Gap Year nach dem Abitur

Mut zur Lücke!

Von Deike Uhtenwoldt
 - 11:27

Die Lücke zwischen Abi und Studium, in der Familie Brößling ist sie Pflichtprogramm. „Die Kinder kommen durch das G8-Abi sehr jung aus der Schule und haben angesichts des steigenden Rentenalters noch genug Zeit, etwas anderes zu machen, als gleich zum Studium zu rennen“, erklärt Mutter Katja Brößling, warum ihre Kinder nach der Schule einen Freiwilligendienst antreten sollen. Die Betriebswirtin zeigt sich offen für die Zukunftspläne der Kinder, ob Ausbildung oder Studium. Was genau es werden soll, dürfen sie selbst bestimmen – solange sie vorher ein Jahr lang bewiesen haben, dass sie auf eigenen Beinen stehen können. „Ich finde dieses Jahr unglaublich praktisch für die jungen Leute“, sagt sie. „Sie können sich ausprobieren. Ohne den Druck, gleich wieder im ersten Semester eine Leistung abliefern zu müssen.“

Brößlings Sohn ist gerade 18 geworden und wird ab September einen Bundesfreiwilligendienst in der Seehundauffangstation in Norden-Norddeich absolvieren. Die Tochter hat noch ein Jahr bis zum Abi, sie will sich politisch engagieren, am liebsten in Frankreich, und fragt gerade bei Parteiorganisationen im Nachbarland an. Zwischendurch hatte die 16-Jährige auch mal mit einer Auszeit in Neuseeland geliebäugelt, aber ihre Eltern hatten ziemlich schnell deutlich gemacht, dass das Jahr selbst finanziert werden muss – und möglichst gesellschaftlich sinnvoll sein soll: „Die Kinder sollen lernen, dass die Gesellschaft und Gemeinschaft für einen da ist und man auch etwas zurückgeben muss“, sagt die Social-Media-Beraterin und Mitbegründerin der Online-Plattform „she works“.

Seehunde retten, abgeschieden mit anderen Freiwilligen zusammenwohnen oder möglichst viel von der Welt entdecken und sie hier und da ein wenig besser machen – für die unterschiedlichen Zielvorstellungen junger Schulabgänger gibt es inzwischen einen Begriff: das „Gap Year“, ein Lückenjahr also. Aber mit Pause und Nichtstun hat es wenig zu tun: „Es geht um die Phase zwischen zwei Lebensabschnitten, die eine neue Erfahrung mit sich bringt, über eine längere Zeit andauert und häufig mit einem Auslandsaufenthalt junger Menschen in Verbindung gebracht wird“, sagt die Geographin Manuela Bauer. Die Wissenschaftlerin schließt gerade ihre Promotion über „Gap-Year-Reisen“ ab und hat typische „Gappers“ befragt, wie sie sagt. Auszubildende nach der Lehre, Studierende zwischen Bachelor- und Masterabschluss, Abiturienten.

„Ich habe Angebote gesehen, da schlackerten mir die Ohren“

„Die Schulabgänger sind die zahlenmäßig größte Gruppe“, sagt Bauer. Schon die Altersverteilung ihrer Erhebung macht es deutlich: 18,9 Jahre alt waren die Probanden im Schnitt, als sie ihre Reise antraten. Um diese jungen Erwachsenen ohne Berufserfahrung oder Studienabschluss für sich zu gewinnen, sie mit Papieren wie Arbeitsvisum und Krankenversicherung zu versorgen oder sie vor Ort zu betreuen, sei ein „Gap-Year-Markt“ entstanden, der regelrecht mit der Auszeit nach dem Schulabschluss wirbt, so Bauer. Ein Beispiel dafür ist die Auszeitberatung von Stefanie Reschke in Aumühle bei Hamburg. „Explorientation“ nennt die Britin ihr Angebot, das sich an junge Schüler richtet: „Die sind oft noch minderjährig, wenn sie die Schule verlassen, und wissen nicht, was sie machen sollen. Aber es soll etwas Konstruktives sein.“

Reschke ist in Malaysia geboren und in England aufgewachsen, hat zehn Jahre lang in Afrika gelebt, bevor sie in Frankreich und schließlich in Deutschland heimisch wurde. Dadurch verfügt sie über eine Menge Kontakte, die sie nun an zahlungswillige Eltern und ihre Kinder weitergibt. Dabei hat die Beraterin auch kurzzeitige Programme im Angebot, die sie je nach Wünschen, Voraussetzungen und verfügbarem Budget kombiniert: Erst ein Volontär-Projekt auf Borneo zum Schutz der Orang-Utans, dann ein Praktikum in Hongkong und schließlich einen dreimonatigen Kochkurs in Paris etwa. Oder lieber andersherum? Erst der Französischkurs in Paris, „weg von zu Hause, aber noch nicht so weit“, wie Reschke sagt. Zur Vorbereitung auf die Fremde und – im konkreten Fall – eine Art Grundausbildung in Simbabwe, inklusive Teambuilding, Klempnern oder Fahrzeugtechnik sowie sozialer Projekte und Sport.

Den Anbieter für dieses rein männliche Abenteuer will Reschke nicht so gern preisgeben: „Die bekommen nur deutsche Kunden über mich, man muss darauf vorbereitet sein.“ Das gilt auch für die Kosten: Für die sieben Monate „skills for life“ inklusive Reisen und Verpflegung werden 12.000 Dollar fällig. Es geht aber noch teurer, sogar im nicht gerade wohlhabenden Bremerhaven, wo Katja Brößlings Kinder zur Schule gehen: „Ich habe Angebote gesehen, da schlackerten mir die Ohren. Dafür hätte ich mir einen Neuwagen leisten können.“ Dabei erzeugt der Wettbewerb – „je weiter und extremer, desto besser“ –, der gern auch unter Jugendlichen in sozialen Medien ausgetragen wird, Konkurrenzdruck. „Das finde ich schade“, sagt Brößling. Zumal es viele tolle kostenlose Angebote gebe. „Aber was das betrifft, ist die Informationspolitik in den Schulen ziemlich mau.“

Umstrittener Volunteer Tourismus

Dabei bildet gerade die internationale Freiwilligenarbeit eine wichtige Säule beim Gap Year: „Lernen und Helfen im Ausland, das ist sehr populär, die Nachfrage immer stärker gestiegen“, sagt Manuela Bauer. Die meisten Teilnehmer kommen über eine Entsendeorganisation, weil das, auch aus Sicht der Eltern, als sicherer gelte. Dazu zählten öffentlich geförderte Dienste, wie „weltwärts“ vom Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), „kulturweit“ von der deutschen Unesco-Kommission und „IJFD“ vom Familienministerium. Bauer spricht von geregelten Diensten – und ihrem Problem: „Man muss sich ein Jahr vorher darauf bewerben und strikt an die Altersvorgaben, die Aufenthaltsdauer und begleitenden Seminare halten.“ Flexibler, aber auch ohne Förderung seien dagegen nicht geregelte Freiwilligendienste, etwa Friedens- und Entwicklungsdienste sowie private Anbieter, die kommerziell arbeiteten.

Aber gerade die Volunteer Tourismus-Angebote sind umstritten: „Es ist überhaupt nicht hilfreich, wenn junge Menschen für drei Wochen nach Nepal gehen, um dort mal eben ein wenig Entwicklungshilfe zu leisten“, sagt die Berufsberaterin Birte Biebuyck. Das gelte finanziell – von 1000 Euro, die ein Freiwilliger für seinen Auslandseinsatz zahlt, kämen gerade mal 17 vor Ort an –, aber auch menschlich: „Kinderprojekte sind beliebt, aber ständig wechselnde Bezugspersonen und zu wenig vorbereitete Freiwillige schaden“, so die studierte Theologin. Die Faustformel für jeden Freiwilligen laute daher: „Tue nichts im Ausland, was du nicht auch im Inland machen würdest.“ Schulmauern bauen beispielsweise: In Deutschland undenkbar, in Afrika als Freiwilligenprojekt verbreitet, weiß Biebuyck: „Allerdings müssen die Einheimischen über Nacht die Fehler der Jugendlichen ausmerzen – nur damit diese am Ende auch wirklich stolz auf ihr Werk sein können.“

Biebuyck ist bei der Berliner Studien- und Berufsberatung Nolten beschäftigt und hat viel mit jungen Leuten zu tun, die nach einem Gap Year um Orientierung ringen. „Man kommt nicht mit Ideen zurück, sondern mit einer guten Zeit.“ Der Tipp der Berufsberaterin: „Mach dir vorher Gedanken, wie es hinterher weitergehen soll.“ Wenn jemand etwa mit dem Medizinstudium liebäugelt, aber gar nicht sicher ist, ob der Arztberuf das Richtige ist, sei es sinnvoller, irgendwo auf der Welt im Krankenhaus zu arbeiten, anstatt in Australien Früchte zu verpacken.

Australien – kaum kulturelle Herausforderung

Gerade Australien und Neuseeland sind bei jungen Leuten beliebt, weil man dort relativ einfach „Work & Travel Aufenthalte“ vom Flug über das Visum bis zur Hostelbuchung organisieren kann. Die Folgen allerdings: Die Gelegenheitsjobs werden rar, unterwegs treffen die Jugendlichen vor allem ihresgleichen, andere Traveller nämlich, nur ohne Work und nicht selten aus Deutschland. Damit entfalle ein häufig genanntes Motiv für das Gap Year im Ausland, die Verbesserung von Sprachkenntnissen, meint Biebuyck: „Die meisten kommen nicht über Small Talk hinaus.“ Manuela Bauer sagt: „Insbesondere Work & Traveller erwarten, davon in Zukunft im Berufsleben zu profitieren. Aber dies geschieht eben in Kombination mit dem Vergnügen und dem Gefühl, selbständig etwas erreicht zu haben.“

„Etwas Neues erleben“, so lautete die Antwort, die Bauer am häufigsten in ihrer Befragung zu hören bekam. Gerade dafür sei etwa Australien ungeeignet, findet Stefanie Reschke. „Die Kultur ist keine Herausforderung, damit kann man nicht punkten.“ Wenn Jugendliche allerdings unsicher und noch nicht in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen, sollte man sie auf keinen Fall zu irgendetwas überreden: „Wichtig ist, dass sie etwas finden, was zu ihnen passt, und aus dem Alltag herauskommen.“ Aber der Schulalltag ist mit dem Abitur sowieso passé und so ziemlich jeder Job eine neue Erfahrung. Seehunde retten allemal, findet Katja Brößling. Dafür muss man nicht weit weg gehen und kann dennoch bei den Mitschülern punkten: „Mein Sohn kann damit prahlen, dass er weiß, was er will, und schon einen Platz sicher hat. Das ist eher die Ausnahme als die Regel.“

Quelle: F.A.Z.
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