E-Learning

Im Internet zum Bachelor

Von Eva Heidenfelder
 - 06:00

Wenn Oliver Lübker am Ende des Semesters auf die Klausuren zusteuert, bleibt er für sich. Statt mit anderen Studenten eine Lerngruppe zu gründen und sich nach der Vorlesung zum gemeinsamen Büffeln in Mensa oder Bibliothek zu treffen, sitzt er allein am heimischen Rechner. Lübker ist allerdings kein verschrobener Einzelgänger. Er hat schlicht und einfach keine Kommilitonen. Denn seinen Bachelor absolviert der 26 Jahre alte Hannoveraner über ein Online-Lernportal. Nach Abitur und Zivildienst beginnt Lübker eine Ausbildung zum Piloten, mit 23 Jahren schließt er sie ab. Fliegen ist seine Leidenschaft, Pilot sein Traumberuf.

Doch mit der Zeit reift der Wunsch, sich darüber hinaus ein zweites Standbein zu schaffen. Lübker kann sich etwa vorstellen, später einmal im Management seines Arbeitgebers tätig zu sein. 2013 beginnt er deshalb, an der Universität Frankfurt Wirtschaftsrecht zu studieren. Die Mischung aus BWL und Jura reizt ihn. „Wie viele ambitionierte junge Menschen habe auch ich eine Möglichkeit gesucht, mich weiterzubilden.“ Neben dem Vollstudium mit festen Präsenzzeiten arbeitet Lübker weiter als Pilot.

Doch die Doppelbelastung wird ihm nach zwei Semestern zu viel, zumal er aus beruflichen Gründen von Frankfurt nach Hannover ziehen muss. Sein Studium abzubrechen kommt für ihn aber nicht in Frage. Dass er es auch digital in Eigenregie absolvieren kann, erfährt er von einem Bekannten. Welcher Anbieter für ihn der Beste ist, recherchiert er schnell. Da er durch seinen Beruf als Pilot viel unterwegs ist, möchte er örtlich flexibel lernen, eine Variante mit Präsenzteilen kommt also nicht in Frage. Gleichzeitig möchte er die Möglichkeit haben, Fragen zu stellen, wenn er etwas nicht versteht. Und nicht zuletzt sollte das Studium zu einem staatlich anerkannten Abschluss führen.

Nicht alle setzen auf ein rein digitales Studium

Lübker entscheidet sich für den Bachelor of Law, der von der Internationalen Hochschule Bad Honnef Bonn (IUBH) angeboten wird. In Kooperation mit dem Online-Lernportal Lecturio stellt die IUBH den Studiengang seit November 2014 als reines Online-Studium zur Verfügung. Für Lübker ebenfalls wichtig: Innerhalb des Studiums kann er sich auf den Bereich Luftfahrtmanagement spezialisieren. Der Online-Studienanbieter Lecturio hat seinen Schwerpunkt auf die Wirtschaftswissenschaften, die Bereiche Rechnungswesen und Steuern, Software und Programmieren und auf Repetitorien in den Fächern Jura und Medizin gelegt.

Das elektronische Studium funktioniert dort denkbar einfach: Die Vorlesungen kommen als Video auf den Bildschirm, im Anschluss erhält der Student Lernfragen, um die Inhalte besser zu verstehen und zu behalten. Bei Problemen mit dem Lernstoff stehen Tutoren für Nachfragen per E-Mail zur Verfügung. Lediglich die bis zu sechs Klausuren je Semester können nicht online absolviert werden. Sie müssen an einem von rund 30 Standorten in Deutschland oder an einem der mehr als 130 Goethe-Institute auf der ganzen Welt in Präsenz geschrieben werden. Auch seine Abschlussprüfung wird Lübker auf diesem Weg ablegen; um seine Bachelor-Arbeit zu verteidigen, wird er ebenfalls persönlich erscheinen müssen. 2008 gegründet, ist Lecturio ein noch recht neuer Anbieter im Markt.

Nicht alle Konkurrenten des E-Learning-Portals setzen auf ein rein digitales Studium. Einige haben auch Präsenzwochen im Programm oder organisieren regelmäßige Treffen mit anderen Studierenden, die beim selben Anbieter studieren, beispielsweise die AKAD University. Auch die traditionellen Anbieter von Fernstudiengängen haben ihre Angebote um virtuelle Inhalte und digitale Wege der Vermittlung erweitert. Das betrifft beispielsweise das Institut für Lernsysteme aus Hamburg, die Studiengemeinschaft Darmstadt oder auch die Fernuniversität in Hagen. Und auch viele alteingesessene Hochschulen wie die FU Berlin oder die Universität Duisburg-Essen bieten mittlerweile Fernstudiengänge mit digitalen Elementen an. Mancherorts gibt es mittlerweile auch klassische Präsenzstudiengänge, in denen nur die Klausuren digitalisiert sind. Da geht es dann aber nicht um Flexibilität, sondern vor allem um einen geringeren Korrekturaufwand für die Dozenten.

Das Gebührendickicht ist kaum zu durchschauen

Die genaue Zahl an Studierenden zu ermitteln, die ihr Studium via E-Learning absolvieren, ist schwierig. Viele absolvieren diese Art des Studiums als berufsbegleitende Weiterbildung. Somit erscheinen sie nicht als Vollstudenten in der Statistik. Auch Oliver Lübker stemmt sein Studium neben der Arbeit. Deshalb schätzt auch er, was die meisten Berufstätigen zum Online-Studium bewegt: totale Flexibilität. „Wenn ich einen Nachtflug habe, schlafe ich am nächsten Tag lange und setze mich dann zur Mittagszeit an den Computer“, sagt er. Ist er viel unterwegs, kann er sich die Lerninhalte via App auf dem Tablet oder Smartphone anschauen.

Klausuren kann er nicht nur einmal je Semester, sondern monatlich ablegen. So muss er nicht antreten, wenn sein Dienstplan die nötige Vorbereitung zeitlich gerade nicht erlaubt. Ein weiterer Vorteil: Seine Lernzeit baut sich Lübker um die kostbaren Stunden herum, die ihm neben Job und Studium noch für Freizeit, Familie und Freunde bleiben. Die Flexibilität, die das Online-Studium bietet, ist nicht immer billig, und sich durch das Gebührendickicht der verschiedenen Anbieter zu kämpfen ist mühsam.

Lübker hat für sein Präsenzstudium in Frankfurt den normalen Semesterbeitrag bezahlt. Sein digitales Studium kostet ihn rund 200 Euro monatlich. Und das ist schon ein reduzierter Preis, da die private IUBH zum Teil von Unternehmen finanziell unterstützt wird. Im Vergleich zur staatlichen Fernuni Hagen, bei der ein gesamter Bachelor-Abschluss in Rechtswissenschaften beispielsweise etwa 2500 Euro kostet, ist es dennoch relativ teuer. Allerdings: An anderen privaten Fernhochschulen kann ein Onlinekurs je nach Studienfach, Studienlänge und erreichtem Abschluss sogar 10.000 Euro und mehr kosten.

Und es gibt auch das umgekehrte Phänomen: komplett gebührenfreie Online-Studiengänge. Solche „Massive Open Online Courses“ (MOOCs) gibt es vor allem von amerikanischen Anbietern; die bekanntesten sind Coursera, Udacity und EdX. Auch in Deutschland ist beispielsweise das Hasso Plattner Institut mit seinem Angebot „Open HPI“ in das MOOC-Geschäft eingestiegen. Bei manchen MOOCs muss man allerdings am Ende doch etwas bezahlen, wenn man sich das Bestehen des Kurses mit einem Zertifikat bescheinigen lassen möchte.

„Man braucht unheimlich viel Selbstdisziplin“

Bei aller Begeisterung für sein digitales Studium sieht Oliver Lübker auch Nachteile. In seinen zwei Semestern Präsenzstudium genoss er den Austausch mit den Kommilitonen sehr. Hast du das heute auch nicht verstanden? Kannst du mir das noch mal erklären?

Fragen, die damals beim Mittagessen in der Mensa oder in der Lerngruppe in der Bibliothek geklärt wurden, kann er heute höchstens mit seinen Tutoren oder in Internetforen besprechen, in denen sich andere Studenten tummeln, die ein digitales Studium absolvieren. Die studieren aber nicht notgedrungen dasselbe oder sind nicht immer auf demselben Wissensstand. Ein weiterer angenehmer Nebeneffekt seines Präsenzstudiums war für ihn die straffe Struktur, die von der Hochschule vorgegeben war. Heute muss er sich seinen Stundenplan selbst schreiben und den inneren Schweinehund täglich alleine überwinden. „Wer in Eigenregie studiert, braucht unheimlich viel Selbstdisziplin“, sagt er.

Die Manuskripte, die er ergänzend zu den Video-Vorlesungen erhält, sind oft daumendick. „Die in Angriff zu nehmen kann im ersten Moment schon Überwindung kosten“, sagt er. Was ihm hilft, am Ball zu bleiben, sind die Lernfragen, mit denen er kontrollieren kann, ob angekommen ist, was ihm in den Videos und Manuskripten vermittelt wurde. Ob Lübker ein Studium digitale weiterempfiehlt? „Wer sich selbst gut organisieren kann und zeitlich und örtlich flexibel sein will oder muss, für den ist es ideal.“

Quelle: F.A.Z.
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