FAZ plus ArtikelStudieren mit Behinderung

Egal, wie lange es dauert

Von Marie Lisa Kehler
 - 09:00
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Sechs Minuten. Um mehr bittet er nicht. Nur sechs Minuten, in denen er allein sein will. Zehn Minuten zu verlangen, das wäre dreist gewesen, fünf wären ihm zu wenig. Also sechs. Er fordert nicht, er fragt höflich. Als sich die Tür schließt, atmet er durch. Der Alltag von Vincent Kast ist minutengenau durchgetaktet. Er sitzt im Rollstuhl, ist permanent auf Hilfe angewiesen.

Behindert zu sein sei aber noch lange kein Grund, sich schlecht zu kleiden, sagt er. Seine Basecap muss farblich genau zum Pullover passen. Da überlässt er nichts dem Zufall. Mützen hat er schon vor seinem Unfall im Jahr 2016 getragen. Heute verlässt er sein WG-Zimmer kaum noch ohne Kopfbedeckung. Denn Kast kann sich nicht mehr allein stylen. Wie seine Haare liegen, das entscheidet das Frisiertalent seiner Assistenten. Ein Problem für einen jungen Mann, der seit seiner Jugend daran gewöhnt ist, aus der Masse hervorzustechen. Früher war es seine Größe von 1,93 Meter, die die Blicke auf ihn zog. Seit er im Rollstuhl sitzt, schauen die Menschen auf ihn hinab. Mit Mütze fühlt er sich sicherer. Wenn ihn die Menschen schon anstarren, dann soll es zumindest nicht am misslungenen Haarstyling liegen.

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Studium und Behinderung

Studieren ohne Barrieren Das Studentenwerk Frankfurt verfügt über 17 Appartements für Behinderte. Sie können den Bedürfnissen der Bewohner angepasst werden. Zwei weitere Wohnungen hält die Katholische Hochschulgemeinde vor. Eine Behinderten-WG, in der zurzeit Vincent Kast und sein ebenfalls schwerbehinderter Mitbewohner mit ihren Betreuern leben, bietet die Evangelische Studierendengemeinde an. Die Barrierefreiheit ist an der Goethe-Universität nach Angaben der Behindertenbeauftragten noch nicht vollends erreicht. Die bauliche Optimierung sei ein kontinuierlicher Prozess. Im Gegensatz zu den neueren Gebäuden bestehe auf dem alten Campus Bockenheim Nachbesserungsbedarf. Große Investitionen seien dort nicht mehr geplant, individuelle Problemlösungen aber trotzdem möglich. So wurde erst kürzlich eine Rampe nachträglich an einem Gebäude errichtet, um einem Rollstuhlfahrer den Zugang zu einer Fachbibliothek zu ermöglichen. Unter dem Stichwort „Barrierefreies Studium“ listet die Goethe-Uni auf ihrer Homepage Beratungsangebote auf.

Quelle: F.A.Z.
Marie Lisa Kehler
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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