Forststudiengänge

Wald-Master

Von Kristina Wollseifen
 - 07:17

Philipp Gerhardts Arbeitsplatz ist der Wald. Der 25 Jahre alte Student ist angehender Förster. Auf seiner To-do-Liste stehen Punkte wie „Altbäume kartieren“ oder „Bäume auszeichnen“. Bäume, die bald gefällt werden müssen, markiert er mit pinker Farbe. Anders sieht es bei Marlen Schneider aus: Bei der Key-Account-Managerin dreht sich den ganzen Tag lang alles um Dämmstoffe und Bauelemente. Die 29-Jährige arbeitet bei einem Unternehmen für Bauprodukte. Maya Ehmig wie-derum will zwar im Wald arbeiten, aber mit Baumfällen nichts zu tun haben – ihr Ding ist es, sich um Naturschutz und Waldpädagogik zu kümmern. So verschieden die Berufsfelder von Philipp Gerhardt, Marlen Schneider und Maya Ehmig auch sind – eines verbindet sie: Alle drei haben ein grünes Studium absolviert, nämlich Forstwirtschaft oder Forstwissenschaften.

Längst verschlägt es Absolventen der Forstwirtschaft oder -wissenschaften nicht mehr nur in den Wald oder in die Forstverwaltung, sondern auch ins Großstadtbüro oder auf internationale Kongresse. Statt grüner Lodenjacke und Filzhut tragen sie auch mal blauen Anzug und Krawatte oder ein Kostüm zu hohen Schuhen. Kurzum: Wer ein grünes Studium in der Tasche hat, gilt als Generalist. Denn neben dem naturwissenschaftlichen Wissen stehen auch Module mit be-triebswirtschaftlichen, rechtlichen und technischen Inhalten auf dem Stundenplan. „Forstleute sind sehr breit ausgebildet und in der Lage, langfristig und nachhaltig zu denken“, sagt Jens Düring vom Bund Deutscher Forstleute. Diese Kompetenzen sind auch außerhalb des Forstamts gefragt: Entwicklungsarbeit im Ausland, Naturschutzverbände, Holzindustrie, Politik oder Forschung sind nur einige Bereiche, in denen Forst-Absolventen gesucht werden.

Und das Interesse nimmt zu: Der Bund Deutscher Forstleute schätzt, dass in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten mindestens ein Drittel der Beschäftigten im öffentlichen Forstdienst in Rente gehen wird. Von dieser Pensionierungswelle seien auch viele Privatunternehmen betroffen. Aktuell arbeiten in Deutschland 1,1 Millionen Menschen im Cluster Forst und Holz. „Je flexibler die Absolventen sind, desto vielfältiger sind ihre Berufsaussichten“, resümiert Wolf Ebeling, Geschäftsführer des Deutschen Forstwirtschaftsrats.

Die forstlichen Studiengänge in Deutschland machen es möglich, dass Studierende sich breit aufstellen. Neben dem klassischen Grundstudium der Forstwirtschaft oder -wissenschaften gibt es auch Fächer mit spezialisiertem Fokus. In Rottenburg können sich Studierende zum Beispiel für „Erneuerbare Energien“, „Nachhaltiges Regionalmanagement“ oder „Ressourceneffizientes Bauen“ einschreiben. „Die moderne Forstbewirtschaftung umfasst mehr Aspekte als die Holzproduktion“, sagt Ebeling. „Die Spezialisierung der Forst-Studenten ist wichtig, um weltweit ein ökologisch korrektes Management der Wälder und der angegliederten Branchen zu gewährleisten.“

Forstwirtschaft ist praxisnäher

Fast alle forstlichen Studiengänge sind durch einen Numerus clausus zulassungsbeschränkt. An der Hochschule Rottenburg haben sich für das vergangene Wintersemester 650 Interessierte auf den Bachelorstudiengang Forstwirtschaft beworben – 90 freie Plätze gab es. Neben der Hochschule Rottenburg, die als einzige in Deutschland einen klaren forstlichen Fokus hat, können sich Interessierte an mehreren weiteren Fachhochschulen und Universitäten einschreiben (siehe Kasten). Der Hauptunterschied zwischen Forstwirtschaft und Forstwissenschaften: Das Forstwirtschaftsstudium ist praxisnäher, ein forstwissenschaftliches Studium richtet sich mehr auf die Forschung. Während Forstwissenschaftler oft in die Forstverwaltungslaufbahn eintreten, haben Förster meistens Forstwirtschaft studiert. Durch die Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge an beiden Hochschularten sei diese klare Trennung mittlerweile aber nicht mehr immer gegeben, sagt Bastian Kaiser, Rektor der Hochschule Rottenburg.

Die Hochschule Rottenburg nahe Tübingen in Baden-Württemberg schickt ihre Studenten zum Lernen in das 2500 Hektar große Ausbildungs- und Forschungsrevier, das zum Kommunalwald gehört. Baumarten bestimmen, berechnen, wie viel ein Quadratmeter Waldfläche wert ist, Wildtierbiologie büffeln oder den Jagdschein machen – all das steht auf dem Stundenplan. „Die Forstwirtschaft war schon immer wichtig“, sagt Kaiser. „Aber heute müssen Forstleute neue Rollen ausfüllen.“ Tourismus, Energiewirtschaft, Klimawandel und Vermögensverwaltung – fast die Hälfte des deutschen Waldes befindet sich immerhin in privater Hand – zählen mittlerweile zum Alltag von Menschen in der Forstbranche.

Philipp Gerhardt hat vor einem Jahr in Rottenburg das Bachelorstudium der Forstwirtschaft abgeschlossen. Schon seit seinem sechsten Lebensjahr weiß er, dass er wie sein Vater Förster werden möchte. „Ich will nicht im Großraumbüro versauern, sondern raus in den Wald“, erklärt Gerhardt. Er will nachhaltig forsten: So gehört es zu seinem Job, Daten zum Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und deren Einfluss auf den Wald zu sammeln. Oder er überlegt sich, wie er neu gepflanzte Bäume vor Schäden durch Wildtiere schützen kann. Gerhardt würde am liebsten in seiner hessischen Heimat als Förster arbeiten, denn Hessen ist fast zur Hälfte mit Wald bedeckt und gehört damit zu den waldreichsten Bundesländern Deutschlands. Insgesamt gibt es mehr als elf Millionen Hektar Wald in Deutschland.

Vom Arbeitsplatz Wald hat auch Marlen Schneider geträumt. Sie machte Praktika in den Wäldern des Salzburger Lands und bei den Bayerischen Staatsforsten und stellte fest: „Als Förster muss man immer die forstlichen Interessen, die der Öffentlichkeit und die der Jäger unter einen Hut bekommen.“ Auf solche Interessenkonflikte und auf den Anwärterdienst im Anschluss an das Forst-Studium, der länger als ein Jahr dauern kann, hatte sie keine Lust. „Ich wollte mich breiter aufstellen, aber auch weiterhin meinen Beitrag zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise leisten“, sagt sie. So rückte die Holzbranche in ihr Blickfeld: Sie arbeitete bei einem Unternehmen, das mit Teakholz aus fairer Produktion handelt, und beschäftigte sich mit dem Prinzip der Kreislaufwirtschaft bei ei-nem Holzbodenhersteller. Den Bachelor in Forstwirtschaft ergänzte sie mit einem Master im Management der Forst- und Holzwirtschaft. Jetzt betreut sie als Key-Account-Managerin bei einem bayerischen Bauproduktehersteller Industriekunden aus Lateinamerika und Südosteuropa.

Naturschützer im Wald

Maya Ehmig hat vor kurzem ihren Bachelor in Forstwissenschaften an der Dresdner Universität gemacht. Zum Masterstudium zieht sie nach Marburg; sie hat sich für den Studiengang „Biodiversität und Naturschutz“ eingeschrieben. Die 25-Jährige will am liebsten Rangerin in einem Nationalpark werden. „Für mich steht nicht die ökonomische Bewirtschaftung, sondern der ökologische Wert eines Waldes im Vordergrund“, erklärt die gebürtige Berlinerin. „Deswegen möchte ich gern im Naturschutz oder der Forschung arbeiten.“ In ihrer Freizeit geht sie gerne wandern, am liebsten in der Sächsischen Schweiz. Zum Studium ist sie von der Großstadt bewusst weit aufs Land gezogen, um zu schauen, ob sie in der Abgeschiedenheit leben kann.

Der Schutz des Waldes, Waldpädagogik, Forschung und Öffentlichkeitsarbeit interessieren sie mehr als der Marktwert erntereifer Fichten. Zum Naturschutz zählt, dass Bäume schonend mit Hilfe von Pferden geerntet werden und nicht mit schweren Maschinen. Außerdem bleiben abgestorbene Bäume, sogenanntes Totholz, im Wald, um anderen Waldbewohnern einen Lebensraum zu bieten. In einem Praktikum im Bayerischen Wald erforschte Ehmig Pilze, in ihrer Bachelorarbeit geht es um die Ausbreitung des Wolfs in Deutschland. Anders als Studierende der Forstwirtschaft hat sie weniger als ein Fünftel ihrer Studienzeit mit Bodenkunde, Bestimmung von Käferarten oder der Analyse von Baumbeständen im Wald verbracht. „Der Praxisanteil hätte höher sein können“, resümiert sie rückblickend. Ehmig hofft, dass sich das im Masterstudium ändern wird. Aber spätestens in ihrer Ausbildung zur Rangerin wird sie rund um die Uhr im Wald unterwegs sein.

Studiengänge rund um Wald und Holz

Der „Studienkompass“ der Hochschulrektorenkonferenz listet unter dem Studientyp „Forst- und Holzwirtschaft“ mehr als 20 verschiedene Studiengänge auf. Einige sind ganz klassische Forstwirtschafts-Studiengänge, andere setzen Schwerpunkte mit Umweltschutz oder dem Bereich Internationales. Hier eine kleine Übersicht; nähere Beschreibungen der Inhalte finden sich auf hochschulkompass.de:

Forest Information Technology Abschluss: Master; Studienort: Eberswalde

Forestry System Transformation Abschluss: Master; Studienort: Eberswalde

Forstingenieurwesen Abschluss: Bachelor; Studienort: Freising

Forst- und Holzwissenschaft Abschluss: Master; Studienort: Weihenstephan

Forstwirtschaft Abschluss: Bachelor oder Master; Studienorte: Eberswalde, Göttingen, Rottenburg, Erfurt

Forstwirtschaft und Ökosystemmanagement Abschluss: Bachelor; Studienort: Erfurt

Forstwissenschaften Abschluss: Bachelor oder Master; Studienorte: Dresden, Freiburg, Göttingen, Weihenstephan

Holztechnik Abschluss: Bachelor oder Master; Studienorte: Eberswalde, Hannover, Lemgo, Rosenheim

Holztechnologie Abschluss: Master; Studienorte: Lemgo, Dresden

Holz- und Bioenergie Abschluss: Bachelor; Studienort: Freiburg

Holzwirtschaft Abschluss: Bachelor oder Master; Studienorte: Hamburg, Rottenburg

Internationale Waldwirtschaft Abschluss: Bachelor; Studienort: Freiburg

International Forest Ecosystem Management Abschluss: Bachelor; Studienort: Eberswalde

International Management of Forest Industries Abschluss: Master; Studienort: Freising

Management Erneuerbarer Energien Abschluss: Bachelor; Studienort: Freising

Management von Forstbetrieben Abschluss: Master; Studienort: Erfurt

Ökosystemmanagement Abschluss: Bachelor; Studienort: Göttingen

Sustainable Forest and Nature Management Abschluss: Master; Studienort: Göttingen

Tropical Forestry Abschluss: Master; Studienort: Dresden

Umweltnaturwissenschaften Abschluss: Bachelor; Studienort: Freiburg

Urbanes Wald- und Baum-Management Abschluss: Master; Studienort: Göttingen

Waldwirtschaft und Umwelt Abschluss: Bachelor; Studienort: Freiburg

Quelle: F.A.Z.
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