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30.09.2011
EU-Stipendium für Nachwuchswissenschaftler

Forschen wie im Paradies

Von Sebastian Balzter
Bild Forschen wie im Paradies
Foto: Tresckow

Nach jungen Wissenschaftlern muss in Tübingen niemand lange suchen. Dafür suchen viele junge Wissenschaftler in der Stadt am Neckar lange nach halbwegs sicheren Stellen, wie in jeder anderen Hochschulstadt auch: Jährlich werden in Deutschland rund 24.000 Promotionen abgeschlossen, es gibt aber insgesamt nur 40.000 Professuren. Im akademischen Mittelbau hangeln sich Tausende von Projekt zu Projekt, bis sie frustriert den Traum von der wissenschaftlichen Karriere aufgeben. Das „Förderloch“ für Postdocs ist notorisch. Marc Himmelbach hat es umgangen, indem er den Umweg nach Brüssel auf sich nahm: In einem nüchtern eingerichteten Konferenzraum im Europaviertel hat er sich seine Zukunft an der Tübinger Universität gesichert. „Das war eigentlich purer Zufall“, sagt der Neuropsychologe im Rückblick, ein Kollege habe ihn vor drei Jahren auf eine Ausschreibung mit dem Signet der EU aufmerksam gemacht. Ein Zufall im Wert von 1,2 Millionen Euro.

So hoch ist die Fördersumme aus dem Topf des Europäischen Forschungsrats, der für fünf Jahre die Finanzierung von Himmelbachs Projekt übernommen hat. Er bekam als einer der ersten deutschen Wissenschaftler überhaupt einen sogenannten „ERC Starting Grant“, benannt nach dem englischen Namen des Forschungsrats - „European Research Council“. Dahinter verbirgt sich das derzeit am besten ausgestattete Förderpaket für Nachwuchswissenschaftler auf dem Kontinent, eine Art europäische Exzellenzinitiative.

Sowohl die stets über ein halbes Jahrzehnt laufende Förderdauer als auch das Volumen - für Personal- und Sachkosten sind je nach Projekt bis zu 2 Millionen Euro möglich - gehören in eine andere Liga als die gängigen Stipendien für Postdocs. Entsprechend groß ist der Wettbewerb: In der letzten Runde gab es 2446 Bewerber, 427 oder 17,5 Prozent bekamen einen Zuschlag. Vom Durchschnitt ist auch die ERC-Rhetorik weit entfernt: Die geförderten Wissenschaftler sollen nichts weniger als das Potential haben, ihre Disziplin zu revolutionieren. Im Gegenzug winkt die Rundumversorgung: „Wir wollen nicht, dass unsere sorgfältig ausgewählten Forscher ihre Zeit in zahllosen Nebenprojekten verschwenden oder immer wieder zusätzliche Anträge stellen müssen“, heißt es.

„Die Mobilität ist recht gering“

Der Clou: Anders als die deutsche Exzellenzinitiative fördert der ERC nicht Institutionen, sondern Individuen. Ziehen sie um, weil die Bedingungen anderswo besser sind, folgt ihnen das Geld. Diesen Trumpf im Ärmel spielen bislang allerdings nur sehr wenige der Geförderten aus. „Ihre Mobilität ist recht gering, das hätten wir so nicht erwartet“, fasst Nathalie Huber vom Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (IFQ) die ersten Antworten auf eine Online-Befragung zusammen, von der sich der ERC nähere Kenntnisse über die Geförderten erhofft. Ganz gleich, in welchem Land sie zu Hause sind, die überwiegende Zahl der jungen Wissenschaftler bleibt demnach auch mit den Fördermitteln aus Brüssel ihrer Heimatinstitution treu.

Noch seien diese Ergebnisse nicht belastbar, warnt Nathalie Huber, weil die Teilnahme freiwillig und die Datengrundlage entsprechend gering sei. Doch die Tendenz ist schon jetzt deutlich: Drei von vier Geförderten wollen ihre Karriere am liebsten in dem Land fortsetzen, in dem sie zurzeit leben. Für die Auswahl ihres Arbeitsplatzes waren der Mehrheit vertraute Gegebenheiten wichtiger als die Vertragsbedingungen oder das Angebot konkreter Unterstützung seitens der Hochschulen. Nur jeder Vierte hat sich ausdrücklich mit dem Ziel beworben, mit dem Förderpaket im Gepäck an eine andere Hochschule zu wechseln; nur jeder Achte hat mit mehr als einer potentiellen Gastgeberinstitution verhandelt.

Eine Anschlussbeschäftigung garantiert die ERC-Förderung nicht

Nicht einmal Daniela Grunow ist in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Dabei zeugt der Lebenslauf der 35 Jahre alten Soziologin durchaus von Beweglichkeit: Auf Stationen in Bamberg und Bielefeld folgte nach der Promotion ein Forschungsaufenthalt in Yale, bevor sie 2008 als Assistenzprofessorin an die Universität von Amsterdam wechselte. Seit diesem Januar ermöglicht ihr die ERC-Förderung, ein lange gehegtes Forschungsprojekt in die Tat umzusetzen: Grunow will international vergleichend herausfinden, wie Elternschaft die Konzepte von Arbeit und Arbeitsteilung verändert. Sie selbst ist nun für fünf Jahre von ihren Lehrverpflichtungen befreit, außerdem kann sie zwei Doktoranden und einen Promovierten als wissenschaftliche Mitarbeiter beschäftigen. „Das ist das Beste, was einem Wissenschaftler passieren kann“, sagt sie.

In den Gesprächen über Gehalt und Rahmenbedingungen habe sie dennoch nicht nach Belieben Forderungen aufgestellt. „Es ist nicht so einfach, die theoretische Verhandlungsmacht auszuspielen“, sagt sie. Denn weder garantiere die ERC-Förderung eine Anschlussbeschäftigung, noch sei absehbar, ob ein Ortswechsel sich tatsächlich auszahle - ein Risiko liege schon darin, dass mühsam gefundene Mitarbeiter möglicherweise nicht auch zu einem Umzug bereit seien. „Wirklich Gewicht in die Waagschale zu werfen hätte ich nur mit einem Ruf aus Deutschland“, lautet Grunows Fazit deshalb.

Bei den Universitäten kommt die EU-Förderung gut an

Auch Marc Himmelbach ist mit seinem „Starting Grant“ dort geblieben, wo er seit zehn Jahren lebt und arbeitet: in Tübingen. Dort aber, berichtet er, habe sich seine Reputation merklich verbessert. „Am Anfang war ich eben nur noch jemand, der auch ein Büro haben wollte“, schildert der 37 Jahre alte Wissenschaftler die erste Reaktion der Klinikverwaltung auf sein Projekt. Fast drei Jahre ist das nun her. Mit Kernspintomographie und Magnetstimulation will Himmelbach erforschen, wie das menschliche Gehirn Handlungen visuell kontrolliert, die Arbeitszeit an den teuren Geräten ist knapp. „Plötzlich konnte ich selbst über Laborzeiten und eigene Räume verfügen“, sagt Himmelbach. Nicht nur auf das Berufsleben hat sich die Förderung positiv ausgewirkt. Vor einem Jahr brachte Himmelbachs Frau das erste gemeinsame Kind zur Welt. „Ich kann jetzt angespannt arbeiten“, sagt er. „Und entspannt mein Familienleben organisieren.“

Inzwischen wirbt die Tübinger Fakultät für Medizin auf der Internetseite der Uniklinik sogar mit Himmelbachs Erfolg im europäischen Wettbewerb. Eine auf die Förderprogramme der EU spezialisierte Bewerbungsberaterin bietet ihre Hilfe genauso an wie der Forschungsdekan, ein renommierter Hirnforscher. Bei der Suche nach einer Wohnung und nach einem Arbeitsplatz für den Partner sollen die ERC-Geförderten künftig unterstützt werden, die Fakultät verspricht ihnen außerdem einen zusätzlichen Mitarbeiter. Ähnlich hat eine ganze Reihe von Hochschulen in Europa auf das neue Programm reagiert.

„Im Umkreis von 500 Metern rund um meinen Arbeitsplatz gibt es hier einfach alles, was man sich als Naturwissenschaftler wünschen kann“, schwärmt Marc Himmelbach nun über seine Wahlheimat in Baden-Württemberg. Dass er die zwischenzeitlich diskutierten Angebote aus München und dem niederländischen Nijmegen nicht angenommen hat, bereut er nicht. Noch bis Ende 2012 läuft sein „Starting Grant“, dann will der gebürtige Rheinländer sich um eine Professur bewerben - und wird Tübingen wohl doch verlassen müssen. Eine Berufung an die Heimathochschule ist den gängigen Regeln gemäß kaum möglich.

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Die nächste Runde

In den kommenden Wochen enden die Bewerbungsfristen für die nächste Runde der „Starting Grants“ des Europäischen Forschungsrats. Bis zum 12. Oktober können sich Physiker und Ingenieurwissenschaftler bewerben, bis zum 9. November Mediziner und Biologen, bis zum 24. November Gesellschafts- und Geisteswissenschaftler. Die Promotion der Bewerber sollte höchstens zwölf Jahre zurückliegen. Details unter: www.erc.europa.eu

Am erfolgreichsten haben bei der Vergabe der Fördermittel bisher Hochschulen in Großbritannien und in der Schweiz abgeschnitten. In Deutschland führt die Universität Heidelberg mit bislang acht Geförderten die Rangliste an.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Tresckow