im Wirtschaftsministerium um Digitalisierung. Außerdem sitzt er für die SPD im Kreistag von Darmstadt-Dieburg. Oft muss er auch nach Berlin, wo er mit dem ZDF-Jugendsender Funk Videos für seinen Youtube-Kanal aufzeichnet.

Bei alledem sagt Kaffenberger: „Ich muss Stress vermeiden.“ Zu viel Zeitdruck führe dazu, dass seine Tics stärker würden. Denn der 28 Jahre alte hat das Tourette-Syndrom. Während er spricht, zuckt er immer wieder unkontrolliert, mal mit den Händen, mal mit dem Kopf. Dann macht er eine kurze Redepause und spricht weiter, als sei nichts gewesen. Wer ihm das erste Mal begegne, könne davon irritiert sein, sagt Kaffenberger. „Doch die Leute gewöhnen sich schneller daran, als sie denken.“

Der Doktorand geht sehr offen mit seiner Erkrankung um. Vor vier Jahren lud ihn eine Bekannte an, für ihren Youtube-Kanal Hyperbole vor die Kamera zu treten. In der Videoreihe „Frag ein Klischee“ beantwortete er Fragen, die ihm Zuschauer über sein Tourette-Syndrom stellten. Dass seine Erkrankung Menschen neugierig macht, ist für Kaffenberger kein Problem. „Solange diese Neugierde neutral bleibt, ist sie doch gut.“ Irgendwann seien die Klischees, über die ihn die Zuschauer ausfragten, aber erschöpft gewesen. „Ich will ja nicht zum Vorzeige-Tourette-Kranken der Nation werden.“ Deshalb hat Kaffenberger unter dem Namen „Tourettikette“ seinen eigenen Kanal eröffnet.

In seinen Videos redet er nicht über sich sondern über Politik

In den Videos sitzt er im dunklen Anzug in einem Ledersessel und zündet sich eine dicke Zigarre an. Dann beginnt er, die Fragen seiner Zuschauer zu beantworten. Anders als in „Frag ein Klischee“ redet er aber nicht über sich, sondern über Themen wie Karriere, Liebe und Politik. Dabei bleibt er nie ganz ernst, bedient sich eines derben Vokabulars und beißender Ironie. Einem jungen Mann, der wissen will, wie er an Weihnachten Gespräche über Politik umgeht, rät Kaffenberger etwa dazu, die Konfrontation zu suchen. „Wann hast du die Chance, so viele Weltanschauungen am Tisch zu haben? Wenn die erzkatholische Großmutter endlich auf den sudanesisch-islamischen Lover der Enkelin trifft, ist das doch besser als jede UN-Vollversammlung.“

Kaffenberger möchte in seinem Kanal Business-Ratgeber aufs Korn nehmen. „Ich sitze in diesem feinen Ambiente und bilde mit meinem Verhalten einen bewussten Kontrast dazu. Damit meine ich auch meine Tics.“ In seinem Berufsleben hat sich Kaffenberger nie fehl am Platz gefühlt. Weder im Thüringer Wirtschaftsministerium noch bei der SPD. „Ich gehe sehr offen damit um, dass ich Tourette habe, und Offenheit ist eine Eigenschaft, die ein guter Politiker sowieso haben sollte.“ Schon als Kind hat sich Kaffenberger, der bei seinen Großeltern in Roßdorf aufgewachsen ist, sein Gesicht auf einem Wahlplakat vorgestellt.

Den Wunsch nach einem Leben ohne Tourette hat er nicht

Kaffenberger war sechs Jahre alt, als seine Hand zu zucken anfing. „Ich habe keine Erinnerung an die Zeit ohne Tourette“, sagt er. Kurz konzentriert er sich, greift nach seiner Tasse Cappuccino und trinkt. „Meine Tics zu unterdrücken ist anstrengend.“ Doch den Wunsch nach einem Leben ohne Tourette habe er nicht. „Ich bin zufrieden mit meiner Situation. Ich wüsste nicht, ob sie besser wäre, hätte ich kein Tourette.“

Während seines Studiums der Wirtschaftswissenschaften an der Frankfurter Universität haben die Dozenten Rücksicht auf Kaffenberger genommen, ihn seine Klausuren allein schreiben lassen, wie er sagt. Dennoch hat ihn manches an seinem Studiengang gestört. Zusammen mit anderen Studenten hat er vor einigen Jahren die Initiative Kritische Ökonomik gegründet, die sich für mehr Ideenvielfalt in der Volkswirtschaftslehre einsetzt.

Auch auf seinem Youtube-Kanal will Kaffenberger politischer werden. „Das Format ,Tourettikette‘ wird es aber in dieser Form nicht mehr geben“, sagt er. Dabei habe er viel positives Feedback bekommen. „Manchmal erkennen mich sogar Leute auf der Straße und wollen ein Selfie.“ Außer den netten Zuschriften gebe es aber einige wenige, die ihm unterstellten, er simuliere seine Erkrankung. Kaffenberger ärgert das. „Der Grund ist doch, dass gerade das Privatfernsehen immer nur Tourette-Kranke vorführt, die zwanghaft Schimpfwörter brüllen. Dabei machen das die wenigsten.“

Quelle: F.A.Z.
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