Renten-Fragen für Studenten

Altersvorsorge – nicht mein Ding!

Von Julia Groth und Udo Trichtl
 - 17:26

Hannah Kemper könnte es sich eigentlich leisten, fürs Alter vorzusorgen. Die 31 Jahre alte Studentin aus Kiel hat nämlich vor zwölf Jahren geerbt. Statt ihr Erbe anzulegen, hat sie allerdings beschlossen, damit ihr Studium zu finanzieren und den Rest auf dem Konto zu lassen – für Notfälle. Zusätzlich spülen ihr diverse Nebenjobs Geld in die Kasse. Hannah Kemper hat schon in einer Modeboutique gearbeitet, in einem Café und bei einem Kinder-Kulturevent im Rahmen der Kieler Woche, jener internationalen Großveranstaltung, die die norddeutsche Stadt einmal im Jahr zum Mekka für Segel-Fans werden lässt.

Den Verdienst aus ihren Minijobs gibt sie ebenfalls lieber aus, statt zu sparen. „Ich habe weder eine Lebensversicherung noch einen Bausparvertrag. Ich lebe schließlich jetzt“, sagt die Studentin, die momentan an ihrer Master-Arbeit im Fach Europäische Ethnologie arbeitet. „Ich will in den Urlaub fahren, mit Freunden in die Kneipe gehen und Konzerte besuchen.“ Ihre Beschreibungen rühren an die Frage, ob sich Studenten schon mit der Rente beschäftigen sollten – und wenn ja, wie intensiv.

So wie Hannah Kemper geht es schließlich vielen Studenten. Der Ruhestand liegt noch in weiter Ferne, das Hier und Jetzt ist wichtiger. Viele von ihnen können es sich zudem schlicht nicht leisten, Geld zurückzulegen. Zwar gehen 68 Prozent neben dem Studium einer Arbeit nach, wie die jüngste Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks zeigt. Im Schnitt haben Studierende in Deutschland 918 Euro pro Monat zur Verfügung. Weil in vielen Universitätsstädten die Mieten aber sehr hoch sind, bleibt am Ende des Monats trotzdem oft kein Geld übrig. Da werden Sparen und Vorsorgen zu sehr theoretischen Plänen.

Je früher man beginnt, desto stärker vermehrt sich das Geld

Die Studienzeit gehört in der Regel nun mal nicht zu den finanzstärksten Lebensphasen. Wer sich hier und da ein bisschen einschränkt und vorausschauender kalkuliert, der kann unter Umständen trotzdem jeden Monat eine kleine Summe zurücklegen. Und es ist ja durchaus sinnvoll, sich so früh schon mit dem Thema Altersvorsorge zu befassen, sagen Finanzexperten. Denn: Je früher man beginnt, Geld für das Alter anzulegen, desto stärker vermehrt es sich bis zur Rente. Das Vorsorgekonzept muss allerdings durchdacht sein. Es nützt nichts, Geld in einen Sparplan oder eine Versicherung einzuzahlen, wenn das Girokonto dafür am Monatsende im Minus ist und man hohe Dispozinsen zahlen muss.

Studenten sollten zunächst existentielle Risiken absichern, rät Bianca Boss vom Bund der Versicherten, kurz: BdV. „Sie müssen also eine Krankenversicherung und eine private Haftpflichtversicherung haben“, sagt sie. Auch eine Berufsunfähigkeitspolice (BU) ist nach Einschätzung der Expertin sinnvoll. Eine solche Versicherung stockt die gesetzliche Erwerbsminderungsrente auf, wenn man seinen Job nicht mehr ausüben kann, etwa wegen einer schweren Krankheit. Je jünger und gesünder man eine BU abschließt, desto günstiger sind die Konditionen. „Wenn nach Absicherung der größten Risiken noch Geld übrig ist, kann man sich der Altersvorsorge widmen“, sagt Bianca Boss.

Viele Menschen – auch Studenten – denken beim Thema Altersvorsorge zuerst an eine Lebensversicherung. Diese gehört zu den beliebtesten Vorsorgeinstrumenten der Deutschen. Ende vergangenen Jahres lagen rund 85 Millionen Lebensversicherungsverträge in den Schubladen deutscher Haushalte, zeigen Zahlen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Die Produkte leiden allerdings unter den niedrigen Zinsen und werfen immer weniger Rendite ab. Darüber hinaus seien sie reichlich unflexibel und somit für Studenten eher ungeeignet, kritisiert Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Im Studium kann man noch nicht gut vorausschauend planen“, sagt er.

Tagesgeldkonten bringen viel zu wenig Zinsen

Die wenigsten Studenten wissen, wie rasch sie nach dem Studium eine Stelle finden und wie hoch ihr Gehalt dort ausfallen wird. Auch nach dem Berufseinstieg gibt es viele finanzielle Variablen: die erste größere Wohnung, das erste Sofa, das nicht vom Sperrmüll oder aus dem elterlichen Keller kommt, der erste teure Urlaub, der Lust macht auf mehr – und irgendwann vielleicht das erste Kind. „Dann kann man plötzlich nicht mehr 300 Euro pro Monat für eine Lebensversicherung zur Seite legen“, sagt Niels Nauhauser. Zwar können Versicherte die Beiträge zu den Policen anpassen oder ihren Vertrag auf Eis legen. Das ist aber in der Regel mit finanziellen Nachteilen verbunden.

Deutlich flexibler ist man mit einem Tagesgeldkonto. Man kann dort so viel Geld einzahlen, wie man möchte, und auch mal eine Pause machen, wenn der Geldbeutel leer ist. Wie bei einem Girokonto ist das Ersparte jederzeit verfügbar, man kann nur keine Überweisungen tätigen oder Geld am Automaten abheben. Tagesgeldkonten bieten zwar etwas höhere Zinsen als Girokonten. Wegen der niedrigen Leitzinsen lohnen sie sich aber trotzdem kaum noch. Im Jahr 2008 bekamen Tagesgeld-Kunden für einen Anlagebetrag von 5000 Euro im Schnitt 4,5 Prozent Zinsen. Zuletzt waren es gerade einmal 0,4 Prozent.

Nach Abzug der Inflation machen Sparer also mit Tagesgeld Verluste. Wer auf ein konkretes Ziel hin spart, etwa auf ein Auto oder einen Umzug, der kann Geld auf einem Tagesgeldkonto immerhin parken. Zur Altersvorsorge eignet sich diese Spar-Variante aber nicht.

ETFs als Alternative

Eine Alternative zur unflexiblen Lebensversicherung und zum mies verzinsten Tagesgeld sind Sparpläne. Dabei legt man regelmäßig Geld zur Seite, das in Investmentfonds oder börsengehandelte Indexfonds (Exchange-Traded Funds, sogenannte ETFs) investiert wird. ETFs bilden einen Börsenindex nach und haben deshalb niedrigere Gebühren als aktiv verwaltete Fonds, bei denen ein Fondsmanager die Anlageentscheidungen trifft. Sparpläne gibt es bei den meisten Banken ab einer Sparrate von 50 Euro pro Monat, bei einzelnen Instituten auch für weniger. Wenn man sich die monatliche Rate einmal nicht leisten kann oder umgekehrt zwischenzeitlich mehr Geld in den Sparplan stecken will als sonst, lässt sich das ohne Probleme machen.

Für Studenten bietet sich ein Sparplan auf Basis eines Aktienfonds oder Aktien-ETFs an. Aktien bringen nämlich auf lange Sicht höhere Renditen als Anleihen – und Studenten haben in der Regel noch viel Zeit bis zum Ruhestand, so dass sie zwischenzeitliche Schwankungen an den Börsen einfach aussitzen können.

Ob und wie Studenten fürs Alter vorsorgen, hängt von ihrer finanziellen Situation, ihrer Risikobereitschaft und auch von ihren persönlichen Vorlieben ab. Eines sollten sie allerdings auf keinen Fall tun: Vorsorgeprodukte kaufen, ohne sich zuvor gründlich darüber informiert zu haben. Das Risiko, auf dem Campus teure und unpassende Finanzprodukte aufgeschwatzt zu bekommen, ist relativ hoch.

Verbraucherschützer warnen vor Strukturvertrieben

Denn viele Finanzvertriebe spekulieren darauf, dass Akademiker im Berufsleben gut verdienen werden, und wollen sie deshalb früh als Kunden gewinnen. Ihr Vertrieb ist provisionsgetrieben, die Vermittler bekommen also nur dann Geld, wenn sie etwas verkaufen. Was das Beste für den Kunden ist, steht dabei nicht immer im Vordergrund. Verbraucherschützer warnen deshalb vor solchen Strukturvertrieben. „Ich rate Studenten, den Kontakt zu diesen Verkäufergruppen zu meiden“, sagt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Sie beraten nicht, sondern verkaufen – und zwar jene Produkte, an denen die Vermittler am meisten verdienen.“ Wer sich für eine Altersvorsorge interessiert, sollte sich unbedingt unabhängig beraten lassen, sagt auch BdV-Expertin Bianca Boss. „Das geht zum Beispiel bei Verbraucherzentralen oder unabhängigen Versicherungsmaklern.“

Früher oder später denkt fast jeder Student über das Thema Altersvorsorge nach. Spätestens dann nämlich, wenn sich das Studium dem Ende nähert und der erste Vollzeitjob ansteht. Auch die Ethnologin Hannah Kemper will das Thema nicht ewig ausblenden. Sobald sie einen festen Job habe, wolle sie sich nach Vorsorgekonzepten umschauen, sagt sie. „Im Moment möchte ich zwar vor allem mit Freunden einen trinken gehen“, sagt sie. „Aber trotzdem will ich in 30 Jahren natürlich nicht am Hungertuch nagen.“

Quelle: F.A.Z.
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