Harvard

Gastforscher mit 23

Von Birgitta vom Lehn
 - 06:00

Als vor einigen Jahren der Rektor des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) aus Boston zu Besuch an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen war, fragten die Aachener ihn: Was macht das MIT eigentlich so gut, dass es Weltspitze ist? Die Frage war nicht uneigennützig, denn man war gerade dabei, sich für die erste Runde der Exzellenzinitiative zu bewerben. Wir binden unsere Studenten schon sehr früh in die Forschung ein, antwortete der MIT-Chef. Die Zauberformel für das „forschende Lernen“ trug in Nordamerika schon länger vier Buchstaben: Urop (Undergraduate Research Opportunities Program).

Das MIT hatte Urop 1969 „erfunden“, 20 Jahre später folgte die University of Michigan. Mittlerweile bieten alle forschungsstarken Unis in den Vereinigten Staaten und in Kanada Urop an, zudem drei Institute in England: das Imperial College London und die Universitäten in Cambridge und Reading. In Deutschland gibt es Urop mittlerweile an der RWTH, allerdings auch nur dort. 2008 führten es die Aachener ein, inspiriert durch jenen MIT-Besucher. In Aachen hat man dem Programm einen internationalen Anstrich verpasst.

Die Forschungspraktika können die Studenten nicht nur an der regionalen Hochschule oder an den benachbarten Forschungszentren in Jülich und Melaten absolvieren, so wie die englischen und amerikanischen Unis das vor Ort handhaben, sondern auch auswärts. So ist das Programm zu einem wertvollen Mittel geworden, Kontakte zur nordamerikanischen Top-Forschungsliga zu knüpfen und zu festigen. Ein erfreulicher Nebeneffekt: Inzwischen kommen auch regelmäßig amerikanische Studenten, die erfahrungsgemäß schwerer für solche Exkursionen zu motivieren sind, zu Sommerschulen nach Aachen.

Finanzspritzen für jeden

Insgesamt 421 Projekte seien seit 2008 gelaufen, berichtet Torsten Blut, der das Programm koordiniert. Das Ganze läuft über eine Datenbank, in die Professoren kleinere Projekte einstellen, für die Studenten sich je nach Interessenlage bewerben können. Derzeit stehen 259 Themen zur Auswahl. Umgekehrt funktioniert es aber auch: Die Studenten überlegen sich selbst Projekte, zu denen sie forschen möchten, und kontaktieren dann das jeweilige Institut, wo sie dies tun möchten. „Rund 30 bis 40 Prozent der Studenten organisieren das Praktikum selbst“, sagt Blut, der natürlich auch diesen Selfmade-Männern und -Frauen unter die Arme greift, denn auch so werden wertvolle Kontakte geknüpft und gehalten. Für ein dreimonatiges Urop-Praktikum gewährt die Uni eine Finanzspritze von rund 2000 Euro. Darum muss man sich separat bewerben.

Bislang hielten sich Angebot und Nachfrage die Waage, niemand ging leer aus. Ab Januar soll das Programm, das bislang aus Mitteln der Exzellenzinitiative gestemmt wurde und vor allem leistungsstarke Studenten anspricht, „verstetigt“ werden, erklärt Blut. Man habe erkannt, dass man mit geringem finanziellem Aufwand viel bewirken könne, freut sich Professor Henner Hollert, der am Institut für Umweltforschung das Lehr- und Forschungsgebiet Ökosystemanalyse leitet und Erasmus-Koordinator für Biologie ist. Hollert schwärmt von einer „großen Erfolgsgeschichte“, Urop sei „das am besten angelegte Geld aus der Exzellenzinitiative“, es seien „phantastische Dinge daraus entstanden“. Er berichtet von Studenten, die wichtige Erkenntnisschritte sowohl für die universitäre Forschung wie für sich selbst erreicht hätten. Diese Studenten seien Aushängeschilder der Uni.

So wie Alexander Nettekoven: Der 22-Jährige studiert im sechsten Semester Maschinenbau. Seit dem 20. Oktober steht er aber täglich acht Stunden im Labor der University of Michigan in Ann Arbor, wo er sich mit Laserauftragsschweißen und elektrohydrodynamischem Drucken, einem speziellen Nano-Herstellungsverfahren, befasst. Während des Interviews ist er bei seiner ehemaligen Gastfamilie in Texas, die er noch aus Schulzeiten kennt und wo er Weihnachten verbracht hatte. Ende Januar geht’s wieder zurück nach Aachen. Dort will er die Semesterklausuren schreiben, obwohl er die Vorlesungen nicht gehört hat. Büffeln musste er dafür in Amerika nach Laborschluss. „Dafür habe ich hier an einer Sache geforscht, die noch nie gemacht wurde“, schwärmt er.

Nicht vergleichbar mit Erasmus

Die 23 Jahre alte Aachener Soziologiestudentin Maike Sieben, Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes, hat es nach Harvard geschafft. „Als ich hörte, dass man sich auch selbst bewerben kann, habe ich eigentlich nur zum Scherz gesagt: Na, dann probiere ich es mal mit Harvard.“ Was zu ihrer Überraschung klappte. Die junge Frau schrieb drei Professoren in Boston an und bekam drei Zusagen. Von Mai bis August vergangenen Jahres forschte sie an der Eilte-Uni über Wohlfahrtsreformen in Europa. Das sei sehr anstrengend, aber „im positiven Sinne“ gewesen, berichtet sie.

Vergleichbar mit dem üblichen Erasmus-Auslandssemester sei Urop jedenfalls nicht: „Man hat schon einen harten Arbeitstag.“ Sieben will ihren Master auf jeden Fall wieder im Ausland machen, aber eines hat sie der Aufenthalt in Harvard auch noch gelehrt: „Ich kann mir nicht vorstellen, später im Elfenbeinturm zu sitzen. Ich will nicht schreiben um des Schreibens willen.“ Eine Forschungslaufbahn scheidet für sie aus, „ich will Theorie und Praxis verbinden“, sagt Sieben. Auch dafür ist Urop gut: die Studenten sollen früh ausprobieren können, wie Forschung funktioniert und ob sie als Beruf in Frage kommt.

Auch für die 21 Jahre alte Nina Bailly, die im fünften Semester Biotechnologie in Aachen studiert und vorher „auf jeden Fall in die Forschung wollte“, steht nach ihrem gerade beendeten Urop-Praktikum an der kanadischen University of Waterloo fest: „Forschen ist doch nichts für mich, obwohl dort alles prima gelaufen ist.“ Jetzt möchte sie lieber Patentanwältin werden. Markus Brinkmann, der schon 2008 als erster Aachener Urop-Teilnehmer an die University of Saskatchewan in Kanada ging, hat das Forschungsschnuppern hingegen in seiner Berufung bestätigt: Der heute 28 Jahre alte Biologe schließt in Kürze seine Promotion ab und hofft dann auf eine Post-doc-Stelle an der Uni in Saskatoon. „Wenn das klappen würde, wäre das toll.“ Sein zweiter Sohn käme dann im März in Kanada zur Welt.

Quelle: F.A.Z.
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