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Studieren im Ausland (11)

Maastricht – mit den Dozenten auf Du und Du

Von Michael Stabenow
© Picture-Alliance, F.A.Z.
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In unserer Serie zum Auslandsstudium geht’s diesmal um Maastricht.

Erst seit vier Monaten lebt Michel Dumontier in Maastricht, aber er ist dort inzwischen nicht nur physisch angekommen. Lächelnd zeigt der 42 Jahre alte Biochemiker ein Foto, das ihn und seine Frau kostümiert zeigt – im Südosten der Niederlande wird in der Karnevalszeit schließlich ebenso begeistert gefeiert wie im benachbarten Rheinland. Im „Café Tribunal“, einem bei Dozenten und Studenten beliebten Treffpunkt in der Altstadt, wartet der jungenhafte Kanadier mit Kostproben frisch erworbener Kenntnisse in Niederländisch auf. Dabei ist Sprachakrobatik eigentlich unnötig. Für die meisten der rund 16 000 Studenten in der Stadt ist Englisch Unterrichts- und Umgangssprache. Rund die Hälfte stammt aus dem Ausland, die meisten aus Deutschland (24 Prozent). Die erst 1976, nach dem Niedergang des in der Region jahrzehntelang dominierenden Bergbaus, gegründete Hochschule hat stets Wert auf internationale Ausrichtung gelegt.

Dass sich nun ein Wissenschaftler nach Maastricht locken ließ, der bisher an der renommierten kalifornischen Stanford University gearbeitet hat, sorgt für Aufsehen. Dumontier, der das Institut für Datenwissenschaften aufbauen soll, scheint der Wirbel wenig anzuhaben. „Ich bin hergekommen, weil ich glaube, hier meine Vorstellungen verwirklichen zu können“, sagt er. Ähnlich war es wohl auch einst bei Martin Paul. Der Endfünfziger war bis 2008 Dekan der angesehenen Charité-Universitätsmedizin in Berlin, ehe er in gleicher Funktion nach Maastricht wechselte. 2011 wurde er dort als erster Ausländer Präsident einer niederländischen Universität. In der Ecke seines Büros in einem ehemaligen Franziskanerkloster hängt ein dunkler Talar – in der jungen Universität wird zumindest äußerlich Wert auf Tradition gelegt.

Studieren im Ausland
Korrespondenten der F.A.Z. beleuchten die Hochschulszene in vielen aufregenden Studentenstädten.


Martin Paul, gerade zurück von einer strapaziösen Australien-Reise, trinkt einen Espresso und wirft dann den Begriff in die Runde, mit dem jeder Besucher der Universität konfrontiert wird: „Problembasiertes Lernen“ – unter dem englischen Kürzel PBL ein seit der Gründung ein Markenzeichen der Universität. Es gehe nicht nur darum, dass sich Studenten in kleinen Gruppen und unter Begleitung von Dozenten Lernziele setzten. „Wir bieten auch eine optimale Mischung aus Forschung und Innovation in der Lehre“, sagt Martin. Studenten aus 110 Ländern zählt die Hochschule inzwischen. Die jährlichen Studiengebühren betragen knapp 2000 Euro für EU-Bürger und bis zu 13 000 Euro für andere Hochschüler.

Bei Ausländern beliebt ist in Maastricht, das dem 1991 in der Stadt ausgehandelten Vertrag über die Europäische Union (EU) den Namen gab, die Fachrichtung European Studies. Von 300 Studienanfängern sind fast drei Viertel Ausländer. Esther Versluis, Leiterin des Bachelor-Studiengangs, nennt drei Trümpfe: neben PBL den interdisziplinären Ansatz sowie die inhaltliche Ausrichtung der Kurse. Studienanfänger bekommen einen Leitfaden mit einem Verhaltenskodex in die Hand gedrückt. Er beruht auf drei „Kernwerten“: gegenseitige Achtung, Ehrlichkeit sowie Engagement, und zwar nicht nur intellektuell.

Altehrwürdiges Flair

Obwohl die Universität erst 40 Jahre besteht, strahlt sie altehrwürdiges Flair aus. Viele Bauten stehen in der verwinkelten Altstadt. Das Hauptgebäude der 2800 Studenten zählenden Rechtsfakultät stammt aus dem 18. Jahrhundert und war bis 1990 Sitz der Regierung der Provinz Limburg. Dekanin Hildegard Schneider wohnt und arbeitet seit den achtziger Jahren in Maastricht. Sie erklärt, worin für Dozenten und Studenten gleichermaßen der Reiz bestehe: „Es ist eine junge Universität in einer alten und schönen Stadt.“ Das schaffe ein günstiges Umfeld für Forschung und Lehre. „Die kleinen Gruppen von 14 bis 19 Studenten – das gefällt den Deutschen“, sagt die deutsche Juristin. Das dichtgestaffelte Programm mit Kursen von Ende August bis Juli fördere die Leistung. „Abraten von der Ausbildung in Maastricht würde ich deutschen Studenten nur, wenn sie partout Richter oder Staatsanwalt werden möchten. Aber das wollen ohnehin nur die wenigsten“, sagt Schneider. Das stark auf Europa und internationales Recht ausgerichtete Studium eröffne gute berufliche Perspektiven – nicht zuletzt bei großen Anwaltskanzleien oder im Umfeld der EU-Institutionen. Auch die Stadt selbst zählt eine Reihe internationaler Einrichtungen wie das Europäische Institut für öffentliche Verwaltung (Eipa). Der Vertrag von Maastricht hat die Stadt international bekannt gemacht. Auch daher sei die Universität Limburg in Universität Maastricht umbenannt worden, erzählt Schneider.

Auch der Botaniker Roy Erkens, nach 18 Jahren in Utrecht in seine Heimatstadt zurückgekehrt, schwärmt vom Arbeitsklima. „In Utrecht hatte ich Veranstaltungen mit Hunderten Hochschülern. Hier kennen uns die Studenten – und wir sie.“ Aus dem Heimkehrer spricht neu entflammter Lokalpatriotismus: „Die Stadt hat sich, gerade durch die Universität, vollkommen verändert. Sie ist mondäner, viel offener und weniger provinziell.“ Erkens teilt sich seine Arbeitszeit zwischen der Universität und dem eine Fahrradstunde entfernten „Brightlands Chemelot Campus“. Dort bieten sich angehenden Naturwissenschaftlern vielfältige Möglichkeiten, Praktika zu absolvieren. Dies gilt nicht zuletzt für die von örtlichen Unternehmen wie dem Spezialchemiekonzern DSM geförderte nachhaltige „biobasierte Wirtschaft“.

Auch im „Brightlands Maastricht Health Campus“ ist die Nähe zur Wirtschaft zu spüren. Stolz zählt Direktor Jan Cobbenhagen Forschungsergebnisse auf. Weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt geworden ist ein in Maastricht künstlich hergestellter Hamburger. Das Fleisch wurde aus einer von einer Kuh gewonnenen, biotechnisch vermehrten Muskelzelle gezüchtet. „Das erste, übrigens 250 000 Euro teure Exemplar schmeckte mäßig. Aber das dürfte sich ändern, wenn das Fleisch mit Fett versetzt wird“, sagt Cobbenhagen.

„Viele Studenten sagen, dass sie hier härter arbeiten“

Weniger anwendungsbezogen geht es im Fach European Studies zu. Programmleiterin Versluis verweist auf das Konzept, das Geschichte, Politik-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, aber auch kulturelle Studien umfasst. „Wir geben allgemeine Themen und Literatur vor. Die Arbeitsgruppen stehen unter Vorsitz eines Studenten“, sagt Versluis. Das Studienjahr ist in fünf Phasen von jeweils acht Wochen eingeteilt, an deren Ende Prüfungen stehen. Schmunzelnd sagt Versluis: „Viele Studenten sagen, dass sie hier härter arbeiten.“ Das liege auch daran, dass viele der Deutschen durch einen dem Nachbarland oft nachgesagten Arbeitseifer auffielen.

Der Hinweis darauf löst unter vier deutschen Studentinnen Heiterkeit aus. Die Hessin Nicola Bauer, die im zweiten Jahr European Public Health studiert, spricht prompt vom „German Run“. Gemeint sei die Angewohnheit, pünktlich um 8.30 Uhr in der Bibliothek zu erscheinen und die besten Plätze zu besetzen. Reizvoll an Maastricht sei der interdisziplinäre Ansatz, sagen Klara Strecker und Nicolle Becke, die im zweiten Jahr European Studies studieren. Auf die Frage, warum so viele Landsleute sich für Maastricht entscheiden, antwortet die Kölnerin Strecker: „Das Interdisziplinäre führt dazu, dass viele kommen, weil sie nicht wissen, was sie genau studieren wollen.“ Nicht wenige scheiterten nach einem Jahr – trotz Gruppenarbeit. „Das problembasierte Lernen ermöglicht es uns, offen die Meinung zu sagen, aber auch die der anderen zu achten“, fügt Strecker hinzu. Die flachen Hierarchien lobt die Düsseldorferin Becke: „Man duzt sich mit den Professoren und trinkt auch mal einen Kaffee mit ihnen.“

Jenseits des studentischen Alltags haben Strecker und Bauer Zeit und Muße gefunden, die Initiative „Foodsharing“ zu gründen. Ziel ist es, Lebensmittel zu sammeln und an Hilfsbedürftige zu verteilen. Aurelia Streit, die einen migrationspolitischen Master-Studiengang absolviert, ist Begründerin des „Refugee Project Maastricht“, das sich um 600 Flüchtlinge in der Stadt kümmert. Die Braunschweigerin sieht ebenfalls einen Trumpf der Universität darin, die Studenten zu kritischem Denken zu ermuntern.

Lästige Zimmersuche

Allerdings: Auch in Maastricht kann die Zimmersuche lästig sein. Oft werden mehr als 350 Euro als Monatsmiete verlangt. Studentenwohnheime sind Mangelware. Viele Studenten kommen in Wohngemeinschaften unter. „Manche Häuser sind in einem schlechten Zustand“, gibt Nicola Bauer zu bedenken. Mehr als 10.000 Mitglieder zählt die mit dem Ziel gegenseitiger Hilfe – nicht nur bei der Suche nach einer Bleibe – gegründete Maastrichter Facebook-Gruppe „Sharing is Caring“. „Jeder hilft dem anderen“, sagt auch Programmleiterin Versluis. Das gelte im Studium und bei der Suche nach Praktika. Mit Rat und Tat stünden zudem viele ehemalige Studenten bereit.

Universitätspräsident Paul schmiedet derweil Zukunftspläne. Denn die Räumlichkeiten in der Stadt seien begrenzt. 20.000 Studenten könnten es künftig sein. Paul sieht „Wachstumspotential“ – und meint eine noch stärkere Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft in der Region. Er erwähnt Zukunftsbranchen wie die Medizintechnik. Es gelte zudem, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Dann fällt im Gespräch der Name des Kanadiers Dumontier, den in Maastricht manche wie einen Neuzugang im Profifußball feiern. Paul sagt augenzwinkernd: „Ja, man kann einen Vergleich mit einem Fußballer wie Lionel Messi ziehen.“ Aber: „Uns kommt es auch sehr darauf an, den eigenen Nachwuchs und Talente zu fördern.“

Pralles Leben

Platielstraat und Koestraat: Wer ins klassische Studentenleben eintauchen will, wird in der Altstadt rings um den Hauptplatz Vrijthof fündig. Mit traditioneller Maastrichter Kneipenkultur warten zum Beispiel die Platielstraat und die etwas weiter südlich gelegene Koestraat auf.

Kulturzentrum „Lumière“: In einem ehemaligen Kraftwerksgebäude des örtlichen Steingutherstellers Sphinx ist das nördlich des Stadtzentrums gelegene Kulturzentrum „Lumière“ entstanden, das mit Kino und Gaststättenbetrieb in stimmungsvoller Umgebung aufwartet.

TEFAF: Das Kürzel steht für „The European Fine Art Fair“ und eine international führende Kunstmesse. Jedes Jahr im März können Händler und andere Kunstliebhaber sich einen Überblick über fast alles verschaffen, was der Markt hergibt, nicht zuletzt an alten Malereien. Bei der jüngsten Ausgabe drängten sich 275 Aussteller und 71.000 Besucher im Maastrichter Messezentrum MECC (www.tefaf.com).

Nächste Woche: Innsbruck

Quelle: F.A.Z.
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