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Eliten unter den Flüchtlingen

Aus dem Bürgerkrieg an die Uni

Von Catalina Schröder
© Stefan Maria Rother, F.A.Z.

Es war eine besondere Reise, die Christian Hülshörster im März 2015 zusammen mit 25 Professoren und Dozenten verschiedener deutscher Hochschulen für knapp drei Wochen antrat. Sie führte die Männer und Frauen nach Istanbul, Beirut, Amman, Kairo und Bonn und rettete Karrieren, die Krieg und Terror beinahe zerstört hätten. Hülshörster und die Vertreter der Hochschulen trafen 500 syrische Flüchtlinge. Sie alle sind Studierende oder Doktoranden aus Syrien und hatten sich auf ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) beworben, das dieser Ende Oktober vergangenen Jahres ausgeschrieben hatte. „Insgesamt haben wir 5000 schriftliche Bewerbungen bekommen und mussten leider schon von Deutschland aus viele aussortieren“, erzählt Christian Hülshörster, der beim DAAD die Gruppe Nordafrika, Naher und Mittlerer Osten leitet und für das Syrien-Programm verantwortlich ist.

Hülshörster und die Hochschulvertreter führten Auswahlgespräche mit angehenden Ingenieuren, Mathematikern, Biologen, Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlern. 200 von ihnen wählten sie anschließend für ein Stipendium aus. Die meisten reisten im Mai und Juni nach Deutschland ein. Vier Monate besuchten sie einen Deutschkurs. Vor wenigen Wochen haben sie ihr Masterstudium oder ihre Promotion an einer deutschen Universität aufgenommen. Der DAAD hat viele von ihnen bei der Bewerbung an den Hochschulen unterstützt. Christian Hülshörster war von dem großen Andrang auf die Stipendien überwältigt. Per Facebook und Twitter hatte die Organisation ihre Ausschreibung bekanntgegeben. „Und dann wurde sie tausendfach geteilt und weitergeleitet und hat sich einfach rumgesprochen“, sagt er. Finanziert werden die DAAD-Stipendien mit insgesamt 16 Millionen Euro hauptsächlich vom Auswärtigen Amt. Die Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg finanzieren ebenfalls zusätzliche 71 Stipendien.

Was beim DAAD schon begonnen hat, ist derzeit in vielen Universitäten, Stiftungen und Forschungseinrichtungen in ganz Deutschland in Planung: Sie wollen die Studierenden, Doktoranden, wissenschaftlichen Mitarbeiter und Professoren unter den Flüchtlingen mit Stipendien unterstützen und ihnen helfen, in Deutschland weiterzustudieren, zu forschen und zu lehren. Dass syrische Wissenschaftler und Studierende dringend Hilfe brauchen, zeigt ein Blick auf die Zahlen. Laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen sind mehr als 6,7 der insgesamt 20 Millionen Syrer innerhalb ihres Landes auf der Flucht. Mehr als vier Millionen sind außerdem in die Nachbarländer geflohen. Offiziell geht der Lehrbetrieb an den fünf staatlichen Hochschulen im Land zwar weiter, doch Straßensperren und die heikle Sicherheitslage machen den Weg dorthin oft unmöglich. De facto hat ein Großteil der Akademiker momentan keinen Zugang zu den Universitäten. Für den Bildungsstand der Bevölkerung und den Wiederaufbau des Landes wird das eines Tages fatal sein.

Sprachprobleme und Studiengebühren

Forscher der University of California in Davis haben außerdem bestätigt, dass syrische Flüchtlinge ihre akademische Karriere im Ausland nur unter schwierigen Umständen fortsetzen können. Häufig wird dort fast ausschließlich in der Landessprache unterrichtet. In der Türkei beispielsweise halten zudem Studiengebühren viele Flüchtlinge davon ab, ihr Studium fortzusetzen.

Die syrischen DAAD-Master-Stipendiaten bekommen hier in Deutschland monatlich 750 Euro, Doktoranden erhalten 1000 Euro. Dazu kommen teilweise Zuschläge für die Miete, und zur Unterstützung von Kindern und Ehepartnern. Christian Hülshörster freut sich besonders darüber, dass mehr als 42 Prozent der Stipendiaten Frauen sind, denn „für Syrien ist das eher ungewöhnlich“. Mit ebenfalls mehr als 42 Prozent ist der Anteil der Mathematiker und Naturwissenschaftler unter den Stipendiaten sehr hoch. „In Syrien genießen Natur- und Ingenieurwissenschaftler hohes Ansehen“, erklärt Hülshörster. „Wer ein gutes Abitur macht, studiert eines dieser Fächer, selbst wenn seine persönlichen Interessen vielleicht ganz andere sind.“

An Wissenschaftler, die sich mindestens im Post-Doc-Stadium befinden oder noch weiter fortgeschritten sind, wendet sich die Philipp Schwartz-Initiative, die momentan von der Alexander von Humboldt Stiftung geplant und vom Auswärtigen Amt, der Thyssen-, Henkel-, Tschira- und der Bosch-Stiftung mitfinanziert wird. Bis Ende März können sich Universitäten bei der Stiftung um ein Stipendium für einen Gastdozenten bewerben, der aus seiner Heimat fliehen musste oder seine Flucht plant.

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Wer Eliten unter den Flüchtlingen fördert - und sie an deutsche Unis bringt.

Zur Bewerbung müssen die Universitäten eine konkrete Person vorschlagen und unter anderem ein Konzept für den Umgang mit dem Bewerber einreichen. „Es ist eine besondere Herausforderung einen geflohenen Wissenschaftler aufzunehmen“, sagt Barbara Sheldon, die das Projekt bei der Stiftung betreut. „Die Universitäten müssen sich überlegen, wer den Wissenschaftler bei aufenthaltsrechtlichen Fragen unterstützt und ob sie beispielsweise in der Lage sind, eine psychologische Betreuung zu organisieren, falls die Person traumatisiert sein sollte.“

20 Stipendien für Gastwissenschaftler

12.000 Euro erhält jede Universität, um so eine Intensivbetreuung zu organisieren. Dazu kommen je Monat und Stipendiat noch einmal 3500 Euro, die zum größten Teil an die Wissenschaftler ausgezahlt werden müssen. Insgesamt kann eine Uni einen Gastwissenschaftler auf diese Weise zwei Jahre lang beschäftigen. Etwa 20 Stipendien sollen über die Philipp Schwartz Initiative vergeben werden.

Das immer wieder aufkeimende Vorurteil, dass es unter den Flüchtlingen überhaupt keine Akademiker gibt, können Barbara Sheldon und die Organisatoren der anderen Stipendien nicht bestätigen. Schon bevor Sheldons Projekt offiziell startete, hatten rund 30 Universitäten bei ihr angefragt. Wie viele geflohene Akademiker es momentan in Deutschland genau gibt, kann andererseits aber auch noch niemand sagen. „Das müssen wir einfach auch abwarten“, sagt Barbara Sheldon.

Rekrutiert werden die Wissenschaftler häufig über Beziehungen, die schon vor Ausbruch des Bürgerkriegs zwischen ihnen und einer deutschen Universität bestanden haben. Die Humboldt-Stiftung möchte mit ihrer Initiative aber auch das Scholars at Risk Network stärker in den Fokus deutscher Universitäten rücken. Das amerikanische Netzwerk wurde 1999 gegründet, um Wissenschaftler in Gefahr zu unterstützen. Eine zentrale Aufgabe des Netzwerks ist die Pflege einer Liste, in die sich Forscher eintragen können: mit ihrem Fachgebiet, ihrem Heimatland, einer Liste der Länder, in denen sie arbeiten möchten und der konkreten Gefahr, die ihnen droht. Universitäten und Wissenschaftseinrichtungen können auf die Liste zugreifen und nach geeigneten Kandidaten suchen.

Ein weiteres Stipendien-Programm hat die Gerda Henkel Stiftung vor einigen Wochen beschlossen: Insgesamt zwei Millionen Euro wurden noch im vergangenen und in diesem Jahr bereitgestellt, unter anderem, damit nach Deutschland geflohene Geisteswissenschaftler ihre Forschung hier fortsetzen können. Vier Stipendiaten gibt es schon. Zu ihnen gehört auch der Direktor des Nationalmuseums von Aleppo.

Die Max-Planck-, Fraunhofer- und Leibniz-Institute arbeiten ebenfalls an einer gemeinsamen Initiative, sind aber noch mitten in den Planungen und halten sich vorerst bedeckt: „Klar ist, dass wir einerseits Wissenschaftler, aber auf der anderen Seite auch Flüchtlinge ohne besondere Vorbildung dabei unterstützen wollen, über die an unseren Instituten geplanten Programme im Arbeitsmarkt Fuß zu fassen“, sagt Beate Koch von der Fraunhofer-Gesellschaft. Wie viele Flüchtlinge unterstützt werden können, ist aber noch nicht sicher. Die Institute haben Anträge auf Fördergelder bei den Bundesländern Bayern und Sachsen eingereicht. Auf das Ergebnis warten sie noch.

„Bedürfnis nach geistigem Austausch“

Ganz ohne Geld hat Carmen Bachmann Mitte September ihre Website Chance-for-science ins Leben gerufen. Die Leipziger Professorin für Betriebswirtschaftslehre will über ihre Plattform deutsche und geflohene Wissenschaftler miteinander vernetzen. „Viele haben einfach das Bedürfnis nach geistigem Austausch, wenn sie wochen- oder monatelang in einer Flüchtlingsunterkunft sitzen“, sagt Bachmann. Sie versteht ihre Plattform als soziales Netzwerk. Bei den geflohenen Akademikern muss das jedoch erst noch richtig bekanntwerden. 270 deutsche Wissenschaftler haben sich inzwischen bei ihr gemeldet - aber nur 30 Geflohene.

Carmen Bachmann geht deshalb mit ehrenamtlichen Studenten und Professoren immer wieder in Flüchtlingsunterkünfte und spricht mit den Menschen. „Wir müssen erst einmal Vertrauen aufbauen.“ Ihr Projekt ist nicht auf die konkrete Vermittlung von Stellen ausgelegt. Bisher haben die deutschen Wissenschaftler ihre geflohenen Kollegen beispielsweise mit in Vorlesungen genommen oder ihnen den Zugang zur Unibibliothek ermöglicht. „Wir haben aber auch schon Leuten geholfen, ihre Lebensläufe zu überarbeiten, damit sie sich an einer deutschen Uni bewerben können“, erzählt Bachmann.

Ein größeres Internetportal hat die EU-Kommission vor kurzem freigeschaltet. Science4refugees soll wissenschaftliche Einrichtungen aus der ganzen Welt mit geflohenen Akademikern zusammenbringen. Laut Website sind dort momentan mehr als 6000 Stellen ausgeschrieben, etwa 600 davon in Deutschland. Mehr als 15 000 geflohene Akademiker haben ihre Lebensläufe im Portal hochgeladen, damit die Einrichtungen sie direkt kontaktieren können. Die Mehrheit der Bewerber kommt aus den naturwissenschaftlichen Fächern.

Das Stipendienprogramm, das Christian Hülshörster für den DAAD betreut, ist zunächst auf vier Jahre angelegt. Ob es in den kommenden Jahren weitere Gelder für neue Stipendiaten gibt, ist noch nicht entschieden. Eine andere Sache ist für Hülshörster hingegen schon klar: „Das Interesse der Flüchtlinge an Stipendien wird in den nächsten Jahren nicht so schnell abebben.“

Quelle: F.A.Z.
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