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Verwaltungswissenschaft

NS-Belastung ist „immer noch ein heißes Eisen“

Von Sascha Zoske
 - 08:28
Verwaltungswissenschaftlerin Sylvia Veit Bild: Uni Kassel, F.A.Z.

Knapp ein Dreivierteljahrhundert nach dem Ende Hitler-Deutschlands hat die Bundesregierung eine umfassende Untersuchung zur NS-Vergangenheit von deutschen Ministerien in Auftrag gegeben. War die Zeit erst jetzt reif dafür?

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Dahinter steht in der Tat ein längerer Prozess. Die Einsetzung der unabhängigen Historikerkommission, die 2005 die Vergangenheit des Auswärtigen Amts untersuchte, hat den Anstoß für weitere Projekte gegeben, die sich mit der NS-Geschichte einzelner Behörden beschäftigten. Die Studie zum Auswärtigen Amt hat die These widerlegt, diese Behörde sei ein Hort des Widerstandes gewesen. Das rückte die Frage nach personellen Kontinuitäten nach Ende des „Dritten Reichs“ stärker in den Fokus, auch in anderen Ministerien. Dazu gab es dann eine Reihe von parlamentarischen Anfragen, und es zeigte sich, dass der Wissensstand über die verschiedenen Behörden sehr unterschiedlich ist.

Über welche westdeutschen Ministerien ist in Sachen NS-Geschichte bisher kaum etwas bekannt?

Wir wissen wenig über personelle Kontinuitäten im Verkehrs- und Landwirtschaftsministerium, im zivilen Bereich des Verteidigungsministeriums, im Ministerium für Wohnungswesen und Städtebau sowie im Ministerium für Arbeit und Soziales. Auch für jene Ministerien, die keine Nachfolgebehörde haben, etwa das Ministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsbeschädigte, ist die Aktenlage dünn.

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Der Historikerbericht über das Auswärtige Amt hat teils heftige Reaktionen hervorgerufen. Weckt das Thema auch heute noch Emotionen?

Mein Eindruck ist, dass es immer noch ein heißes Eisen ist. Das zeigt schon das Interesse an der Ausschreibung des aktuellen Forschungsprogramms. Das Thema ist weiterhin emotional besetzt, auch wenn die persönliche Betroffenheit nicht mehr da ist.

Sie vergleichen in Ihrem Teilprojekt die Biographien von Ministern, Staatssekretären und Abteilungsleitern der Bundesrepublik und der DDR. Ist das vorher schon einmal versucht worden?

In der systematischen Form, in der wir es machen wollen, gab es das bisher nicht. Wir werden eine Methodik anwenden, die wir schon in Forschungsprojekten zu aktuellen Amtsinhabern benutzt haben.

Was ist das für eine Methodik?

Es ist eine Systematik zur Erfassung von Karriereverläufen von Beamten und Politikern. Dazu betrachten wir soziale und strukturelle Merkmale sowie bestimmte Faktoren der politischen Aktivität dieser Gruppe. Wir haben auch schon bestimmte Auswertungsverfahren getestet, etwa die sogenannte Überlebensanalyse.

Wie funktioniert so eine Analyse?

Das ist eine Methode aus der Medizin. Dort wird geschaut, wie hoch die Überlebenswahrscheinlichkeit von Krebspatienten ist. Der Ansatz lässt sich auf die Sozialwissenschaft übertragen: Wie lange dauert es, bis es eine Person mit bestimmten Merkmalen in eine Spitzenposition schafft? Oder: Wie lange bleiben Personen mit bestimmten Merkmalen im Amt?

Wie hoch war nach bisherigem Forschungsstand der Anteil früherer Nationalsozialisten in bundesdeutschen Ministerien?

Nach derzeitigem Wissensstand, der sich aus einzelnen Untersuchungen ergibt, war er relativ hoch. Laut einer Studie lag 1949 bis 1963 im Wirtschaftsministerium der Anteil der NS-Belasteten unter den Ministern, Staatssekretären und Abteilungsleitern bei 50 Prozent. Die Studie über das Auswärtige Amt geht von 33 Prozent NSDAP-Mitgliedern im höheren Dienst aus.

Wurden junge Nazi-Karrieristen in der Nachkriegszeit rasch befördert?

In einigen Ministerien ist in den fünfziger und sechziger Jahren der Anteil von Personen mit NS-Belastung in sensiblen Positionen sogar noch gestiegen. Wir wollen überprüfen, inwiefern das für alle Ministerien gilt und ob die These stimmt, dass das Fachwissen dieser Personen als ausschlaggebend für deren Beförderung angesehen werden kann. Es ging ja in dieser Zeit vor allem darum, im neuen System eine funktionierende Verwaltung aufzubauen.

War jeder, der in der NSDAP war, ein überzeugter Nazi? Es gibt ja auch Gegenbeispiele.

In der Forschung würde niemand sagen, dass ein Parteibuch als alleiniges Kriterium genügt. Welche Maßstäbe wir in unserer Studie anlegen werden, müssen wir noch klären.

In der DDR wurde aus propagandistischen Gründen gerne auf die NS-Belastung bundesdeutscher Funktionsträger hingewiesen. Es gab aber doch auch in ostdeutschen Ministerien Altnazis.

Die These, dass die DDR mit der früheren NS-Elite kompromisslos gebrochen habe, ist zumindest für einige Bereiche schon widerlegt. Es gibt entsprechende Studien über das Ministerium des Inneren und über die Justizverwaltung. Aber auch damit werden wir uns noch einmal näher beschäftigen.

Bisweilen wurde in der DDR das Wissen über braune Flecken in Biographien auch genutzt, um die Betreffenden unter Druck zu setzen.

Das stimmt. Eine Studie zum Ministerium für Staatssicherheit hat gezeigt, dass Personen mit stärkerer NS-Belastung gezielt als Inoffizielle Mitarbeiter angeworben wurden, weil sie erpressbar waren.

Ist es eigentlich realistisch und auch wünschenswert, nach dem Übergang vom Unrechtsstaat zum Rechtsstaat den Beamtenapparat komplett von Funktionsträgern des alten Regimes zu befreien?

Realistisch ist es nicht. Für einen funktionierenden Apparat wird nun einmal Fachkompetenz gebraucht. Und es dauert eben eine gewisse Zeit, das nötige Personal heranzuziehen. Nach dem Ende der DDR war man in der komfortablen Situation, dass es in Westdeutschland Fachleute gab, die dann im Osten in die Verwaltung gehen konnten. Bei den meisten Systemwechseln gibt es so eine Möglichkeit nicht. Dann muss man zum Teil auf das alte Personal zurückgreifen.

Zu Ihren Forschungsgebieten gehört auch das Rollenverständnis von Führungskräften im öffentlichen Sektor. Gab es in der Nachkriegszeit noch das Leitbild vom Technokraten, der immer loyal zum Dienstherrn steht, auch wenn der eine unmenschliche Politik verfolgt?

Untersuchungen haben gezeigt, dass es eine sehr starke Überlappung mit dem Rollenverständnis von Spitzenpolitikern gab. Hohe Beamte denken auch sehr politisch. Rein technokratische Einstellungen findet man auf dieser Ebene nur selten. Man will zwar fachlichen Rat geben, aber nicht alles mitmachen, was die Politik verlangt.

Wie hat sich die Achtundsechziger-Revolte und der darauf folgende „Marsch durch die Institutionen“ auf das Selbstverständnis der deutschen Beamtenschaft ausgewirkt?

Das ist schwierig zu sagen, weil Vergleichsstudien zum Rollenverständnis in den fünfziger und sechziger Jahren fehlen. Allerdings haben Regierungswechsel wie jener infolge der Großen Koalition 1966 die Zusammensetzung des Personals erheblich verändert. Dass es eine Studie zu den Auswirkungen von „Achtundsechzig“ auf die Beamtenschaft gibt, ist mir nicht bekannt.

Wäre das ein Projekt für Sie, wenn Sie mit der NS-Studie fertig sind?

Warum nicht?

Quelle: F.A.Z.
Sascha Zoske
Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.
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