Angehende Ärzte

Zum Medizinstudium nach Österreich

Von Michaela Seiser, Wien
 - 07:09

Stefan Konrad stehen derzeit viele Optionen offen. Er hat eben seine Facharztausbildung zum Strahlentherapeuten im Allgemeinen Krankenhaus in Wien abgeschlossen. Jetzt kann er sich aussuchen, welches Angebot er annimmt. Gerne will er in Wien bleiben: „Das ist eine Großstadt von Weltformat, ohne den negativen Beigeschmack vieler Metropolen.“ Der gebürtige Bayer hat vor zwölf Jahren sein Medizinstudium in Wien begonnen und in der Mindestzeit nach sechs Jahren abgeschlossen.

Im Zuge des Studiums hat er sein Interesse an der Onkologie entdeckt und durch seine Kontakte zur Strahlentherapie ein Stellenangebot in der Universitätsklinik für eine weitere Ausbildung erhalten. „So bin ich da gelandet“, erzählt der 34-jährige Arzt, der auch in der Personalvertretung für seine Kollegen spricht. Er kommt im Jahr samt Zulagen auf rund 85.000 Euro Gehalt. Das ist für ihn im Vergleich zu Deutschland wettbewerbsfähig. Gerne will er im Nachbarland bleiben. Konrad ist eine Ausnahme. Viele Absolventen zieht es in die Welt hinaus – und nach Deutschland zurück.

Auch österreichische Absolventen suchen das Weite

Österreich ist ein Ärzteproduzent für die Welt. Jedoch bleiben nach der kostspieligen Ausbildung – der Staat investiert je Studienplatz 60.000 Euro im Jahr – nur wenige im Land. Bessere Arbeitsbedingungen und eine attraktivere Vergütung ziehen die Mediziner ins Ausland. Eine Erhebung der Statistik Austria zeigt, dass nicht nur ausländische Ärzte wegziehen, sondern auch immer mehr inländische. Vier von fünf deutschen Absolventen verlassen Österreich; mehr als zwei Drittel der EU-Ausländer (ohne Deutschland) und mehr als die Hälfte der Nicht-EU-Bürger. Aber auch fast jeder zehnte österreichische Absolvent sucht das Weite. Das ist angesichts stabiler Absolventenzahlen beträchtlich: Seit 2012/13 werden jährlich zwischen 800 und 900 Österreicher mit dem Studium fertig und etwas mehr als 200 Deutsche.

Österreich regelt seit elf Jahren die Zugänge zum Medizinstudium mit einer Quote, die inländische Studenten bevorzugt. Wie die EU-Kommission im Frühjahr festgestellt hat, darf das kleine Land dies tun. Ein Vertragsverletzungsverfahren wegen möglicher Diskriminierung von EU-Bürgern wurde eingestellt. Ausgehend von Daten der österreichischen Behörden, hat die Kommission befunden, dass das für das Medizinstudium geltende Quotensystem berechtigt und angemessen ist, um das öffentliche Gesundheitssystem in Österreich zu schützen. Es gibt eine festgelegte Menge an Plätzen, über deren Zugang ein Eignungstest entscheidet. Ohne Quotenregelung wäre der Anteil der deutschen Studienanfänger im Jahr 2012 bei rund 50 Prozent gewesen, von denen allerdings drei Viertel nach Abschluss des Studiums wieder in ihre Heimat zurückkehren. Hauptmotive für die Rückkehr nach Deutschland sind familiäre Gründe und berufliche Überlegungen.

Weitere Mediziner werden abwandern

Aufgrund der Datenlage und des künftig steigenden Bedarfs an Medizinern in Deutschland ist davon auszugehen, dass der Druck auf Österreichs medizinische Universitäten weiter steigen wird. Rund 2300 österreichische Ärzte arbeiten nach Einschätzung der Ärztekammer derzeit in Deutschland. Ein Großteil davon sind Jungmediziner in Ausbildung. Und die Migration wird zunehmen, glauben Fachleute.

Deutschland verzeichnet schon länger einen Ärztemangel und wirbt intensiv um Mediziner aus dem Ausland. Nicht nur suchen deutsche Ärzte in Großbritannien und Skandinavien nach besseren Arbeitsbedingungen und höheren Löhnen. Durch das Numerus-clausus-System wird auch weniger Nachwuchs ausgebildet. In Deutschland befasst sich seit vergangenem Mittwoch das Bundesverfassungsgericht mit dem Numerus clausus – ein Urteil wird bis zum Jahresende erwartet.

Studienplätze sind weiter begehrt

Das hat Auswirkungen auf Österreich, wo seit Jahrzehnten entweder von einer Ärzteschwemme oder einem Ärztemangel gesprochen wird. Tatsächlich hat Österreich im internationalen Vergleich eine hohe Ärztedichte – was die Ärztekammer allerdings anzweifelt. Der Rektor der größten Ausbildungseinrichtung für angehende Ärzte in Österreich, der Medizinischen Universität Wien, Markus Müller, sagt: „Wir haben kein Nachwuchs-Problem, wir haben ein Abwanderungsproblem.“

Das Medizinstudium in Österreich sei begehrt, noch nie wollten so viele junge Menschen Arzt werden. Auch die Absolventenzahlen sind konstant, die Drop-out-Quote liegt unter zehn Prozent. Derzeit arbeiten 45.000 Ärzte in Österreich, so viele wie noch nie. Gegenüber den achtziger Jahren ist das fast eine Verdoppelung. Die Abwanderung aufzuhalten sei die große Herausforderung in der Ärztebedarfsdebatte, bestätigte auch das Wissenschaftsministerium.

Österreichs System trägt Mitschuld an der Lage

Warum Jungmediziner ihre Heimat verlassen, ist unterschiedlich. Neben privaten Gründen locken bessere Arbeitsbedingungen und bessere Fortbildungsmöglichkeiten. Die Schweiz, Deutschland und England rangieren hier als Medizin-Auswanderungsland auf den vordersten Plätzen. Das nutzen diese Länder für sich: Die Schweiz etwa bildet deutlich weniger Mediziner aus, als sie tatsächlich brauchen würde. Denn die Regierung kann sich darauf verlassen, dass aus dem Ausland Nachschub kommt. Eben auch Absolventen aus Österreich.

Daneben spielen Systemschwächen des Gesundheitswesens den Auswanderungswilligen in die Hände. Österreich hat ein spitallastiges System. Spitäler zu bauen wurde in den zurückliegenden Jahrzehnten als regionalpolitisches Beschäftigungsinstrument eingesetzt. Daher gibt es eine der höchsten Bettendichten der Welt und den Anreiz, sofort in die Spitalsambulanz zu rennen, statt zu einem niedergelassenen Arzt. Demnächst wird es zwei U-Bahn-Stationen direkt vor dem Allgemeinen Krankenhaus in Wien geben, was es dort leichter macht, anzudocken, als in einer Praxis einen Termin zu bekommen.

Bedingungen für Jungärzte wurden verbessert

„Das gibt es nirgendwo auf der Welt, dass über die Universitätsklinik als teuerstes Versorgungsmedium die Erstversorgung durchgeführt wird“, sagt Müller. Diese Ineffizienz führte dazu, dass in der Vergangenheit junge Ärzte oft unter ihrem Wert eingesetzt wurden. „Sie mussten Pflegetätigkeiten oder Sekretariatsarbeiten verrichten, anstatt sich weiterzuentwickeln, Zeit mit Patienten zu verbringen und näher an ihrer hochqualifizierten Kerntätigkeit zu sein“, erklärt Markus Müller. Es gibt nach wie vor zu wenig Pflegepersonal und Administrativkräfte, um Ärzte zu entlasten. Die lange Zeit vergleichsweise niedrige Bezahlung von Jungärzten wurde vor zwei Jahren verbessert.

Die Arbeitszeit wurde verkürzt und die Gehälter um bis zu 30 Prozent nach oben angepasst. Hinzu kommt die Globalisierung mit der stärkeren Mobilität von jungen Menschen im Vergleich zu früher. „Die schauen, wo gibt es eine gute Weiterbildung in der gewünschten Disziplin“, sagt Müller. Gefragt sind Plastische Chirurgie, Gynäkologie und Orthopädie. Zudem gibt es ein regionales Stadt-Land-Gefälle. Auf dem Land als praktischer Arzt zu arbeiten scheint wenigen attraktiv. Überhaupt werden die Bedingungen für niedergelassene Allgemeinmediziner, vor allem im Kassensystem, als sehr ungünstig wahrgenommen. Dies ist der Befund einer Befragung des Instituts für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung der Medizinuniversität Graz in Zusammenarbeit mit der Ärztekammer Österreichs.

Medizinstudium in Österreich

Zugang per Quote: Österreichs Medizin-Universitäten dürfen 75 Prozent der Anfängerplätze für Studenten mit österreichischem Maturazeugnis reservieren. 20 Prozent gehen an EU-Angehörige und fünf Prozent an Nicht-EU-Bürger. Diese Regelung wurde 2007 eingeführt, nachdem der Europäische Gerichtshof die Zugangsregelung (in Österreich studieren durfte nur, wer in seinem Heimatstaat eine Studienberechtigung im jeweiligen Fach hatte) aufgehoben hatte und zahlreiche deutsche Numerus-clausus-Flüchtlinge nach Österreich drängten.

Außerdem wurde damals die Zahl der Anfängerplätze für Human- und Zahnmedizin auf 1500 beschränkt (mittlerweile 1620; ab 2022: 1800). Für das Zahnmedizinstudium hält die Kommission die Quoten allerdings für ungerechtfertigt. Die Beschränkungen müssen dort bis zum Studienjahr 2019/2020 aufgehoben werden. Das betrifft allerdings nur eine geringe Zahl an Studienplätzen: Von den derzeit 1620 Medizin-Anfängerplätzen sind nur 144 für angehende Zahnmediziner reserviert, der überwiegende Teil entfällt auf die Humanmedizin.

Teure Medizin: Österreich leistet sich eines der kostspieligsten Gesundheitssysteme der Welt. Mehr als elf Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden für Gesundheit ausgegeben. Das Land hat eine im internationalen Vergleich hohe Bettendichte und Ärztedichte. Jedoch wird vor allem in reparative Medizin und wenig in die Prävention investiert. Das führt dazu, dass Österreicher eine relativ schlechte Position in der Anzahl der als gesund erlebten Jahre haben, was als Gradmesser für ein effizientes Gesundheitswesen gilt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Seiser, Michaela (ela.)
Michaela Seiser
Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
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