Hochschulen

Hauptsache international

Von Annika Fröhlich
 - 08:21

Deutsche Universitäten stellen gerne ihre Internationalität heraus: Die Westfälische Wilhelms-Universität Münster? Hat alles in allem 827 wissenschaftliche Kooperationen. Die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn? Nennt nicht ohne Stolz mehr als 300 europäische Partneruniversitäten. Die Humboldt-Universität in Berlin? Hat 14 Prozent Fachkräfte aus dem Ausland. Es sind drei von unzähligen Beispielen. Denn Internationalität ist gefragt. Hochschulen wollen Wissenschaftler, Dozenten, Forschungsprojekte und Studenten aus aller Welt. Es wirkt so, als könnten sie gar nicht international genug sein. Und immer wieder ist zu hören, dass im Vergleich zwischen einzelnen Unis – ob national oder international – der Grad der Internationalisierung den Ausschlag gebe. Aber was haben deutsche Studenten davon? Wo diese doch vermeintlich selbst alle zum Studieren ins Ausland gehen. Wozu also die Welt nach Hause holen?

Kai Sicks, Leiter des internationalen Dezernats an der Universität Bonn, hält dagegen. „Je internationaler eine Uni vernetzt ist“, sagt er, „desto mehr Chancen ergeben sich daraus für die Studenten.“ Universitäten, die international gut vernetzt sind, können zum Beispiel komplett englischsprachige Studienprogramme anbieten. Das bedeutet an manchen Universitäten nicht nur englischsprachigen Unterricht: Studenten können oftmals auch gleich an zwei Hochschulen einen Abschluss machen: den Doppelabschluss, in internationaler Hochschul-Sprache „Double Degree“ oder „Joint Degree“ genannt. Dann ist das Studium im Ausland nicht nur ein freiwilliger Zusatz wie ein Austausch, den der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) anbietet, oder wie ein Semester im Erasmus-Programm. Es ist vielmehr ein wesentlicher Teil der Ausbildung.

Eine Studie des Institute of International Education und der Freien Universität Berlin zeigt, dass die meisten Universitäten Doppelabschlüsse im Masterbereich anbieten – und dort besonders häufig in Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften. Man kann aber auch Renaissance-Studien in Bonn und Florenz studieren oder Deutsch-Spanische Studien in Bonn und Salamanca. Der Großteil der Partnerhochschulen ist in Frankreich, China, Deutschland, Spanien und den Vereinigten Staaten ausgesiedelt. „Die Studenten eignen sich neben Sprachkenntnissen auch interkulturelle Erfahrung und Flexibilität an“, sagt Kai Sicks von der Universität Bonn. „Sie lernen nicht nur das Partnerland kennen, sondern auch dessen Wissenschaft und Denkweise.“ Studenten bekommen auf diesem Weg die Gelegenheit, sich in der Geschäftskultur zweier Länder schon vor dem Eintritt ins Berufsleben zurechtzufinden.

Interkulturell und sprachlich sehr gut ausgebildete Mitarbeiter sind gefragt

Das ist ein erheblicher Vorteil bei der späteren Suche nach einem Arbeitsplatz. Laut Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln und DAAD suchen gerade Unternehmen ab 250 Mitarbeitern interkulturell und sprachlich sehr gut ausgebildete Absolventen. Der einzige Haken der Doppelabschlüsse: Die Auswahlverfahren sind oft hart, da es nicht so viele Plätze zu vergeben gibt wie beispielsweise beim Erasmus-Programm. Sogar Triple-Abschlüsse gehören an manchen Universitäten in Deutschland inzwischen zum Repertoire. So können Studenten mit DAAD-Stipendium etwa in Bonn den sogenannten Teach-Master absolvieren. Sie studieren dann in Bonn, Japan und Korea. Teach steht für „Transnational European and Eastern Asian Culture and History“.

Ziel ist es auch hier, landeskundliche, sprachliche und methodische Kompetenzen für internationales und transnationales Arbeiten und Forschen in Europa und Ostasien aufzubauen. „Deshalb studieren alle je ein Semester in Japan und Korea“, sagt Sicks. Die übrigen Semester finden in Deutschland statt. „An dem Programm sieht man, wie sich sehr gute transnationale Kooperationen mit Universitäten für die Studenten auszahlen.“

So weit das Beispiel Bonn. Die Vorteile international vernetzter Universitäten für die Studenten lassen sich allerdings auch verallgemeinern.

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Da ist zunächst die Möglichkeit, über den Tellerrand zu schauen: An der Humboldt-Universität in Berlin haben 14 Prozent der Lehrkräfte keinen deutschen Pass, sagt Ursula Hans, die Leiterin des dortigen International Office. Sie ist sicher, dass noch wesentlich mehr internationale Fachkräfte an ihrer Hochschule beschäftigt sind – Leute, die über einen längeren Zeitraum hinweg im Ausland waren, aber jetzt wieder in Deutschland lehren und forschen. Die kosmopolitischen Lehrkräfte kämen den Studenten in vielerlei Hinsicht zugute. „Sie bringen andere Erfahrungswerte und Vorkenntnisse aus anderen Systemen mit und haben oft auch andere Herangehensweisen im Unterricht und bei Vorlesungen“, sagt Ursula Hans. Und weiter: Es sei ein Qualitätsmerkmal einer Universität, möglichst viel Vielfalt in der Lehre anbieten zu können.

Kommt hinzu, dass Internationalisierung und die Möglichkeit von Auslandsaufenthalten den Fremdsprachenkenntnissen dient: Zwar spricht fast jeder Student heute Englisch, aber keinesfalls gut genug, um es auch später im Beruf gewinnbringend einsetzen zu können. Dasselbe gilt für andere Fremdsprachen. „Es ist deshalb ein großer Unterschied, ob Studenten zum Reisen oder für einen studienbezogenen Aufenthalt ins Ausland gehen“, sagt Ursula Hans. „Sie vertiefen ihre Sprachkenntnisse auf einer ganz anderen Ebene, wenn sie ein Praktikum oder ein Semester an einer ausländischen Universität studieren.“ Aktuell gehen laut Hans 30 Prozent aller Studenten der Humboldt-Universität im Laufe ihres Studiums ins Ausland.

Auch die Kontakte können nützlich sein

Neben der Sprache können sich aber auch internationale Kontakte als nützlich erweisen, ob nun während des Studiums oder im späteren Berufsleben. An der Humboldt-Universität gibt es zum Beispiel in mehreren Studienfächern internationale Lerngruppen. Hier kommen Berliner Studenten mehrmals im Semester mit Studenten aus aller Welt über digitale Plattformen zusammen und knüpfen Kontakte. Auch bei Auslandsaufenthalten oder in einem internationalen Studiengang an einer deutschen Hochschule können Studenten früh nützliche Kontakte knüpfen. „Später arbeiten sie vielleicht in der Forschung zusammen, oder sie kennen passende Experten fürs Unternehmen“, sagt Ursula Hans.

Was hinzu kommt: Je internationaler, desto mehr Förderung. Seit dem Jahr 2016 fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung zum ersten Mal dauerhaft Universitäten. Das sogenannte Exzellenzprogramm soll die Spitzenforschung an deutschen Universitäten weiter voranbringen und die internationale Wettbewerbsfähigkeit als Wissenschaftsstandort stärken. Das Ministerium rief alle Universitäten dazu auf, sich mit der gesamten Bandbreite ihrer Angebote und Stärken zu bewerben. „Zahlreiche internationale Kooperationen helfen natürlich, das Können der Universitäten in der Forschung unter Beweis zu stellen“, sagt Kai Sicks von der Universität Bonn. Und davon profitierten am Ende auch die Studenten. Denn höhere Fördergelder für die Universitäten bedeuten bessere Studienbedingungen für alle.

Quelle: F.A.Z.
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