Campus
Studieren fern von zu Hause

Wehe, wenn das Heimweh kommt

Von Ursula Kals
© plainpicture/Anja Weber-Decker, F.A.Z.

Raus in die weite Welt, auch wenn die nur zwei Zugstunden entfernt liegt. Theoretisch hört sich das großartig an, nach dem Abitur in ein selbstbestimmtes Leben, eine fremde Stadt aufbrechen, eine eigene winzige Wohnung zu beziehen. Praktisch aber fühlt sich das bei weitem nicht für jeden nach federleichter Freiheit an. Stephanie Berens kann da ein ernstes Wort mitreden. Sie stammt aus einem Drei-Höfe-Weiler im Oberbayrischen, ihr Horizont geht weit über den Wiesenrand hinaus. Gleich nach dem Abitur im benachbarten Bruckmühl ist die damals knapp 18-Jährige für eine Freiwilligenorganisation als Schulhelferin nach Ghana gegangen. In der ersten Woche in Afrika musste sie sich allein durchbeißen, ankerte aber schnell in einer internationalen Wohngemeinschaft. „Das war voll super.“ Anschließend reiste die Halbamerikanerin zu ihren Großeltern nach Arizona und half in einem Tierheim.

Dann hat sie sich für Amerikanistik, Nebenfach Geschichte, eingeschrieben und ist in eine Zweier-WG nach München gezogen. „Vor allem das erste Semester war ziemlich krass“, sagt sie. „Das hat mich selbst gewundert, dass mich das so aus der Bahn geschmissen hat. Die Umstellung, als Dorfkind in die Großstadt zu ziehen war heftig. Es war Winter, das hat nicht geholfen.“ Die weitgereiste, zierliche Frau fand nicht so schnell Anschluss. Dabei wurden, so erinnert sie sich, im ersten Semester der latente Druck und die Botschaft vermittelt: „Wenn du bei den Einführungsveranstaltungen keinen kennenlernst, bist du durch.“

Sie aber fand in den ersten Tagen keine Kommilitonen, mit denen sie sich anfreunden wollte. Darüber tröstete auch ihre „sehr liebe Mitbewohnerin“ im Stadtteil Laim nicht hinweg, die als Medizinstudentin völlig andere Präsenzzeiten hatte. Dabei bemühte sich Steffi Berens, besuchte Bar-Abende der Fachschaft, merkte aber: „Ich bin nicht der Mensch, der in lauter Atmosphäre locker Kontakt aufnehmen kann.“ Sie sei kein Feiermensch. „Ich fühlte mich nicht so richtig ausgeschlossen, aber auch nicht wohl, und zweifelte, ob ich überhaupt am richtigen Platz bin.“ Das lähmende Gefühl von Einsamkeit ließ nur nach, wenn sie an den Wochenenden heimfuhr. Manchmal traf sie ihre engste Schulfreundin, die in Berlin Regie studiert und zwischen Opernhaus-Praktika pendelt. Montag ging es zurück ins anonyme Millionendorf München.

„Ich könnte losheulen“

Das verlässt Christine Müller in dieser Woche. Sie sitzt auf gepackten Kisten. „Ich könnte losheulen, wenn ich das bei anderen höre, dass sie auch Heimweh haben.“ Sie hat gerne in Bayern gelebt, aber Heimat fühle sich anders an. Die 29-Jährige ist in Halle an der Saale geboren und nach dem Abitur vier Jahre nach Hannover gezogen, um Querflöte zu studieren. „Das war ein großer Cut. Dort habe ich erst kapiert, dass ich Ossi bin“, sagt sie. Über die DDR wurde daheim nie richtig gesprochen. „Mir ist bewusst, dass ich ein Wendekind bin.“ Den leichten Dialekt hat sich Christine Müller sofort abgewöhnt, hartnäckiger blieb das Gefühl. „Ich habe mich ein wenig geschämt, weil ich anders wahrgenommen werde und die anderen mir das spiegelten.“ Nicht zu wissen, wo der Anker, der Hafen ist, fühlte sich ungut an. Alle zwei Monate ist sie zu ihren Eltern gefahren, die mittlerweile nahe Berlin leben. Und dorthin ziehen? Sie lacht: „Berlin ist mir zu groß.“

Stattdessen wechselte sie vor sechs Jahren nach München für musikalische Engagements und zum Zweitstudium Deutsch als Fremdsprache. „Mit dem Kopf bin ich immer beim Absprung.“ Das klingt nach Wurzellosigkeit. „Ja, die habe ich. Ich weiß gar nicht so richtig, wonach ich Heimweh habe.“ Jetzt möchte sich die Musikerin in Leipzig eine Existenz aufbauen. „Ich freue mich sehr darauf, das ist für mich die perfekte Mischung aus Heimkommen und Neuanfang.“ Ihr Freund, ein spanischer Wirtschaftsingenieur, den sie in Schottland kennengelernt hat, zieht mit.

Was macht sie bei Heimweh? Telefonieren mit Freunden, SMS schreiben. Musiker sind viel unterwegs. Manchmal schreibt sie Tagebuch, um ihre diffuse Sehnsucht zu benennen zwischen ihrem „ostdeutschen Bauchgefühl, einer Verbundenheit mit Halle und dem internationalen Umfeld unter Musikern“. Aber einfach mal spontan einen Kaffee trinken, das fehle ihr. Um Kontakt zu halten, trifft sie sich auch mal zwei Stunden am Hauptbahnhof, wenn die Freundin aus Wuppertal auf der Durchreise ist.

„Über Skype Geschenke auszutauschen war hart“

Sophie Reder hat es nicht so weit zu ihrem Zuhause. Die lebensfrohe Österreicherin kommt aus Linz, konnte dort aber ihr Orchideenfach – buddhistische und südasiatische Studien – nicht belegen. Sie ging nach München und mietete ein Zimmer in einem Vorort. Ausgerechnet den ersten Heiligabend verbrachte sie allein, sie jobbt nebenher in einem Hotel und hatte Nachtdienst. „Über Skype Geschenke auszutauschen war hart.“ Nach Feiertagen gleich wieder wegfahren zu müssen fühlt sich bis heute schlecht an. „Das gibt einen Druck auf der Brust. Man will entweder losheulen oder sofort zu den vermissten Menschen. Ruft man an, ist man glücklich und traurig zugleich.“ Drei Monate nach Studienbeginn zog auch ihr Freund zur Untermiete in die Stadt. Sophie Reders Sehnsucht nach Hause, zurück zum Altvertrauten, dämpfte das nur wenig. „Heimweh habe ich dennoch. Ich vermisse meine Familie, den Dreimädelshaushalt mit meiner Mama und meiner Schwester. Oder Frühstücken mit meinen zwei besten Freundinnen. Die verstehen mich wenigstens, wenn ich Dialekt rede“, sagt sie. „Die Bayern hören sofort, dass ich Österreicherin bin.“ Sprache ist Heimat. Die 23-Jährige mit dem ansteckenden Lachen sagt daheim Bankomat-Karte, Sackerl oder Dixo, wenn sie wieder in Bayern ist, redet sie von EC-Karte, einer Tüte oder Tesafilm. „Ich switche dann, ohne es zu merken.“

Längst ist sie mit ihrem Freund zusammengezogen, Ihr latentes Heimweh nach einem „leicht diffusen“, so anderen österreichischen Lebensgefühl versiege nicht. Die Werte seien andere, auch der Umgang miteinander. „Bei uns umschreibt man mehr, sagt vieles durch die Blume. Die Deutschen sind direkter, klarer, das ist wiederum supergut fürs Arbeiten.“

Das Pendeln zwischen zwei Ländern scheint keine schlechte Grundlage, um in Richtung interkulturelle Kommunikation zu gehen. Sophie Reder schreibt an ihrer Bachelorarbeit. Und danach? Das sei noch offen, fühle sich aber nicht bedrohlich an, sagt sie. Distanz habe auch etwas Gutes. Mit ihrer 19 Jahre alten Schwester versteht sie sich noch besser als früher und freut sich auf „sinnloses Fernsehschauen im Pyjama“, quatschen und bummeln – „zusammen shoppen haben wir vorher nie gemacht“. Über das uncoole Heimwehgefühl werde unter Studenten nicht direkt gesprochen, Männer schweigen das komplett tot. „Das wird nur oberflächlich angekratzt und heißt dann eher: Ich muss mal wieder nach Hause.“

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Und wie ist es der angehenden Amerikanistin Stephanie Behrens ergangen? Wie ist ihr aktuelles Lebensgefühl? „Ein sehr gutes!“ strahlt die 22-Jährige. Vergeht Zeit, kommen Freundschaften, langsam, aber sicher. Inzwischen hat sie eine kleine Gruppe zuverlässiger Freunde, eine stabile Fernbeziehung in Mainz und fühlt sich wohl. Vor kurzem ist sie ein Dreivierteljahr in Kanada gewesen und hatte überhaupt kein Heimweh. Wie das? „Auch die anderen waren alle weg, in alle Welt verstreut. Meine Beziehung weilte in Südafrika.“ Heute fragen die Eltern im beschaulichen Unterwertach, wann die Tochter wieder zu Besuch kommt. Das „I-wui-Hoam-Gefühl“ ist unmerklich erloschen.

Sophie Reder nickt. Wenn sie nach Österreich fährt, sagt sie, sie fährt heim. Kehrt sie zurück nach Oberbayern, sagt sie ebenso, sie fährt heim. „Ich bin wohl angekommen.“ Heim sei, so erklärt sie im Café hinter dem Hauptgebäude der Ludwig-Maximilians-Universität, „irgendwie auch ein süßer Schmerz“. Vielleicht gehört es zum Erwachsenwerden dazu, Zeiten der Einsamkeit auszuhalten. Christine Müller ist durch ihre Umzüge anpassungsfähig geworden und hinterfragt ihre Meinung immer wieder. Ihren Heimatbegriff fasst sie heute größer: „Heimat ist da, wo ich Flöte spielen kann. Am Ende habe ich wahrscheinlich gelernt, Heimat in mir selbst zu finden.“

Quelle: F.A.Z.
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