Studentische E-Mails

„Tschüssi, Frau Doktor!“

Von Ursula Kals
 - 08:00

Hallo, habe ich den Klausurtermin richtig gespeichert? Freitag um neun? Tschüssi, Frau Doktor!“ – „Hallo Herr prof. Könnten Sie die Lösungen wie besprochen schon heute online stellen? Das wäre echt super!!! Viele Grüße K.“ – „Moin, wieviele Credit Points gibts eigentlich für die Veranstaltung...? Danke fürs sagen, ade.“ – „Sehr geehrter Herr Dipl.Ing. E...ich bitte um Entschuldigung, das ich Sie per Mail anschreibe, aber mein Hausarbeitsthema ist sehr, sehr kompliziert und ich möchte es tauschen. Können Sie das für mich tun? Vielen, vielen Dank im Voraus, Ihre B.“

Nein, Lässigkeit ist nicht Trumpf. Auch wenn das die private Kommunikation und das Surfen im Netz so vorzugeben scheinen. Die oben zitierten, zum Teil mit albernen Emojis garnierten E-Mails sind bei einer Etikette-Trainerin aus Schwäbisch Gmünd gestrandet, eingereicht von Hochschuldozenten, die über den forschen Ton, geschweige denn die Grinse-Smileys nicht entzückt waren.

Was sich zwischen den Zeilen liest: Die Studenten wollen nicht unhöflich sein, aber sie sind verunsichert, was angebracht ist und was nicht. Und sie ignorieren die Machtverhältnisse, indem sie sich schreibfaul an den sghp (das soll Sehr geehrter Herr Professor heißen) wenden und treuherzig versprechen, am Sonntag die Folien zu schicken, weil vorher ging nicht, denn da trat „Metallica“ in Leipzig auf. Das erläutert Jana Kiesendahl, die in ihrer Dissertation E-Mails von Studenten und Dozenten unter die Lupe genommen hat. Die Sprachwissenschaftlerin aus Greifswald sagt: „Vielleicht liegt darin das Geheimnis einer angemessenen Studierenden-Mail: Institutionelle Rolle und hierarchischer Status sollten zumindest beim Erstkontakt sprachlich sichtbar werden. Fällt die Antwort des Lehrenden weniger formell aus, kann man sich dem recht sorglos anpassen.“

Beratungsbedarf ist da. Das hat auch der Linguist Jan Seifert an der Universität Bonn herausgefunden. Er hat 500 studentische E-Mails auf ihre Form hin analysiert und bei den Schreibern oft die Fähigkeit vermisst, sich „situationsadäquat“ auszudrücken: Die einen agieren zu flapsig, die anderen zu hochgestochen und gestelzt. Für viele sei die Situation, schriftlich mit einem Dozenten zu kommunizieren, neu, erläutert Seifert. Auch deshalb hat Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk in Berlin zusammengefasst, wie Studenten beim Kontakt zu ihren Professoren Fettnäpfchen vermeiden. Grob hat drei klassische Fehler ausgemacht.

Den anderen zutexten

Viele Anliegen lassen sich über Assistenten oder die Arbeitsgruppe klären. „Studierende sollten vorab absprechen, über welchen Kanal sie ihr Anliegen vortragen können“, sagt Grob. Dann erübrigt sich ein Gang in die Sprechstunde. Wer sie aufsucht, sollte sein Anliegen knapp, sachlich und freundlich vortragen. Was Studenten gerne ignorieren: Sie sind einer von vielen. „Machen Sie sich vorher klar, welches Ziel dieses Gespräch hat, und konzentrieren Sie sich darauf.“

Unter Druck setzen

Müssen Studenten aufgrund der Prüfungsordnung Fristen einhalten, sollten sie sich frühzeitig melden. „Denken Sie an die Arbeitszeiten der anderen. Es kommt nicht gut an, wenn Sie Zeitdruck an Ihren Professor weitergeben.“ Wer Aufschub für seine Seminararbeit braucht, sollte dem Professor genügend Zeit für eine Antwort geben. „Besser mehrere Tage vor dem Abgabetermin darum bitten, statt mitten in der Nacht panisch eine E-Mail zu schreiben.“

Lässig anschreiben

Wer seinem Professor eine E-Mail schreibt, sollte auf keinen Fall einen Chat-Stil verwenden. Tabu sind auch Ironie, vorschnelle Vertrautheit oder Forderungen. Korrektes Vorgehen kommt besser an. „Verwenden Sie den vollen Titel und Nachnamen sowie einen förmlichen, freundlichen Stil“, empfiehlt Grob. „Die Hochschule ist keine Kuschelecke. Wer den Professor wie einen Arbeitgeber behandelt, findet sicherlich den richtigen Ton.“ Das gelte ausdrücklich auch, wenn der Dozent in kleineren Seminaren das Du anbiete. „Studierende können das Angebot annehmen, sollten dann aber ihren freundlichen und sachlichen Ton beibehalten.“

Sich angemessen zu verhalten, das ist auch keine Disziplin, in der Schüler glänzen, schenkt man Lehrern Glauben. Konsterniert erklärt eine Oberstudienrätin: „Kultur und Benehmen muss leider immer stärker eingeübt werden.“ Sie berichtet von Abiturprüflingen in Jogginghosen, die ihre Schuhe ausziehen. Sie ärgert sich über die Unsitte, sich im Unterricht zu kämmen und die Frisur laufend mit dem Blick in die Handy-Kamera zu kontrollieren. Das Fatale an diesen Beobachtungen über schlechtes Benehmen rund um die Reifeprüfung ist die Tatsache, dass die Lehrerin nicht einmal das Bundesland, in dem sie unterrichtet, zitiert sehen möchte. Ihr Rektor ignoriere das Problem, sie scheut Konflikte mit uneinsichtigen Schülern wie Eltern. Daran, dass im Unterricht gepicknickt wird, weil nach einer Stunde ohne Nahrungsaufnahme Unterzuckerung droht, habe sie sich nicht gewöhnt, aber resigniert. Ohnedies stehen Trinkflaschen auf den Pulten. „Dabei können selbst Kindergartenkinder mit dem Trinken bis zur Spielpause warten.“

Chengdu
Studiengang Videospiel
© Reuters, reuters

Die Lehrerin verwundert es nicht, dass aus diesen Schülern Studenten werden, die sich im Ton vergreifen. Was Jana Kiesendahl in Greifswald aber auch herausgefunden hat: „Der Großteil ist sehr wohl in der Lage, eine angemessene E-Mail zu formulieren. Nur bleiben die Ausreißer einfach länger im Gedächtnis, weil sie irritieren oder im besten Fall belustigen.“ Linguist Seifert bestätigt das, der größte Teil der Mails sei „eher unauffällig“. Geisteswissenschaftler Grob stimmt zu. „Die meisten Studierenden sind konstruktiv und freundlich.“ Obendrein: „Wir waren verlotterter.“

Quelle: F.A.Z.
Ursula Kals
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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