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Englische Internate

Der Brexit-Knick

Von Marcus Theurer
 - 07:29
Das Eton College, gegründet im Jahr 1440, zieht Schüler aus der ganzen Welt an. Bild: P.WOLMUTH/Report Digital-REA/laif, F.A.S.

Das B-Wort gehört für Ferdinand Steinbeis inzwischen zum Arbeitsalltag: „Der Brexit kommt in jedem unserer Beratungsgespräche zur Sprache“, sagt der Geschäftsführer der Agentur Von Bülow Education im englischen Oxfordshire, die deutsche Schüler an britische Internate vermittelt. „Bei den Eltern herrscht da verständlicherweise Unsicherheit“, berichtet Steinbeis. Ob es ums Internat, um einen Aufenthalt als Au-pair oder um ein Studium geht – bei jungen Menschen aus Deutschland und anderen europäischen Ländern ist Großbritannien extrem beliebt. Bisher jedenfalls.

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Doch die Briten sind wild entschlossen, im März 2019 aus der Europäischen Union auszutreten – also bereits in gut anderthalb Jahren. Das werfe auch bei seinen Kunden Fragen auf, sagt Steinbeis: Braucht mein Sohn künftig ein Visum, wenn er auf der Insel aufs Internat gehen will? Und ist meine Tochter in Brexit-Britannien überhaupt noch willkommen? Die Berichte über ausländerfeindliche Übergriffe und Pöbeleien seit dem Austrittsreferendum im Sommer 2016 gingen schließlich auch in Deutschland durch die Medien.

Wenn Steinbeis an die Zukunft denkt, wird ihm manchmal etwas mulmig: „Klar mache ich mir Gedanken darüber, ob sich die deutschen Familien erst mal von Großbritannien abwenden werden, wenn es wirklich einen harten Brexit geben sollte.“ Andererseits: „Die britischen Schulen haben eine so starke Marke, die werden auch das überstehen.“

Auf der ganzen Welt bewundert

Britische Bildung ist ein Exportschlager. Traditionsreiche Institutionen wie Eton, Harrow, Oxford und Cambridge werden auf der ganzen Welt bewundert. Zwischen Cornwall und Schottland gibt es über 480 private Internate. Damit sind die Briten Weltmarktführer im Geschäft mit der privaten Schulbildung. Speziell deutsche Eltern, die das nötige Geld haben, schicken ihrer Sprösslinge liebend gerne für ein paar Jahre nach Großbritannien: Mehr als 2800 deutsche Jugendliche drücken im Königreich die Schulbank – ein Anstieg um gut 50 Prozent seit 2007. Allerdings schicken vor allem chinesische Eltern noch mehr Schüler auf die Insel. Auch deshalb zählen die britischen Universitäten zu den internationalsten der Welt. Jeder fünfte Studierende ist aus dem Ausland, darunter auch mehr als 13.000 angehende Akademiker aus Deutschland.

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Umso mehr hat der britische Bildungssektor zu verlieren, wenn die Befürchtungen mancher Austrittsgegner wahr werden und aus Großbritannien Little England werden sollte, wenn das Land die Zugbrücken hochzieht – oder einfach nur, wenn Schüler und Studierende aus dem Ausland wegen des Brexits keine Lust mehr haben sollten auf diese Insel, die auf Distanz geht.

Die englische Eliteuniversität Cambridge meldete, dass die Zahl der Bewerber aus anderen EU-Staaten nach dem Brexit-Votum im vergangenen Jahr um 15 Prozent gefallen sei. Landesweit bewarben sich diesen Sommer fünf Prozent weniger Studienanfänger aus EU-Nachbarstaaten an britischen Hochschulen. In den Jahren zuvor waren die Zahlen dagegen kontinuierlich gestiegen. „Es gibt keinen Zweifel, dass die Herangehensweise der Regierung an den Brexit schädlich ist“, kritisierte Pam Tatlow, die Geschäftsführerin des britischen Hochschulverbands Million Plus Group.

„Der traurigste Tag“

„Der Tag nach dem Brexit-Referendum war der traurigste, den ich an dieser Schule bisher erlebt habe“, sagt Ben Figgis, der Direktor des Ardingly College, eines privaten Internats im Südosten Englands. „Wir haben Schüler aus 25 verschiedenen Ländern. In unserer Schule dreht sich alles um Internationalismus. Das Votum für den Brexit war das Gegenteil davon.“ Umso wichtiger ist dem Schuldirektor diese Botschaft: „Selbstverständlich sind bei uns Schüler aus europäischen Nachbarländern noch genauso willkommen wie früher. Der Brexit ändert daran gar nichts“, versichert Figgis.

Aber es geht nicht nur um die Symbolwirkung des Austritts aus der EU. Der Chef des Ardingly College hat auch ganz konkrete Sorgen: Seine Schule müsse bereits heute Schüler aus Nicht-EU-Staaten abweisen, weil diese von den Behörden kein Visum erhielten. „Jede Schule bekommt nur ein begrenztes Kontingent zugewiesen, und bei uns ist die Nachfrage regelmäßig höher“, sagt er. Für Schüler aus Deutschland und anderen EU-Staaten spielt das bisher keine Rolle. Aber werden auch sie nach dem Brexit ein Visum brauchen – und würden sie eines bekommen? Das fragt sich nicht nur Figgis.

Die britische Premierministerin Theresa May hat sich festgelegt, die Einwanderungszahlen nach dem EU-Austritt drastisch einzudämmen. Sie sollen von zuletzt rund einer Viertelmillion Migranten jährlich auf weniger als 100 000 Zuwanderer sinken – und die Regierungschefin will dabei auch ausländische Studenten in Großbritannien einrechnen. Die Internate könnten ebenfalls betroffen sein, fürchtet Figgis: „Wir wissen nicht, woran wir sind.“

Schwäche der Währung half jedenfalls kurzfristig

Allerdings: Es ist nicht so, dass der Brexit nicht auch Vorteile hätte. Britische Internate sind teuer. Ein Jahr in Ardingly kostet einschließlich Kost und Logis so viel wie ein gut ausgestattetes Mittelklasseauto – mehr als 30.000 Pfund (etwa 34.000 Euro). Doch seitdem entschieden ist, dass Großbritannien die EU verlässt, hat die britische Währung einen Schwächeanfall erlitten. Für deutsche Eltern und in Euro gerechnet sind englische Internate seit dem vergangenen Sommer um gut 15 Prozent billiger geworden. „Wir haben definitiv mehr Interessenten aus dem EU-Ausland im Moment“, sagt Figgis. Um etwa ein Fünftel sei die Zahl der Anfragen gestiegen.

Das kann nur wenig über das Grundübel hinwegtrösten: Auch an der altehrwürdigen Oakham School wird der Brexit eher als mögliches Problem für die Zukunft gesehen. Die Geschichte des Internats reicht bis ins Jahr 1584 zurück. Rund drei Dutzend deutsche Schüler büffeln dort für ihr international anerkanntes Abitur, das sogenannte International Baccalaureate (IB), das in vielen britischen Internaten angeboten wird. „Wir sind hier nicht borniert oder antieuropäisch, und es ist uns ganz wichtig, dass deutsche Eltern dies wissen“, sagt Simone Lorenz-Weir, die in Oakham unterrichtet und die Aufnahmegespräche führt. Sie ist selbst Deutsche und seit 16 Jahren an dem englischen Internat. Ginge es nach den Schülern in Oakham, würde Großbritannien die EU ohnehin nicht verlassen. Die Schulleitung hat vergangenes Jahr ihr eigenes Mini-Referendum unter den Schülern organisiert: „80 Prozent waren dafür, in der EU zu bleiben“, sagt Lorenz-Weir.

Ein Hochschulbesuch könnte teuer werden

„Im Moment ist der Brexit noch kein großes Thema, aber ich vermute, dass das nächstes Jahr, wenn der Austritt näher rückt, eher der Fall sein wird“, berichtet sie – und weist auf einen Aspekt hin, der in Zukunft relevant werden könnte: Viele Internatsschüler aus dem Ausland kämen auch deshalb nach Großbritannien, weil sie vorhätten, dort nach dem Schulabschluss zu studieren. „Das ist für viele eine Option, aber die Frage ist, wie dafür nach dem Brexit die Rahmenbedingungen aussehen“, sagt Lorenz-Weir.

So könnte es für Studenten aus der EU nach dem britischen Austritt sehr viel teurer werden, auf der Insel eine Hochschule zu besuchen. Bisher zahlen sie an Universitäten in England die gleichen Studiengebühren wie britische Studenten: bis zu 9250 Pfund im Jahr, umgerechnet rund 10.500 Euro. Gaststudenten aus Nicht-EU-Staaten müssen dagegen nicht selten doppelt so viel bezahlen – und es gibt keine Gewähr, dass EU-Studenten nach dem Brexit weiterhin bessergestellt sein werden.

„Wenn Studenten durch die Brexit-Ungewissheit abgeschreckt werden sollten, dann wäre das bedenklich“, mahnte kürzlich die Hochschullobbyistin Sarah Stevens von der Russell Group, die 24 renommierte britische Universitäten vertritt, darunter auch Cambridge, Oxford und die London School of Economics. Zudem sei man auf die vielen Wissenschaftler und Lehrkräfte aus anderen EU-Staaten dringend angewiesen. Sie verweist darauf, dass ausländische Studenten nicht nur eine kulturelle und intellektuelle Bereicherung für britische Hochschulen seien, sondern eben auch ein großes Geschäft. Aber schon in den vergangenen Jahren hat die Zahl der ausländischen Studenten im Königreich stagniert, was Fachleute vor allem auf die sehr viel restriktivere Vergabe von Studentenvisa durch die Regierung in London zurückführen.

Gibt's bald mehr Zweigstellen?

Einer Studie der britischen Denkfabrik Oxford Economics zufolge sorgen ausländische Studenten an britischen Universitäten für einen gesamtwirtschaftlichen Mehrwert von knapp 26 Milliarden Pfund im Jahr. Sie sicherten damit direkt und indirekt mehr als 200. 000 Arbeitsplätze, schätzen die Ökonomen. Hauptprofiteur davon ist die Hauptstadt London, aber auch in strukturschwachen Regionen in Nordengland und im Südwesten des Landes hingen Tausende von Jobs von den ausländischen Studenten ab.

Der Brexit könnte auch Auswirkungen auf die deutsche Hochschullandschaft haben: Wegen der Ungewissheit erwägen erste britische Universitäten bereits, Zweigniederlassungen in anderen europäischen Ländern zu eröffnen. Vorreiter ist das Londoner King’s College, das zu den international angesehensten Hochschulen auf der Insel zählt. Die Briten unterhalten schon seit geraumer Zeit eine intensive Kooperation mit der Technischen Universität Dresden. Deren Rektor Hans Müller-Steinhagen ist von der Idee angetan: „Wir sind noch in einem sehr frühen Stadium, aber wenn ein vernünftiger Businessplan möglich ist, dann könnte ich mir das gut vorstellen.“ Müller-Steinhagen hat früher selbst an der Universität im englischen Surrey gelehrt.

Der Universitätschef aus Dresden erwartet, dass viele britische Hochschulen nach dem Brexit diesen Weg gehen werden und im EU-Ausland Filialen eröffnen. Schon heute betreiben eine Reihe von britischen Universitäten ähnliche Zweigniederlassungen in Asien. Nach dem Brexit könnten solche Filialen auch dabei helfen, weiter in den Genuss von EU-Fördergeldern für die Forschung zu kommen. Mögliche Visumprobleme für europäische Studenten würden ebenfalls entfallen, wenn sie zwar an einer britischen Universität studieren, aber eben nicht auf der anderen Seite des Ärmelkanals, sondern in der EU.

Quelle: F.A.S.
Marcus Theurer
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
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