Studienberaterin im Gespräch

„Viele kämpfen mit Einsamkeitsgefühlen“

Von Ursula Kals
 - 13:38

Frau Reysen, wie viele Studenten plagen sich mit Heimweh?

Viele kämpfen mit vorübergehenden Einsamkeitsgefühlen, das sind um die 80 Prozent. Es ist eher die Ausnahme, wenn jemand gar kein Heimweh empfindet.

Zum Beispiel, wenn ich vom Land komme und in der Hauptstadt gelandet bin?

Komme ich voller Vorfreude nach Berlin und habe mir – auch durch beliebte Vorabendserien – ein Bild vom Leben in der Berliner Szene gemacht mit lockeren WGs und coolen Clubs, hat das eine Anziehungskraft und ist eine gute Voraussetzung, um Erfahrungen in einem positiv besetzten Umfeld zu machen. Dann komme ich klar. Nicht aber, wenn ich ins kuschelige Freiburg wollte und unfreiwillig in einer Stadt gelandet bin, wo mich ungewohnte Menschenmassen erschlagen.

Das heißt, der Ort fühlt sich falsch an?

Ja. Und die Frage ist, habe ich mich innerlich und äußerlich überfordert? Wenn ich Momente habe, wo ich meine alten Freunde vermisse, ist das völlig normal. Das ist sogar positiv: Ich habe einen Ort, wo ich mich wohl gefühlt habe, ein Gefühl von Geborgenheit auf der Welt, wo ich Kraft tanke. Ich habe etwas, was es wert ist, vermisst zu werden. Schwierig wird es, wenn ich konstant traurig bin und das Gefühl bleibt: Ich bin hier falsch.

Was raten Sie dann?

Zu überlegen, ist es der Ort, der mich überfordert? Schon diese anonymen U-Bahn-Fahrten machen mich fertig, so will ich nicht leben, das ist nicht mein Lebensstil. Dann hilft tatsächlich ein Ortswechsel. Oder ist es die Angst vor Neuem, fällt es mir schwer, Kontakt zu knüpfen? Dann muss ich das Problem bei mir bearbeiten, mir Hilfe holen, soziale Ängste abbauen und Mut finden, auf andere zuzugehen. Viele Hochschulberatungsstellen bieten Training in sozialer Kompetenz an.

Gibt es ein Blitztraining, um sich in neuen Arbeitsgruppen zu behaupten?

Das ist an großen Unis ein Punkt, den ich beherrschen muss. 400 Leute in einem Jahrgang erfordern viel Sozialkompetenz. Es hilft im ersten Schritt, präsent zu sein, sodass ich gesehen werde. Stellen Sie eine Frage, hören Sie Ihre Stimme im Raum. Setzen Sie sich als Aufgabe, jeden Tag jemanden anzusprechen, etwas zu fragen, sich im Smalltalk, in der beiläufigen Kommunikation zu üben und Leichtigkeit zuzulassen, anstatt gleich zum Ziel zu haben, gute Freunde zu finden.

Was halten Sie von den gängigen Tipps, sich unter Menschen zu mischen?

Viel. Es ist klug, Kurse zu belegen, beim Hochschulsport mitzumachen, um Studierende anderer Fakultäten kennenzulernen, sodass sich ein Netz entwickelt. Manche haben den Impuls dazu nicht, ziehen sich ins Virtuelle zurück, skypen in der feindlichen Umgebung. Um Heimweh zu bekämpfen, sind aber Neugier und Offenheit wichtig.

Und wenn mir die neuen Bekanntschaften nicht zusagen?

Dann sind es vielleicht die neuen Orte. Suchen Sie sich Lieblingsplätze. Das kann ein Café sein, eine Bank mit Blick auf den Fluss, wo ich mich wohl fühle, was mir etwas bedeutet. Um das zu erkennen, brauche ich eine Bereitschaft, mich darauf einzulassen. „Ich suche nicht, ich finde“, lautet ein Spruch von Picasso. Ist jemand offen, passiert das automatisch.

Kann ich mir Heimat zurückholen?

Wenn ich aus Bayern komme, kann ich die anderen zum Weißwurstessen einladen und das zelebrieren, was meine Heimat ausmacht. Andere finden das urig. Ich komme aus einem Dorf bei Bremen und habe zu Grünkohl und Pinkel eingeladen. Ich kann mich mit meinen Besonderheiten integrieren. Dadurch werde ich interessant. Wir finden es ja toll, wenn spanische Kommilitonen zur Paella laden.

Gefühlt war jeder Abiturient schon in Australien. Warum droht am anderen Ende der Welt kein Heimweh?

Der Sprung ist gefühlt gar nicht so groß. Die meisten beherrschen Englisch, sind in sozialen Medien unterwegs und haben das Gefühl, wir sind gar nicht weggegangen, wir posten ja täglich auf Facebook, skypen mit Freunden und können bei Problemen Mama und Papa fragen, die sind auch alle verlinkt. Das kann verhindern, dass ich wirklich in dem Land, in dem anderen Kulturkreis ankomme.

Sie haben auch eine Zeit in England verbracht.

Da habe ich alle zwei Wochen Kleingeld gesammelt, um zu Hause anzurufen. Das war auch schön.

Quelle: F.A.Z.
Ursula Kals - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ursula Kals
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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