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Klage eines Hochschullehrers

Studienanfänger – leseschwach und verantwortungsscheu

Von Bernd Beuscher
 - 05:57
Studienanfänger heute: Fehlt ihnen der Bildungsmut? Bild: ZB, F.A.Z.

In den nächsten Tagen begrüßen wir an den Hochschulen wieder die neuen Studentinnen und Studenten. Drei Phänomene fallen an den Studienanfängern von Semester zu Semester mehr auf: ihre elementare Leseschwäche, ihre verzweifelte Verstehenswut sowie ihre strategische Verantwortungsvermeidung. Eine äußerst unglückliche Kombination.

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Das Problem der Leseschwäche lässt sich folgendermaß en umreißen: Auch ich bewege mich in Textwelten des Durch- und Querblätterns, des Hervorgehobene-Schlüsselsätze-Überfliegens, des Abstracts- und Zusammenfassungen-Aufschnappens, des Verschlagwortens und Kurzfassens. Und ich beherrsche und genieße das! Aber ich kann auch umschalten auf längere, komplexe Texte, die am Stück ausgehalten werden wollen über sperrige, sich nicht sofort erschließende Worte und Satzbausteine hinweg, wo sich alle Sinnspuren verlieren, würde man alles häppchenweise verstehen und jedes fremde Wort sofort googeln wollen.

Dieses auf Ausdauer ausgelegte Wandern durch anspruchsvolles Textgelände hat einen besonderen Reiz, den ich auch kenne, beherrsche und genießen kann. Noch gilt das Lesen von komplexen Texten offiziell als wissenschaftliche Grundtechnik. Sehr viele Erstsemester haben jedoch unabhängig von der Muttersprache damit große Schwierigkeiten. Offensichtlich mussten die neuen Studentinnen und Studenten schon lange nicht mehr sinnerfassend lesen. Einige beherrschen zwar die Lesetechnik ganz gut, nutzen sie aber nur als Bluff. Sie klingen wie mein Navigationsgerät. Was soll man damit anfangen?

„Ich habe nur Bahnhof verstanden“

Hinzu kommt eine Verstehenswut, die offensichtlich als eine Art Übersprunghandlung diese Leseschwäche kompensieren soll. Das muss frustrierend sein. „Ich habe nur Bahnhof verstanden“ ist eine Standardbemerkung zu Beginn von Hochschulseminaren. Egal, was man macht, sie fällt fast immer. Offensichtlich sind die Studienanfänger gekommen, um verstanden zu haben und sich und ihr Wissen zu ratifizieren. Wenn sie merken, dass das nicht funktioniert, lautet die Klage, es sei „alles viel zu abstrakt und theoretisch“ gewesen, auch wenn kaum ein Theorem Thema des Seminars war und überwiegend Übungen durchgeführt und Praxisbeispiele verhandelt wurden. Sie sitzen da und notieren jedes Wort. Sie fremdeln, wenn sie spüren, dass nicht nur Auswendiglernen, sondern Lernen gefordert ist. Sie fordern Bilder in leichter Sprache, weil ihre Isomorphiebedürfnisse nicht befriedigt werden und ihre „Wut des Verstehens“ ins Leere läuft.

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Mit ihrer Klage möchten sie Nichtverstehen von Anfang an und grundsätzlich auf das Konto mangelnder didaktischer Künste der Lehrenden buchen. Ihre eigene Allmacht soll grenzenlos bleiben. Alles wollen sie verstehen, und zwar sofort: mich, sich, den Seminarstoff, Gott und die Welt. Das Leben und seine Wissenschaften konfrontieren aber immer wieder mit Neuem, Ungewohntem, Ungemütlichem, Unübersichtlichem, Komplexem, Fremdem. Das löst Angst, Ohnmachtsgefühle und Enttäuschungen aus. Neugier und Abenteuerlust werden im Freizeitpark konsumiert.

Angst, Ohnmachtsgefühle und Enttäuschungen sind zwar unangenehm, aber didaktisch schon mal nicht schlecht. Ob soziale, technische oder Verwaltungs- und Managementberufe: In allen Arbeitsbereichen kommt es angesichts hochkomplexer postmoderner Bedingungen mehr und mehr darauf an, (sich) auch gut nicht verstehen zu können. Ich verstehe die Aufgabe von Professoren nicht als Erfüllungsgehilfen studentischer Verstehenswut, sondern als Köche, die ein reichhaltiges Buffet anbieten, woraus Studenten ihren Bildungshunger stillen können. Nicht „All you can eat“, sondern „What do you want to eat?“: „Bedienen Sie sich. Picken Sie sich etwas heraus. Kosten Sie. Und in der schriftlichen oder mündlichen Prüfung berichten Sie dann systematisch, wie es geschmeckt hat und wie es bekommen ist.“

„Was ich schon weiß, macht mich nicht heiß“

Heute herrscht die fixe Idee, es müsse alles leicht zu verstehen sein. Dabei versteht Wissenschaft immer mehr, wie komplex alles ist. In meiner Generation war es noch üblich, vorwiegend die Seminare zu besuchen, in denen man zunächst nichts verstand. Wir fanden das spannend, denn „Was ich schon weiß, macht mich nicht heiß“. Sind nicht die besten Seminare und Vorlesungen die, die zu wünschen übrig lassen? Wenn man auch „Bahnhof verstehen“ kann, ist man auf einem guten akademischen Weg.

Es geht meines Erachtens an der Hochschule darum, richtig in Schwierigkeiten hineinzukommen anstatt ideologisch zu simplifizieren, bildungsbürgerlich abzuhaken und Patentrezepte zu erhaschen. Ein guter Professor verweigert sich Erklärungsschnelldiensten und Pädagotchi-Reflexen. Er kaut nicht vor und jubelt nicht unter, sondern ist eine (dosierte) Zumutung. Im Idealfall ergibt sich im Seminar ein Flow. Die Inszenierung einer knackigen Phase Frontalunterrichts ist dazu übrigens kein Widerspruch - im Gegenteil. Nirgendwo wird mehr manipuliert als durch die Trutschigkeit buntkarierter Reformpädagogikfolklore.

Bildungswut statt Bildungmut

Damit kommen wir zum dritten und schwerwiegendsten Phänomen, der strategischen Verantwortungsvermeidung. Liebe Studienanfänger: Hat Ihnen etwa über all die Schuljahre die herrschende Bildungswut allen Bildungsmut ausgetrieben? „Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen“: Von Kant wissen wir, dass Selber-Denken keine Frage des IQ ist, sondern des Lebensmuts. Mut ist ein Muskel; den muss man trainieren. Geschieht dies nicht, erlahmt er. Viele Studenten verfolgen zu Studienbeginn eine strategische Verantwortungsvermeidung. Im Seminar tauchen sie in der Masse ab. Die Nachfrage nach dem Namen, um sie würdig im Seminarverlauf ansprechen zu können, wird als Zumutung und Bloßstellung empfunden. Gleichzeitig geht man selbstverständlich davon aus, dass der Prof in der Studienberatung den Namen und den damit verbundenen individuellen Stand des Studienverlaufs und die erforderlichen Verwaltungsvorgänge, Termine und Fristen prompt auf dem Schirm hat und sich kümmert. Dass sie einer unter vielen sind und der Prof kein lieber Gott, schockiert sie.

Eine Studentin mailt: „Sehr geehrter Herr Beuscher, als Teilnehmerin in Ihrem Seminar würde ich gerne von Ihnen geprüft werden und Ihnen meine Arbeit vorlegen. Nun frage ich mich, wie und ob ich von Ihnen eine Unterschrift bekommen könnte. Sind Sie nächste Woche anzutreffen? Ich würde mich freuen wenn Sie Zeit für mich finden würden.“ Offensichtlich benötigt die Studentin für ihre Prüfungsanmeldung meine Unterschrift. Kein Problem. Blöd nur, dass sie sich nicht traut, mich darum zu bitten, und stattdessen aufs moralische Manipulieren verfällt.

Es ist in der Tat schwer, für sich selbst zu wissen, was man im Leben will, statt dass andere für einen das Wünschen übernehmen: „Ist der angestrebte Beruf mein Wunsch oder der des Vaters; habe ich um meinetwillen in der Prüfung versagt oder um der Mutter willen, um sie nicht verlassen zu müssen? Woher kommen eigentliche meine Wünsche? Wer spricht aus ihnen? Wem antworten sie?“ Liebe Studienanfänger: Wollen Sie sich wirklich die nächsten Semester für jedes kleine Schrittchen in die gewünschte Richtung loben lassen bis zum Umfallen?

Studieren geht über Funktionieren!

Es geht nur zweit- oder drittrangig darum, dass Sie die von den Dozenten repräsentierten Wissenssammlungen bewundernd zu Ihrem bisherigen Wissen hinzufügen. Das Studium wird Sie ändern. Studieren läuft auf einen Registerwechsel hinaus, bei dem viel verlernt werden muss. Verlernen tut weh. Verlernen, Umlernen ist immer noch die schwierigste Übung. Die Erstsemester spüren das genau, und einige von ihnen sind damit noch am Start bereits an ihrem „toten Punkt“ angelangt, wie Fritz Perls, der Begründer der Gestalttherapie, es beschrieben hat. Ein Tipp: Das Gefühl des totalen Informations-Overload, das zu Semesterbeginn alle beschleicht, verflüchtigt sich sehr schnell, wenn Sie aufhören, sich orientieren zu lassen und sich stattdessen selbst aufmachen. Die Endlosigkeit der Tutorien und Broschüren zum Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten nähren nur weiter die Unsicherheit, statt die Neulinge auf die eigenen Beine zu stupsen.

Studieren geht über Funktionieren! An der Hochschule ist mit Nachdenken wirklich noch Mut zu denken gemeint und nicht das abgekartete Spiel, den Gedanken der Dozenten und Dozentinnen nachzukommen, indem man argumentativ dahin geht, wo diese meinen, dass die Studierenden abgeholt werden müssten. Ich verstehe Hochschulen als Arenen für den Kampf um Erkenntnis im Blick auf Fragen, die das Leben stellt. Meine Aufgabe als Professor sehe ich nicht im Begleitservice, sondern ich verstehe mich als Kommilitone, zu Deutsch Mitstreiter. Ist das „oldschool“?

Immer häufiger stoße ich bei Studentinnen und Studenten auf die Auffassung, Hochschulen seien Zertifikatautomaten: Wenn man einmal herausbekommen hat, wie man ihn bedient und welche Knöpfe man wann drücken muss, kommen Zeugnisse und Bescheinigungen heraus. Lehre, ursprünglich ein Beziehungsgeschehen, pervertiert zu einem Verwaltungsakt. Ich finde es unfair, dass sich für diesen Ansatz das Etikett „verschult“ eingebürgert hat. Liegt es denn in der Natur von Schule, Menschen unmündig und abhängig zu machen? Dass dies tatsächlich oft so ist, ist nicht die Schuld der Schule, sondern Ergebnis einer unseligen Kooperation von Lehrern und Schülern, die dem Ideal folgen, man dürfe nicht nichtwissen, man müsse am besten immer schon alles wissen (oder zumindest so tun), und man dürfe keine Fehler machen. Ideale, die das Leben völlig verkennen.

Einverstanden?

Wer der Einschätzung unseres Gastautors zustimmen oder widersprechen möchte, sollte das unbedingt tun - und unsere Leserkommentarfunktion nutzen. Wie sehen Sie die Studienanfänger von heute? Oder gibt es nicht auch das eine oder andere an den Professoren von heute auszusetzen?

Bernd Beuscher lehrt Praktische Theologie an der Evangelischen Fachhochschule in Bochum und ist außerordentlicher Professor am Institut für Evangelische Theologie der Universität Paderborn.

Quelle: F.A.Z.
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