Umzug für immer

Erst Auslandsstudent, dann Auswanderer

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Nowosibirsk

Ende der 1980er Jahre lernte man in den Schulen der DDR Russisch als erste Fremdsprache, meist ohne besonderen Elan, bei Lehrern, welche die Sowjetunion vorrangig aus Büchern kannten. Während der Wende fast vergessen, bekam Russisch im Studium dann wieder eine Bedeutung. Kommilitonen planten ihre Auslandssemester in den Vereinigten Staaten oder Spanien. Ich entschied mich für Russland, damit das Vokabelpauken von damals nachträglich noch einen Sinn bekam.

Russland war in diesem Moment aus den schlimmsten Krisen herausgewachsen, ein neuer Präsident namens Wladimir Putin stellte das Land neu auf. Eine Mittelschicht bildete sich heraus, der Autoverkehr stieg – ein ideales Arbeitsfeld als Verkehrsingenieur mit dem Spezialgebiet Verkehrsökologie. Denn für Begriffe wie Nachhaltigkeit gab es im Russischen nicht mal eine Übersetzung.

Verkehrsökologen beschäftigten sich mit auslaufendem Öl, aber nicht mit Verkehrsplanung. Sowohl mein Dresdner Professor als auch der DAAD unterstützten die Idee einer Diplomarbeit über „Ökologische Verkehrsentwicklungen in Nowosibirsk“. Journalisten griffen die eigenartigen Ideen des deutschen Studenten gern auf – auch wenn sie über Stadtbahn-Konzepte, Park & Ride oder kostenpflichtige Straßenbenutzung eher lächelten. Meiner russischen Partnerin zuliebe blieb ich dann in Nowosibirsk. Inzwischen bezeichne ich sowohl Russland als auch Deutschland als Heimat.

Einige meiner Ideen sind inzwischen Konsens, beispielsweise experimentiert Nowosibirsk endlich mit einer Fußgängerzone. Meine Kinder wachsen zweisprachig auf, in meinem Freundeskreis finden sich sowohl Russen als auch Deutsche. Beruflich hat es mich in die IT verschlagen. Seit über zehn Jahren leite ich für ein Schweizer Software-Unternehmen das Entwicklungszentrum in Nowosibirsk. Ohne meine Sprachkenntnisse, das technische Studium und die interkulturelle Erfahrung wäre die Zusammenarbeit mit Kollegen und Geschäftspartnern in dieser Form sicher nicht möglich.

Norbert Schott

Kapstadt

2002 erhielt ich ein DAAD-Stipendium, um meinen „Honours Degree“ im Fach Ethnologie (Social Anthropology) an der University of Cape Town (UCT) zu absolvieren. Nach dem erfolgreichen Abschluss kehrte ich an die Uni Köln zurück, um noch meinen Magister fertigzustellen. Dann begann die Vorbereitung meiner Doktorarbeit, für die ich Ende 2004 ein Kurzzeit-Stipendium des DAAD bekam. Es erlaubte mir, alle nötigen Daten für den Antrag meines Forschungsprojekts in Südafrika zu sammeln. Die nächsten drei Jahre verbrachte ich mit meiner Feld- und Literaturforschung für mein Projekt, das Teil eines größeren Sonderforschungsbereichs im südlichen Afrika war. Als dieses Projekt Ende 2007 auslief und meine Doktorarbeit noch weit von der Fertigstellung entfernt war, entschloss ich mich, dennoch in Kapstadt zu bleiben. Gerade hatte ich meine sozialen Kreise in Südafrika aufgebaut, da wollte ich in Köln nicht wieder von neuem anfangen.

Als Deutsche in Südafrika eine Arbeitsgenehmigung zu bekommen ist jedoch gar nicht so einfach. Ein Unternehmen muss nachweisen können, dass die Stelle, die man einnimmt, nicht durch eine lokale Arbeitskraft ausgeübt werden kann. Und so begann ich 2008 eine kurze Karriere bei der Lufthansa im Service-Center, zunächst als Agentin am Telefon, dann in der Rolle eines „Customer Service Managers“, in der ich für den Service der Swiss in Deutschland verantwortlich war. Die Doktorarbeit ließ mir jedoch keine Ruhe, und ich entschloss mich, 2010 einen neuen Versuch zu starten. Ich transferierte mein Projekt nach Rücksprache an die UCT und arbeitete knapp zwei Jahre an der Dissertation. Leider gelang es mir in der Zeit nicht, mit meiner Doktormutter auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Vermutlich hatte ich mich in der Zwischenzeit zu weit vom rein wissenschaftlichen Denken entfernt. Nach rund 20 Monaten warf ich das Handtuch und habe seitdem nie wieder zurückgeblickt.

Zunächst unsicher, wie ich meine Karriere weiter aufbauen sollte, begann ich Ende 2011 im Service-Center von Amazon hier in Kapstadt zu arbeiten. Was als Übergangsjob begann, hat sich über die letzten Jahre zu einer blühenden Karriere für mich entwickelt. Ich leite ein Team von vier Teammanagern und rund 60 Agenten, die deutsche Kunden von Amazon betreuen. Auch wenn das für eine Ethnologin eine etwas ungewöhnliche Karriere ist, so kann ich doch sagen, dass ich jahrelang Menschen studiert habe und das für mich im Arbeitsalltag durchaus ein großer Vorteil ist.

Deutschland vermisse ich hier nicht, wahrscheinlich auch, weil ich täglich mit Deutschen in Verbindung stehe. Meine Familie hätte ich natürlich gern etwas näher, aber dank des digitalen Zeitalters ist es ja auch nicht mehr so schwierig, in regelmäßigem Kontakt zu bleiben. Einmal im Jahr fliege ich nach Hause in den hohen Norden (Schleswig-Holstein). Ich kann nur jedem Studenten raten, zumindest eine Zeit im Ausland zu studieren. Die Bereicherung, die der interkulturelle Austausch erbringt, ist durch nichts zu ersetzen.

Anne Schady

Mexico City

Nach dem Abitur habe ich ein Jahr lang in Argentinien in einem Kinderheim gearbeitet und dabei Feuer gefangen für Lateinamerika. Daher machte ich im Dolmetsch-Studium Spanisch zu meiner ersten Fremdsprache und bewarb mich nach dem Grundstudium um ein DAAD-Jahresstipendium für einen Studienaufenthalt in Venezuela. Nachdem dieses Projekt aus Sicherheitsgründen abgelehnt worden war, landete ich schließlich zu meiner eigenen Überraschung in Mexiko. Wie in der kitschigsten Telenovela lernte ich am ersten Abend in Mexiko-Stadt „denjenigen, welchen“ kennen – und beschloss daher nach Abschluss meines Studiums in Heidelberg, in Mexiko an der Seite meines Liebsten mein Glück zu versuchen. So traf ich also im Mai 2006 mit einem 20-Kilo-Koffer und einem 90 Tage gültigen Touristenvisum an meiner neuen Wirkungsstätte ein.

Die größte Herausforderung bestand darin, eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung zu bekommen, was sich ohne irgendeine deutsche Institution im Rücken als schwierig herausstellte. Glücklicherweise vermittelte mir ein Freund nach einmaliger unkomplizierter Verlängerung des Touristenvisums einen Job als mehrsprachige Sekretärin, und ich erhielt auf diesem Wege die Papiere. Danach konnte ich relativ leicht verschiedene Änderungen beantragen und mich rund eineinhalb Jahre nach meiner Ankunft im Land als Dolmetscherin und Übersetzerin selbständig machen. Es dauerte seine Zeit, bis ich diverse kulturelle Codes geknackt, gewisse Abläufe durchschaut, mich bekannt gemacht und mir einen Kundenstamm aufgebaut hatte. Heute aber ist meine Berufstätigkeit durchweg spannend und abwechslungsreich – und ich kann nicht zuletzt durch den Beruf einen intensiven Kontakt nach Deutschland halten.

Das Leben in einer so anderen Kultur hat natürlich auch seine Tücken, und teilweise vermisse ich Deutschland sehr. Im Großen und Ganzen empfinde ich es aber als enorme persönliche Bereicherung und lebe mit meinem Mann (immer noch demselben wie am ersten Abend) und unseren beiden Kindern glücklich und zufrieden in diesem immer wieder erstaunlichen Land.

Anne Sieberer

Peking

Für mich gibt es zwei Chinas. Eines der Menschen und eines der Politik und Wirtschaft. Das China der Menschen überfordert mich manchmal mit seinen übervollen U-Bahnen und Staus. Die meiste Zeit aber fasziniert es mich mit seiner Hilfsbereitschaft, seinem Humor und dem steten Wandel, der hier zu beobachten ist. Wegen dieser Menschen lebe ich gerne hier. Für das politische und wirtschaftliche China muss ich mich immer wieder entscheiden – und irgendwann wird die Entscheidung für ein anderes Land ausfallen. Die Zensur von Medien und Meinungen zum Beispiel geht über Werte hinaus, die ich in mir trage. Das Streben nach Profit erscheint mir oft wichtiger als der Gedanke an die Auswirkung auf Mitmenschen. Gleichzeitig finde ich beruflich in diesem China einen großen Freiraum zur Entfaltung. Die Wege zu Positionen mit hoher Verantwortung und Gestaltungsfreiheit sind kürzer als in Deutschland.

Dort konkurrierte ich in meinem Fachgebiet IT/IP – also unter anderem Wettbewerbs- und Patentrecht – mit mehreren hundert Anwälten um Mandanten. In China dagegen kann ich an vorderster Stelle dabei sein, wenn sich dieses Rechtsgebiet rund um das neue Cybersecurity-Gesetz erst entwickelt. Dass meine Karriere in China funktioniert, hängt auch mit dem Programm „Sprache und Praxis in China“ des DAAD zusammen. Dank dieses Programms konnte ich für zehn Monate Chinesisch lernen und zugleich etwa 50 Unternehmen in China besuchen. Es waren Erfahrungen, die mir jetzt im Beruf helfen. Das Netzwerk ehemaliger Programmteilnehmer hilft zudem bei der Jobsuche.

Das Leben in China ist sicher nicht für jeden etwas. Ich halte es aber für zwingend erforderlich, dass wir uns mit China beschäftigen und hier zumindest für einige Zeit leben und arbeiten. Nur wenn wir uns für China interessieren und lernen, wie Entscheidungen getroffen werden, und wenn wir in chinesischen Denkmustern argumentieren, können wir die Zusammenarbeit zukünftig positiv beeinflussen. Made in Germany allein wird als Argument nicht mehr reichen. Deshalb hoffe ich, dass sich immer wieder Studierende für China und das abenteuerliche Leben hier entscheiden.

Jost Blöchl

New York

Während meiner Zeit in Berlin hatte ich New York bereits zweimal besucht, einmal für drei, einmal für zwei Monate. Einen Master dort zu machen habe ich damals tatsächlich allein vom DAAD abhängig gemacht – ich dachte, ich bewerbe mich mal, und je nachdem, ob ich das Stipendium bekomme oder nicht, sollte es so sein oder auch nicht. Als ich im August 2012 dann nach Brooklyn zog, um einen „Master of Jazz Performance“ an der New York University (NYU) abzulegen, rechnete ich erst mal damit, nach einem Jahr wieder zurückzukommen. Aber ich bekam die Verlängerung, konnte mein Studium beenden und lebe nun schon seit insgesamt fünf Jahren hier, mittlerweile schon drei Jahre als freiberufliche Jazzmusikerin.

Dass ich so viel länger geblieben bin als zunächst gedacht, liegt daran, dass mir dieser Ort nach wie vor Inspiration, Motivation und Energie für meine Musik gibt. Ich fühle mich mittlerweile als Teil einer Musikszene und einer Musikergemeinschaft, die mich inspiriert und voranbringt. Die Zeit, die ich bisher hier verbracht habe, hat meinen Horizont erweitert und gibt mir mittlerweile einen weiteren Blickwinkel auf ein Leben als Freelance-Jazzmusiker in Deutschland. Beide Orte bringen in diesem Beruf sehr unterschiedliche Herausforderungen mit sich. Ich sehe es als Privileg, beide Seiten gut zu kennen und die jeweils positiven Seiten in diesem recht unsicheren Beruf in beiden Ländern besser wertschätzen zu können.

Die Dichte an guten Musikern im Bereich Jazz und improvisierter Musik ist nirgendwo auf der Welt so hoch wie in New York. Regelmäßig kommen neue Musiker aus der ganzen Welt, bereichern die Musikszene, bleiben oder gehen wieder – und dann kommen auch schon wieder die Nächsten nachgerückt. So funktioniert es, dass diese Umgebung immer noch einzigartig für meine kreative und persönliche Weiterentwicklung ist.

Seit etwa drei Jahren unterrichte ich in Brooklyn und Manhattan privat und gebe Konzerte, sowohl mit eigenen Projekten als auch innerhalb der Bands anderer Mitmusiker. Mein Hauptprojekt hier heißt „Wood River“, eine Band, für die ich die Musik schreibe und Saxophon und Synthesizer spiele und singe. Andere, kollektive Projekte sind das Altsaxophonquartett „Asterids“ und das Trio „The Choir Invisible“. Regelmäßig bin ich mit der aus Pakistan stammenden Sängerin Arooj Aftab zu hören. Etwa zwei- bis dreimal im Jahr fliege ich nach Deutschland, um dort mit meiner langjährigen Band, dem „Lisbeth Quartett“, zu spielen. An Deutschland fehlen mir vor allem enge, alte Freundschaften und meine Familie. Durch das Studium habe ich aber viele Musiker kennengelernt, mit denen ich immer noch spiele. Die NYU ist dabei eine große Plattform, und ich bin froh, Teil davon gewesen zu sein. Ich kann jedem empfehlen, sich einer solchen Chance zu stellen, aus den bekannten Bahnen herauszukommen, sich neu orientieren zu müssen und so den Kopf zu öffnen.

Charlotte Greve

Quelle: F.A.Z.
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