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Neuer Campus in Freudenstadt

Wir bauen uns eine Uni

Von Oliver Schmale
 - 09:33

Freudenstadt im nördlichen Schwarzwald ist bislang eher als Touristenort bekannt. Die rund 23.000 Einwohner zählende Kommune wirbt mit Deutschlands größtem Marktplatz und seinem besonderen Heilklima. Das zieht die Besucher an. Studenten sucht man in Freudenstadt bislang eher vergebens. Das soll sich aber nach dem Willen von Oberbürgermeister Julian Osswald (CDU) und mehreren mittelständischen Unternehmen aus der Region ändern: Sie planen in der Großen Kreisstadt südwestlich von Stuttgart, den sogenannten „Campus Schwarzwald“ zu etablieren, um langfristig den Nachwuchs für die vor Ort ansässigen Unternehmen zu sichern. Deshalb ist über Jahre hinweg die Idee eines speziellen Hochschulangebots für den Maschinenbau, der in der Region besonders stark vertreten ist, entwickelt worden. Motto: Wir machen uns hübsch für eine akademische Klientel, die sonst nicht hierherfinden oder nicht hier bleiben würde.

„Es gibt einen Exodus der klugen Köpfe“, sagt Kurt Schmalz, geschäftsführender Gesellschafter des gleichnamigen Vakuumspezialisten mit Sitz im Luftkurort Glatten, der auf der ganzen Welt rund 1300 Mitarbeiter hat. Nach dem Studium gingen Absolventen zu großen Unternehmen wie Daimler, Bosch oder Porsche im Großraum Stuttgart. Und sie kommen zumeist nicht mehr zur mittelständisch geprägten heimischen Wirtschaft im Kreis Freudenstadt zurück. Auch Klaus Fischer, Inhaber des gleichnamigen Dübelherstellers mit Sitz im Örtchen Waldachtal, treibt die Sorge um, langfristig nicht an die entsprechenden Ingenieure zu kommen. Ihm liegt besonders das Thema Management und Führung am Herzen. Auf diesen Bereich solle künftig ein Hauptaugenmerk bei der Ausbildung der Master-Studenten gelegt werden. Insgesamt 13 regionale Unternehmen, darunter der Holzmaschinenbauer Homag aus Schopfloch, der Maschinenbauer Arburg in Loßburg oder auch L’Orange treiben das Projekt voran. Die Mittelständler bringen es auf insgesamt etwa 10 000 Beschäftigte und haben sich in einem Verein zusammengefunden, um den Plan schrittweise umzusetzen.

Die mittelständische Wirtschaft kooperiert dabei mit der Universität Stuttgart. Es werden künftig gemeinsam Studienangebote im Master-Studiengang Maschinenbau und Technologiemanagement angeboten, im ersten Schritt für ein Spezialisierungsfach mit den Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit in der Produktion. Teile der Ausbildung sollen dann vor Ort auf dem neu entstehenden Campus Schwarzwald in Freudenstadt erfolgen. „Damit betreten wir Neuland“, sagt Wolfram Ressel, der Rektor der Universität Stuttgart, die insgesamt 27 000 Studenten zählt. Bislang finden alle Lehrangebote auf dem Campus in der baden-württembergischen Landeshauptstadt statt. So sind die bislang gemeinsam erarbeiteten Vorlesungen über Digitalisierung und Nachhaltigkeit in produzierenden Unternehmen sowie Führung und Management in Hightech-Unternehmen seit dem Wintersemester 2017/18 in den Vorlesungsbetrieb der Uni Stuttgart eingebettet. Während Großunternehmen regelmäßig auf dem Stuttgarter Campus vor Ort sein könnten, habe die mittelständische Wirtschaft fast keinen Kontakt zu den Studierenden, sagt Ressel. „Der ländliche Raum ist da benachteiligt.“ Die Kooperation zwischen der Wirtschaft und der Universität ist zunächst auf zwölf Jahre angelegt. Das sieht eine kürzlich geschlossene Vereinbarung vor.

Wohnheim, Labor, Konferenzräume

Der Studiendekan für Maschinenbau in Stuttgart, Hansgeorg Binz, erwartet, dass künftige Studenten bis zu einem Jahr ihres auf zwei Jahre angelegten Master-Studiengangs in Freudenstadt verbringen werden. Das umfasse sowohl das dreimonatige Praktikum als auch die Zeit für die Master-Arbeit. „Da wird dann sicherlich keiner in Stuttgart wohnen.“ Der Campus entsteht in der Innenstadt der Schwarzwald-Kommune. Damit Studenten in Freudenstadt eine Unterkunft finden, ist der Bau eines Studentenwohnheims mit 48 Wohnungen geplant, wie Oberbürgermeister Julian Osswald berichtet. Der neue Campus mit Labor und Konferenzräumen für Lehrveranstaltungen entsteht auf einer Fläche von 3200 Quadratmetern. Im Zuge dessen soll auch ein bestehendes Gebäude umgebaut werden. Das frühere Bürogebäude liegt in der Nähe des Bahnhofs und soll Anfang 2019 für den Lehrbetrieb zur Verfügung stehen. Stadt und Landkreis unterstützen den Campus jährlich gemeinsam mit 500.000 Euro. Die beteiligten Unternehmen steuern noch einmal 550.000 Euro pro Jahr bei. Für Landrat Klaus Rückert (CDU) und den Oberbürgermeister ist das Geld gut investiert. „Bisher haben wir keine Hochschuleinrichtung“, sagt Osswald. Noch dauert es etwas, bis die ersten Studenten vor Ort unterrichtet werden können. Der eigentliche Lehrbetrieb soll schrittweise seine Arbeit aufnehmen.

Unternehmer Klaus Fischer sagt, dass bei der Ausbildung der Studenten auch die „weichen Faktoren“ wichtig seien. „Junge Akademiker brauchen nicht nur technisches Wissen. Über den engen Praxisbezug erwerben sie auch Führungskompetenz.“ Denn die Kooperation mit den Unternehmen ermögliche auch den Kontakt zu Führungskräften – was in anderen Studiengängen eher unüblich ist. Die Wirtschaft plant mittelfristig die Finanzierung von zwei Stiftungsprofessuren. Die beteiligten Unternehmen verweisen auch hier auf den starken Praxisbezug der Ausbildung. Kurt Schmalz stellt in Aussicht, dass das Labor Studium und Forschung „am offenen Herzen“ ermögliche. Der Campus in Freudenstadt sei dabei an den Großrechner der Uni Stuttgart angeschlossen. „Damit kann man echte Projekte machen“, sagt Schmalz, der zusammen mit Klaus Fischer die Idee für den neuen Vorlesungs- und Forschungsstandort der Universität Stuttgart maßgeblich vorangetrieben hat.

Das Lehr- und Forschungslabor wird auch von den Unternehmen finanziert und ausgestattet. Wenn der Campus am Ende eine Keimzelle für neue Unternehmen werde und es „ein paar Ausgründungen“ für die Region gebe, „dann hat man gewonnen“, sagt Schmalz. Er hat bewusst die Zusammenarbeit mit einer Universität gesucht. Ziel sei es, die „universitären Absolventen“ in die Region zu bringen. Er kann sich zwar vorstellen, dass die neuartige Einrichtung auch mal mit anderen Hochschulen in der Umgebung zusammenarbeitet. Aber der Campus Schwarzwald muss erst einmal regulär seine Arbeit aufnehmen.

Master-Arbeiten bei beteiligten Unternehmen

Erste Erfolge zeigt die Initiative der regionalen Wirtschaft schon. Sechs Studenten machten gerade ihre Master-Arbeit bei den beteiligten Unternehmen, wie Schmalz berichtet. Und noch viel wichtiger: Die ersten Studenten aus Stuttgart absolvierten bereits ihr Praktikum bei einem der mittelständischen Unternehmen. Jedes Semester bieten die Mittelständler mehrmals Praktikumsplätze für 15 bis 20 Studenten an. Diese sind begehrt. Während sich die zuständige baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) in der Vergangenheit zurückhaltend zu dem Thema äußerte, ist sie nun deutlich positiver gestimmt. Der geplante Campus sei eine einzigartige Kooperation in Baden-Württemberg zwischen der Universität Stuttgart und den in der Region Freudenstadt ansässigen Unternehmen mit hoher Strahlkraft. „Dank der außergewöhnlich hohen Dichte an Weltmarktführern und dem beispielhaften Engagement können die Bildungs- und Forschungsperspektiven im ländlichen Raum erweitert werden“, sagt sie. So entstehe die Möglichkeit, einzelne Studieninhalte in enger Zusammenarbeit mit der Wirtschaft praxisnah zu erarbeiten, so die Grünen-Politikerin. An den baden-württembergischen Universitäten gibt es bislang keine Außenstellen oder reine Vorlesungsstandorte – im Gegensatz zu einigen Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (einstige Fachhochschulen) und zur Dualen Hochschule Baden-Württemberg, die diese Modelle praktizieren.

Für die von der Wirtschaft langfristig geforderte Mitfinanzierung des Campus Schwarzwald durch das Land Baden-Württemberg stehen die Chancen allerdings schlecht. Das Wissenschaftsministerium habe den Kooperationspartnern gegenüber im Vorfeld deutlich gemacht, dass von Seiten des Landes keine finanzielle Unterstützung zu erwarten sei, so eine Sprecherin von Theresia Bauer. Bei Außenstellen mit eigener Infrastruktur, für die ein Beschluss der Landesregierung nötig ist, sei zwar eine Finanzierung aus dem Staatshaushalt vorgesehen – wenn auch oft nur teilweise. Reine Vorlesungsstandorte allerdings, die aufgrund einer Entscheidung der Hochschule entstehen, werden der Sprecherin zufolge nicht vom Land mit zusätzlichen Mitteln finanziert.

Quelle: F.A.Z.
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