Studentische Berater

Zwischen Klausuren und Consulting

Von Deike Uhtenwoldt
 - 05:53

Schwarzes Sakko, weißes Hemd – Max Schumann legt Wert auf den gepflegten Auftritt. Das unterstreicht die Seriosität bei seinen Gesprächen mit Geschäftsführern, Sozialarbeitern oder Pädagogen, die nicht selten doppelt so alt sind wie der Student selbst: Der 22-Jährige ist Vorstandsvorsitzender der „SUN Non-Profit Consulting“, einer studentischen Unternehmensberatung, die ausschließlich pro bono arbeitet. Unter dem Motto „Sie helfen Menschen, wir helfen Ihnen!“ werden seit 2001 Vereine, Pflegeeinrichtungen und soziale Einrichtungen kostenlos beraten – von immer wieder neuen Studierenden und jährlich wechselnden Vorständen. Die erste Anlaufstelle ist dabei der erste Vorsitzende: „Ich übernehme die Vorgespräche, die Vertragsgestaltung und die Zusammenstellung des Projektteams“, sagt Max Schumann.

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Studieren und schon Unternehmen beraten? Das geht!

Gerade hat die „Kooperation Arbeiten, Lernen und Ausbildung“, kurz: Koala, bei ihm angerufen. Der Hamburger Verein hat ein Pilotprojekt zur Begleitung von jugendlichen Geflüchteten während ihrer beruflichen Ausbildung durchgeführt und für gut befunden. Nun soll dafür ein langfristiges Finanzierungskonzept erstellt werden – mit Hilfe von jungen Studenten der BWL oder Informatik. Schumann, Student der Wirtschaftsinformatik im sechsten Semester, hat schon im Erstkontakt das Thema Öffentlichkeitsarbeit hinzugefügt: „Je nachdem, ob ich Online-Fundraising oder gezielt Unternehmen nach Patenschaften frage, sind andere Marketingmaßnahmen vonnöten.“

Marketing muss der Vorstandschef allerdings zunächst einmal in eigener Sache liefern: Ein vierköpfiges Beratungsteam soll unter den rund 50 aktiven SUN-Mitgliedern gefunden und gehalten werden. Dafür schreibt Schumann die Eckpunkte des Projektes intern aus und preist es auf einem Meeting an. Die Aufgabe sei gesellschaftlich relevant und praxisnah, das Timing spannend: „Der Kunde hat sich schon viele Gedanken gemacht, Modelle erprobt und mit Stiftungen zusammengearbeitet“, lobt der Student. „Wir fangen nicht bei null an.“ Schon im Juni sollen erste Zusagen für Gelder vorliegen, so die Zielvorgabe. Zwei Monate später will die Ausbildungsbegleitung starten.

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So viel Tempo und Agilität ziehen. Schumann kann ein Team zusammenstellen, das inzwischen die Arbeit aufgenommen hat. Die Versalien in SUN stehen für die Studentische Unternehmensberatung der Nordakademie, einer dualen Hochschule bei Hamburg. Die Studenten haben alle einen Arbeitgeber und ein geregeltes Einkommen – das macht es ihnen leicht, auf ein Beratungshonorar zu verzichten. Aber sie haben auch extrem wenig Zeit. „Das Studium geht vor“, weiß Schumann. Es gibt schon mal Studenten, die den Aufwand unterschätzen und sich dann aus einem Beratungsprojekt verabschieden. Dann kann der Vorstand nur appellieren: „Die Kunden verlassen sich auf uns. Es hängen eine Menge Personen davon ab, für die ihr verantwortlich seid!“

Als studentische Unternehmensberatung, die ausschließlich honorarfrei arbeitet, ist das norddeutsche Beispiel einzigartig. Dennoch macht die ehrenamtliche Beratung durchaus Karriere bei den studentischen Beratungen: „15 Prozent aller geleisteten Beratertage in unserem Verband sind pro bono“, sagt Sarah Hölscher, „das ist sehr verbreitet.“ Die BWL-Studentin ist Vorstandsvorsitzende im BDSU, dem Bundesverband Deutscher Studentischer Unternehmensberatungen. Der Verband vertritt 32 Mitgliedsvereine in ganz Deutschland, SUN ist allerdings nicht darunter. „Wir haben ein strenges Qualitätsmanagement“, sagt die 24-Jährige. Vereine, die sich für eine Mitgliedschaft bewerben, müssen Projektabläufe, Kontrollschleifen, Wissensmanagement sowie die interne Aus- und Weiterbildung dokumentieren: „Werden die Leute wirklich ausgebildet, gibt es Pflichtschulungen und ein Anwartschaftsprojekt, das sind zentrale Fragen.“

Ein Anwärterprojekt kann es zum Beispiel sein, eine Marketingkampagne für die Suche nach neuen Kunden zu entwickeln. Sarah Hölscher selbst hat vor zwei Jahren zu Beginn ihrer Karriere bei der Bremer Unternehmensberatung Active so eine „Osteraktion“ entworfen. „Wir haben kleine Päckchen mit Ostergras, Schokoeiern und der Adresse von Active verschickt.“ Das Motto: „Uns brauchen Sie nicht zu suchen!“ Verdient hat die Studentin dabei nichts, und doch eine Menge gewonnen: Spaß an Marketing und Öffentlichkeitsarbeit sowie ein Berufsziel – Hölscher will Unternehmensberaterin werden. Kurz nach ihrer erfolgreichen Anwartschaft engagierte sie sich für die Öffentlichkeitsarbeit im Dachverband und ist jetzt Bundesvorsitzende.

„Das ist kein normaler studentischer Nebenjob“

Für diesen Aufstieg hängt sie auch gern ein Semester mehr an ihren Bachelor: „Das ist kein normaler studentischer Nebenjob“, sagt sie. Der Verdienst sollte bei keiner Beratung an erster Stelle stehen. „Es geht darum, in ein Unternehmen einzutauchen und bisweilen praktischer als in einem Praktikum zu arbeiten.“ Active erwägt gerade, die Anwärterprojekte auf externe Pro-bono-Beratungen auszudehnen, etwa für die Universität selbst, für soziale Vereine oder kleine Unternehmen. Die Qualität werde dabei dennoch sichergestellt, sagt Hölscher: „Die Anwärter werden ja von erfahrenen Projektleitern in das Handwerkszeug des Projektmanagements eingeführt.“

Pro-bono-Beratungen auf den Ausbildungsgedanken zu beschränken, wäre aber zu kurz gegriffen. „Gemeinnütziges Engagement ist bei den Studenten sehr attraktiv, sie fragen danach“, sagt Joachim Glitsch, Bereichsleiter Beratung in der fachübergreifenden Unternehmensberatung Karlsruher Studenten, kurz: Fuks, die seit 20 Jahren am Markt ist und über 100 Mitglieder hat, aber nur selten pro bono arbeitet. Genau wie der Mitbewerber am selben Standort namens delta, der gerade anlässlich seines zwanzigjährigen Jubiläums ein kostenloses Beratungsprojekt im Wert von 10 000 Euro ausgeschrieben hat. Gewonnen hat das Landratsamt Karlsruhe. Es will sich beim Integrationsprozess von minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen von Studenten und Promovierenden beraten lassen.

Karlsruhe, ein Standort für die Mischung aus Wirtschaft und Technik sowie zwei großen studentischen Unternehmensberatungen, für die pro bono nichts weiter als PR ist? Emanuel Pfeffer, einer der drei Geschäftsführer bei delta, will das so nicht stehen lassen. Schließlich arbeitet er als Geschäftsführer ehrenamtlich – was den 22-Jährigen schon ein Semester seines Physikstudiums gekostet hat: „Ich mache das, weil ich neue und völlig andere Erfahrungen neben der Physik sammeln kann.“ Führungserfahrung und Erweiterung des Horizonts gratis.

Kostenlos frische Ideen

Wenn die Projekte pro bono durchgeführt werden, profitieren auch die Betriebe und Einrichtungen doppelt: Sie bekommen kostenlos frische Ideen direkt aus der Hochschule – und aus unterschied·lichen Disziplinen, so zumindest die Idee hinter den Non-Profit-Beratungen. „Wir wollen Wissen in die Gesellschaft zurückgeben“, sagt Tristan Poetzsch. Der Psychologiestudent ist gleich in seinem ersten Semester in der Unternehmensberatung IAC Würzburg (Individual Academic Consulting) ehrenamtlich tätig geworden, mit gerade mal 19 Jahren. „Für die Lebenshilfe Würzburg haben wir ein Inklusionscafé in der Stadtbücherei gestaltet. Es sollte auch für Behinderte hinter der Theke geeignet sein“, sagt er. Eine Aufgabe, für die Einfühlungsvermögen und Kommunikationsstärke nötig gewesen seien. „Es gab Widerstände innerhalb der Mitarbeiterschaft, aber mit der Zeit haben wir es geschafft, zumindest keine aktiven Gegenredner mehr zu haben.“

Das Café gibt es immer noch, und Poetzsch ist auch noch Mitglied der IAC Würzburg. Vor allem aber engagiert sich der Masterstudent inzwischen für das „Junior Consulting Network“. Neben dem BDSU ist es der zweite große Dachverband für studentische Unternehmensberatungen. Die Philosophie unterscheidet sich ein wenig, JC Network hat weniger strenge Aufnahmekriterien, will dafür selbst für Weiterbildung und Vorbilder bei seinen 30 Mitgliedern sorgen. Etwa mit einer eigenen Pro-bono-Initiative: „Wir sehen uns in einer gesellschaftlichen Verantwortung und wollen ihr bundesweit gerecht werden“, sagt Poetzsch, der dabei für die Kundengewinnung und die Betreuung der virtuellen Projektteams zuständig ist. Aktuell hat er drei Pro-bono-Projekte am Start, die von unterschiedlichen Beratern bearbeitet werden: „Wir schreiben die Projekte deutschlandweit aus, ich gebe den Teams methodisch und inhaltlich Feedback“, sagt er.

Ein Beispiel: Eine Friedens- und Nothilfeorganisation mit vielen Auslandseinsätzen benötigt ein System für das Wissensmanagement. „Der Einstieg neuer Mitarbeiter soll erleichtert werden“, so Poetzsch. Ein gutes Thema für studentische Unternehmensberatungen, schließlich ist die Fluktuation in der Regel hoch und Wissensmanagement ein interessantes Thema. Es haben sich dann auch zehn Einzelberater auf den Aufruf gemeldet, den der 23-Jährige auf einer Telefonkonferenz gestartet hat: „Wir geben eine Einführung, moderieren die Zusammenarbeit und die Aufgabenverteilung“, sagt er. Von da an arbeitet Poetzsch vor allem mit den Projektleitern zusammen, coacht, berät oder vermittelt weiter. „Wir haben auch einen Alumnus in unserem Netzwerk, der sich im Bereich Wissensmanagement selbständig gemacht hat und bei dem sich das Team Input holen kann.“Kostenfrei, versteht sich.

„Mal aus seiner eigenen Suppe herauskommen“

Die dezentrale Zusammenarbeit sei für alle Beteiligten eine Bereicherung, weil man „mal aus seiner eigenen Suppe herauskommt“. Sie ist aber auch zeitaufwendig. Als Vorstand für Öffentlichkeitsarbeit kommt Poetzsch locker auf eine 30-Stunden-Woche – neben seiner Beratertätigkeit und seinem Masterstudium, das ihm viel zeitliche Flexibilität lässt: „Man muss Arbeit schon mögen, wenn man das macht.“ Aber da kann sich der Psychologiestudent vermutlich mit vielen Beratern und Vorständen aus seinem Netzwerk zusammentun. Darunter auch SUN, die JC Network zuletzt für das beste Projekt des Jahres ausgezeichnet hatte. Einer der prämierten Studenten war Max Schumann.

Auf im Schnitt 20 Stunden Vorstandsarbeit kommt der angehende Wirtschaftsinformatiker. Mit einem entscheidenden Unterschied zu anderen studentischen Beratern: Er arbeitet gleichzeitig bei einem Softwarehersteller. Und auch wenn sein Arbeitgeber ihm in den Praxisphasen viel Flexibilität einräumt, bleibt es bei einer hohen zeitlichen Belastung. Aber er scheint belastbar zu sein, ist er doch auch noch im Studierendenparlament der Nordakademie tätig. „Es gibt in meinem Studium viele Vorlesungen, die ich als wenig relevant für meinen Werdegang erachte“, sagt er. „Da reizen mich solche Projekte, die Eigeninitiative bieten und Gestaltungsfreiraum lassen, wesentlich mehr.“

Quelle: F.A.Z.
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