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Parkposition Universität

Der Scheinstudent, das flüchtige Wesen

Von Birgitta vom Lehn
 - 06:00
Studenten bekommen oft vergünstigten Eintritt. Das lockt Betrüger an. Bild: Imago, F.A.Z.

Lena B., 18 Jahre alt, hat sich nach dem Abitur an einer Hochschule eingeschrieben. Dabei will sie gar nicht studieren. Erst mal ein Jahr ausspannen, dann eine Ausbildung starten, so ihr Plan. Ein halbes Jahr später hat sie zwar den Ausbildungsvertrag in der Tasche, aber eingeschrieben an der Uni bleibt sie weiterhin - bis zum Sommer, wenn ihre Ausbildung startet. Bis dahin will sie noch durch die Weltgeschichte reisen. Einen Hörsaal wird sie in dem gesamten Jahr aber nicht betreten haben.

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Ist Lena B. eine Ausnahme? Im Netz wird heftig darüber diskutiert, ob sich ein „Fake-Studium“, wie man es hier nennt, wieder lohnt. Die Frage kann man wohl mit Ja beantworten, denn der Fake-Student genießt meist freie Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln, erhält einen günstigen Tarif bei seiner Krankenkasse, außerdem ermäßigte Eintritte in Theater, Kino, Schwimmbad oder Museum. Und die Eltern bekommen lückenlos Kindergeld ausgezahlt.

Tatsache ist aber auch: „Fake-Studenten“ gehen in die Studienabbrecher-Statistik ein. Zwar gab es solche „Parkstudierende“, so eine weitere Bezeichnung, schon immer. Doch waren das früher eher Langzeitstudenten, so hat sich das Phänomen heute gewissermaßen nach vorn verlagert. Die Abschaffung der Wehrpflicht und die verkürzte Schulzeit verleiten junge Leute dazu, sich nach dem Abi-Stress erst mal ein Zwischenjahr - Stichwort „Work & Travel“ - zu nehmen. Der Haken daran: Sie verlieren in diesem Jahr ihren Schülerstatus, haben aber noch nicht den Status eines Studenten oder Auszubildenden. Und damit verlieren sie den Anspruch auf günstige Tarife in Krankenkassen und auf Kindergeld.

Wie viele Fake-Studenten gibt es überhaupt?

Letzteres wird nur für eine viermonatige Übergangszeit zwischen Schule und Uni oder Ausbildungsbeginn problemlos weitergezahlt. Hält die Überbrückungszeit länger als vier Monate an, muss für die Kindergeld zahlende Familienkasse nachgewiesen werden, dass man sich ernsthaft und frühestmöglich um einen Ausbildungsplatz beworben hat. Bei einem Auslandsjahr nach dem Abitur ist der Besuch einer Sprachschule („fachlich autorisierte Stelle“) obligatorisch. Jobbt das Kind nur, wird das Kindergeld gestrichen. Allein das Fehlen des Kindergeldes aber reißt bei vielen Familien monatlich ein Loch von rund 200 Euro in die Kasse. Für ein Semester summiert sich der Verlust schnell auf 1200 Euro. Da lohnt sich die Einschreibung an einer Hochschule also - selbst wenn man dort 280 Euro Semestergebühr zahlen muss.

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Aber wie viele Fake-Studenten gibt es überhaupt? Das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) befasst sich seit Jahren mit der Entwicklung der Studienabbruchquoten. „Sicher gibt es Studienberechtigte, die sich rein aus sozialversicherungsrechtlichen Gründen einschreiben“, sagt Johanna Richter, eine der Autorinnen des Abbruchquoten-Berichts 2014. Man habe aber nicht feststellen können, dass diese Gruppe in den vergangenen Jahren enorm gewachsen sei. Allerdings waren von 40 000 Fragebögen, die das DZHW im vergangenen Sommersemester an Exmatrikulierte schickte, nur 7000 zurückgekommen. Dass sich ausgerechnet „Fake-Studenten“ bei dieser Aktion geoutet haben, darf bezweifelt werden. „Diese Gruppe ist schwer zu fassen“, so Johanna Richters Fazit.

Stephan Determann, Leiter der Zentralen Studienberatung an der Uni Bremen, sieht es genauso: „Wie viele es sind, kann ich nicht sagen, die Gespräche werden statistisch nicht erfasst.“ Das ist nicht nur in Bremen, sondern bei allen befragten Unis so. Man ignoriert das Phänomen offenbar und „geht bei Einschreibung von einem ernsthaften und nachhaltigen Studierwunsch aus“, wie der Pressesprecher der Universität Frankfurt betont. Christina Vocke, Dezernentin für Studentische Angelegenheiten der Uni Bremen, findet diese Haltung sogar vertretbar: Da die „Parkstudierenden“ sich bevorzugt in nichtzulassungsbeschränkte Fächer einschreiben, „verdrängen sie keine anderen Studierwilligen und spielen in den ganzen Fragen von begrenzten Kapazitäten keine Rolle“. Zumal: „Wenn sie nicht erscheinen, kosten sie auch keine Lehr-Ressourcen.“ Diese Haltung ist auf den ersten Blick verständlich, denn die Hochschulen erhalten „Kopfgeld“ - das heißt, die Höhe der staatlichen Zuwendungen richtet sich nach der Anzahl der Studienanfänger.

Der Scheinstudent bleibt lange unerkannt

Das findet Aloys Krieg, Prorektor für Lehre an der RWTH Aachen, aber „zu kurzfristig gedacht“. Zwar würden die „Scheinstudenten“ den Unis „Geld ohne Gegenleistung“ bringen. Aber: „In drei Jahren verhageln sie die Erfolgsstatistik in der Absolventenquote eines Jahrgangs.“ Es sei „ärgerlich“, wenn die Hochschule für das Scheitern dieser Gruppe verantwortlich gemacht werde, ohne überhaupt reagieren zu können. Konkrete Zahlen kann auch Krieg nicht nennen, aber die Tatsache, dass jeder zehnte Erstsemester-Student sich zu keiner einzigen Prüfung anmelde - und zwar vornehmlich in zulassungsfreien Fächern wie Informatik und Elektrotechnik -, sieht er als deutlichen Hinweis dafür, dass es sich bei dieser Gruppe auch um „Mobilitätsstudenten“ handelt, die sich allein wegen der Tickets für den öffentlichen Nahverkehr und der Krankenversicherung an der Hochschule einschreiben.

Krieg plädiert deshalb für eine Systemumstellung weg vom „Kopfgeld“: Die Uni sollte nur noch Geld für Studierende bekommen, die auch wirklich studieren. Das würde allerdings „gewisse Mitwirkungspflichten“ verlangen. Derzeit bestehe in Nordrhein-Westfalen nur eine einzige Verpflichtung für den Studenten: den Semesterbeitrag zu zahlen. Nach dem zweiten Semester könne man ihn zwar zur Studienberatung vorladen, aber wenn er dort nicht erscheine, dürfe dies derzeit keinerlei Konsequenzen haben, kritisiert Krieg. Eine Sprecherin des nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministeriums erklärt, „dass der Prüfungserstversuch grundsätzlich bis zum vierten Semester aufgeschoben werden kann“.

Nähere Informationen zu Fake-Studenten könnten „aus datenschutzrechtlichen Gründen“ bisher nicht erhoben werden. „Das Phänomen ist uns bekannt“, heißt es. Trotzdem müsse man es in der Statistik über Studenten schlicht „hinnehmen“. Auch in Bremen bleibt der Scheinstudent lange unerkannt. Erst vom 14. Semester an wird es ungemütlich, da muss man zusätzlich zum Semesterbeitrag 500 Euro zahlen. Seitens der Studienberatung gebe es aber „keine Möglichkeit“, diesem Phänomen vorzubeugen, sagt Stephan Determann. Dezernentin Vocke findet, man könne verwaltungstechnisch schon ermitteln, ob jemand zwei Semester lang keine Leistungen erbracht habe. „Eine rechtliche Handhabe zur Exmatrikulation existiert jedoch nicht.“ Was sie aber auch nicht weiter dramatisch findet, schließlich könne es andere Gründe wie Krankheit, persönliche Schwierigkeiten oder Prüfungsangst geben, „die zu einem ähnlichen Ergebnis führen“.

Im Netz kann man gefälschte Ausweise einfach bestellen

Weniger entspannt beschreibt Maria Ahrens, Leiterin der Freien Akademie Köln (FAK), die Lage. Die FAK ist eine private Berufsfachschule und bildet Kommunikationsdesigner, Modedesigner und Künstler mit Fachhochschulreife aus. Zusätzlich zur Aufnahmegebühr von 160 Euro müssen hier pro Semester bis zu 2520 Euro bezahlt werden. Die FAK bekommt keine staatliche Unterstützung, ist aber Bafög-anerkannt. Entsprechend berechtigte Personen können Schüler-Bafög bekommen, wenn sie hier angemeldet sind - das im Gegensatz zum Studenten-Bafög auch nicht zurückgezahlt werden muss. „Das Bafög ist geschenkt“, sagt Ahrens. „Und damit fängt für uns der Stress an. Denn viele melden sich hier nur an, um das Bafög zu erschleichen. Nach der Bewerbung und der Anmeldung erscheinen sie dann aber nicht mehr, so dass wir auf den Kosten und Kapazitäten sitzenbleiben und die Gebühren einklagen müssen.“

Ahrens hat zudem ein regelrechtes „Akademie-Hopping“ beobachtet: Die „Ausbildungsnomaden“, wie sie die Fake-Studenten nennt, würden von einer Lehrstätte zur nächsten ziehen, nur um Bafög und weitere Vergünstigungen zu ergattern. Schuld an der Misere gibt sie auch den „total überlasteten Bafög-Ämtern“. Einen FAK-Absolventen scheint das Thema derart gepackt zu haben, dass er im Netz das Portal „www.falscher-ausweis.de“ eröffnet hat. Dort bietet der Kommunikationsdesigner Tibor Wiese alle möglichen Ausweise, auch gefälschte Studentenausweise, ab 25 Euro zum Kauf an.

Er pocht auf Legalität, weil es sich um „Phantasieausweise“ handle. Mehrfache Nachfragen zu seinem als legal angepriesenen Geschäftsmodell beantwortete Wiese nicht. Für Johanna Berendt, auf Urheberfragen und Medienrecht spezialisierte Rechtsanwältin in Bremen, bewegt Wiese sich mit seinem Portal in einer „Grauzone“. Es gehe hier schließlich nicht nur darum, einen „Phantasieausweis fürs Karnevalskostüm“ zu verkaufen. Er mache Leuten gezielt schmackhaft, einen gefälschten Studentenausweis zu erwerben und zu benutzen, um etwa Rabatt im Fitnessstudio oder beim Handyvertrag zu bekommen. Berendt: „Das halte ich für strafrechtlich relevant.“

Quelle: F.A.Z.
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