Vor der Bundestagswahl

Studenten als Wahlkampfhelfer

Von Julia Müller
 - 10:05
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Junge Deutsche sind politikverdrossen: Dieses Vorurteil hält sich hartnäckig. Auch an der Wahlurne zeichnet sich dieser Trend ab. Zuletzt lag die Wahlbeteiligung bei den unter 30-Jährigen bei knapp 60 Prozent, bei Wählern zwischen 60 und 69 Jahren dagegen bei fast 80 Prozent. Es sind auf den ersten Blick also vor allem die Älteren, denen Politik wichtig ist. Umso erstaunlicher ist es, dass an Wahlkampfständen immer wieder junge Menschen stehen. Sie verteilen Luftballons mit Parteilogo an Kinder und Kugelschreiber an Erwachsene. Im Hintergrund passiert oft viel mehr: Denn Wahlkampf gleicht auch bei Studenten einem Vollzeit-Job. Gerade in den letzten Wochen vor der Bundestagswahl, wenn der Straßenwahlkampf in vollem Gang ist, haben die Wahlkampfhelfer kaum Freizeit.

Schon in den Monaten zuvor sitzen die studentischen Wahlkampfhelfer in ihren Jugendorganisationen und planen: Wer steht wann an welchem Wahlkampfstand? Wer holt die Plakate in der Druckerei ab? Wer plakatiert in welchem Stadtteil? Darüber hinaus twittern, posten und snappen die studentischen Wahlkampfhelfer monatelang im Namen ihrer Parteien. Sie gehen von Tür zu Tür, klingeln bei den Bürgern und versuchen, sie von einer Partei zu überzeugen. Für Bundespolitiker suchen Wahlkampfhelfer passende Orte für Auftritte. Nach der Klausurenphase und neben ihren Hausarbeiten geben die studentischen Wahlhelfer jetzt also Vollgas. Nur: Was treibt sie dabei eigentlich an? Wir haben vier Freizeit-Wahlkampfhelfer gefragt.

Katharina Letzelter, SPD, 24 Jahre

Die BWL-Studentin steht am Kölner Rudolfplatz und tippt hektisch auf ihrem Handy herum. Eigentlich sollte hier ein Wahlkampfstand der SPD aufgebaut sein, und eigentlich sollte sie jetzt die Werbetrommel für Martin Schulz rühren. Doch an diesem sommerlich-warmen Nachmittag blitzt zwischen den dicht aneinandergebauten Häusern und den davor herumwuselnden Passanten kein rotes SPD-Schirmchen auf. Suchend läuft Katharina Letzelter über den vollen Platz in der Kölner Innenstadt. „Der Stand muss hier doch sein, genauso wie letzte Woche“, sagt sie. Ein Parteikollege schreibt über Whatsapp: Es gibt heute keinen Stand, Letzelter hat sich vertan. Das passiert schon mal im Wahlkampfstress.

Katharina Letzelter ist Mitglied der Jusos, der Jugendorganisation der SPD. Die 24-Jährige studiert BWL an der Uni Köln. Sie spielt gern Klavier, für mehr Hobbys fehlt die Zeit. Denn Politik gehört immer dazu. „Ich war schon immer politisch interessiert. Deswegen habe ich in der Oberstufe als Leistungskurs Politik gewählt. Von den 16 Leuten in meinem Kurs konnten die wenigsten über tagesaktuelle Politik sprechen. Das hat mich unheimlich schockiert. Da dachte ich, dass ich das ändern muss. Dann habe ich mich für eine Parteimitgliedschaft begeistert. Richtig durchgestartet bin ich in Köln: Hier bin ich zu Kennenlernabenden gegangen, habe in der Diskussion mit den Leuten gemerkt, welche Inhalte passen und welche nicht. Bei den Jusos habe ich mich am wohlsten gefühlt, auch wegen der Bildungspolitik. Die SPD setzt sich für kostenfreie Bildung ein, das ist eines meiner Themen. Ich habe in meinem Auslandssemester in Taiwan jemanden kennengelernt, der unbedingt in NRW studieren möchte. Weil die neue schwarz-gelbe Landesregierung allerdings plant, Studiengebühren für Ausländer einzuführen, kann er sich das nicht leisten. Das ist ein Unding. Mit meinem politischen Engagement möchte ich besonders etwas für junge Menschen verändern.“ Und schließlich: „In den etablierten Parteien sind weniger junge Menschen zu finden. Dementsprechend liegt der inhaltliche Fokus weniger auf Jugendthemen, wodurch Parteien und auch Politik unattraktiver werden. Es ist ein Teufelskreis. Ich möchte unbedingt verhindern, dass hier so etwas passiert wie vergangenes Jahr in Großbritannien. Dort sind viel zu wenig junge Menschen zur Brexit-Wahl gegangen.“

Felix Spehl, CDU, 19 Jahre

Leicht verspätet erscheint der Kreisvorsitzende der Jungen Union Köln zum Interview. Er trägt ein rosafarbenes Hemd mit Polospielerstickerei, eine braune Ledertasche und eine Hornbrille. Wenn Spehl erzählt, dann benutzt er dabei, wie es sich für einen Politiker gehört, seine Hände, um das Gesagte zu unterstreichen. Auch der Satz „Da müssen wir unsere Hausaufgaben machen“ fällt häufig. Der Jurastudent absolviert gerade ein Praktikum in einer Anwaltskanzlei. Oben drauf kommt derzeit noch der Bundestagswahlkampf. Für den 19-Jährigen geht es nach dem Interview weiter zu einem Planungstreffen der Jungen Union. Aber erst mal berichtet er: „Ich habe in Istanbul die Gezi-Proteste mitbekommen. Ich bin dort zur Schule gegangen, mein Vater hat für Mercedes gearbeitet. Jeden Morgen habe ich aus dem Schulbus heraus Wasserwerfer gesehen. In den Coffeeshop, den ich mit meinen Schulfreunden oft in der Mittagspause besucht habe, haben sie Tränengas reingeschossen, zum Glück waren wir an dem Tag nicht da. Nach der Schule habe ich mich oft mit Deutschtürken getroffen, die mir gesagt haben, dass ich es besser machen soll als sie. Dass ich mich einsetzen soll für die Demokratie, damit so etwas wie in Istanbul nicht noch mal passiert. Kurz darauf sind wir zurück nach Deutschland gezogen. Hier habe ich angefangen, Parteiprogramme zu wälzen, um mich über die deutschen Parteien zu informieren. Ich bin dann der Jungen Union beigetreten.

Bei der letzten Bundestagswahl war ich das erste Mal Wahlkampfhelfer, und das lief so gut, dass ich bei der Landtagswahl in diesem Frühjahr den Wahlkampf von Serap Güler geleitet habe. Auch durch meine Hilfe konnte sie Staatssekretärin für Integration werden. Darauf bin ich natürlich stolz, dieser Erfolg treibt mich an. Ich mache das, weil ich ein Idealist bin. Ich bin ein überzeugter Demokrat und finde, dass die Demokratie davon lebt, dass Menschen sich einbringen. Das fängt für mich beim Wählen an: Wer das nicht tut, der darf sich nicht über das beschweren, was nach der Wahl passiert. In einer Demokratie gibt es Rechte und Pflichten. Zu den Pflichten gehört es, sich zu informieren. Zum Beispiel denken manche Leute, dass die Wahlplakate mit ihren Steuergeldern bezahlt werden. Das ist Quatsch, die Plakate werden von Spenden oder von den Kandidaten bezahlt.“

Luca Leitterstorf, AfD, 21 Jahre

Der frühere CDU-Anhänger steht auf dem Vorplatz des Deutzer Bahnhofs in Köln an einem Wahlkampfstand. Eigentlich hätte der Jurastudent jetzt auf der anderen Rheinseite sein wollen, unterhalb des Doms, am westlichen Ausgang des Hauptbahnhofs. Hier wollte er mit seinen Parteikollegen Energiedrinks mit AfD-Logo verteilen. Doch die Polizei hat den Wahlkampfstand verlegt, und zwar aus Sicherheitsgründen. Drei Mannschaftsbusse der Polizei bewachen Luca und seine Mitstreiter, um im Ernstfall einzugreifen. Den Studenten scheint das nicht zu stören. Er hat ja auch schon ein wenig Erfahrung. Bevor der 21-Jährige AfD-Mitglied wurde, hat er sich bei der CDU engagiert.

„Mit 14 bin ich der Jungen Union beigetreten, mit 16 dann der CDU. Ich habe mich immer zum rechts-konservativen Bereich gezählt. Als die schwarz-gelbe Regierung 2013 von der großen Koalition abgelöst wurde, wurde ich immer unzufriedener mit der CDU. Da war zum Beispiel die überhastete Energiewende, dann 2015 Merkels Reaktion auf die Flüchtlingskrise. Also trat ich aus. Die AfD habe ich lange beobachtet: Zuerst habe ich gehadert, das Medienbild war nicht das beste. Außerdem war mir die AfD teilweise auch zu extrem. Aber mit einem Eintritt, dachte ich, kann ich den Kurs der Partei mitbestimmen. Und so habe ich mich als Parteimitglied beworben. Bevor jemand bei uns aufgenommen wird, wird er oder sie geprüft, am Telefon oder bei einem persönlichen Gespräch. Die Bewerber sollen keine Extremisten sein. Durch meinen Eintritt in die AfD hat sich mein Freundeskreis nicht verkleinert, denn ich war schon immer der Konservative bei uns. Und ich glaube, dass es mir gelungen ist, meine Freunde auch ein Stück weit konservativer zu machen. Manche stimmen nicht mit den Standpunkten der AfD überein, andere verstehen sie punktuell, und einige würden sie wählen. Einzig meine Mutter sieht mein Engagement kritisch. Dass ich mich politisch einbringe, findet sie aber gut. Mein Beweggrund, mich jetzt einzusetzen, ist die Freiheit: Sie ist das höchste Gut, und man muss sie verteidigen. Die Menschen in Deutschland sollten das machen können, was sie wollen, der Staat soll sich heraushalten, so weit es geht. Dafür braucht man einen stabilen Ordnungsstaat, der bei Verteidigung und Sicherheit stark ist. Aktuell geht die Freiheit in Deutschland immer mehr verloren, durch den islamistischen und linken Terror, aber auch durch die aktuelle Bundesregierung. In der AfD kann ich etwas für die Freiheit tun.“

Chantal Schalla, FDP, 22 Jahre

Die angehende Juristin hat sich vor einer quietschgelben Box positioniert, der Infobox der FDP. Der letzte Samstag der Sommerferien ist angebrochen, die Stadt ist voll, die Sonne brennt. Um Schalla hat sich eine Menschentraube gebildet, die sie mit Fragen löchert. Sie versucht allen gerecht zu werden, wirkt souverän, muss aber manchmal ein wenig überlegen. Die 22-Jährige studiert Jura in Bonn und ist stellvertretende Vorsitzende für Programmatik der Julis in Köln, der Jugendorganisation der FDP. Sie befasst sich also mit der inhaltlichen Ausrichtung der Julis.

„Ich komme ursprünglich aus dem sozialdemokratisch geprägten Ruhrgebiet und habe keinen klassischen FDP-Hintergrund. Ich bin die Erste in meiner Familie, die studiert, und die Zweite mit Abitur. Wenn mir Leute auf der Straße FDP-Klischees wie ,Partei der Besserverdiener‘ hinterherrufen, dann denke ich mir immer: Wenn ihr wüsstet! Als ich ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Politik bei der FDP-Fraktion in NRW gemacht habe, musste ich viele Fragen beantworten. Irgendwann haben die Leute aber gemerkt, dass ich es ernst meine. Trotzdem halte ich mich heute bei meinen alten Freunden zurück, wenn es um mein politisches Engagement geht. Das liegt nicht an der FDP, sondern daran, dass Parteien für meine Freunde angestaubt sind. Im Wahlkampf merke ich, dass viele mit Parteien nichts anfangen können, mit den Themen aber schon.

Aus den Gesprächen ziehe ich immer wieder neue Denkanstöße, die ich in meine Arbeit integriere und die mich antreiben. Kürzlich hat sich ein alleinerziehender Familienvater mit mir unterhalten. Er hat sich darüber beschwert, dass die Kita in den Ferien schließt und dass sich dann niemand um sein Kind kümmern kann. Über solche Themen würde ich sonst nicht nachdenken, aber durch den Austausch mit den Bürgern werde ich darauf hingewiesen. Das gefällt mir am Straßenwahlkampf. Für mich bedeutet das auch, dass ich endlich Ideen präsentieren kann, die ich mir mit meinen Kollegen in stickigen kleinen Räumen ausgedacht habe. Als ich angefangen habe, Politik zu machen, wollte ich als junger Mensch ernst genommen werden. Ich hatte aber immer das Gefühl, dass die Älteren dasaßen und alles, was ich machen wollte, blockierten. Deshalb möchte ich erreichen, dass die Politik sich mehr für Junge interessiert und sie mehr einbindet. In der FDP habe ich das Gefühl, dass auch Jüngere Dinge mitbestimmen können.“

Quelle: F.A.Z.
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