Open Access

Der goldene Weg zur freien Wissenschaft

Von Klara Keutel
 - 06:19

Ob für eine Hausarbeit, die Promotion oder andere Forschungsprojekte, der Zugriff auf wissenschaftliche Zeitschriften ist immer nötig. Doch nicht immer hat die Universität alle Journale abonniert, die Studenten gerade brauchen. In einem solchen Fall landen sie vor einer digitalen Bezahlschranke und müssen bis zu 50 Euro für einen einzelnen Artikel aufwenden. Ein frustrierendes Erlebnis, das vermutlich fast jedem (angehenden) Wissenschaftler bekannt ist.

Alexandra Elbakyan griff zu drastischen Mitteln. Vor fast fünf Jahren rief die kasachische Neurowissenschaftlerin aus Protest Sci-Hub ins Leben, nach eigenen Aussagen die „erste Piraterie-Website, die öffentlichen Massenzugang zu Millionen Fachbeiträgen ermöglicht“. Mehr als 48 Millionen wissenschaftliche Artikel sind mittlerweile über die Datenbank kostenlos erhältlich. Legal ist das Angebot nicht. Entweder werden die Beiträge direkt aus der rechtlich gesehen ähnlich problematischen Datenbank Library Genesis (LibGen) abgerufen und als PDF angezeigt. Falls das misslingt, werden die Bezahlschranken der Verlage mit Hilfe von Zugangsdaten umgangen, die sympathisierende Wissenschaftler Sci-Hub zur Verfügung stellen. Doch Elbakyan sieht sich im Recht. Das „Entfernen von Barrieren in der Wissenschaft“ sei ihr Ziel, weist die Website aus, sowie das „Bekämpfen ungleicher Zugangsschancen“. Selbst eine erfolgreiche Copyright-Klage vom Großverlag Elsevier konnte sie bisher nicht dazu bewegen, die Seite abzuschalten. Derweil nutzen Wissenschaftler auf der ganzen Welt das Angebot mit ungebremster Begeisterung: Täglich werden mehrere hunderttausend Artikel heruntergeladen.

Elbakyan gilt als radikale Vertreterin der Open-Access-Bewegung. Open Access fordert unmittelbaren, unbeschränkten und freien Zugriff auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Ein Grundsatz, dem das vorherrschende Subskriptionsmodell im Weg steht. Das Modell und insbesondere die Platzhirsche im wissenschaftlichen Verlagswesen Elsevier, Springer, Wiley und Taylor & Francis werden seit Jahren harsch kritisiert: Horrende Preise, Ausnutzen der Marktmacht, unverhältnismäßig hohe Gewinnmargen, mangelnde Transparenz - die Liste mit Vorwürfen ist lang.

Die Preise steigen weiter

Es lohnt ein Blick auf die Historie der Verlage, um die Debatte zu durchschauen: Seit Beginn der sechziger Jahre wurde das wissenschaftliche Publikationswesen zunehmend privatisiert und kommerzialisiert. Die Einführung des Science Citation Index (SCI) im Jahr 1963 ermöglichte es, für die verschiedenen Disziplinen die jeweils relevantesten Beiträge zu ermitteln. Das war die Geburtsstunde der sogenannten Core Journals, Zeitschriften, die den aktuellen Stand der Forschung abbildeten und damit zunehmend unverzichtbar wurden. Wissenschaftler, die relevante Forschung betreiben und sich einen Namen machen wollten, kamen an ihnen schlichtweg nicht mehr vorbei. Bis heute hat sich daran wenig geändert. Der sogenannte Impact Factor eines Journals ist dabei entscheidend; das ist eine Zahl, deren Höhe den Einfluss einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift wiedergibt und sich vor allem danach richtet, wie oft die Artikel in anderen Zeitschriften zitiert werden. Veröffentlichungen in Zeitschriften mit hohem Impact Factor sind ein Hauptkriterium bei der Vergabe von Professuren und Drittmitteln und in Hochschul-Rankings.

Diese Entwicklung ließ das wissenschaftliche Verlagsgeschäft ab Ende der sechziger Jahre in profitablerem Licht erscheinen. Journale wurden in großen Mengen von Verlagen aufgekauft, der Markt verdichtete sich, die Preise stiegen rapide und strapazierten die Bibliotheksbudgets. Schätzungsweise 40 Prozent aller von einem Expertengremium ausgewählten, sogenannten peer-reviewed articles werden mittlerweile von nur drei Verlagen herausgegeben: Elsevier, Springer und Wiley. Jeder der Verlage vereint mehr als 2000 Zeitschriften unter seinem Hut. Ein OECD-Bericht von 2005 spricht von einer Preissteigerung um 180 Prozent in den neunziger Jahren. Eine Schätzung, die auf Daten der amerikanischen Association of Research Libraries beruht, geht von einem Anstieg um 273 Prozent zwischen 1986 und 2004 aus.

Und die Preise steigen weiter. Im Jahr 2014 beliefen sich die Zeitschrifteneinkommen auf der ganzen Welt auf 7,6 Milliarden Euro, besagt eine Veröffentlichung der Max-Planck-Gesellschaft. In Deutschland allein sind es schätzungsweise mehr als 200 Millionen Euro. Für eine einzelne Universität können sich die jährlichen Kosten zu mehreren Millionen Euro summieren. In den vergangenen Jahren gaben selbst sehr kapitalstarke amerikanische Eliteuniversitäten bekannt, sich nicht mehr alle gewünschten Titel leisten zu können.

Riesige Gewinnmargen

Demgegenüber stehen Gewinnmargen, die weit über denen vergleichbarer Unternehmen liegen. Elsevier wies 2015 eine Gewinnmarge von 37 Prozent aus und ist damit profitabler als Google, Apple oder Facebook. Gleichzeitig werden weder die Autoren noch die wissenschaftlichen Gutachter an den Umsätzen beteiligt. Für die Gehälter der Wissenschaftler und die Kosten für Zeitschriften-Abonnements an Universitäten kommen in der Regel die Steuerzahler auf.

Der Missstand fällt umso mehr auf, da das Internet an sich vielfältige neue Möglichkeiten für wissenschaftlichen Austausch anbietet. In dem Sinne, so der Open-Access-Koordinator der Max-Planck-Gesellschaft Georg Botz, sei Sci-Hub ein Symptom eines kränkelnden Systems, das den Ansprüchen der modernen Wissensgesellschaft nicht mehr gerecht wird. Eine Lösung sei Sci-Hub allerdings nicht. „Wir begrüßen natürlich die Aufmerksamkeit, die die Seite der Open-Access-Bewegung zuspielt“, gibt Botz zu. Nur bestünde auch die Befürchtung, dass Bemühungen rund um Open Access nun grundsätzlich in die Piratenecke gestellt würden. Denn abseits der illegalen Robin-Hood-Methoden versucht ein wachsendes Netzwerk aus Forschungsinstitutionen, jungen wie traditionellen Verlagen, Start-Ups und Politik seit Jahren legale und seriöse Open-Access-Alternativen aufzuzeigen und durchzusetzen. Die Max-Planck-Gesellschaft gehört dazu. „Als Forschungsorganisation, die aus öffentlichen Geldtöpfen finanziert wird, haben wir den Auftrag, nicht nur Wissen zu produzieren sondern es auch so öffentlich, breit und schnell wie möglich zugänglich zu machen“, begründet Botz.

Entsprechend ist in den vergangenen Jahren einiges im Open-Access-Markt ins Rollen geraten. Besonders zwei Strömungen stechen heraus: „Grundsätzlich kann zwischen dem grünen und dem goldenen Weg unterschieden werden“, erklärt Elmar Schultz, Open-Access-Experte bei der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Auf dem goldenen Weg würde ein wissenschaftlicher Beitrag direkt unbeschränkt und frei zugänglich veröffentlicht, zum Beispiel in einem qualitätsgesicherten Open-Access-Journal oder als Open-Access-Artikel in einem traditionellen Journal. Der grüne Weg hingegen stünde für die meist verzögerte Zweitveröffentlichung eines schon in einer Zeitschrift erschienenen wissenschaftlichen Beitrags, beispielsweise in einem digitalen Repositorium.

„Beide Wege sind wichtig“

Über die Frage, welcher Weg zu bevorzugen ist, gehen die Meinungen auseinander. Länder wie die Niederlande oder Großbritannien haben sich dem goldenen Weg verschrieben. In Deutschland möchte man sich alle Optionen offenhalten. Das Wissenschaftssystem in Deutschland sei groß und vielfältig, heißt es aus dem BMBF. Eine Lösung für alle gebe es nicht. „Wir wollen Wissenschaftler daher auf beiden Wegen unterstützen“, sagt eine Sprecherin. „Beide Wege sind wichtig und als komplementär zu sehen“, stimmt Schultz zu.

Das vor zwei Jahren verabschiedete unabdingbare Zweitveröffentlichungsrecht stellt eine solche Unterstützung auf dem grünen Weg dar. Es ermöglicht Autoren, ihre Ergebnisse ein Jahr nach der Erstveröffentlichung in einem Journal zugänglich zu machen. Bedingung ist allerdings, dass das Forschungsvorhaben mindestens zur Hälfte mit öffentlichen Mitteln finanziert wurde. „Das ist ein guter Anfang zur Stärkung der Rechte der Wissenschaftler“, sagt Anja Oberländer, Projektkoordinatorin der Informationsplattform Open-Access.net. Ein unbeschränktes Zweitveröffentlichungsrecht sei allerdings nach wie vor wünschenswert. Daneben werde, so die BMBF-Sprecherin, derzeit an einer Open-Access-Strategie gearbeitet.

Die Open-Access-Gemeinde erhofft sich eine klare Positionierung des Ministeriums. „Die Förderung von Open Access stand bereits im Koalitionsvertrag und wurde auch in die Digitale Agenda 2014-2017 aufgenommen“, sagt Georg Botz. Doch bisher sei die „Nationale Open Access-Strategie“ hauptsächlich eine Ankündigung gewesen. „Eine aktivere Rolle der Politik, wie beispielsweise in den Niederlanden, würde ein besseres forschungspolitisches Klima schaffen und den Forschungseinrichtungen in Verhandlungen mit den Verlagen den Rücken stärken“, ist er überzeugt.

Kooperationen werden wichtiger

Den goldenen Weg beschreiten die reinen Open-Access-Magazine, die mittlerweile von etablierten und neuen Verlagen und Plattformen herausgegeben werden. Daneben gibt es die Möglichkeit, in den sogenannten hybriden Zeitschriften zu publizieren. Das bedeutet, dass neben der online bereitgestellten Open-Access-Version auch eine kostenpflichtige gedruckte Version veröffentlicht wird. „Wir gehen davon aus, dass derzeit etwa 15 Prozent aller Artikel in reinen Open-Access-Zeitschriften veröffentlicht werden. Zur Jahrtausendwende waren es noch unter zwei Prozent“, sagt Georg Botz. Finanziert werden solche Veröffentlichungen in der Regel über Gebühren, sogenannte Article Processing Charges (APC), die vom Autor oder dessen Institution getragen werden müssen. Die APCs können zwischen wenigen Dollar und mehreren tausend Dollar liegen. Veröffentlichungen der Max-Planck-Gesellschaft und des Wellcome Trusts legen nahe, dass sich die durchschnittlichen APCs für reine Open-Access-Zeitschriften auf etwa 1400 Dollar und für ein Hybrid-Journal auf ungefähr 2700 Dollar belaufen. „Viele Universitäten richten Publikationsfonds ein, aus denen die APCs bezahlt werden können“, sagt Anja Oberländer. Alternativ nutzen Autoren Projekt- oder Fördermittel.

Die Max-Planck-Gesellschaft hat zudem vorgerechnet, dass ein kompletter Umstieg auf Open Access problemlos mit den derzeit im Subskriptionsmodell gebundenen Geldern finanzierbar wäre. „Forschungseinrichtungen aus aller Welt wollen jetzt darauf hinwirken, die traditionellen Abo-Zeitschriften auf Open Access umzustellen“, so Botz. Hier spiele eine gute Zusammenarbeit mit den Verlagen eine wichtige Rolle. Denn der Übergang ist derzeit noch mit hohen Kosten verbunden. Viele Institutionen bezahlen doppelt: einmal für die frei zugängliche Veröffentlichung in Hybrid-Journalen und dann noch einmal für das Journal-Abo. Springer testet daher mit mehreren Institutionen, etwa mit der Max-Planck-Gesellschaft und mit den niederländischen Universitäten, ein Anrechnungsmodell: Die bezahlten APCs werden mit den Abonnement-Kosten verrechnet.

Um die Open-Access-Ambitionen erreichen zu können, werden in Zukunft nationale und internationale Kooperationen eine immer wichtigere Rolle einnehmen. Die Niederlande haben Open Access zur Priorität während ihrer EU-Ratspräsidentschaft erklärt. In Deutschland wirbt die Hochschulrektorenkonferenz derzeit um Mandate ihrer Mitglieder, um ab 2017 in einem Konsortium, das von allen großen Wissenschaftseinrichtungen getragenen wird, stellvertretend mit den Verlagen zu verhandeln. Die Forschungseinrichtungen hätten so eine stärkere Verhandlungsposition. In den Niederlanden hatte ein solches Modell zuletzt Erfolg. Auf der jüngsten Berlin-Konferenz der Max-Planck-Gesellschaft einigten sich die Teilnehmer auf eine Absichtserklärung, welche der Open-Access-Transformation wissenschaftlicher Journale einen zusätzlichen Impuls geben soll. Mehr als dreißig Forschungsorganisationen haben die Erklärung schon unterzeichnet. Auf gar zu schnelle Entwicklungen sollte man jedoch nicht hoffen, denn bisher hat sich Open Access nur langsam durchgesetzt.

Quelle: F.A.Z.
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