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Eine kleine Anleitung

Richtig studieren – wie geht das?

Von Birgitta vom Lehn
 - 10:05

Wie studiert man richtig? Gibt es dieses „man“ überhaupt? Und was ist das: Studieren? Wird das Studium womöglich nur „als etwas empfunden, was sich unnötig zwischen Lebenserfahrung und Beruf schiebt“, als ein notwendiges Übel sozusagen auf dem Weg zum Big Business? Diese Klage höre er oft, schreibt der Bonner Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin in seinem jüngsten Buch „Wie man richtig studiert“. Wer hinter dem Titel einen Führer durch den Studiendschungel erwartet, wird enttäuscht sein: Handelt es sich hier doch eher um launige Glossen eines altgedienten Professors. Allerdings kann man als Student dann doch viel Nützliches aus der Lektüre ableiten: Man erfährt, wie ein Prof tickt.

Erwünscht sind demnach junge Menschen mit Neugier und der „Fähigkeit zum methodisch kontrollierten Zugang zur Welt“. Idealerweise haben sie letztere in der Schule erlernt. Doch genau daran hapere es heute bei vielen Studenten, beklagt Ladenthin. In Klausuren und Hausarbeiten täten sich Studenten schwer, fremde Theorien auch als fremde Theorien wiederzugeben. Der Autor macht dies an einem Beispiel deutlich: „Sie sagen nicht, Pestalozzi war der Auffassung, dass Bildung aus der Einheit von Kopf, Herz und Hand besteht; sondern sie sagen und schreiben: Bildung ist die Einheit von Kopf, Herz und Hand.“ Ladenthin schließt daraus, dass die jungen Leute an den Schulen nicht gelernt haben, Wissenschaft als methodischen Zugang zur Welt zu begreifen. Doch die Universität erwarte genau das, sie erwarte „methodisches Bewusstsein“.

Außerdem verlange die Hochschule Studenten, die wissen, worauf sie sich einlassen, und die sich für ihr Fach entschieden haben, weil sie einen Sinn darin sehen. Der Zuhörer einer Vorlesung müsse die Fähigkeit entwickeln, fremde Gedanken nachzudenken, die der eigenen Erfahrung oder dem Alltagswissen widersprechen. Eine gewisse „Frustrationstoleranz“ sei deshalb unabdingbar, die eigenen Bedürfnisse müssten eine Weile zurückgestellt werden können. In Seminaren gehe es nicht um physische Anwesenheit, sondern um intellektuelle Präsenz.

Viel Zeit fürs Lesen

Hauptbeschäftigung des Studiums, sagt Ladenthin, sei das Lesen, für das man viel Zeit brauche. Dass Lesen eine anstrengende Tätigkeit ist, die mit lustvollem Schmökern nichts zu tun hat, müssten viele Studenten erst noch lernen. „Im Gegenteil, man muss verlernen zu schmökern. Man muss systematisch lesen, nicht nach Lust und Laune.“ Lesen werde so „vom Zweck zum Mittel, von der Passion zur Profession“. Am Schluss streift der Lernforscher das Thema Prüfung: „Spätestens am Mittag vor dem Prüfungstag sollte man Bücher, Kopien und Exzerpte wegräumen und sich einen bewegungsaktiven Nachmittag und einen alkoholfreien Kinoabend gönnen. Man geht entspannter in die Prüfung, weil man Distanz zum Gelernten bekommen hat.“ Bei der Prüfung selbst seien „atmosphärische Störungen“ wie falsche Kleidung („Dritte-Welt-Pullover oder Rapper-Outfit“) oder unpassende Verabschiedungen („Das war wohl nichts!“ – „Tschüs denn!“) unbedingt zu vermeiden. Allerdings werde keine Prüfung dadurch entschieden. Es gehe Prüfern in erster Linie um „innerlich verarbeitete Argumente, kein auswendig gelerntes Buchwissen“.

Bevor man sich an einer Uni einschreibe, sei allerdings zu prüfen, ob eine Fachhochschule nicht vielleicht doch der geeignetere Weg sei, gibt Elsbeth Stern zu bedenken. Die Lehr- und Lernforscherin an der renommierten ETH Zürich hält diese Entscheidung für essentiell, denn während an der Uni die wichtigste Voraussetzung der „Spaß am Denken“ sei, gehe es an den Fachhochschulen mit ihren verschulteren Studiengängen vorrangig um konkrete Berufsvorbereitung. „Das kann für den Einzelnen sehr viel besser passen.“ Wer Spaß am Denken habe, komme aber in den auch an der Uni recht verschulten Bachelor-Studiengängen gut klar, hat Stern beobachtet. „Das Entscheidende sind gute Organisation und gutes Zeitmanagement. Man trägt viel Verantwortung für das Gelingen des Studiums, schließlich hat man sich das Studium ja auch selbst ausgesucht.“ Wer dagegen in seiner WG lieber lange Kochorgien veranstalte statt auch mal ein Wochenende durchzuarbeiten, gerate schnell ins Hintertreffen. „Denn ein Studium braucht wirklich sehr viel Zeit“, mahnt Stern. Letztlich spiele die Wohnsituation für ein erfolgreiches Studium aber keine Rolle. „Lernen kann man im Kinderzimmer bei den Eltern genauso gut wie in der WG oder im Einzelapartment“. Wichtig seien Gleichgesinnte, mit denen man sich zu Lerngruppen zusammenschließe.

Stern rät auch, möglichst viel von dem zu nutzen, was die Uni zu bieten hat. „Ich habe mich damals als Studentin sehr über die geistige Freiheit gefreut und alle möglichen Veranstaltungen besucht, darunter viele Vorlesungen, die gar nichts mit meinem Fach zu tun hatten.“ Bei zeitfressenden Nebenjobs sollte man hingegen genau abwägen. Sich in Verbänden oder Vereinen zu engagieren, findet sie in Ordnung: „Man kommt dort mit Leuten aus anderen Fächern zusammen, was fürs spätere Berufsleben nützlich sein kann. Das erweitert den Horizont.“ Eine Tätigkeit als studentische Hilfskraft eigne sich besonders für diejenigen, die später wissenschaftlich arbeiten wollen. Ansonsten rät Stern eher zu einem bescheidenen Lebensstil: „Lieber sollte man auf einen aufwendigen Urlaub verzichten, statt dafür kellnern zu gehen.“

Ein „Durchlauferhitzer für die Karriere“?

Allerdings engagieren sich Studenten sowieso immer seltener außerhalb der Uni, hat der Leiter der Zentrale für Studienberatung und Psychologische Beratung der FU Berlin, Hans-Werner Rückert, beobachtet. „Es gibt höchstens noch das kurzfristige Engagement für bestimmte Aktionen.“ Sich längerfristig an Vereine oder Verbände zu binden wie etwa an das Deutsche Rote Kreuz oder das Technische Hilfswerk gelte „nicht mehr als schick“. Das Studium werde vielfach nur noch als „Durchlauferhitzer für die Karriere“ betrachtet.

Schuld sei oft eine „Angstmache“, die ein „Beschleunigungsszenario“ in Gang setze. „Die Angst ist eigentlich grundlos, denn nur zwei Prozent der Fachhochschul- und vier Prozent der Uni-Absolventen droht die Arbeitslosigkeit“, beruhigt Rückert. Der Psychologe nennt zwei Leitsätze für Studienanfänger: „Erstens: Kenne dich selbst. Zweitens: Kenne deine Möglichkeiten.“ Nur jeder zweite Abiturient wisse nach der Schulzeit schon sicher, was er werden oder studieren möchte. „Die Eltern drängen dann aber oft, sich schon mal für ein Fach einzuschreiben, weil sonst das Kindergeld gestrichen wird.“ Also merken viele erst später, dass es für sie der falsche Weg ist. „Das ist kein Beinbruch und passiert jedem vierten Studenten. Entweder wird dann das Fach gewechselt, eine andere Hochschule gesucht oder das Studium ganz abgebrochen.“

Auch bezüglich der Wohnsituation sei wichtig, sich selbst zu kennen, sagt Rückert. „Die beliebteste Wohnform bei Studenten ist das Alleinwohnen, aber die wenigsten kriegen das hin.“ Finanzielle und praktische Zwänge spielen hier eine Rolle. Und noch etwas hat der Psychologe beobachtet: Früher strebte der Nachwuchs nach der Schulzeit meist sofort weg vom Elternhaus, heute bleiben viele gern länger dort oder kehren dorthin zurück nach einem Auslandsjahr. „Die Ablösung von der Familie verzögert sich, weil sich das Eltern-Kind-Verhältnis verändert hat: Eltern sind heute beste Freunde ihrer Kinder. Dagegen kann und sollte man nicht anstinken. Die Ablösung kommt dann eben später.“ Rückert findet es auch in Ordnung, wenn sich Eltern – die meist ohnehin das Studium ihrer Kinder finanzieren – auch für die Uni interessieren und mit in die Studienberatung kommen. „Man muss dann nur fragen: Um wen geht es denn jetzt, um die Eltern oder ihre Kinder?“

Gefragt nach den wichtigsten Tipps für erfolgreiches Studieren, plädiert Rückert für die Beachtung von vier Grundregeln: Erstens: Nicht plagiieren. Zweitens: Sich daran gewöhnen, wissenschaftlich zu arbeiten. Drittens: Sich über die Grundlagen des Studiums informieren und mit der Fachkultur beschäftigen; wer glaube, im BWL-Studium ohne Mathe und im Publizistik-Studium ohne Statistik durchzukommen, irre. Viertens: Sich darauf einstellen, dass es im ersten Semester gleich losgeht. „Es schadet nicht, sich ein Buch zur Einführung in das Fach zu kaufen und gründlich durchzuarbeiten.“ Ansonsten: Nerven bewahren und dran denken, dass man nicht allein im Boot sitzt und es den meisten Kommilitonen genauso geht wie einem selbst mit der anfänglichen Unsicherheit.

Das Fach auch nach dem Spaßfaktor auswählen

Und die Studenten selbst? Milan, 20 Jahre alt, studiert im 4. Semester BWL mit Schwerpunkt Logistik an der Uni Bremen. Er wohnt bei seinen Eltern und pendelt zur Uni – mal mit dem Bus, mal mit dem Auto sind das je Fahrtstrecke rund eine Stunde. „Nicht täglich, da ich gar nicht jeden Tag Uni habe“, sagt er. Einen Tag pro Woche arbeitet er als Werksstudent an seinem Heimatort. „Das passt für mich so. Finanziell wäre eine eigene Wohnung zurzeit auch gar nicht drin.“ Milan hat noch zwei Geschwister, aber keinen Anspruch auf Bafög. „Eine eigene Wohnung könnten meine Eltern mir nicht bezahlen.“ Aber nicht nur die Finanzen, auch Fußballverein und Freundin halten den Studenten derzeit im Heimatort.

„Fachlich wusste ich schon sehr früh, was ich machen wollte, weil ich ein Wirtschaftsgymnasium besucht habe. Wichtig finde ich, nicht nur ein Fach zu wählen, weil man darin später vermeintlich gut verdient. Es muss einem auch Spaß machen.“ Regelmäßig übers Semester verteilt zu lernen sei ebenfalls unerlässlich, findet er. Und sich vor Prüfungen mit Kommilitonen zu verabreden, um gemeinsam zu lernen, sei hilfreich. Diszipliniert ist Milan offensichtlich auch: Für das spontane Gespräch in der Cafeteria nimmt er sich gern Zeit, begrenzt es aber auf wenige Minuten – weil dann seine Vorlesung beginnt.

Sandra, 25 Jahre alt, studiert im 10. Semester Global Management an der Hochschule Bremen. Je ein Auslands- und ein Praktikumssemester in Peru und Nicaragua hat sie eingeschoben, jetzt bereitet sie sich auf den Bachelor vor. Ihr Studienfach habe sie über eine ausgiebige Internetrecherche gefunden, den Studienort lernte sie dann aber über eine in Bremen lebende Verwandte kennen und schätzen. So zog sie für ihr Studium vom Bodensee an die Weser, lebte dort zunächst bei ihrer Tante und wechselte bald darauf in eine Zweier-WG. An der Fachhochschule schätzt Sandra den Klassenzusammenhalt und die praktische Ausrichtung des Studiums. Ihren Master möchte sie allerdings an der Uni machen, deshalb sitzt sie nun auch in der Uni-Cafeteria. Ihr Überlebensmotto fürs Studium? „Offenheit“. Man sollte „auf jeden Fall die Orientierungswoche zu Beginn mitmachen, da lernt man schon mal ganz gut neue Leute kennen“. Ihr habe aber auch der Sport geholfen, sich rasch in der Fremde heimisch zu fühlen: Via Leichtathletik im Verein hat sie sogar einen Nebenjob gefunden, der sich gut mit dem Studium vertrage. Sie führt Gäste durchs Weserstadion. „Es tut auch mal gut“, sagt Sandra, „neben dem Studium etwas zu machen, was nichts mit dem Studium zu tun hat. Das ist interessant und macht nebenher den Kopf frei.“ Und noch etwas hält sie für wichtig: „Man sollte zu allen Veranstaltungen an der Uni erscheinen. Auch wenn man nicht immer alles versteht: Man bekommt immer noch mehr mit, als wenn man gar nicht hingegangen wäre.“

Quelle: F.A.Z.
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